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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 17
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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7

Übrigens war Einhart jetzt merkwürdig abgeschieden von aller Natur und von allem Leben. Es war wie eine Revolution nur aus ihm. Es war, als wenn in dieser Zeit die heiße Glutflüssigkeit seines heimlichen Wesens hervorgebrochen, und die Lavamassen müßten erst einen Krater emporwerfen, und den Glutkreis abgrenzen. Dem Zeitvertreiben der anderen Jünglinge, das sie mit den kleinen Modells und vor allem in den niederen Frauenkneipen fanden, hatte er nur achtlos gegenübergestanden. Die Erinnerung an die kleinen Zigeunermädchen war wohl aufgekommen nicht anders, wie eine flüchtige Neckerei. Die feuchten Münder konnten ihm im Traume aufwachen und verwandelten sich jedesmal in sonderbare Späße. Das war, weil der junge, schöne, geigende Zigeuner und dessen träger Hochmut Einhart vor allem wirklich begeistert hatte. Auch jetzt war ihm noch immer nicht zumute gewesen, als wenn er eine feuchte Lippe begehrte.

Außerdem war, was er an Frauen so um sich hatte, grob und gemein. Die Mädchen in der Konditorei waren frech. Einer sah man gleich das gewohnte Verkehren mit Männern an. Sie ließ alles zu, was der Dreisteste ihr antat, lachte geschäftig und stieß ihn mit halblauten, einvernehmlichen Worten weg. Dann war eine, die eine harte, heisere Stimme hatte. Und der einer der lässigsten Schüler der Akademie immer auf den Fersen saß. Alles das langweilte Einhart. Er sah es mit Unacht. Am meisten zuwider waren ihm die hochgetürmten Frauenzimmer, die ihn auf der Straße ansprachen und ihn fangen wollten mit geilem Geflüster. So saß der zernagte Mensch meist in der Sofaecke der Konditorei, sogar von den bedienenden Mädchen als etwas Besonderes angestaunt, weil er sich um sie nicht kümmerte.

Aber der Zufall wollte es, daß er über einem Bilde brütete, und daß er verwunderliche Vorstellungen gewann. Der junge Zigeuner »seines ersten Ausflugs ins Freie«, wie er jetzt seine Zigeunerepisode nannte, war ihm im Sinn gelegen, und er sah ihn als Geigenspieler in jener Wundernacht voll Rausch. Er sah ihn deutlicher wieder vor sich auf einem Kissen sitzen, wie deren in den Wagen gelegen, den heißen Glutblick inbrünstig sehnend und verzehrend in die Weite. Einhart hatte viele Male eine Frage in sich, wohin das Rabenauge jenes Verächters und Träumers gerichtet wäre? In solcher Stimmung, verdrossen und verächtlich, immer die Sehnsucht des Zigeuners, die ungestillt war, selber im Herzen, und unzufrieden mit den Kameraden, und recht gelangweilt, kam er von Grottfuß geführt in ein kleines Restaurant, wo er noch nie gewesen.

Es war Nachtzeit, gegen elf, im Winter. Man hatte sich von den übrigen Kunstschülern getrennt, weil Einhart die Gespräche und Streite »um die großen Kartoffeln des Königs Nebukadnezar«, wie er sich ausdrückte, unmöglich weiter anhören konnte, und er ohne ein Wort des Abschieds aufgebrochen war.

Grottfuß war gleich auch aufgestanden und hatte wenigstens die Fingerspitzen einigen Kameraden hingehalten, und Selma, die Kellnerin, in den Arm gekniffen zum Abschied. So waren die beiden mit den hochgekrempten Kragen verschneit in das Bierhaus eingetreten.

Es war ein rauchiges Lokal, und nur die einzige Ecke in der Nähe des Büfetts hatte einen freien, kleinen Rundtisch zum Plaudern. Da war Einhart plötzlich ein Gesicht aufgegangen. Der Zigeuner in seinem Innern voll Sehnsucht sah aus ihm heraus. In dem Lokal eilte eine Bedienende geschäftig hin und her – ein engellichtes, goldhaariges Mädchen, jung wie der Frühling und sanft von Mienen und scheu von Art. Sie war zu den beiden sofort herangetreten. Nun brachte sie ihnen die hellen, vollen Gläser.

