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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 20
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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10

Fräulein Reseda hatte ihre Wohnung im vierten Stockwerk, wie Einhart seine Giebelstube. Und Einhart war wirklich zum ersten Male im Leben entzückt, wie es in einer menschlichen Wohnung aussehen konnte.

Einhart kannte jetzt manche Wohnstätte von Menschen. Nicht nur die Behausung, in der Herr Geheimrat Selle nebst Frau und den Töchtern saß. Man lebte darin noch immer so recht ein Leben der Gewohnheit. Und alle Möbelstücke und die Blume auf dem Teppich schienen eine steife Würde für sich zu tragen, so etwa, als wenn jedes für sich sagen wollte, gedungen und ausgenützt stehe ich und diene hier einem gleichmäßigen, eintönigen Leben. Das Sofa mit den großen Lehnen und der Tisch mit dem Silberteller voller Karten mit noblen Namen und Würden, ein jedes vergriffene Stück schien heimlich zu stöhnen und zu raunen, daß es sich wie verschlafen und steif fühle und wie hoffnungslos eingeschlossen, als ein freudeleeres Glied in dieser nichtgeachteten, verschlafenen Runde. Da gab es nur ein eintöniges, heimliches Widereinanderklingen wie in den Seelen. Und der Herr Geheimrat tat der blauen Blume im gelben Spiegelfelde sogar jetzt noch öfter die Ehre an, einmal mit Sammetschuhen geärgert darüberhinzugehen und ringsum weder den Sklaven »Tisch«, noch den willigen Sekretär oder den Diener Schreibtisch groß zu achten.

Das war so Dienervolk.

Das stand da oben in der Wohnung des Geheimrats wie unten im Hause in der Wohnung des Herrn Ipsilon und wo nicht noch alles! Und allenthalben hatte man da an den Wänden auch Bilder und Stiche angebracht, ohne groß zu achten, welche Seelen hier ihr Lied gesungen, oder aus welchem Grunde man da und dort in Ecken und Winkeln Einladungen zum Sitzen in Holz und Kissen hingepflanzt. Das war Dienervolk, Tische und Stühle, Bilder und Schränke, was man aus Herkommen und Notdurft zusammengedungen auf Markt und Gassen, und was man schlecht und recht eine bürgerliche Wohnung nannte.

Dann hatte Einhart auch eine Wohnung gesehen, die ihn seltsam genug dünkte. Als er zum ersten Male bei Professor Soukoup eingetreten. Tische und Stühle darin waren alle aus feinen Hölzern, funkelnagelneu, alles feine Prunkstücke, ein jedes wie ein Muster einer feinen Idee, die sich darin ausprägte, ganz rein und in einfachsten Linien, wie Professor Soukoup ausdrücklich erklärt hatte. Es saß sich wirklich sehr bequem auf den großen Stühlen. Keinerlei fremde Zierate. Die Ornamente der Teppiche mit denen der Gardinen eingestimmt. Wenn das eine Zimmer einen blau empfing, sah man weiter in gelbe Räume. Allenthalben klangen die Farben der Wände mit den großen Dunkelornamenten der Vorhänge und Möbelflächen zusammen. Es war wie ein extraarrangiertes Orchester, das jedem, der hereinkam, sofort ein Lied oder einen Siegesgesang oder ein sanftes Adagio aufspielen konnte, wozu dann der Dirigent viele Male auf den Eintretenden die Augen richtete und zu sagen schien: »Nun, ist das nicht eine feine Musik? wohne ich nicht unter reinen Harmonien?«

Einhart wußte es gar nicht, daß man solche Orchester allenthalben jetzt in reichen Häusern spielen ließ. Daß, wenn der reiche Herr Ysop sich von den Wandflächen und Teppichen und aus Möbel und Gefäß so eine stumme Musik von einem Künstler ersinnen ließ, auch die Möbelstücke und Bowlen und Teller des Herrn Ypsilanti nicht ganz tonlos bleiben durften. Daß man eigentlich jetzt sozusagen in allen vermögenden Häusern denselben Musikanten begegnete.

