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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 18
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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8

In einer kleinen Wohnung unter Dach, Einhart gegenüber wohnte ein altes Fräulein mit einem Kropf vorn am Halse, der welk und runzelig ein wenig aus der schwarzseidenen Mantille heraussah. Einhart mußte oft an dem Fräulein vorbei, wenn er aus seinem Stübel trat, um die Treppen hinabzusteigen, und machte sich dabei jedesmal eigene Gedanken. Er wohnte in seiner Dachwohnung jetzt schon fast zwei Jahre. Und es war an die hundertmal gewesen, daß er aus dem bleichen, langnasigen, großzügigen Parzengesicht der hutzeligen Dame eine sonderliche Frage halb achtlos mit fortgenommen.

»Fräulein Reseda« hatte sie Einhart für sich genannt, weil sie stets einen ganz feinen Geruch von Blumen um sich ausbreitete, und aus dem Geruch ihm Bilder von einem altertümlich eingefriedeten Garten hinter hohem Heckenzaune, darin große Herbstblumen mit verlockenden, welken Aromen im Abendschein blühten, aufgestiegen. Das kam Einhart und entschwand kaum geachtet, jedesmal dann, sobald er im Gewühle der Menschen seinen Weg in die Bierstube genommen, wo Dorothea bediente.

Wie der Frühling kam, lebte Einhart ein sehr zerfahrenes Leben, blieb die Nächte außer Hause und kam gewöhnlich erst heim, wenn durch sein Dachfenster die blaue Stunde schien. Weder Hunger noch Durst achtete er recht. Die alte Wirtin, wenn sie sah, daß der hagere, zigeunerische Mensch den ganzen Tag, schlafend oder arbeitend, so zwischendurch ein jedes, daheim zubrachte, begriff durchaus nicht, wovon solcher Sonderling lebte. Die Dachwohnungsnachbarn erfuhren das heimlich. So wie es auch nicht verborgen geblieben, daß in Einharts Zimmer Skizzen und Bilder von nackten Frauen reichlich herumlagen und standen.

Da fand Einhart von einer Zeit an in seinem Zimmer zunächst stets, wenn er im Morgengrauen heimkehrte, eßbare Dinge. Einen Topf Milch und ein paar Semmeln. Oder Früchte mit einigen Kuchenstücken. Auch einmal eine ganze Wurst und ein neues Brot. Wenn Einhart, vernagt und besinnungslos, von seinen Nachtsitzungen heimkam, dachte er mit keinem Wort an jemand, der so etwas ihm könnte bereitet haben. Er aß und trank, dankte ins Ungewisse, schlief und begann den Tag spät, wenn die Sonne schon im hellsten Mittag schwamm, sich mit seinen Visionen neu abzuplagen.

Freund Grottfuß war der Sohn einer einsam lebenden, alten Tänzerin, und eine ganz seltsame, feine, helle Person. Sein sehr scharfes, schmales Gesicht hatte immer einen sanften Ernst. Im Lachen konnte das Gesicht altmodisch steif aussehen, weil die Gesichtshaut um die Mundwinkel und Nasenflügel sich dabei zu spannen schien, und kaum eine rechte Verziehung zustande kam. Etwas Verhaltenes nur, daß man an ihm in solchen Momenten fühlte, wie spitz die Seelenbewegung ihn durchfuhr. Wozu man die Augen sehen mußte, die blau waren, und dann groß glänzten, obwohl nur die Fülle Glanz sie so scheinen machte, die Augenlider wie bei allem Lachen sich sanft zusammenschoben.

Wenn Grottfuß, auch verächtlich gestimmt, und meist sehr geärgert, weil Einhart alle seine Leinwanden hinter Bettstatt und Vorhang vergraben, sobald er Grottfuß' Tritte auf der Bodenstiege erhört hatte, bei Einhart saß, kamen sie jetzt gewöhnlich auf Naturnachahmung zu reden.

