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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 13
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Einhart war zum ersten Male in der großen Stadt. Er kam an mit einer ganz einzigen Spannung in den gelbgrauen Mienen und ging vom Bahnhof gleich in die Hauptstraße, um sich in der Menge umzusehen. Wer ihn so sah in seinem braunen Röckel und dem dunklen Rundhut, wußte nicht, ob er einen dürftigen Photographen oder einen von einer fliegenden Theatertruppe vor sich hatte. Man konnte auch an einen Gaukler denken, der auf dem Seile tanzen, oder mit goldnen Kugeln vor den Augen seiner Zuschauer spielen und sie in die Luft werfen könnte, daß dann gleich, wie im Märchen die schöne Quellfrau es tat, die goldnen Bälle wieder mit Donner und Blitz herniederführen unter die strömende Menge. Einhart hatte eine ganz besondere Art, sich hinzubewegen, mit einer spitzen Miene manches zu umgehen, daß er recht auch aussah, als wäre er auf Diebeswegen, beschliche etwas, und täte heimliche Erwägungen, wie an Menschen und Dinge und Schauauslagen geschicklich heranzukommen.

Er war am Nachmittag angekommen. Auch an die Akademie ging er. Er sah das Gebäude lange an. Es kamen einige Jünglinge mit Mappen heraus, auch ein wenig wie er, weil sie gleich ihm die Strähne der Haare unter dem Hute hatten hervorquellen lassen. Nur gleichgültig jetzt und gewohnt an die Anblicke des treibenden Lebens, an den breiten Strom voll Sonne unten tief an dem Mauerwerk, und an die ragenden Gebäude und blühenden Gärten, die sich jenseits des glatten, quirlenden Stromwassers, das um die Brückenpfeiler sich staute, angesiedelt.

Und dann war des Besinnens nicht lange gewesen. Einhart wußte immer zu finden, wenn es ihn selber vorwärts trieb. Er hatte die Nacht in einem kleinen Gasthause zugebracht. Und am folgenden Tage hatte er es nicht erwarten können, seinen Platz in dem Atelier des Meisters Teodor zu erobern, seine Handwerkszeuge zusammenzukaufen und dann sich in einer kleinen Bude hoch oben in einem Mietshause im vierten Stock einzurichten.

Schon am dritten Tage war Einhart unter denen, die morgens in die Akademie eingingen. Und man kann sagen, er ging mit einem wahren Hunger ein. Er dachte an Wunderdinge. Er dachte, nun müßte sich eine ganze Welt auftun. Hier war einer der berühmten Männer, die es besaßen, wonach sich viele Jünger zeitlebens sehnten.

Das Atelier Meister Teodors war hoch und hell. Ein Tisch stand neben der Wendeltreppe, die einen aus dem Meisteratelier emporführte. Eine große Chaiselongue stand mitten, davor ein Eisbärfell mit offnem Rachen sich gelagert, während Kopf und Rachen eines andern über das Keilende des Lagers herunterhing. Die Skizzen an den Wänden waren reichlich. Ein paar Staffeleien standen herum. Der Meister war ein Mann voll heiterer Miene, dabei sehr geradezu. Einhart kam, wie er seine Farbskizzen kritisierte, nicht aus dem Lachen heraus. Zu sagen, was nicht stimmte, wußte Meister Teodor. Er hatte einen Knebelbart und einen Schnurrbart, die er abwechselnd zupfte, wenn er Witze machte. Und er machte immer Witze. Auch wenn er sein Modell zu Änderungen seiner Stellung mit dem Malstabe anrührte, oder wenn seine großen, grauen Augen noch weiter wurden, und er zurückgelehnt scharf eine Linie des nackten Leibes beäugte, sie scharf gesehen hinzubringen.

Der Meister malte ewig Frauen in allerhand idyllischen Lagen. Im Atelier standen mehrere große Bilder. Eines stellte die Hoffnung dar. Ein nacktes Mädchen im Walde, mit Augen, die ebenso groß, wie leer schienen, und hoffnungslos in die Ferne blickten. Einhart sah die Tafel lange stumm an. Es fiel ihm jetzt ein, daß er unter Hoffnung sich eigentlich niemals etwas Rechtes gedacht. Die Sache war ihm neu. Er wußte gar nicht, ob es ihm gefiele. Er hatte einstweilen nur auch ein großes Staunen, wie das alles sicher gemacht schien.

