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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 24
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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Man kann nicht denken, wie Einhart seit der Mutter Tode wieder versunken und achtlos leben konnte. Nichts draußen, als nur die Dinge, die über seiner inneren Augen Helle gingen und sein eigenes Licht gewannen, sah er jetzt. Nichts konnte ihn kümmern, weder Nacht noch Sonne. Nichts konnte ihm klingen, als was er selber aus der Ferne hervorgerufen im eigenen Ersehnen oder Hinausträumen. Er aß wie ein Derwisch das Brot, das man ihm reichte, und trank wie ein dunkler Landstreicher die klare Quelle, die irgendwo am Wege rann.

Das einzige, was Einhart aus den Bergen mit fortnahm, war ein richtiger Tatmut aus neuer Ahnung und ein kleines, sonderliches Buch voll an sich geringer, aber bezeichnender Notizen.

Das Büchel

Gleich im Eingang, vor anderthalb Jahren geschrieben, stand:

»Berge und Sonne! Daß so etwas ragt und so etwas leuchtet! – – – und daß meine Mutter zu kaltem Marmor wurde, zu Erde!??«

Dann stand:

»Die Stille hier unter der Linde, wo die Knospen jetzt golden gesprungen, und die Schattennetze im Grase tändeln, ist unerhört. Wer begreift, daß es andere Würden gibt, als diese ferne, einsame Seligkeit, man selber zu sein, ganz nur man selber zu sein!«

Dann:

»Johanna ist eine Dame mit schwarzem Ausschnitt und seinen Spitzen am vollen Halse und einem Seidenhut mit großer, schwarzer Feder. Als ich neben ihr ging, fielen meine kurzen Hosen zu sehr auf, und ich deuchte mir überhaupt wie von wo anders her. Katharina ist eine Dame mit einem nicht geringeren Hutumfange. Ich werde kaum noch solcher Damen Wege kreuzen. Rosa ist wie eine Lilie sanft. Voll Schwermut in ihrem sammetnen Dunkel. Sie merkt noch, daß etwas verloren ist. Sie denkt viel an Mutter und weint. Ich kann über Tote nicht weinen. Ich gehe jetzt mit den Jüngern Jesu. Aber ernst wie sie nicht! ausgelassen! ausgelassen! Das ist auch lange her, daß sie über Steine wandelten und an Steinen sich stießen. Und ein richtiger Fehler dieser Begleiter des Liebe strahlenden Menschenfreundes war es, daß sie nie lachten. Das machte, daß Christus sich nie recht erholen konnte von seiner Herkulesmission.«

Dann:

»Hatte Jesus nie Augenblicke, wo er lachte! Wie wäre es anders möglich bei einem Menschen von soviel Schau und Wärme. Wenn er sonst nicht lachte, dann heimlich. Jede Würde wird lächerlich, über die nicht der Gewürdigte lachen kann. Nun gar ein Prophet! Oh! Ich müßte mich heimlich halbtot lachen, weil ich doch die Menschen kenne und den ganzen, ewigen Höllenbreugel von Neid und Dünkel und tausend Süchten.«

Dann:

»Wie Christus sich entschloß, auf den Markt in die Großstadt zu ziehen, mußte er sicherlich noch einmal tüchtig lachen erst. Er wußte sehr genau, daß jetzt das Theater begann. Wie er sich Palmen wedeln ließ, wie er großartig unter Jauchzen und Geschrei des Volkes auf einer Eselin in Jerusalems Tore einritt, da war das Theater fertig. Noch heute reiten die Kunstreiter auf Pferden mit ihren großen Trommeln auf die Straßen und Märkte und locken das Volk zusammen. Da mußte dieser ganz Innerliche, der sein Herz vom Himmelreich der Güte und Menschenliebe übervoll auf den Markt unter den Pöbel trug, heimlich blutig lachen.«

Dann:

Sommer. Heumahd.

»Heute kommt Ella und blickt mich lange an, unten hinter dem Heuschober in der Sonne, umarmt mich, und wirft mich in die weichen Schwaden. Ein kräftiges, schlankes, schmiegsames Ding. Ich habe mit Entzücken ihre weichen Brüste gefühlt und habe sie auch geküßt, weil sie nicht locker ließ. Eigentlich sind ihre Augen wie lustige Blumen, so blau, und so nichts, wie Spaß und Leichtsinn. Sie wird nun denken, das müßte immer so gehen, wenn niemand uns sieht. Eigentlich ist sie doch nur ein dummes, einfältiges Ding!«

Dann:

»Die Bäuerin fragte ich einmal, wie sie sich Christus denke?

›Christus – ach, mein Gott! ein Gottessohn, ich hab wohl Zeit, mir zu denken, wie er war?‹

›Wie er ausgesehen hat,‹ meinte ich.