»Natur,« sagte dann Grottfuß in allerlei Wiederholungen, »ich begreife nicht, wohin solches Nachahmen führen soll? Natur! Jede beliebige Beigabe ist immer noch besser, als die natürliche Langeweile! Man sieht es ja. Sie möchten auch alle die Beigabe! Man regt »Symbole«. Man hüllt ins »Märchenhafte« ein. Oder macht einen »Hinblick auf das Leben«. Aber »Mitleiden«, Herr Jesus! Kunst und so ein Hinweis!« sagte er dann gewichtig: »als ob nicht Kunst immer eine Festfreude aus der großen Seele sein müßte!« sagte er wie ein Könner.

Einhart war dieses Gerede jetzt durchaus zuwider. Und weil es sein innerstes Evangelium war, was der andere rein als Wort und Phrase jeden Augenblick neu vortrug, nannte er Grottfuß ins Blaue hinein einen verrückten Menschen. »Ich würde durchaus zufrieden sein,« sagte dann Einhart lächelnd, »auch nur die Nase eines Menschen so malen zu können, wie sie Seelenhaftes zum Ausdruck bringt.« Er dachte an Dorothea. Er hatte auch Dorotheas Nase genannt und geschildert, wie ihre feinen, pfirsichweichen Nasenflügel bebten und zuckten, und daß man allein aus diesem Leben der Nasenflügel ohne Symbolik und Märchen und Mitleiden sein Wunder sehen und malen könnte.

»Deine ganze Kunsttheorie ist einfach Verliebtheit,« rief dann Grottfuß gewöhnlich, »und du wirst auch deinen anmaßlichen Traum auf der Erde endigen, wie wir alle.« Weil Grottfuß wie Einhart in Dorothea verliebt war.

Auch im Restaurant saßen sie so und stritten sich. Und manchmal schon hatte Grottfuß oder Einhart, wer dann zuerst den Augenblick für gekommen hielt, das Lokal im Hohn oder stummen Widerstreit verlassen. Aber wenn Einhart es gewesen, kam er gewöhnlich nach zwei Minuten wieder. Und in einer Nacht, als er Grottfuß nicht mehr vorfand, war er allein an seinem Tische sitzen geblieben, bis sich das Restaurant völlig leerte. Da hatte er Dorotheas Arm ergriffen, und die beiden waren durch die Nachtstraßen lustig in seine Wohnung geschwenkt.

Seltsam erregtes Ereignis in Einhart zum ersten Male. Leise schließend war er mit Dorothea ins dunkle Haus eingetreten, worein nur der Lichtschein durchs Stirnfenster der Haustür fiel. Einhart war zum ersten Male heimlich gestochen von der Glut. Er konnte vor Erregung nicht reden. Dorothea war stumm und hingebend. Er hatte ein Wachslicht zum Brennen gebracht. Man sah die grauen Stufen, die man hinaufschlich. Und war bald unter seine Leinwanden und zwischen Bettstatt und Sofa und Staffelei eingetreten.

Dorothea hatte sich gleich zurechtgefunden, als Einhart die kleine Lampe entzündete. Liebliche, blonde, flaumige Junge noch immer, saß sie im Scheine auf seinem Sofa, indem sie sich lächelnd umsah, immer Einhart ins Auge sehend, indes sie ihn streichelte, und seinen Kopf herzuzog. Aber sie stand auch wieder auf und besah sich die Skizzen an der Wand, trug die Lampe selber herzu und hielt den Schein auf die Bilder.

»Solche unanständige Sachen machst du, kleiner Verliebter,« sagte sie plötzlich lüstern und pfiffig.

Einhart sah sie an, wie sie herumging, gleichgültig ihr aufgebundenes Goldhaar hinter sich fallen ließ, und dann die Knöpfe des Kleides aufzunesteln versuchte. Er sah jetzt auch, daß Dorothea mit übermüdeten Augen auf die Bilder blinzelte, welk und herzlos.

»O du! Solche tolle Sachen machst du. Also du bist wirklich Maler!« rief sie dazwischen. »Ich habe immer gedacht, du hättest mich beschwindelt,« klang es ziemlich ordinär plötzlich in Einharts Ohren.

