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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 12
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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Es waren mehr als dreiviertel Jahre vergangen, seit Einhart beim Meister Kallinich eingezogen war. Die daheim hatten immer gute Nachrichten erhalten. Der Meister selber rühmte Einharts Anlagen für den Beruf und vor allem, daß er ausgezeichnete Entwürfe lieferte, Ideen selbständiger Art und viel Lust zu derlei reger Phantasiearbeit hätte. Meister Kallinich gab sich alle Mühe, sich Herrn Geheimrat gegenüber mit vollendeter Sachkenntnis auszudrücken. Herr Selle war es jedesmal sehr zufrieden. Aber Einhart hatte auch geschrieben an Mutter und an Rosa. Wie Einhart war. An Vater wohl nur einmal gleich im Anfang und noch unter dem Gefühl der Schuld, die er an ihm begangen. Dann immer nur allerlei drollige Dinge an Rosa hauptsächlich.

»Weiße Ziegen weiden hier nicht an dem See. Aber schwarze Bergleute laufen Tausende auf der Straße. Und dann, was das Weiden anlangt, das tun hier so recht sanft und fromm nur die hellen Augen der Frau Meisterin, die jede Ungehörigkeit von Lehrling und Gesellen öffentlich gleich mit Strunk und Stiel abbeißt, und jede Ungehörigkeit des frommen Meisters heimlich. Ich selber weiß von solcherlei, was nicht paßt, schon kein Wort mehr, und wenn ihr mich sehen würdet, dächtet ihr einfach, ich wäre Einhart Kallinich, so renne ich herum zwischen Presse und Tisch und zu allen Kunden und blicke auf, wie ein richtiger Apportierhund. Ich glaube, ich habe auch so helle Augen bekommen, wie die feste Helene, der frommen Meisterin freches Ebenbild. Ach woher nur, eben sehe ich in den Spiegel, und erkenne, daß ich das nur muß geträumt haben. So leicht verfärbt man sich nicht. Aber lachen kann ich gar nicht mehr. Eben versuche ich es im Spiegel. Die Augen glotzen mich an, dunkel wie Rosas sanfte, schwarze Kirschenblicke, aber lachen – nichts davon. Es gibt hier nichts zu lachen. Zum Lachen muß ich Sonntags allein auf den Berg gehen. Es ist ein Eichengehölz. Da liege ich manchmal, und auch jetzt im Frühling, wenn die Sonne noch durch das lose, lustige Knospenwerk fällt und nicht vollen Schatten, nur seine Schattennetze auf den Boden wirft. Da merke ich überhaupt immer erst wieder, daß die Welt den Himmel, nicht die niedrige Stubendecke über sich hat, und man nicht nur Steindrucktafeln machen braucht zum Zeitvertreib, auch aus den Stubenwänden hinausfliehen und die ferne, weite Welt ringsum anstaunen kann und Leben fühlen.«

Der Brief war, wie ihn nur Einhart schreiben konnte. Er ging aus dem Hundertsten ins Tausendste und nahm kein Ende. Und hatte am Eingang ausgelassene Neckereien und am Ende Einfälle. Und ein Denken an daheim kam nur noch wie eine leere Formel nachgehinkt. Denn Einhart war gesunden Blutes. Daß die daheim krank seien, daß es ihnen nicht wohl sein könnte, daran dachte er mit keiner Silbe. Und daß er Grüße wirklich anfügte, hatten nur die Lehrer verschuldet. Und Einhart tat es mit dem Gefühle, daß er sich am Schlusse des Briefes doch auch einmal vor Vater verneigen müßte, wenn der Vater den Brief oder einiges daraus zufällig zu hören wünschte.

Aber Herr Selle bekam dann auch plötzlich wieder einen Brief von Einhart, der zunächst einige Aufregung ins Haus trug. Man hatte erwartet, man könnte nun Jahre ruhig sein, und Einhart würde so, ein gutmütiger Lehrling, allmählich zum Gesellen erwachsen und ein ehrlich-frommer Steindruckmeister werden. Wenn Rosa alle Briefe gezeigt, hätte von solchen Erwartungen nicht die Rede sein können. In einem hatte gestanden: nein, nicht im Briefe – in einem Zettel, der danebensteckte, und auf den er geschrieben:

»Ich schreibe das nur auf das Zettelchen, denn das darfst Du einstweilen niemand sagen, auch der geliebten Mutter nicht, die sich nur ängstigt.« Da hatte er geschrieben:

»In die Welt gehen muß man, und wenn einem Väter und Gendarmen nachstellen. Das mit den Zigeunern war nur dumm angefangen. Außerdem nur so wandern, das ginge auch nicht. Sowas ist nur ein Kindertraum. Man muß was ausfindig machen. Es muß sich lohnen und einen Sinn haben. Den Mittelpunkt der Welt finden, oder eine schöne Prinzessin, oder den Zauberwald, wo in der Dunkelnacht alle Blätter zu Golde werden. Alle Felsen staune ich hier auf meinem Berge an und denke mir dahinter Säle und Gänge voll bunter Edelsteine. Und einmal finde ich doch noch einen richtigen Schatz!«

Das war alles nur Lust zu fabulieren. Er hätte nicht gewußt, wie und wo? Aber in seinem Briefe an Vater war der Ton ganz andere. Denn da wußte er zunächst ganz deutlich, daß er es bei Meister Kallinich nicht zu finden dachte.

»Geliebter Vater!« schrieb er, »ich muß Dir ein Geständnis machen, daß es mir immer noch sehr auf dem Herzen liegt, daß ich Dir viel Kummer gemacht habe. Ich bin aber jetzt ein anderer geworden. Und habe viel über mich nachdenken und so zur Besinnung mich bringen können. Vielleicht hat Dir Herr Kallinich geschrieben. Er ist immer mit mir zufrieden. Die Kunstarbeit hat mir immer Freude gemacht. Wirst Du nicht böse sein? Es kommt mir vor, als ob ich es weiter bringen könnte, als nur solche Steindruckerei. Erlaube mir doch, daß ich mich zum Maler ausbilden darf. Vielleicht glaubst Du mir. Ich will mich gewiß zusammennehmen und nicht abirren.«

Dieser Brief machte daheim Aufregung. Herr Selle traute nicht und war unwillig. »Er ist kaum in Ruhe gekommen, nun fangen die Treibereien neu an. Er bleibt in der Lehre.« Aber Frau Selle wußte auf die drolligen Talente hinzuweisen. Sie brachte die kleine Katzenfamilie aus dem Glasschrank, die Einhart aus Wachs geknetet, eine ganz erstaunliche Leistung voll beobachteten, spielerischen Lebens. Die Schwestern redeten zu. Rosa sagte unverhohlen: »Wenn er Maler wäre, Papa, das wäre doch ganz was anderes!« Woraus Herrn Selle ein eigenes Gefühl der Beschämung durch seine Seele huschte, daß sein einziger Sohn es nur gerade bis zu einem Handwerksgesellen oder Handwerksmeister bringen sollte.

Das alles kam zusammen, daß Einhart sein Plan gelang, und gründlich gelang. Gründlich, wie Herr Selle in solchen Dingen war, und doch mit einem Zuge noch, daß man diesem Menschen durchaus die Wege nicht zu sehr ebnen und dem eignen Sichzusammenraffen und Weiterhelfen und Sichbesinnen nicht mit törichter Sorglichkeit vorgreifen dürfte. Er hatte erst Rücksprache mit dem Lehrerfreunde genommen, der Einhart kannte. Der Direktor riet ganz und gar nicht ab. Dem Direktor fiel sogar eine Last von der Seele, daß nun Einhart sich zu Besserem durchzufinden angefangen.

Er wußte, daß Herr Selle in der ganzen Zeit wegen Einhart noch immer heimlich litt. Nun sagte er sogar: »Ja – das habe ich mir immer schon gewünscht, daß er solche Wendung nehmen möchte. Ich bin sicher, so kann er noch ein ganz tüchtiger Mensch werden.« »Nun gut!« sagte Herr Selle einigermaßen zufrieden. »Ich will ihn nicht stören. Mag er den Schritt versuchen.«

Man setzte ihm ein kleines Monatsgeld sicher aus und erlaubte ihm, nach der Akademiestadt zu fahren, nachdem noch mit Meister Kallinich in aller Zufriedenheit die Dinge alle geordnet wären. Meister Kallinich setzte den Erwägungen des Herrn Selle die Krone auf, indem er in seiner frommen Bescheidenheit schrieb, daß er es schon vorher, »gleich wie er die Talente Einharts gesehen, gewußt hätte, daß Einhart durchaus zu etwas Höherem berufen wäre«. Und man ging in die Neuordnung der Lage in ganzer Harmonie.

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