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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 23
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Drittes Buch

1

Oben im Gebirge wehte der Südwind über Felsen und Knieholz nieder ins Tal, und der Himmel war wie eine helle, blaue Glocke, rein in seinem Glanze. In den Talgeländen, die sich bis zum Waldgürtel erstreckten, lagen Kirche und Haus und Hütte in friedsamer Stille, und es schwammen Krähenscharen von der letzten Wiesenfläche oben auf und zogen mit Gekreisch ferner und ferner. Man hatte Grummet eingebracht in mächtigen Hocken. Vater Sender, der alte Bauer, und seine große Tochter, waren beide vielemale Schritt um Schritt gegangen, so breit und hoch war die Last, die sie immer neu auf den Rücken genommen, und der einsame Feldweg bis zum Gehöft an der Lehne lag voll Heu, weil der Windstoß mit unsichtbaren Händen den Tragelasten Büschel entriß und sie hinwarf und umtrieb und verwehte.

Vater Sender war ein gebeugter Mann. Sein Rücken hatte das Leben lang Lasten getragen, Schritt um Schritt, aber ohne zu wanken, auch wenn es Zentnerlasten gewesen. Sein Gesicht war lang und glatt rasiert, daß man nur die großen Furchen sah, die Sorge und Sinnen eingegraben. Sein Grauauge sanft und innerlich, und sein großer Schädel blank, wenn er die vergilbte Mütze einmal in die große Schwielenhand nahm, um sich den Schweiß mit der anderen Hand zu wischen.

Vater Sender war ein Träumer, so in seiner Weise. Als er heute mit seiner großen Tochter zusammen, die Ella hieß, sich am Grashange unter dem Wildrosenbusch sorglich niedergelassen, um seine Brotstücke mühsam hinunterzukauen, während Ellas junger Mund hineinbiß wie eine Schlange, die gleich ganze Bissen einfach glatt hinunterschlingt, hatte ihn bald eine tiefe Müdigkeit ergriffen, daß der alle Blankschädel, mit den weißen Haarfransen unregelmäßig im Nacken, in dem Schattengemuster des Rosenbusches hingestreckt wundersam friedlich lange dagelegen, wie ein Toter, still und ergeben. Und wie er dann von neuem sich erhoben, um mit leichtem Geseufz und sehr für sich, wie immer, mit Ella zusammen zu rechen, und Schritt um Schritt mit seiner markigen Kummergestalt die Gurten für die neuen Hocken auszubreiten, da mußte er es Ella doch erzählen, daß er wieder die liebe, heilige Jungfrau gesehen, leibhaftiger als je im Leben. Des alten Sender Augen waren groß und grau und demütig und schüchtern, wie die eines Knaben, der von der ersten Liebe einen Glanz verbirgt, wenn er davon redete. Diese Träume gehörten zu ihm und beseligten ihn manchmal.

»Gesehen – so wie ich dich sehe – Tochter,« sagte der alte Mann. »Und wie gesehen,« sagte er nach langer Weile sinnend. »Früher habe ich die heilige Jungfrau manchmal mit Augen gesehen. Als ganz alte Frau einmal, alt wie unsere Mutter. Nur ganz und gar nicht geschäftig, wie die, die sich gar nicht Ruhe gönnt. Und das zu Geschäftige ist auch nicht immer das einzige,« fügte er sorglich hinzu, als er wieder nur zugesehen, wie Ella sich mit dem Rücken in den gehäuften Schober warf, bis er ihr selbst die Gurte über die Schultern legte, und sie den Packen zusammenriß.

»Ja – so wird es gut sein,« sagte er dann nur und griff die überhängenden Büschel Heu heraus und warf sie auf die Wiese zurück.

Ella war so verloren in ihre Tätigkeit, während ihr das Bunttüchel um Kinn und Nacken flatterte, daß sie gar nicht weiter fragte, noch sonst sprach. Der Vater konnte erzählen oder innehalten, gleichviel.