Einhart mußte furchtbar lachen.

»Du dachtest wohl, ich wäre ein Bierbrauer oder so,« sagte er, auch aus der Rolle gefallen.

»Laß das Bild stehen!« rief er ein wenig gereizt.

Aber Dorothea gab ihm einen Klaps ins Gesicht, zog sich anderes hervor, indem sie sich ganz achtlos weiter entkleidete und lachte.

»Ist das nur verrückt, mein Junge! wie? so sollte ich aussehen?« sagte sie jetzt frech, indem sie nun dem Zigeunerbild aufs neugierigste naheging. »Erstens einmal habe ich einen ganz anderen Blick, eine ganz reine Haut und dann« – – sie hatte ihre weiße Bluse vollends beiseite geworfen und zeigte ihm ihr weißes, volles Busenfleisch ganz leichthin, hielt die Fülle mit Behagen in ihren kindlichen Händen fest und sagte: »Da sieh! solchen Busen wie meiner – – und der da! – – nicht?!«

Einhart starrte wie ein Ängstlicher auf seine Leinwand, wo eine keusche, zarte, blonde Frau voll zärtlicher Inbrunst zum Geliebten sah, und sein Lachen, als es jetzt neu ausbrach, war noch sinnloser geworden, daß Dorothea empfindlich wurde. »Worüber lachst du denn so frech?« fragte sie.

»Nicht doch!« sagte Einhart, zur Besinnung kommend.

»Ach Schatz!« redete Dorothea schmollend. Aber sie begann sich an ihn anzupressen.

Einhart war die ganze Lage seltsam unangenehm. Er war ziemlich ernst geworden. Er sah sich das Mädchen jetzt nur scharf an. Seine Augen waren unentschlossen und spitz.

»Was soll denn nun werden? mich friert!« sagte Dorothea unzufrieden, weil sie halb nackt dastand.

»Kleinchen!« sagte sie und bettelte ihn, schlug ihre nackten Arme um ihn und wollte ihn zu sich ziehen.

Aber Einhart war völlig erkaltet. Daß er sie jetzt bestimmt zurückhielt. Und dann stand er auf und ging mit sich im Widerstreite hin und her.

»Iß nur!« sagte er ablenkend und schob Dorothea zwei Apfelsinen und den Kuchen über den Tisch hin, die unerwartet wieder dagestanden. Dorothea lachte höhnisch. Dann begann sie zu essen.

Einhart kam sich richtig lächerlich vor. Er begann plötzlich in seinen Taschen alles Geld zusammenzusuchen, was er bei sich trug. Es war ihm unsäglich drückend zumute.

»Du bist ein guter Kerl!« sagte Dorothea fein, als er ihr reichlich Geld hinhielt, das sie sogleich geschäftig in die Tasche ihres Rockes barg, der noch über die Sofakante herunterhing. Dann begann sich Dorothea zögernd anzukleiden.

»Also ein Künstler bist du? Ich könnte dir doch wenigstens einmal Modell stehen – richtig!« sagte sie ernst, ein wenig kleinmütig. »So feine Sachen wie du malst! – – aber ein andermal! – – du! – nicht? – Was hat dich denn verdrossen, Liebchen?« fragte sie zärtlich. »Ich begreife dich gar nicht. Ein Sonderling bist du!« sagte sie ein wenig beleidigt. »Ein richtiger Sonderling bist du!« wiederholte sie dann ein paarmal, als wenn ihr der Einfall sehr gefiele. »Nämlich am Tage, mußt du wissen, bin ich doch immer im Dienst gebunden. Aber nachts muß ich ein bissel verliebt sein!« – – »Ach du, Schatz! – nein!« indem sie sich noch einmal an ihn zu drängen versuchte. »Ein richtiger Sonderling bist du wirklich!«

»Gewiß, Thea!« sagte Einhart. Dann hatte Einhart die junge Blonde mit einem kleinen Lichtstumpf die vier Stiegen stumm hinunterbegleitet und sie in den grauen Morgen hinaus verschwinden sehen.

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