Aber Fräulein Resedas Wohnung, der begegnete man nirgends. Man kann ohne weiteres sagen, daß Einhart einfach vergaß, daß Fräulein Reseda einen Buckel hatte, sofort, als er eingetreten. Daß Fräulein Reseda einen Kropf hatte, der aus der Mantille heraussah. Er sah nur noch das lange, hagere, feine Gesicht mit der Nase, die ihm nicht mehr lang, nur sehr ausdrucksvoll sanft auf alles zu weisen schien, was die schönen Dunkelaugen sprachen. Gewiß war die Haut von Fräulein Reseda welk. Aber das Gesicht hatte einen Rahmen schwarzer, voller Scheitel unter dem Chenillenetz, und das schlichte, fromme Kleid, das sie trug, erinnerte ihn an ein altes Stammbuchblatt, das Frau Selle einmal früher, als sie in alten Sachen kramte, von der Großmutter gefunden und sogleich zerrissen hatte, weil sie damals gemeint, das wären auch solche Dummheiten gewesen, die man früher betrieben.

Nun, zuallernächst muß von der Wohnung geredet werden. Daß sie im vierten Stock lag, hatte der Seele der Wohnung gar nichts anzuhaben vermocht. Um so wunderbarer kam es jedem vor, der aus dem dunklen Bodenraum hineintrat. Man hätte hier gedacht, nicht einmal niederen Dienern, stumm und devot und unzugehörig, geschweige gut bezahlten Stadtmusikanten zu begegnen, nur etwa müdem, abgenutztem Gesindel, wie es in Einharts Stube dürftig zusammengelesen. Und nun sah man es gleich, daß darin nur wirkliche, stille, liebe, alte Vertraute zusammenstanden, wirklich Vertraute, mit langen, tiefen Schicksalen.

Allein die eine Wand gegen die beiden Fenster war schon rein wie ein Altar der Liebe, so deuchte es Einhart, wie er eintrat. Da stand ein bauchiger Schub mit goldnen Griffen und einer Decke von Mutterhänden mit Blumen durchwirkt, bunte, farbig-helle Sterne, einer anders als alle, und in stillen Stunden, wenn Fräulein Reseda in der Dämmerung noch ohne Licht saß, begannen diese Blumensterne sich zu einem Bilde voll liebenden Lebens zu ergänzen, erwachten auch die Hände mit der dünnen Haut und den blauen Adern – und den großen Nadeln und die Augen voll Bläue und die ganze, liebe, haubenumrahmte Muttergestalt neu. Und Fräulein Reseda konnte allein aus dieser Decke eine ganze, lange Geschichte voll beseligender Erinnerung, wie die Biene aus einer Blume Honig ziehen.

Und auf der bunten Blumendecke stand eine Uhr, das seltsamste Stück, aus schwarzem Holze, mit einem großen Auge von Zifferblatt mitten wie eine Sonne in einem Tempelgiebel, der von Säulen getragen war. Und der Perpendikel schwang dazwischen und pendelte auch noch in einem prismatischen Spiegel, daß er zur rechten und linken Seite immer sich auch noch einmal entgegenkam. Das alles wäre nur fesselnd gewesen. Auch, daß diese Uhr sauber mit Goldblumen besetzt war und überhaupt ebensogut in einem Schloß auf einem marmornen Kamin wie in dieser stillen Heimstätte einer frommen Menschenfreundin hätte ihr Stundenlied pendeln und pinken können. Wenn nicht auch hier noch außerdem eine alte Schicksalsmelodie daneben geklungen.

»Diese Uhr gefällt Ihnen?« hatte Fräulein Reseda gleich, auf den erstaunten Einhart blickend, gesagt. »Ja, das ist nämlich ein kleines Wunder. Soll ich Ihnen die Geschichte erzählen?«

»Erzählen Sie gleich,« hatte Einhart nur neugierig erwidert.

