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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 19
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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9

An der Akademie ging das Leben seinen Gang. Der Frühling hatte neue Werke hervorgebracht. Draußen auf der Wiese die Anemonen und Schneeglöckchen zuerst, und die Wiesenschaumkräuter, die Bäche und Raine säumten, und den goldgelben Schmirgel, der aus blauen Sumpfwassern kroch, und manches, das im Luftkreise Süße hauchte.

Und drinnen, in den Meisterateliers, auch allerlei. Das war alles in den Frühlingssalon gewandert, wo es an der Wand hing, und von dem Ruhm und Können der Meister Zeugnis schuf. Wie neuer Schmirgel und neues Vergißmeinnicht.

»Aber eine Wunderblume ist nicht darunter,« meinte Einhart trocken, als er auf die Stufen vor die große Ausstellung wieder herausgetreten. Einhart sagte nur das. Grottfuß lehnte sich an den Gedanken an und ereiferte sich noch immer, daß die Leute zu sklavisch wären, und daß es nur gelingen könnte, wirklich zu überraschen, wenn man auf eine neuerfundene Weise etwas sagte, und das heißt, stilisierte. Einhart fand all das Gerede lächerlich. Er hatte sein Wort gesagt und sagte nichts weiter. Vor den Kunstwerken in den weiten Ausstellungsräumen hatte er gar nichts geredet. Rein nichts. Grottfuß war es, der sich über tausenderlei aufregte. »Die Malweise ist roh,« hatte Einhart bei einem Bilde gedacht, ins Schauen und Suchen versunken, und war weitergegangen.

Seit er Dorothea in seinem Dachzimmer gehabt und seinen Zigeuner mit der Geige daneben gesehen, den Traum neben dem Leben, war ein Riß in ihm, wie eine Wunde. Wie Einhart, den ganzen, großen Kreis von Bildern hinter sich, mit Grottfuß wieder auf die Straße getreten, war er gleich vorwärtsgegangen, als wenn er allein wäre. Grottfuß, über diesen Hochmut heimlich empört, war auch abgebogen, ohne mehr als seinen Knopfstock mit dem blauen Lasurstein ein wenig von der Schulter gegen Einhart zu neigen.

So waren sie auseinandergegangen.

Einhart war unsäglich ermattet und unzufrieden. Rein in der Idee. Rein nur im Sohinträumen von etwas, das er nicht kannte. Er war wie ein rechter Zigeuner jetzt wieder. Auch recht verwahrlost äußerlich, kann man sagen. Wenn auch seine runde Wirtin, die dick war wie ein Faß, und die immer weinte über allerlei Eigenes und Fremdes, dafür sorgte, daß wenigstens der Rock gebürstet und die niedergetretenen Stiefel geputzt waren. Hände und Gesicht konnte sie doch dem zwanzigjährigen, dunkelsträhnigen Menschen nicht mehr waschen. Die Haut blieb grau und die Nägel schmutzig und alles hing achtlos an ihm, wie die fetten, glänzenden Strähne um seine Stirn.

Einhart lief jetzt allein und sehr aufgewühlt. Er war es zufrieden, Grottfuß, der ewig theoretisierte, los zu sein. Er lief nach Hause, und nachdem er eine Leinwand nach der andern hervorgeholt und genau betrachtet, überkam ihn ein langes Sichvergessen.

Was in ihm hinging, ist nicht leicht zu sagen.

Er hatte ein sehr liebendes Anschauen in allem. Worte und Namen standen nicht zwischen ihm und seiner Welt. Es war gegen ein Uhr gewesen, als er sich so noch im Hut, und den Krückstock in der Linken, auf einen Stuhl am Bette niedergelassen. Nun saß er, die Augen manchmal geschlossen. Was ihm vorüberging, war eine lange, graue Reihe von Menschen und Dingen, wie in einer Stadtstraße. Auch die von daheim – und schwüle Nächte. Ein eigentümlicher Reigen von Gefühlen, darin kein Drang ihn weckte, aufzustehen, und sich zu rühren. Er hatte wie ein hartes Leid auch. Irgendwo mußte es zu finden sein. Er hätte nicht gewußt, wie sich hinbewegen? Eine Angst war es, ein einziger, physischer Druck, daß die Adern an seiner Stirn manchmal heftig pulsten. Auch an die Landstraße hatte er denken müssen, wo er einmal hinausgewandert in der seligen Ahnung nach Wunderdingen.