Einhart war ganz stumm gleich. Grottfuß wollte reden. Aber Einhart sah nur in sein Glas und hundertmal hinüber. Grottfuß wollte das Mädchen rühmen. Auch er war von dem Jugendglanz betroffen, und fand es gemein, ein solches Bild von Reine hier im Rauche.

»Ach was,« sagte Einhart, »vielleicht ist es gut so. Vielleicht ist es eine Bestimmung.« Eigentlich hatte es nicht recht Sinn, was Einhart so redete. Oder es war sein Gefühl nicht klar zum Ausdruck gekommen. Jedenfalls ließ er nicht ab hinzublicken, und die Wege der goldblonden Jungen im Lokal hin und her zu verfolgen.

Er redete an dem Abend gar nichts weiter. Er verriet mit keiner Silbe seine Bewegung. Einem jungen, schnurrbärtigen Herrn, offenbar einem Referendar, der es plump versuchte, dem Mädchen näher zu kommen und sie anzurühren, entwich sie sanft mit klingendem Lachen.

»Draußen und drinnen ist nämlich immer dasselbe,« sagte Einhart einmal unvermittelt. Das war auch so eine Philosophie, wie er sie jetzt gebildet hatte.

»Gott sei Dank, daß da und dort noch immer eine Macht ist,« sagte er wie für sich, als er sah, daß den Männern im Rauch der Bierstube eine Ahnung von Weihe gegen das Kind im Blute saß.

Einhart war einmal plötzlich aufgestanden, und kämpfte lange, ob er gehen oder bleiben sollte? Grottfuß blieb stumm sitzen und rührte sich nicht. Er war auf die Akademie zu sprechen gekommen. Einhart stand und paffte den Rauch seiner Zigarette und strich den Aschenknopf auf den Bierdeckel. Seine Augen hatten etwas Versunkenes, Hartes, Begehrliches. Er hätte in diesem Augenblick denen zu Hause wie ein ganz Fremder geschienen. Er war schon jetzt in den richtigen Kämpfen um ein Leben. Er ging mit Hunger und Durst anzueignen, was aufbaut.

So drängen Keime in der Erde mit Hunger und Durst, sich und ihre Triebe aufzuheben, und die junge Pflanze mit Hunger und Durst, wenn erst der Licht- und Luftkreis erreicht ist, aus Visionen und Atem es zu ersinnen, was zur Blüte, und was zur Frucht führt.

Einhart sog jetzt ein, sozusagen. Grottfuß konnte es ahnen. Er sah an Einhart heimlich auf. In ihm war eine Abhängigkeit von Einhart. In Einhart war keinerlei Abhängigkeit, außer von den Dingen, nach denen er Hunger und Durst empfand.

Aber Einhart blieb dann doch noch wieder sitzen. Er hatte lange gestanden. Nun entschied er sich zu einem neuen Glase. Er klopfte auf den Tisch und redete sanft zu der Blonden, seltsam gespreizt jetzt. »Was trägt so eine Goldhaarige für einen Namen?« sagte er einfältig lächelnd plötzlich zum ersten Male.

»Ach Gott, eine Goldhaarige nennen Sie mich. Nun ja! Und wie ich heiße, wollen Sie wissen? Das können Sie wissen! Dorothea!« sagte sie ganz sanften Tones, ganz rot werdend. Daß Einhart und Grottfuß ein Staunen nicht los wurden, wie flaumig die Haut der Jungen schien, wie mit den sanftesten Farben das Blut in Milchweiße einfuhr, das Gesicht so zart wie Blumenfleisch. Sanft außermaßen klang der Jungen Ton. Einhart gegenüber gar nicht weiter scheu, mehr so lieb hin, wie das Lächeln und die Röte verraten hatte.

Einhart war vollends für sich geworden, als er den Ton im Ohr und das Bild im Auge dasaß. Er sah ganz kindlich aus – – – unerwartet. Grottfuß sah ihn ein paarmal von der Seite an.

»Ja – also na ... Dorothea ... Dorothea ...! also – –,« lächelte Einhart nur vor sich hin.

So saßen sie noch ewig.

Einhart kam nun jeden Abend hier in die Ecke, und hatte noch am dritten Abend nichts weiter mit Dorothea geredet. Nur daheim hatte er versucht, seine Vision auf die Leinwand zu bringen.

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