»Also die heilige Jungfrau war's heute wieder,« sagte er jetzt mehr für sich. »Aber ganz jung diesmal. Und viel Kinder waren um sie. Man hätte denken mögen, daß es unsere Schulkinder waren, weil sie geradezu Lärm machten. Was mich ordentlich ärgerte,« fügte er lässig hinzu.

Als Ella mit der Heulast längst fern den Hang hinab sich mühte, mußte der Alte aus irgendeinem Grunde über sich oder über das Bild innen lachen. Und er lachte dann noch ein paarmal so einsam in die lose Sommerluft, als er die Wiese höher hinauf die breiten Schwaden, die jetzt gegen den Abend getrocknet waren, zusammenwarf. Er murmelte und murrte, nahm die Mütze ab und sah vor sich hin.

Oben vom Walde her kam Einhart. Er sah dürftig aus wie immer, braungebrannt und dunklen, losen Blickes. Das kurze Jackett abgeschabt. Er wohnte jetzt in den Bergen. Nach der Mutter Tode hatte er nicht lange daheim ausgehalten. Und in die Stadt zurück war Einhart plötzlich ein Ekel gekommen. Der Kummer »Tod« stand in diesen ganzen Zeiten heimlich vor seinem Auge, wie eine schwarze Rätselwolke.

Wer Einhart jetzt sah, und es war schon ein Winter vergangen, den Frau Selle unter Schnee gebettet gelegen, der sah eine seltsame Verwandlung. Aus ihrem Grabe waren längst neue Blumen aufgesprossen, und der Junimond hatte seine hellste Sternenweise licht und weich über ihr Grab geleuchtet.

Wer Einhart jetzt sah, mußte an dem Dunkelstrahl seiner Augen erkennen, daß er die Welt neu und neu inniger ansah, saugender, verzehrender, so wie die Mutter einst. Sein Blick hätte noch traurig gelten können, wenn nicht der Schein Güte darumgeschwebt, wie kindliches, lächelndes Staunen jetzt in diese Heumahd und zu dem alten Grauschädel hinüber.

Der alte Sender kannte Einhart gut. Einhart hatte im Giebel des Senderschen Hauses sein Bett und seine wenigen Malgeräte und sonstigen Bedürftigkeiten. Allerlei Skizzen waren lose an die getünchten Brettwände angezweckt. Beim Lichtspan in der dämpfigen, großen Wohnstube des Häuslers unten hatten sie beieinander gesessen, der alte Bauer ewig mit der Pfeife im Munde und Einhart nicht weniger wie er, in die Dämpfe des Kartoffeltopfes vom Herde her, den die alte, krumme Mutter geschäftig versah, seinen Tabaksqualm hinzublasend.

Nun ließ sich der alte Sender auch nicht ein Jota stören. Nicht ein Mal sah er hinüber aus seiner Hantierung. Bis Einhart zwischen den Schwaden schreitend und die Büschel Heu Fuß um Fuß vor sich werfend, heran war.

Aber auch, wie Einhart jetzt schon am Raine stand, ganz nahe, lachte Vater Sender nur zu ihm hin, und Einhart ließ sich ins Gras nieder und sah lange stumm zu.

Einhart hatte weder Stock noch Malkasten. Ein kleines Bibelbuch hatte er aus der Tasche gezogen, das er ins Gras warf, streckte sich auf den Rücken und hielt das goldne Büchel gen Himmel dann.

Es war wundersam, daß Einhart jetzt immer die Bibel las. Das war seit Frau Selles Tod gekommen. »Ich muß es ergründen,« sprach es damals plötzlich in ihm. So hatte er seither tatsächlich eine wahre Lust und Neugier gewonnen. »Und Weisheit viele,« sagte er immer, »und nicht Ruhe.« Jetzt gingen tausend Bilder der fernen Frühzeit des Hebräervolkes in der Wüste mit ihm. Und die großen Gewaltmenschen auch, die Propheten, die zu dem sicher verderbenden Jahvevolke die Sprache von Vulkanen und Feuerherzen redeten, es zu mahnen. Er hatte eine ganze Ruhmeshalle solcher unerschrockener Menschenmahner in sich aufgerichtet. Es schauerte ihn, wenn er ihre Worte hörte. Und er hörte sie mit dem leibhaftigen Stimmton, den nicht Bücher, den nur Menschen selber haben.

