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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 2
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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Erstes Buch

1

Wenn jetzt einmal die Seelen von Einharts Vater und Mutter rein für sich gegeneinander klangen, was fast nie mehr geschah, war es nur eine monotone Dissonanz. Laut oder heimlich. Einharts Vater war ein gewichtiger Ordnungsmann, schon als er die junge, wohlhabende Zigeunerdirne heiratete. Er war ein peinlich pflichtgetreuer Beamter, der damals schon eine höhere Postverwaltungsstelle in einer kleinen Stadt versehen, ein Mann von strengen, soldatisch gebundenen Formen im Umgang, mit scharfen, schwarzen Augen, die wenig und kurz lachten, so nebenhin nur, die selten aus der Würde kamen – mit einem dunklen, strengen Schnurrbart, der so voll stand, daß die Hand sich nie um ihn kümmerte, die schon damals steif herabhing ohne Geste, wenn sie nicht eifrig und flüchtig mit dem großen Rohrhalter ihre Arbeit tat – oder auch leicht gebieterisch sich streckte, wenn Herr Selle Anordnungen gab, oder etwas verwies.

Wenn jetzt, in den wirklichen Widerwärtigkeiten mit Einhart, Herr Selle erregt im Zimmer hin und her ging, mußte er die Hände auf dem Rücken fest zusammennehmen, so gleichsam sich selbst noch mehr bindend, daß er nicht doch einmal seine Würde ganz vergäße und dreinschlüge unter die phantastische, traumäugige Zigeunerbrut.

So wenigstens deuchte es jetzt dem alten Herrn, wo Einhart ein Jüngling geworden ganz mit den sanften, rabenschwarzen, unerwecklichen Glutaugen der Mutter und mit einer Seele voll regloser Verachtung gegen alle Wünsche und Forderungen, soweit sie von Vaters Seite kamen und ein geordnetes, bürgerliches Fortkommen betrafen, und die einfach wie Meerwasser von einer Öljacke abtroffen, selbst wenn wahre Gewaltwogen der Sittlichkeit den nur halb in dieser Welt des Scheins sich aufhaltenden Sinnierer und Lächler zu erschüttern und auf rechte Wege zu bringen versuchten.

Es war ein Irrtum von Herrn Selle, daß ihm schien, als wenn er schon früher, so gleichsam von Anfang an, Frau Selle mit den strengen Blicken des Vorwurfs angesehen. Wenn es auch Geistesgemeinschaft nie zwischen ihnen gegeben. Dessen hatte Luisa nie bedurft. Flammen waren zusammengeschlagen. So gebunden er auch gewesen, stolz und würdig, die heißen Flammen schmelzen noch immer die Erstarrungen. Flammen waren aus der jungen Dunklen gekommen. Sie hatte noch jetzt Augen von verzehrender Sehnsucht. Wie sie ihn angesehen, der jung und kalt geschienen, hatte sie den Fels schmelzen wollen. Sie war wirklich eine Zigeunerin von Blut. Sie hatte wohl als einzige Tochter im Hause gegolten. In Wahrheit hatte man das Kind an der braunen Brust einer Zigeunermutter, die betteln kam und sich krank hingeschleppt, gesehen, es richtig gekauft und angenommen an Kindesstatt. Natürlich war Luisa dann im Bürgerhause in sanfter Erziehung aufgewachsen. Nur noch im Blicke lag manchmal etwas Demütiges oder auch Wildes, was leicht einsank und sich vergaß, daß das Mädchen dann lange wie erstarrt geschienen. Schön war Luisa nie gewesen, braungelben Gesichtes, ein wenig schmal und leicht welk. Etwas Kochendes, etwas Verzehrendes im Blicke nur. Aber das kam nur von ferne. Als wenn ein weiter Garten stiller Traumblumen läge in Demut und Trauer, und über hohe Gitterstäbe sähe der Haß herein mit spitzen, gelben Blicken. Aber ihre dunklen Augen lachten dann auch gleich, wenn der Haß kam. Daß Herr Selle wenn nicht eine sanfte, doch eine achtlos versöhnte, hinlachende Demütige in beginnenden Uneinigkeiten vor sich gehabt, als die Gluten Luisas kälter geworden, die ersten Kinder an ihrer Brust gesogen, ihr Auge wie einer Raubtiermutter Auge, ihr schlanker, jäher Leib wie einer Tigermutter Leib zum Haßsprunge bereit über der Brut gewacht. Damals hatte Herr Selle nur eins ums andere der dunklen, lieblichen Mädchenkinder in Luisas Fürsorge und zehrender Mutterpflege angesehen, und hatte Frau Selle nur wieder heiß begehrt, eine Jugend die andere, schmachtend und unbesonnen, und durch keine Harmonien anders gebunden, als die Glut des Blutes und der Sinne, und es war in ihm wirklich immer wieder Würde und Pflicht und sonstiges sittliches Meinen in des Begehrens heißer Quelle ertrunken.

