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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 22
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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12

Im Hause von Herrn Selle ging man auf Zehen. Die Kranke war so erregbar und schmerzempfindlich, daß die leiseste Erschütterung sie aus Wachträumen weckte und jammern machte. Geheimrat Selle sah aus wie Kreide so fahl. Die großen Mädchen waren bleich und überwacht, weil sie halbe Nächte, auch wer nicht an der Reihe war, halbausgezogen aufsaßen, mit den Händen oft stillgestellt beim Knöpfen oder Nesteln, oder in sonstigen, achtlosen Hantierungen, wenn sie dem Stöhnen im Krankenzimmer lauschten.

Rosa ging kindlich zart um, sehr gütig, sehr tätig. Nur Emma war gar nicht still zu machen mit ihren dringlichen Fragen, weil sie immerwährend die Angst fühlte, und bei jedem, der da war, eine Zuflucht oder einen Trost suchte.

Frau Selle war unerwartet erkrankt. Man hatte es zuerst, als die empfindlichen Darmschmerzen kamen, nicht recht beachtet. Bis schlimmere Symptome sichtbar geworden. Dann hatte man als letztes Mittel einen operativen Eingriff noch gewagt.

Einhart war am Nachmittag angekommen. Niemand aus der Familie erschien in der Bahnhofshalle, ihn abzuholen. Obgleich es zum ersten Male war, daß er die Heimat nach Jahren wiedersah. Er lief gleich auf den Bahnhofsplatz, wo einige ihm bekannte, zerschläterte Droschken mit eingedeckten, müden Pferden harrten. Als er sich allenthalben hier wieder umsah, ging es in Einhart hin, wie wenn wahrlich Lieder klängen. Nun kam es wieder, was er vergessen. Er ging ganz heiteren, erhobenen Hauptes. Der Eindruck der alten Heimat, die ihm jetzt neu wirklich schien, daß er wie einen einstigen Einhart um alle Ecken mit Knabentollheiten in der pfiffigen Seele antreiben und heranstieben sah, war so stark, daß er ganz sonst vergaß, daß keine Schwester ihm auf seinem Wege entgegenkam. Und daß keine Menschenseele ihn hier mehr kannte.

Der weiße Schnauzbart des Klassenlehrers leuchtete ihm entgegen, als er um die Ecke bei der Promenade einbog. Einhart, plötzlich erschreckt, hatte seinen Hut ehrerbietig aufgehoben und glitt vom Bürgersteige unversehens herab.

Aber der Klassenlehrer grüßte gleichgültig. Er sah sich nicht weiter um.

Und Einhart trieb, die Augen wie immer, wenn ihn Erstaunliches lockte, ganz weit und unerwecklich aufgemacht, vorwärts, um die Promenaden rund herum, ohne noch einstweilen an zu Hause zu denken.

Kein Wunder. Einhart hatte im Leben nie Krankheit gefühlt. Er hatte höchstens eine dicke Backe bei Rosa oder Mutter drollig angesehen und das vermummende, weiße Batisttuch darüber. Oder so unbestimmt gehört, daß Vater an Gichtschmerzen litte. Nichts wie wirkliche Krankheit war ihm bisher achtsam vorgekommen. Nun gar der Tod! Einmal im Bilde ging er von ferne an ihm vorüber. Er sah jetzt nur die alte, graue Stadtmauer wieder, die alten Bastionen, den gelben Strom, Dom und Kirchen, die er früher nicht einmal bis zum Kapitäl der Torsäulen oder dem Giebelfelde sich angesehen, daß er jetzt erstaunt war, wie schattig und hoch das alles schon damals mußte gewesen sein. Er schritt auch der Brücke entgegen, dort, wo er seinen Tornister manch liebes Mal heimlich geborgen, und an den Lieblingsplätzen seiner jungenhaften verträumten Spiele. Bis zu Geheimrat Selles war er noch gar nicht durchgedrungen.