Das war schon den Winter über gewesen, daß er die Propheten las und las.

Jetzt wandelte er die Friedenswege vom sanften, bleichen Jesusmanne und seinen gütigen Wundern, und war nur herangekommen, weil ihm die inneren Gesichte nicht oben bei den Waldwipfeln Ruhe gelassen. Weil ihn das Rauschen erregt. Weil er in dem Frieden am freien Sonnenhange nun besser den blauen, heiligen See vor sich sehen und den in seinen weißen Mantel gehüllten Heiland, von Kindern umringt, erkennen konnte. Er begriff und umfaßte mit Inbrunst, was da stand in ewigen Zeichen: »Selig sind, die geistig arm sind.« Er las auf dem Rücken liegend neu und neu diese lachenden Seligpreisungen.

Der alte Bauer ragte neben ihm ins Licht. Sein Schatten lag lang über die Wiese, von Einhart ungesehen.

»Na, schön guten Abend, Herr Selle!« sagte endlich der Bauer, als er einmal ruhte.

»Gott! Guten Abend, Vater Sender!« ermannte sich Einhart.

»Man muß Sie preisen,« sagte der Alte, mit dem Rechen Heu herzustreichend und hielt dann wieder inne. »Sie raffen Weisheit zusammen, immer und immer, und ich Heu. Aber Menschen und Tiere müssen leben.«

»Wißt Ihr, Vater Sender, was ich eben gelesen?« sagte Einhart lächelnd.

»Woher nur das wissen? Nicht einmal gesehen hab' ich, ob die Wolken gingen und Krähen flogen. Wo soll ich her wissen, was Sie in Ihren Gedanken hatten?«

Da wollte ihm Einhart das Goldbüchel hinhalten. Aber Vater Sender konnte ohne Brille nicht lesen.

»Nein nein, ich werde es Euch lesen,« sagte Einhart gleich und las laut, daß die lauen Abendhuschen Heubüschel und Worte gleichzeitig den Hang hinabtrieben, eindringlich die Seligpreisungen.

Vater Sender sann lange vor sich hin, wiederholte die Wort und begriff sie kaum: »Selig sind, die geistig arm sind, denn sie werden das Himmelreich gewinnen.«

Danach war es lange still zwischen ihnen, daß Einhart neu weiterlas, und der Bauer wieder geschäftig fortrechte und zusammentrug.

Dann kam Ella. Sie war ein blondes, großes Mädchen, lange Dunkelwimpern im hellen Gesicht. Sie hatte den Traum des alten Sender nicht loswerden können, daß ihm neu die heilige Jungfrau erschienen. Sie begann jetzt davon Einhart in heiterem, unheiligem Tone zu erzählen.

So ging der Gottessohn und die junge Gottesmutter mit über die Heuwiese.

Aus dem kleinen goldenen Buche war der Gottessohn herausgekommen, und aus dem Blute des Alten die holdselige Maria.

Daß dann, als der alte Sender mit dem Rechen über der Schulter und Ella noch mit einer vollen Hocke Heu auf dem Rücken, trotzdem hoch aufgerichtet, und Einhart, den Hut in der Hand, ein Zigeuner, so dunkel und so schmächtig noch immer, mit dem fetten Haarsträhn über der Stirn und den langen, dürren Fingern, die das Bibelbuch umspannten, als alle die drei heimschritten im Abendglast und umflogen von Fliegen und Mücken, ein jeder mit schönen Geistern ferner Zeiten in seiner Seele, aus seinen Augen ein Lachen hatte.

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