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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 14
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Professor Soukoup lehrte an der Akademie Kunstgeschichte. Ein finsterer, abwehrender Mensch, der einen weichen Glanz erst dann in sein großes, ernstes Grauauge bekam, wenn er vor einem Kunstwerke stand und die Reize der einzelnen Gestaltung vor den harrenden Jüngern nachlebte. Dann konnte man ihm anmerken, daß er es ganz ereignismäßig empfand, wie da im Werke der gestaltende Mensch sich aus eigenen, unbekannten Tiefen genuggetan und Feingefühle und Erkennungen der Dinge ans Licht gebracht, die man nur vergeblich noch anders als in der Einheit seiner geistigen Schöpfung selbst greifen kann. Professor Soukoup stand dann mit wahrer Andacht. In solchen Momenten war er eine volle Hingabe. Die junge Kunstschar hörte dann aus Bild oder Stein Sinn und Harmonie heraus. Und niemals, daß nicht Einhart in solcher Stunde innig aufgewühlt die Fülle und Tiefe ermaß, die ihm dann ein wahrer Abgrund Leben schien, aus der allezeit Kunst der Menschenseele entströmte.

Einhart konnte Professor Soukoup nicht ohne Bewegung ansehen. Wenn er ihn auf der Straße zufällig traf, war er in seinen Anblick meist schon von ferne so versunken, daß er eine lange Weile seinen Hut in der Hand hielt, weit ehe der Professor heran war.

Professor Soukoup hatte einmal in seiner Vorlesung dargelegt: »Wir sind zu indisch, zu duldsam, zu versöhnlich. Es gibt für uns nur noch leidende, nicht mehr verschuldete Menschenkinder, womöglich nur noch von der Not um den Pfennig Geplagte. Die sozialen Leiden haben es uns angetan. Das gibt keine ehernen Schicksale. Das gibt keine wahre Tragödie. – Meine jungen Freunde: Wir alle tragen zuerst die Last des Erdenkörpers und die heißen Geschenke seiner Triebe und seiner Freiheit. Wir sind nicht zuerst soziale, sondern kosmische Wesen. Wir alle tragen, verkettet wie wir sind in diese Triebe und in diese Freiheit, unsere Verantwortung vor uns selber, und also nicht nur Leiden, sondern Sünden. Das große Lied der Kunst ist nie den Leiden eines dürftigen Gesellschaftslebens, es ist den ewigen, tiefen Gebresten der Menschenseele, ihrer tragischen Naturveranlagung und Schicksalsverkettung gesungen. Vielleicht nur zu flüchtiger Stillung, vielleicht auch zu einer fernen Verheißung. Ermessen Sie die ganze Kraft der Antike, die in ihrer Mythe Orpheus um Euridike, um die Unschuld der Menschenseele, im Lande der grausen Schatten so süß und verheißend spielen ließ, nicht, daß der sehr allgemeine, vom Gesellschaftsleben zersorgte und geplagte Mensch erheitert oder beruhigt werde, sondern daß der ewig Schicksalsgebundene einen Augenblick wirklich Erlösung spüre von seinen ehernen Zwängen, daß Irions Rad, daran er aus seinen Lüsten heraus angeschmiedet liegt, wirklich einen Augenblick stille stehe, daß Tantalus, von seiner heißen Gier abgelenkt, eine Weile lausche, daß die aus ihren Taten heraus verfluchten belischen Jungfrauen aufhorchen, und die steinernen Schicksalsführerinnen selber aus ihrer ewigen Erstarrung einen Augenblick wirklich erweichen und ihre ersten Tränen vergießen.«

Nun, wenn Einhart solche Verkündigung seiner Mission hörte, konnte er gar nirgends bleiben. Er konnte auch unmöglich danach reden mit jemand. Er hatte solche Dinge nie gehört. Weder daheim, wenn er seine Skizzen gemalt, noch irgendwo sonst hatte er derartige Blöcke gewälzt. Er begriff es auch durchaus nicht voll. Er ahnte es nur. Aber er ahnte es so drängend und so tief, jetzt, wenn er hastig durch die Menge lief, straßauf, straßab, daß ihm das Herz aufschwoll und er nicht wußte, wo er in seiner inneren Erglühung eigentlich gelaufen war.