»Mein guter Vater hätte alles in der Welt, nur dieses Stück nicht hergegeben,« sagte da Fräulein Reseda. »Was daran wahr ist, weiß ich nicht. Dergleichen Sagen gibt es ja wohl manche in alten Familien. Sie sind nur ein Phantasiespiel der Liebe um unser Herkommen, um unsere Vergangenheit sozusagen,« erklärte sie. »Aber es ging die Sage, daß ein Elf meiner Urmutter, die eine alte Adelsherrin auf einem Herrschaftssitz war, diese Uhr, eine Kette und einen Becher zutrug.« Und nun hatte sie ausführlich alles erzählen müssen, was Einhart unsäglich berückend schien, und ohne Farbentafel ein eitel vorüberwehendes, beglückendes Traumbild.

»Erzählen Sie mir alles,« hatte er sie mit verzehrtem Blicke angesehen mit seinen Glutaugen und mit einem Lächeln tiefster Erregung, gar nicht einfältig, obwohl in ganz innigversunkener Hingabe, wie sie ihm in dieser ganzen Akademiezeit nie aus Seele und Auge aufgeblitzt. Denn hier auf einmal begannen sich Sehnsuchten zu stillen. Hier duftete etwas gar nicht nur wie Reseda. Hier schien wirklich von lange her ein einsames Glücksland.

»Also einen Becher und diese Uhr und eine Kette brachte der Elf?« Einhart war ganz im Wunder.

»Meine Urgroßmutter hatte nämlich gerade einen Knaben geboren und lag im schweren Himmelbett im Schlosse in den Wochen,« erzählte Fräulein Reseda. »Innig verpflegt, brachte sie ihre Zeit in Halbträumen zu. Und manchmal, wenn sie die Augen auftat, schien in dem Dämmerraum eine kleine, feine Flamme von einem Öllämpchen her, das auf einem Ecktische stand.

Und in einer Nacht hatte sie eine Erscheinung. Ein kleiner, bärtiger, wetterfester Kerl, der kaum zum Bett aufragte, steht gegen den Schein. Zuerst hatte sie ihn für einen Kleiderzipfel gehalten, der vom Bettstuhl ragte. Dann erkennt sie ihn, weil er ganz dienstwillig sein Zipfelhütchen lupfte und sie flüsternd anspricht: ›Du birgst ein Kind hier im Schutz. Und das ist gut. Aber mein Weib hat auch ein Kindlein geboren und sie kann es nicht schützen vor deinem Öle,‹ sagte der kleine Mann ganz voll Kummer. ›Hätten wir hier nicht rasten gemußt, weil zu gleicher Zeit wie deine auch meines Weibes Stunde kam, wir wären nicht hier. Oh, Herrin, sieh nur hin! Deine Öllampe sickert Tropfen um Tropfen durch die Tischspalte, und die Tropfen fallen gerade auf mein Weib und Kind. Gebiete doch, daß man die Lampe auf einen anderen Platz stelle.‹

Am Morgen dachte meine Urmutter hin und her über den Traum. – Aber der Traum wiederholte sich die folgenden Nächte. Und endlich nach dem dritten Male befahl die bleiche Wöchnerin, die Öllampe auf einen anderen Platz zu tragen.«

»Und was geschah?« fragte Einhart eifrig, dem der feine Mund im graubleichen Gesicht offen blieb, daß man seine gelben Zähne sah.

»Ja, nun raten Sie einmal!« sagte Fräulein Reseda drollig gewichtig.

»Um aller Welt Wunder willen, wer kann solche Entzückungen aus der Luft greifen?« gab Einhart ganz ernst zurück und schwieg.

Da lud ihn Fräulein Reseda vor einen gläsernen Schrank, der von vier Mohren gehalten dastand, und öffnete lange nicht, weil sie selber ins Träumen geraten, nur lächelte. So daß nun beide von dem kleinen Öllämpchen träumten, und wie Tropfen um Tropfen auf das winzige Elfenbett niederfiel als wie der Schlag der Stunde.

