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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 15
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Es war erstaunlich, wie schnell Einhart jetzt, wo er in Freiheit vor innere Bestimmungen gestellt war, das Jungenhafte und stark Unreife, was er daheim immer besessen, abstreifte und zu großer Selbständigkeit und Sonderlichkeit gleich erwuchs. Ganz und gar mit völliger Beibehaltung seiner unglaublichen Vielgestaltigkeit noch immer, und der seltsam verträumten, finsteren Einfalt seiner Art nach außen.

Denn auch nach den tollen Auftritten in den nächtlichen Gelagen, nach harten Zänken mit Grottfuß, dem einzigen Malschüler, dem Einhart außer sich Genie zutraute, und der dem Meister Teodor und dem Meister Zeichner und noch manchem mit derselben Nichtachtung und stummem Lächeln begegnete wie er, kam Einhart immer nur wieder demütig und narrenhaft dürftig unter die Kameraden und ins Meisteratelier zurück. Geradezu einfältig konnte er noch wieder scheinen, wie vor Mutter und Rosa einst, und so recht wie der Fuchs, den der Bär auf dem Rücken trägt. Deshalb konnten auch die Professoren bei solchem Eindruck gütigen Lächelns seines schwarzblitzenden Funkenauges noch immer nicht begreifen, wie gerade dieser junge, bleichgraue, hagere Mensch eine ewige Revolution unter den Schülern konnte lebendig halten? Aber man empfand schließlich allenthalben große Unzufriedenheit. Es war nicht bloß allmählich an den Tag gekommen, daß Einhart in der Trunkenheit Tollheiten beging. Auch seine Meinungen über die Kunst der ersten und maßgebenden Meister der Zeit kamen in allerlei hochmütigen Wendungen an den Tag und wurden in den Ateliers laut oder heimlich unter den Schülern, viel überstürzter noch, wie er sie geäußert, herumgeredet. Vor allem die quälerischen, verrückten Versuche, nach alten oder ersonnenen Stilweisen seine Bilder hervorzubringen, waren es, die Einhart ewig zum Gegenstande einer prickelnden Spannung unter den Schülern machten. Daß viele seine Art und Sondertümer mit Lachen oder Neid glossierten, und die meisten sie heimlich doch nachahmten. So daß die Lehrer sich nicht genugtun konnten, darüber kritisch und verächtlich zu spotten und davor zu warnen. Nun gar die großen Worte, die Einhart in der Trunkenheit oder sonst hingezürnt, und die alle nur eigentlich Flammen waren, wozu ihm Professor Soukoup die mächtigen Scheite aufgeschichtet, gingen in den Schülern von Mund zu Mund und von Blut zu Blut, und unter den Lehrern gingen sie um zu Trotz und Hohn.

Besonders der Direktor der Anstalt war höchst ungehalten über Einhart. Der Direktor war ein friedlicher, alter Herr, der gar nicht nach Genies sich sehnte. Sanft, wie er aussah, mit einem Christusbarte in Grau, der ehemals blond gewesen, das Auge hell, kannte er alle Dinge bei Namen. Er war mit Tüchtigem, Hausbackenem zufrieden. Er bedurfte nicht der Nebel, noch Visionen. Er zog oft Goethe heran: »Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm!« Er malte Ziegen und Schweine auf Wiesen. Wie man sie so findet. Es ist ein altes Hirtenlied. Man begegnet ihm in jeder Ausstellung wieder und kennt seinen Klang.

Der Direktor, wie gesagt, mußte endlich wider Einhart einschreiten. Er mußte Einhart zitieren. Einhart hatte Schaden angerichtet. Erst hatte er in der Konditorei wüst Geld verschwendet. Dann weiter geliehen. Dann nach Unfug und Geschrei allerhand Geschirr zerschmissen, was er nicht bezahlen gewollt. Der Direktor ließ Einhart also kommen. Aber Einhart war eingeschüchtert und gab ihm gegenüber sogleich alles zu, daß es keinen Auftritt weiter gab. Der Direktor hatte nur an Herrn Selle appellieren brauchen. Da war Einhart sofort gerührt und überwältigt gewesen, hatte an daheim gedacht, sein Gewissen belastet gefühlt und hatte am Monatsbeginn alles sofort klar gemacht.