Einhart sah jetzt wieder ziemlich verwahrlost aus. Er vernachlässigte sich, je stärker ihm die Fülle der Gesichte anwuchs. Er lebte auch in diesen Zeiten ein sehr unregelmäßiges und zerrüttendes Leben. Nach einem Tage bei Professor Soukoup konnte er schon ganz und gar nicht Ruhe finden. Dann saß er bleich und mager und vergraben am späten Nachmittage jetzt in den Wintertagen in der Ecke des Sofas in der kleinen Konditorei, wo sich auch andere Malschüler und Bildhauer um tausend Methoden des Bildens im allgemeinen grob und hart zankten, sah verhärmt und scharf vor sich hin und rauchte und trank, bis der Abend kam und die Nacht.

Er ließ sich auf nichts ein zuerst. Er wies alle Meinungen einfach als Verrücktheiten schroff von sich, empfand nur die Flucht seiner Ahnungen wie ein Meer und stammelte dann in der Betrunkenheit schließlich die tollsten Projekte, malte im Geiste die ganze Unterwelt der modernen Menschenseele in grausigen Schicksalsgestalten hin vor die Augen seiner staunenden Kameraden, höhnte über Professor Teodor, der lieber ein modernes Cafe oder einen Prunksaal niedriger Schwelger ausmale, als wirkliche, große, stillende, ewig junge Künste erhärme. »Dieses großen Meisters Seele ist mit billigen Nacktheiten vollgehangen,« stieß er dann hart und hohnlachend hervor. »Und der andere große Mann lädt die Krüppel und Lahmen herein,« schrie er, »weil zu der Hochzeit die Erlesenen sich nicht finden wollen. Jämmerlinge, denen besser mit Gelde aufgeholfen als mit einem Leben auf der Leinwand!« »Aber Schicksale – Mächte!« – – schrie er dann, »die ewigen Mächte in uns und in unserem Menschengeschäft!« – – »Ihr Schuster und Schneider!« stammelte er erregt unter die Kameraden. »Ein Genie blickt nicht aus euern Augen heraus, ihr Handwerker und Sklaven, die ihr nur an der Erde hinkriecht wie Kröten, anstatt euch hochzuheben und eure Schönheit zu gebieten!« – – »Solche Schöpse!« lächelte er dann vor sich hin, wenn er in die Sofaecke zurückgefallen und hastig ein Glas nach dem anderen hinuntergetrunken. »Statt Genies Schöpse!« schrie er neu. Daß es ein furchtbares Gezänk gab am Ende und ein niedriges Durcheinander. Daß der Kellner kam und um Ruhe bat. Und daß Einhart wie eine Katze plötzlich dem Kellner an den Hals sprang und ihn würgte. »So ein Hausknecht will Heilbringer belehren!« schrie Einhart dann rasend. »Wir bringen euch das Heil, ihr armes Erdengesindel! Wir werden uns nicht einschüchtern lassen, weder von Meister Teodors zahmen Idyllen, noch von einem Schwalbenschwanze von Kellnertroddel!« »Genies sind hier!« brüllte er durch den Raum, daß man es bis auf die Straße hörte, und das Gestöhn des gewürgten Kellners einen Augenblick danach unheimlich im Raume schwoll. Daß andere zuspringen mußten, und daß schließlich die betrunkenen Jünger aus St. Lukas' Gilde alle unerwartet von der Faust des Wirtes und Hausdieners und einiger Gäste gepackt auf der nächtlich stillen Straße lagen oder saßen.

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