Einhart mußte mit dem Einfachsten beginnen. In der oberen Klasse saßen die Schüler zusammen, von Porträtbüsten abzuzeichnen. Der Zeichenlehrer tadelte gleich seine Blätter und rühmte nur anfangs einmal etwas wie Stilisierung. »Aber Stilisierung, mein Lieber! Sie fangen die Kirche mit dem Turm an,« sagte der alte, graubärtige Murrkopf in sehr bekannter Wendung, die Einhart doch originell dünkte. »Erst müssen Sie was können, dann können Sie stilisieren.« Das alles deuchte jetzt Einhart zuerst durchaus richtig.

Auch in den kommenden Monaten noch war er eingeschüchtert. Er begann erst allmählich ein Gefühl zurückzugewinnen, was aus ihm selber kam.

Die Jungen in der Schule waren sehr verschiedenen Gelichters. Einige waren unsäglich peinlich. Das Zeichnen zeigte es: unglaublich geordnet und sicher und reinlich – und die Dinge recht, wie sie Gevatter Akademiediener oder der Barbier sah, der zum Direktor durch das Treppenhaus ging. Man wußte im voraus, was sich Großes enthüllen würde.

Dann waren einige, die immer nur auf die Blätter der andern sahen, Glossen machten und selber nichts konnten. Die machten freche Bemerkungen an allen Ecken über Dinge und Lehrer und freche Witze über die Reize der Modelle, die Einhart tatsächlich unangenehm waren, so daß ihm einmal über die gefühllose Art, wie man ein junges, halbwüchsiges Mädchen sich hatte entkleiden lassen, ein Ekel angekommen.

Und Einhart war gar nicht gesprächig. Er ließ alle reden. Und je mehr er schwieg, desto mehr buhlte alles allmählich nach seiner Teilnahme. Allen erschien Einhart rätselhaft. Seine Augen sahen beim Arbeiten herrisch aus, so einfältig und gutmütig er sonst auch schien.

Und Einhart zeichnete sonderbar. Gar nicht, wie man es sich dachte. »Lächerlich,« sagte der Direktor, der herzukam und durchging. »Was zeichnet der Mensch? Haben Sie denn so etwas hier schon gesehen? Wollen Sie denn nicht sich daran halten, welche Aufgabe gestellt ist!« Und er wies auf die Tafel des Nebenmannes, die den Leib der Jungen trocken und nahe wiedergab. Einhart hielt sich auch dabei ganz verschlossen. Die Mitschüler sahen sich dann alle die Tafel an, die der Direktor mißliebig angesehen. Und das ging so weiter. Denn auch der berühmte Meister Teodor sagte: »Was uns dieser Herr Selle alles an Kunst vormacht!« Und er mußte rundweg lachen, wie ein voller Bauch lacht, daß es ganz bis zu den Beinen geht, und der Kopf sich beugen, und die Knie knicken müssen.

Einhart dachte dann nicht daran, ernst zu sein. Er lachte mit.

So ging es bald, daß man Einhart in der Akademie kannte. Schon weil man über seine Zeichnungen und Malereien jetzt immer lachen mußte, die Meister mit den Schülern, und weil ein jeder die Werke Einharts kannte, als gingen sie mit einem jeden.

Niemand trug heim, was der Meister selber auf die Tafel gebracht. Das schien allen eine rechte Arbeit. Und wer nur so auf die Dinge hinblickt, wie ein Mäher auf die Blumen, dem es auf das Gras ankommt, der konnte wohl über die sogenannte Natürlichkeit staunen. Aber einen Witz hatte man nicht im Ohr, eine einzige Weise nicht in der Seele, eine seltsame Fügung und einen Anklang eigenen Schicksals durchaus nicht. Das schien aus Einharts Zeichnungen heraus, und wie er mit der Malerei erst begonnen, gar aus seinen Entwürfen.

Toll sahen sie aus. Dünn gemalt. Er liebte nichts Rohes. »Das dicke Gepatze« ließ ihn lachen. Er nannte es »mauern«. »Pfui Teufel,« sagte er. »Fein wie ein Ton!« So malte er. Aber tolle Töne manchmal, wie schrilles Geigen. Meister Teodor hielt sich Augen und Ohren zu. Nicht Waldidylle mit Blumen, Vergißmeinnicht und allerlei Kraut, wie bei einem Botaniker, bei Einhart sollte man Studien machen, wie in einer Schemen- und Lichtwelt, die nicht im grob Körperlichen, die nur in feinen Traumvisionen ihre Zauber spinnt. So etwas regte alle auf. Und Einhart war an der Akademie bald bekannt wie ein böses Gewissen oder wie ein verkappter Narr.

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