Das war lange her.

Einhart war jetzt über die Sechzehn, noch sehr schmächtig und fast wie ein Knabe. Es waren außerdem vier Schwestern im Hause. So kamen sie nach der Reihe: Johanna, Katharina, Einhart, Rosa und Emma. Mutter und Vater kannten sich kaum noch. Leib und Leben stand nun da und hier. Herr Selle sprach jetzt überhaupt nicht. Oder wenn er sprach, sprach er zu niemand recht, nur so mit ernstem Blick in die Luft. Er hatte eine hohe Stellung erklommen. Auch Frau Selle fühlte das. Er war Geheimer Rat. Die schwarzäugigen Töchter sahen an ihm auf und streichelten ihn. Sie versuchten ihm auch in die Augen zu sehen. Wenn es jetzt ein Zerwürfnis gab um Einhart, der wie ein schriller Ton allmählich in dumpfes Brüten klang, dann vermochten die phlegmatischen Zigeunerfräulein, die sie fast alle schon geworden, doch noch wieder schlau die Dissonanzen leise zu verstreichen. Sie stillten der Mutter dann oft plötzlich aufquellende Ratlosigkeit mit leicht gesponnenen Schmeichelgeweben und umstellten den erregten Herrn Geheimrat, der im Schlafrock eifrig auf dem weichen Teppich hinschritt, noch immer mit auf dem Rücken fest verschränkten Händen, und ließen ihn nicht aus ihren Liebesblicken. Dann gab es noch immer eine Heiterkeit schließlich.

In Frau Selle, die jetzt verwelkt aussah, nicht sehr fett, nur gelb und verzehrt, kam dann aus dem Sich-ratlos-wissen, das wie ein Aufkochen im Blick gefunkelt, das leichte, lässige Verachtungslachen, das fast in Demut vor den jungen Augen sich weghob.

Mit den vier Töchtern war Frau Selle heimlich eins. Und der strenge Herr Selle ergab sich Schmeichelwort und Schmeichelblicken der vier dunklen Schönen, die in dem Bruder Einhart ein geliebtes Rätsel sahen, und Rosa, die dritte, das eigentliche Ereignis anstaunte.

Nämlich das war es zumeist: Es war ein strenges Pflichtleben, das Herr Selle führte. Er hatte nur Reglementbücher und Reskripte vor seiner Seele, mußte immerfort nur an solche Dinge denken, die im Grunde für seine Seele nichts bedeuteten, nur für seine Pflicht. Die Inventarien der großen Posten, lange Berechnungen für all die Sendungen, deren Seelen in Kuverts verborgen steckten und ihn nichts angingen. Das erfüllte ihn. Er hatte sogar im Traume oft nur Zahlen in seiner Seele. Seine Seele war wie eine graue Kammer, in der nicht einmal die Dinge selber, nur Merkzeichen und Nummern von den Dingen noch hingen. So lebte er in der großen Mietwohnung mitten in der engen Straße der Residenzstadt ohne Störung und durchaus zufrieden. Da sah er unten die bekannten Menschen gehen, die ihn ehrten und grüßten, die ihn in seiner Würde kannten. Und es fehlte nicht das heimliche Gefühl, daß die Würde mit den Jahren noch zu höheren Titeln und Auszeichnungen anwuchs.