Aber bald fanden sich allerhand neue, frechere Ausbündereien. Was ihm Meister Teodor schon einmal sehr übelgenommen, war, daß Einhart auch ihn direkt offen zu glossieren gewagt. Nun kam gar, daß er in seiner Malklasse vor allen Schülern plötzlich eine Korrektur sich verbat. Wie es angefangen, ist nicht recht erfindlich. Einhart war in der Klasse sonst immer tief versunken. Er hatte eine Tanzende auf seiner Leinwand. Seltsam dünn gemalt und der fliegende Schleier wie feine, graue Seidenspitzen auf rotem Grunde. Meister Teodor war mit seinem Pinsel rücksichtslos darübergefahren und hatte eine schwere Kontur um die fliegenden Gewebe gemacht, weil er behauptete, man müßte die Sache körperlicher sehen. Einhart mußte in Gedanken sich vergessen haben, daß er plötzlich auffuhr und den Meister Teodor anschrie: »Laß dein Geschmier!«

Die sämtlichen Malschüler waren wie erstarrt. Meister Teodor war blaßgrau geworden. Einhart war an sich schon so. Aber in demselben Moment mußte er erwacht sein. Vielleicht war er doch ein wenig benommen gewesen. Die Gewohnheit, Schnaps zu trinken, benahm manchem Schüler dieser Periode auf Zeiten die Sinne. Wer nichts mehr zu essen und kein Geld mehr hatte, hielt sich mit Schnaps und Rauchen aufrecht. So mochte es gekommen sein, daß auch Einhart nicht ganz bei sich war. Er hatte die Hand des Meister Teodor einfach fortgestoßen. Meister Teodor war der Atem weggewesen. Dann sagte er nur: »Nun, mein Lieber, damit hat Ihr Gang wohl ein Ende hier!« – – Und nach einer Weile: »Man wird dir dein Handwerk legen.« Er duzte ihn plötzlich in seiner Verachtung.

Einhart war gleich im Kampfe mit sich. Es war ihm sehr unangenehm. Der Meister Teodor hatte seinen Malkittel sofort abgelegt und die Stunde geschlossen erklärt. Er begann sich offenbar für den Gang zum Direktor herzurichten. Einhart überlegte noch immer einfältig lächelnd, aber für sich. Auch draußen noch, nachdem er gar nicht adieu gesagt. Er begriff natürlich, daß in Meister Teodor diese Beleidigung unversöhnlich arbeiten müßte. Die Mitschüler waren langsam auseinandergegangen. Grottfuß blieb bei ihm. »Du bringst es noch so weit, daß sie dich wimmeln,« hatte Grottfuß gesagt. Einhart konnte trotz Lächelns sehr bekümmert aussehen. »Was könnte man denn tun?« sagte er zu Grottfuß, der ein blonder, schmaler, ruhiger Mensch war. »Soll ich zu Meister Teodor gehen und ihn bitten?« sagte er.

»Nicht Ahnung! Gehe gleich zu Soukoup.«

Grottfuß' Vorschlag war es, der die Sache noch einmal ins Geleis brachte. Einhart ging zu Professor Soukoup in die Wohnung. Er fand den finsteren, versunkenen Mann vor einigen Blättern sitzen und mit der Lupe das Linienwert feiner Federzeichnungen betrachten.

»Sehen Sie, lieber Selle ... eine wunderbare Kunst!« sagte er ohne viel Umschauen bei Einharte Eintritt. »Kennen Sie Beardsley? Eine völlig eigene Weise! Eine ganz außermaßen innige Linienwelt. Alles so köstlich und so klar scheint's! Und ist doch krank, vom Übel heimlich angefressen jedes Ding und jede Gestalt! Allenthalben Wundheit, heimlich Schwelendes! Nicht? Man kann nicht froh werden trotz der Schönheit, trotz dieser einzigen Kristallisationen. Ja – es ist immer eine Melodie: das heiße Übel der niederen Triebe – – mit den allerfeinsten Sinnen ausgespürt. So etwas gibt es in der Welt. Das liegt irgendwo im Grunde unseres Blutes. Dagegen muß Orpheus immer wieder Euridike aus der Schattenwelt herauslocken ... unsere Unschuld im Blute – unsere Morgenahnungen! Verstehen Sie, Selle?«

Einhart vergaß ganz in Ehrfurcht, was er eigentlich wollte. Er sah nur gespannt und entzückt hin.