Aber dann stand Einhart doch in der bekannten, engen Straße davor, vor dem alten, gelben Hause, und hatte plötzlich wie eine Schwäche im Blute rinnen. Als wenn er die Treppen mühsam nur ersteigen könnte. Gar nicht etwa ein Gefühl von Ahnung, daß ihn da etwas Furchtbares anfassen würde. Gar nicht eine Vorbedeutung von erschrecklichen Dingen. Nur als wenn dieses ganze, große, dreistöckige Haus hart durchsetzt wäre von der steifen, strengen Vatergestalt, an der er nun wie gelähmt aufstieg. Denn das war es, daß er jetzt fühlte, dem Herrn Geheimrat Selle bald gegenüberzustehen, und weil er recht eigentlich plötzlich hart empfand, daß er jetzt noch weniger etwas gelten könnte wie je. Nicht vom Gendarm wie ehedem, von einem heimlichen Einsiedler geführt, wurde hier Einer heimgebracht, der erwachsen war. Zur Besinnung und zur Sehnsucht nach sich und seinem Werte war er durchgedrungen. Nicht so zur Wegeerkennung, wie ein anderer, als ein richtiger Traumgänger aus ihm je hervorgehen sollte?

Einhart war mit solchen Empfindungen die zwei Stiegen langsam emporgeklettert und war in einer Erregung, die ihm fast den Atem nahm. Daß er noch immer nicht zu klingeln wagte und lange stand.

Da merkte er, daß an der Tür sich ein Schild befand, worauf Herr Selle mit eigner, großer Handschrift das Klingeln durchaus verbat.

Das machte ihn entschlossen, daß er klopfte.

Johanna kam, versorgt, ganz leise. Katharina auch, die schön und groß geworden. Alle bleich und ganz leise, ihn nebenher küssend, und ihn wie tröstend gleich. Und Emma kam, die völlig verstört aussah und verängstigt. Die ganz vergaß, guten Tag zu sagen. Die ihn gleich flehentlich bat, daß Mutter nicht sterben sollte! Und Rosa zuletzt, sorgend, gütig und schön in ihrer Tatkraft, nur einen Schluchzer plötzlich herausweinend, dann wieder sanft die leise fließenden Tränen nicht achtend, als sie klar zu Einhart redete: »Mutter ist so unendlich schwach,« sagte sie.

»Wärst du doch einen Tag früher gekommen!«

»Ach mein Gott im Himmel!« sagte sie und klagte sie.

»Sie hat sich gesehnt nach dir! Nun wird es zu spät sein! Nun wird es zu spät sein!« begann sie jetzt zu weinen.

Einhart sah das Leid und die grauen Mienen. Aber daß es zu spät wäre? »Was ist zu spät?« sagte er verzehrt, als Herr Selle selber kam, um Einhart stumm die Hand zu reichen. Einhart nahm Vaters Hand und küßte sie inbrünstig. »Vater? Um Gottes willen? Was ist zu spät? Was ist zu spät?« sagte er in Leidenschaft und lief, was er nur konnte, hin, wo die Mutter im Bette lag.

Aber da richtete sich Einhart auf, als wenn er ein Raubtier zum Sprunge wäre, lang machte er sich. Denn es lag da eine weiße Gestalt. Es lag da etwas in den Kissen, was er nicht mehr kannte. Ärzte standen daneben, ganz unbeweglich. Die lebten. Aber die weiße, fremde Gestalt war wie eine Marmorgestalt, steinern. Die Mutter konnte es unmöglich sein? Einhart schlich ganz nahe. Er streckte auch gleich seine Arme nach dem Bette aus. Er bebte bis zu den Füßen. Die Tränen sprangen aus seinen Augen heraus. Während Vater und die vier Schwestern ihn halten wollten. Weil er zum ersten Male im Leben jetzt einen furchtbaren Schrei plötzlich ausstieß, flehend nach der bleichen, entfremdeten Muttergestalt die Arme reckend in zerreißender Sehnsucht – und ebenso plötzlich auch schon in Ohnmacht hingesunken war.

Der Tod hatte im Raume gestanden.

Einhart hatte den Tod noch nicht mit Augen gesehen.

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