›Ja, wie er ausgesehen hat?‹ sagte die Bäuerin. ›Wie ein Gottessohn aussieht!‹ Und sie wies mich auf das Bild hin, das an der Wand hing. ›Man hat nicht viel Zeit, über so was zu sinnen. So wird er wohl ausgesehen haben,‹ sagte sie noch einmal, unterdes ich mir das Bild ansah. Es ist ein Holzschnitt: Christus in Gethsemane von Dürer. Man kann da nur sehen, daß er ein Volksmann und in einer Verzweiflung ist. Nebenhin gab die Bäuerin einen Wink, daß man zum Essen riefe, hatte Christus vergessen und sprach mit Ella über das Schweinefutter.«

Dann:

»Der Bauer träumt allerlei fromme Dinge, aber nur die Jungfrau Maria ist seine Göttin. Von Gotte weiß er den Namen, und von Christus die Geschichte von der Hochzeit zu Kana. Da liebt er nämlich sehr zu denken, daß man das viele Wasser, das immerwährend von den Bergen her in seinen Trog perlt und plaudert, einmal könnte in Wein verwandeln. Wenn er so neben dem Steintrog steht und dies Wunder erwägt, möchte er wohl gern, daß einmal zu diesem Zwecke Christus auf seiner Schwelle erschiene. Aber von der Jungfrau träumt er leibhaftig vielerlei klare Bilder und erzählt davon selig versunken.«

Dann:

»Wenn man nicht die Pharisäer immer in kalter Spannung und gehobener Würde fühlte, wäre es nicht ein solches wahres Vergnügen, die Menschlichkeit im natürlichen Leben Christi zu fühlen. Besser noch, als nur immer seine unerschöpfliche Mildigkeit, der Schalksnarr und Verächter wäre einmal aus ihm herausgesprungen, all das Würdengesindel mit der Narrenpritsche auf die Köpfe zu schlagen.

Wird es Christus je gelingen, das Menschenvolk in wahre Menschlichkeit hineinzutreiben?«

Dann:

»Ella ist ein tolles Ding. Ich könnte sie malen, wenn sie nur nicht immer nachts käme. Sie kommt im Hemde auf den Boden geschlichen, und ist schlank wie ein Blumenstengel, wenn sie ihre letzten Hüllen im Mondlicht abwirft. Unsagbar, so ein Licht auf dem frischen Fleisch, und die Silhouette in scharfen Schatten auf der Diele. Sie erwürgt mich halb im Spiel ihrer nackten Glieder. Da ist sie nicht einfältig und auch gar nicht jung, dünkt mich. Da ist sie wie ein heißer Dämon, hart fordernd, ohne ein Wort. Das ist Leib und Leben, die es machen. Ihre Augen blitzen, und ihre Augen schwärmen, und ihre Rufe sind wie Vogelrufe oder wie Raubtierrufe. Man begreift ein Unbegreifliches, was uns alle narrt dann und zusammen zwingt. Ich mußte sie schließlich hinaustreiben. Sonst vergißt sie Bauer und Bäuerin, und daß der alte Bauer sie mit der Peitsche schlüge, wenn er es wüßte.«

Dann:

»Nun merken die Alten, daß ich kein Geld mehr bekomme. Sie schimpfen heimlich. ›Und Du bist nur ein Müßiggänger,‹ schreibt mein Vater.«

Dann:

»Ella findet immer noch den Weg zu mir, auch wenn der Alte hinterdrein ist. Ein paar Skizzen hab ich von ihr doch gemalt. Aber ich hab sie wieder zerrissen.«

Dann:

»Die Alten reden kein Wort weiter, und Ella hastet und wirft Kessel und Wanne, und zankt ewig mit der Mutter. Es ist nicht gut sein mehr. Zumal wirklich nicht Geld kommt. Auch das verfängt nicht, wenn ich versuche, von der Bibel zu reden. Geld müßte ich bringen. Wo soll ich es aber hernehmen?«

Dann:

»Meine Skizzen von Christus am See Genezareth, da lachen die Bauern. Sie sehen gar nicht, daß da See, Menschen und Kinder gemalt sein sollen. Außerdem sind es wirklich nur Versuche. Der Lehrer am Orte sieht mich auch nur verlegen an, wenn er von meinen Leinwänden wegsieht. Und mir ist das nun eine Malerei! Wie kommt es, daß ich mir das einbilde, wenn die anderen es nicht sehen?«

Dann:

»Übrigens ist es wild und lustig, wie Ella nie Ruhe läßt und immer die Nächte in den dünnen Hüllen kommt, sobald die Alten schlafen. Derb und toll wie ein Wirbel! Jetzt erscheint sie mir auch am Tage ganz anders, nun ich sehe, daß die Arbeitshast nur einen Vulkan Sinnenlust verbirgt. Es blühen keine Blumen unter ihren Füßen. Es ist alles hart. Am Tage lacht sie jetzt viel, und wirft mir Blicke, daß ich mich bis zur Nacht trösten soll. Ist das nicht ein tolles Spiel?«

Dann:

»Ab nach Constanza! es muß ein ander Leben gelebt sein! Nicht zum Vergangenen und nicht zu dem stracken Mädchen! Zu mir zurück! Außerdem muß ich Vater zeigen, daß ich kein Müßiggänger bin! Außerdem reiße ich aus. Der Bauer mag sich an Vater wenden, wegen der geringen Schulden um die Notdurft. Also: nun, meine traumlose Schöne, ist das Spiel am Ende! Nun können deine Träume beginnen nach mir! Da kannst du auch einmal eine Träne weinen. Da werden deine Begierden Augen und Ohren gewinnen und ausblicken und aushorchen lernen –: einmal in die ferne Welt. Adieu!«

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