Aber dann sah ihn Soukoup fragend an. »Nun, ich freue mich, lieber Selle,« sagte er, unvermittelt auf ihn eingehend, »daß Sie einmal kommen!« Immer noch wieder gemeinsamen Blicks bei den Beardsleys. »Man ärgert sich oft über Sie!«

»Ach verzeihen Sie nur, Herr Professor!«

»Nun, weswegen kommen Sie?«

»Es ist entsetzlich unangenehm.«

»Oh, oh, oh, lieber Selle, Sie sollten auf der Hut sein!«

Und Professor Soukoup sah den dunklen, gelbgrauen, schmächtigen Menschen, der in seiner Hautfarbe und mit dem fettglänzenden Haarsträhn über der Knabenstirn und mit seinen bekümmerten, verzehrten Blicken ihn sehr fesselte, genau an und lächelte ihm zu.

»Nun erzählen Sie mir erst!« sagte er bestimmt.

So erzählte Einhart ganz offen alles.

»Ja, ja, ja, ja,« sann jetzt Professor Soukoup für sich. »Meister Teodor ist Ihr Freund ohnehin nicht! Sehen Sie! Und der Direktor weiß auch schon, daß Sie zu leichtsinnig in den Tag leben. Möchten Sie nicht doch am besten – –? Ih! – gleich jetzt gehen Sie hin! Ich habe dann guten Grund, wenn ich für Sie rede. Hören Sie einmal, lieber Selle! Ich hoffe, Sie nehmen es mit dem Leben in der Kunst so ernst wie mit dem Leichtsinn! Wie? Selle? Mein Lieber? Ich kann mir schon denken,« sagte er dann mit zutraulichem Blick, »daß Sie jetzt noch träumen, andere Himmel zu malen, als Meister Teodors Tafeln sie Ihnen vorführen. Pah, pah, pah! was träumt man nicht alles, wenn man jung ist!« sagte er versunken. »Und ein Schüler, der weiter blicken möchte, der sich auch nur weiter sehnt, wie der Meister, das gibt keine Freundschaft, mein Lieber!«

»Oder denken Sie anders?« fragte er Einhart mit eindringlichem Blick. »Wie, Selle?«

Worauf Einhart doch nur stumm blieb, daß auch Professor Soukoup eine Weile ganz für sich erschien.

»Der rechte Harm ist in der Tat Meister Teodors Sache nicht!« sagte er dann nur in seiner finsteren Art ganz gefangen.

Vor jedem anderen hätte Einhart in diesem Moment zugestimmt. Aber hier vermied er es, weil er fühlte, daß er auch nur stumm zu Boden blicken müßte. Und er ließ sich auch gleich von Professor Soukoup wie ein sanfter, gelehriger Schüler bestimmen, hinzugehen zu beiden, zum Direktor und zu Meister Teodor, und beiden die Erklärung abzugeben, die ihm Professor Soutoup sorglich vorgesprochen.

»Ich will mir alle Mühe geben, meine Kollegen umzustimmen, lieber Selle!« hatte Soukoup am Ende gesagt. »Vielleicht gelingt es noch einmal! Sagen Sie auch nur ja, was Sie so durchaus plausibel erzählten,« legte er Einhart noch besonders in den Mund, »daß Ihnen das Wort gar nicht zum Meister, nur zu einem Kameraden entfahren ist. Sie wären so versunken gewesen! Verstehen Sie mich!«

»Wissen Sie, daß mir das wirklich passierte? Ich habe einmal eine Exzellenz mit Du angeredet bei einer Demonstration im Institut, weil ich, versunken in den Gegenstand, immerfort nur auf den großen Hut der Dame gesehen hatte, und dieser Hut dem Hute meiner Frau auf ein Haar glich. Dieselbe Feder an derselben Stelle, daß ich in die Idee gekommen war, ich hätte meine Frau vor mir,« sagte er freundlich und verschmitzt ein wenig.

Es ging noch einmal alles gut vorüber. Professor Soukoup hatte in der Tat zum Frieden geraten. Der Direktor nahm das verzehrte Gesicht Einharts als Ausdruck der Reue, und das einfältige Lächeln, das durchaus weder vor Meister Teodor, noch vor dem Direktor ohne Erbitterung gewesen war, tat beruhigende Wirkung.

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