Seltsame Verschlafenheit fast, in der alles Begehren untergesunken, wie auch Hunger jetzt und Durst.

Er hatte da allerhand gemalt, das er starr ansah: Geigenspieler, nacktes Gesindel mit bronzenen Leibern, sehnsüchtigen Blickes. Aber auch das alles hatte jetzt Klang und Glanz verloren. Daß er es verabscheute, wie die graue Leere. Er fühlte sich ganz hoffnungslos. Er begriff nicht, wie das alles so schnell schal geworden. Er nahm eine Schere und stieß eine Leinwand nach der andern durch und schnitt ein Bild nach dem andern aus dem Rahmen, ohne aus seinem Sinnen aufzuwachen. Alles war glanzlos und sinnlos und nüchtern, dünkte es ihn, wie einen, der plötzlich nicht mehr Musik – nur noch den Lärm daraus im Ohr behält. Er konnte nichts finden, das ihn jetzt hätte halten können. Nicht er selber, noch irgendein Heilbringer. Auch Herr Soukoup nicht, mit seinen großen Kunstforderungen, noch gar Meister Teodor mit seinen Idyllen. Alles war grau in grau, kleinlich-wirklich, nichtig, bekannt, gut und tüchtig und sonst nicht viel, ein rechtes Herkommen der Seele von langeher, immer wieder wie Blumen kommen –: »nur keine Wunderblume darunter!«

In diesem Augenblick trat jemand ein. Die Wahrheit zu sagen, Einhart sah heut durch die Wände. Wie er so geträumt mit offenen Augen, es mußten Stunden vergangen sein, es war gegen vier Uhr jetzt, und er war noch von früh an ungegessen und ungetrunken, hatte er ein Spüren in allen Fasern. So hatte er feine Tritte schleichen hören, und hatte schon am Anklopfen gemerkt, daß hinter der Tür Fräulein Reseda Einlaß begehrte. Es ist ein wahres Wunder, daß sie gerade an seiner Tür pochte, wo er, ein rechter, vogelfreier Zigeuner, vielleicht schon morgen diese ganze Welt voll Herkommen würde verlassen haben, vielleicht schon heute, vielleicht schon im nächsten Augenblick, weil ihn der Drang nach etwas Wunderbarem von neuem angepackt und hingenommen. Aber jetzt stand Fräulein Reseda in aller Sanftheit vor ihm.

Einhart war nicht einmal aufgestanden, so erstaunt war er. Er sah sehr verlassen aus und lächelte. Fräulein Reseda erkannte an seinen Augen, daß er erst allmählich in diese wirkliche Welt sich nach Hause fand. Seine Augen sahen herum, wie einer, der von etwas zuviel Licht geblendet sieht. Fräulein Reseda ging freundlich näher.

»Werden Sie böse sein, wenn ich einmal zu Ihnen eintrete?« sagte sie sehr fein.

Einhart sah, daß es ein vornehmes Fräulein war. Obwohl der Kropf leicht aus der Mantille heraussah, hatte sie eine ganz erwählte, stille Rede, die Hände fein und schmal voll blauen Aderwerkes. Einhart konnte wirklich jetzt nur lächeln. Schon weil auch Fräulein Reseda aus Güte lächelte.

»Oh, oh, was Sie da haben!« sagte sie wie mit flüchtigem Blick in leichtem Vorwurf, auf die bunten Leinwandfetzen am Boden weisend, halb verlegen. Übrigens war, wie Einhart jetzt noch genauer sah, Fräulein Reseda bucklig. Aber ihr Auge war tief und braun, ihr Gesicht blaß und schmal, mit einem behaarten Wärzchen am Unterkinn, und ihre Bewegung in allem fast fromm und verhalten.

»Ich wollte schon immer einmal kommen,« sagte sie, »weil ich dachte, daß ich Ihnen etwas nützen könnte. Sie leben allein und sind gewiß noch jung und unerfahren,« sagte sie.

Einhart war in solchem Falle recht wie ein Mann, der gar keine Acht hat, auf keine Forderung und Höflichkeit. Nur ganz voll Zutrauen. »Ach Gott –« sagte er, »allein – ja – allein – lebe ich – oder auch nicht allein. Wie man es nimmt. In Gesellschaft genug! Ich komme eben aus dem Ausstellungstrubel, da war die ganze Stadt –« sagte er.