Aber Frau Selle träumte und die Töchter träumten. Wenn die auf der Straße oder gar in den Frühlingsanlagen allein hingingen, sahen sie wie eine Schar huschender Vögel aus, im Begriffe und bereit, die welke, gelbe, in vornehm bürgerliche Hüllen maskierte, fremdartig-jähe Mama mit sich irgendwohin empor und fort zu reißen. Alles war dann stürmisch und laut, verträumt und rücksichtslos. Sie kümmerten sich um niemand. Ihre hastigen Stimmen klangen alle ein wenig heiser. Miteinander allein vor der Mutter war eine jede wie losgebunden. Eine jede hatte für sich etwas Versucherisches im Blick. Wenn Männer kamen, sahen sie nicht scheu. Aber diese Art war mehr nur Mut aus der Höhe, mehr wie ein herausfordernder Widerstreit, der manchen hart traf wie ein Schlag, daß er sie dann verfolgte und fast wie einen Trotz der Liebe empfand. Lose, ungehaltene, schöne, dunkelfarbige Zigeunerdirnen in fließenden Frühlingsroben wie helle Küchlein um die alte Glucke. Die aber freilich dann gesetzt sich reckten und wie vornehme, stolze Fräulein gingen, wenn der Herr Rat Selle es einmal in Würde selbst unternahm, Sonntags mit hinauszuwandern und neben Frau Selle stumm und steif emporgereckt in den Frühling zu ziehen.

Die blühenden Kirschen entzückten auch ihn. Wenigstens bekamen seine Augen einen richtigen Krähenfuß, der die ganze Zeit starr an der Schläfe stand. Und er nahm auch eine Blüte, die die älteste Tochter Johanna ihm sanft und mit Grazie lachend ins Knopfloch gesteckt. Indes Katharina und Rosa und Emma um ihn draußen, wo sie Kuchen und Kaffeeflaschen am Waldsaume ausgepackt, sich wohlig träge dehnten. Während Herr Selle mitten auf einem Plaid aufrecht saß, umbaut von einem Gehege von Blütenästen, die die vier Dirnen im Übermut von Obst- und Weidenbäumen am Damme herabgerissen.

Frau Selle war dann kindlich und weich, trieb sich achtlos allein auf der Wiese nach Blumen herum, kam mit Sträußen und streichelte jetzt auch einmal Herrn Selles straffe Wange, die sich mit halbem Blick Mühe gab, wie lachend auszusehen.

Wer die Menschen dann von ferne sah, mochte an glückliche Menschen denken.

Frau Selle, so in Freiheit und unter Blüten, träumte dann hin. Und die schwarzbraunen Töchter träumten und dehnten ihre jungen, schmiegsamen Leiber der Frühlingserde nahe, mit einer Seele voll unbestimmter, heimlicher Glut. Und Herr Selle saß streng aufgerichtet, ließ es sich schmecken und trank den Kaffee, in den sich fast wunderlich ein Beigeschmack mischte, den er monieren gewollt, ehe er heiter merkte, daß es der Blütenduft des Frühlings selber war.

Freilich gab es gewöhnlich zum Schluß dann ein Ärgernis, weil Einhart zuerst zurückgeblieben in der Absicht, etwas von dem Gesehenen in sein Skizzenbuch abzuzeichnen, und weil es sich dann gewöhnlich herausstellte, daß er nicht mehr sich zur Familie herzugefunden. Herr Selle fand das unbegreiflich, machte Frau Selle für derartige Verträumtheiten durchaus verantwortlich, und man zog oft nicht ohne neuerwachten Groll in die zweite Etage des grauen Miethauses ein. Der Vater hatte nun wieder sein altes Mißtrauen. Er meinte in gedämpfter Empörung gar, Frau Selle unterstütze den Trieb. Er gab zu verstehen, daß der Junge mit Absicht den Weg verfehlt, wenn Einhart daheim sich damit zu entschuldigen suchte. Es gab eine richtige Dissonanz aus diesem Frühlingsgange, in die nur mühsam stimmend dann Johanna, Katharina und Emma ihre Blicke und Worte einmischten, Einhart stumm und dumm, die Mutter stumm und ihre Augen demütig und gleichgültig machten, bis Rosa mit leiser Zärtlichkeit zugleich des Herrn Selle Augen fing und seine Wange sanft strich.

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