»Oh, die Sache löste sich wunderbar,« rief dann Fräulein Reseda. »Denn in der vierten Nacht erschien das Männlein wieder und sagte, indem er einige schwere Dinge heranschleppte: ›Ihr habt mein Prinzeßlein gerettet. Mein Weib ist schwach und bleich noch wie Ihr, aber sie sieht mit leisem Lachen auf das Kind. Die Tropfen fallen nicht mehr, sie zu bekümmern. Habt Dank und nehmt, was ich Euch bringe! Solange Euch die Uhr schlägt, wird Euer Haus eine glückliche Wohnstätte sein! Solange Ihr aus dem Becher trinkt, werdet Ihr süße Träume haben! Solange die Kette am Halse der Schloßfrau blinkt, werdet Ihr in Menschenliebe wandeln!‹«

Fräulein Reseda öffnete jetzt und zeigte Einhart alles, den Becher aus einem Stück Bergkristall, die feine Kette aus grünen Steinen, die sie gleich unter ihrem Halskräuschen hervorzog. »Man muß seine wahren Güter heimlich tragen, weil sie mehr wert sein müssen, als nur zu prunken,« sagte sie neckisch, als sie sie vom Halse abzog und ihm hinhielt.

Nun, weiß Gott, Einhart war das alles, daß ihm die Augen weiter wurden.

Die Geschichte hatte Fräulein Reseda nur so anspruchslos hinerzählt. So kam und ging es aber an allen Enden, vor Bildern seltsamer Ahnfrauen und vor Tischen und Schüben. Aus jeder Ecke ragte eine Geschichte, eine Fülle von Ereignissen, wovon in dem Glasschrank voller kleiner Spielgeschmeide schon allein an die Tausende saßen. Nicht etwa aufbewahrt, damit es andere hören oder sehen sollten. Ganz und gar nur zur Liebe für die Eine, wie überhaupt die ganze, feine, duftige Wohnstätte des einen, einsamen Fräulein Reseda.

Sogar an den Fenstern besah Einhart lange Zeit versunken weiße, schattende Lichtbilder aus einer alten Zeit, wie Schäferspiele holde Dinge. Und Einhart achtete gar nicht, daß er vor dem Nähtisch des Fräulein Reseda versunken saß, vor den drolligen Gesichtern der elfenbeinernen Stopfkugeln im bunten Nähkorbe und den Nußknackern, die Nadelhalter darstellten. Alles hier atmete und hauchte feinen Sinn und liebes Leben. Er wußte gar nicht, daß er tatsächlich neugierig wie ein Dieb herumschlich und dann ohne Erlaubnis den Nähschub aufgetan, um tausenderlei Ringwerk, feine, bunte Kinderkettchen auch, lustiges Schnitzwerk und metallnes Knöpfelzeug, und dem Auge insgesamt so recht lüsterne Dinge auszukramen.

Alles das gehörte zu Fräulein Resedas ganzem Leben. Und es deuchte ihm, daß er jetzt Fräulein Reseda gut kannte. Und es deuchte ihm auch, als ob er schon einmal im Traume auch vor diesem Nähtisch gesessen, mit den bunten Blinkeflittern gespielt, die Lichtbilder gegen die abendgeröteten Fenster in Vision gesehen, den ganzen, vielgestaltigen, winzigen Nippkram des Glasschrankes angestaunt, den feinen, spitzen, fremden, kühlen Ton der Tempeluhr hätte pinken hören, fast wohl gar in einer anderen Welt.

Und wie dann Fräulein Reseda, als Einhart noch immer versunken gesessen in allerlei Traumspielereien, gar ihr ein wenig gläsern klingendes Klavier geöffnet und weich anschlagend fromme Töne voll fremden Wohlklangs hineinschlang in die Stille, war Einhart zum ersten Male ganz und gar in einem neuen Wunder.

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