»Wissen Sie, weswegen ich komme?« fragte Fräulein Reseda. »Aber erst erlauben Sie mir zu sitzen,« sagte sie gleich darnach, »ich habe immerfort Wäsche gelegt. Sehen Sie! Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie mich nicht auch einmal besuchen wollen? Sie leben so sehr unregelmäßig und gewiß nicht immer in der besten Gesellschaft!«

Einhart fand diese Rede wunderlich. »In der besten Gesellschaft?« wiederholte er und ging zum ersten Male auf und ab, als wenn nun jemand gekommen wäre, der ihn zur Rede stellen und mit Mahnungen versehen wollte. Er mußte an die Nacht mit Dorothea zurückdenken. »Nein, Sie haben durchaus recht,« sagte Einhart dann zustimmend. »Begreifen Sie doch: man weiß eigentlich überhaupt nicht recht. Die Eltern schicken einen an so eine Akademie und sagen nur: ›Tue Gutes!‹ Nun müht man sich. Und greift ins Unbestimmte. Ich habe Sie doch nie gestört mit meinem Wohnen hier? Oder doch? Wollen Sie mir etwa deshalb die Leviten lesen?« – sagte er verlegen lächelnd.

»I Gott! lieber Herr Selle! Ich werde – – – nein, nein – – – Glauben Sie doch das nicht! Nichts dergleichen. Nur ganz allgemein: nämlich – ich wollte Ihnen immer sagen: ich glaube, die Künste hat der Teufel erfunden,« stieß Fräulein Reseda dann hervor. »Das ist nichts Gutes! Da wird alles veräußerlicht. Und äußere Maße sind nicht immer die inneren! O Gott!«

Beide waren eine Weile verlegen lächelnd still für sich.

»Und nicht nur das,« sagte Fräulein Reseda hastig weiter, als Einhart dann lebendiger sie anzusehen angefangen. »Die jungen Künstler leben ein gottloses Leben. Sie taumeln herum, wie die Schmetterlinge auf allen Blumen, wo sie etwas Süßes finden. Und haben nicht Halt.« Und ehe sich Einhart besann, brachte sie vor, daß sie manchmal bei sich junge Leute hätte, Leute in Einharts Alter, gute, strebsame, fromme Jünglinge. Und wenn er sie besuchen und so manchmal auch bei ihr ein Mahl mit denen einnehmen wollte, möchte er kommen. »Nicht um meinetwillen komme ich,« sagte Fräulein Reseda am Ende ausdrücklich. »Ich dachte mir, daß ein Leben gewonnen wäre, wenn der Geist der Jünglinge nur rechtzeitig auf die wahren Güter und Halte gerichtet würde.«

Fräulein Reseda sprach sanfte Ideen, daß Einhart sein Lächeln gar nicht wieder los wurde. Als er sein Hin- und Herwandeln einstellte, worin er jetzt ganz dem alten Herrn Selle glich, war er froh, daß eine Stimme aus einer ganz anderen Welt plötzlich zu rufen angefangen.

»Gewiß werde ich kommen. Warum denn nicht?« sagte er bestimmt. »Einmal schon, weil ein Künstler allerlei Menschen kennenlernen muß, und sich aus tausend Zügen etwas erlesen. Und dann, weil Sie mich gewiß nicht einladen, um mich drüben zu vergiften,« sagte er drollig, »weil ich Ihnen nicht mißtraue.« Fräulein Reseda lachte hell auf. Ihr Lachen war ein feiner, gefälliger Klang. Einhart mußte dabei unwillkürlich an etwas Schönes und Freies denken. Aus dem Lachen kam ein Hauch voller Hoffnung wie aus einer fernen Jugend.

Wie dann Fräulein Reseda hinaus war, war Einhart noch immer erregt, wie wenn er etwas erlebt hätte. »Eine Wunderblume ist nicht darunter,« hatte er auf den Stufen vor der Ausstellung gesagt, als er am Morgen mit Grottfuß heraustrat. »Ob denn hier im heimlichen Bodengelaß etwas Wunderbares blüht?« dachte er jetzt. Er hatte alle Dränge vergessen, hinauszuwandern, seine Mattigkeit und sein Widerstreben gegen sich selber, seine Begierde, die Gegenwart hinter sich zu lassen. Fräulein Reseda hatte gleichsam, wie eine Schale noch in lauter Hüllen, ihr seltsam gütiges Leben vor ihn getragen. Einhart begann neu erfaßt, aufzulachen. »Man muß solcher Menschenliebe mit Kropf und Buckel nachspüren,« sagte er vor sich hin.

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