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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 11
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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Zweites Buch

1

Es ist eine Gefahr, wenn Menschen ein Leben vertun mit Dingen, die ihnen und ihren Erinnerungen ewig entweichen, und die nichts zurücklassen, als müde Arme und ein müdes Entsagen. Und die so in den Abgrund ihrer eigenen Zeit, der ihres Sehnens einziges Gefäß sein kann – den vollen Lebenstrank einzubrauen, nur Nieten um Nieten werfen, und auf ihrem Herzen beim letzten Atemhauche gellt es aus der tiefen Leere eines weggeworfenen Lebens nach. Da kommt es wohl auch schon mitten in der Zeit, daß der Verarmte, der nicht mehr seine Arme oder auch seine Sinne regen kann, nach Troste greift und hingeht in Trunk und Taumel, seine Leere auszulöschen, und vollends zu vergessen, was er an Wünschen und Begehrungen emporblühen gesehen, einmal als noch das natürliche Drängen mit Jugendgefühlen ihn hinaustrug ins Leben zu Tat und Traum.

Es ist weit und breit ein solches ödes Land. Ein Großes, Ganzes, Gewaltiges in der Zeit, und doch nur ein Zusammenklingen aus zerpflückten, zerstückten Sehnsuchten des Menschen, gebaut wie aus heiligen Steinen. Und die daran schufen, gehen seelenlos einher, das große, steingeschaffene Bauwerk anzustaunen, aber offen oder heimlich möchten sie sich in den Staub werfen und weinen nach ihrer verlorenen Seele. Aus solchen tiefen Erkennungen gehen schon Kinder und Jünglinge in freie Wildnisse, wenn sie die Öde wittern, und suchen sich mit Leidenschaft und Inbrunst anzuklammern an die Verheißungen, die in eigenen Träumen leben. Wie sie immer sein mögen, solche, die mit Inbrunst und wie heilig wandeln, zärtliche Schwärmer mit Augen, wie fromme Engel, oder solche, die die Einfalt ewig lächeln macht, sanft und voll üppigen Vergnügens, über die Torheiten, mit denen sich die Welt von Anbeginn betrog.

So war es auch mit Einhart.

Seitdem er in der kleinen Bergstadt lebte, hatte er die Einfalt zum Schutze und das Lächeln zum Troste.

Die Steindruckerei lag in einer engen Straße mitten in der Stadt. Die Arbeitsräume dehnten sich nach hinten aus, und die großen Fenster gingen auf den Hofweg und auf Schuppen. Er stand nun hier und griff zu und sah Lehrlinge gleich ihm in blauen Schürzen, und Gesellen vor der großen Steintafel hantieren und hörte auf die sorglichen Worte des Meisters.

Der Geist des ganzen Hauses ging von der Meisterin aus. Sie war aus einer pietistischen Familie vom Rhein, und schon ihr Aussehen, wenn sie ging mit ihrem Rundhut und immer in dunklen Farben der grau in grauen Welt der Mühsal, obwohl sie jung und drall und die Augen frisch und fast zu sicher schienen, und der Kindersegen nicht gering war, zeigte einen ganz eigenen Schlag Verzicht auf äußeres Tun und Glänzen.

Die Frau war, was man zu sagen pflegt, ein frommer Dämon. Sie hatte alles im Banne. Sie sah wie ein Habicht und hörte, wie ein scheues Wild. Es entging ihr keine Untüchtigkeit. Sie sah keine verstohlene Miene und heimliche Glosse, die sie nicht dann hinter Schloß und Riegel vor dem Meister allein erwähnte und zur Abstellung empfahl. Wenn sie ins Werk hinein flüchtig vorbeigehend zusah, konnte man denken, daß sie allen nur zulächeln wollte. Der Meister selber, der von unerhörter Umständlichkeit zu jedem Worte ein Besinnen und zu jedem Besinnen soviel Minuten Zeit, wie zur Tat brauchte, also daß man in Geduld harren mußte, bis eine Meisterweisheit endlich von seinem Herzen sich gelöst und salbend aus dem rot-bebärteten Munde und sanft aus den grünen Augen ausgegangen, der Meister selber bekam fast Eile, wenn Frau Kallinich gerade durch die Werkstatt schritt und dort ihre frischen, grauen Augen herumwarf.

Einhart hatte es gut. Der Meister war nicht nur fromm. »Ein Geheimrat«, das hatte ihn gleich niedergeschlagen. Die Gesellen waren frech. Die ließen Einhart springen, wie die anderen blauschürzigen Jungen. Aber der Meister sah in Einhart etwas Besonderes. Einhart konnte da anfangs nicht klagen.

Klagen war Einharts Sache überhaupt nicht. Nach außen gab er jetzt nichts. In gewissem Sinne amüsierte ihn die Arbeit. Weil er auch noch viel zusah. Und man sah auf den Tafeln allerhand Dinge aus der Welt. Nicht nur ewig Buchstaben. Auch Bilder. Manches davon bewegte Einhart. Das alte Kloster am Sinai war das erste, was er im Bilde in Steindruck sah. Der Geselle, der es bearbeitete, kümmerte sich nicht weiter darum. Aber Einhart fragte und fragte. Und weil der Geselle ihn angefahren: »halts Maul!« fragte er geradehin den Meister, der ihn belehrte.

Der Meister kannte alles, besonders was um die heilige Geschichte herum war. Er erzählte also gleich umständlich und mit viel Aufmachen der Augen, groß und weit, ehe auch nur immer wieder ein Wort voll Tiefklang kam, von der Stätte des Mosesbrunnens, wo jetzt zum Andenken eine Platte reinen Silbers gebreitet wäre, und die Tropfen ewig flössen seit Jahrtausenden. Er erzählte auch, daß sein schönster Wunsch gewesen, einmal nur einen Trunk aus jener heiligen Quelle zu tun, in demselben Tonfall wehmütigen Sich-besinnens, wie Einhart sich erinnerte, daß Herr Geheimrat Selle immer von den lauteren Quellen der deutschen Altertümer gesprochen hatte, nach denen er eine ungestillte Sehnsucht trüge. Herr Kallinich rühmte dann auch laut Einharts Wißbegierde. Obwohl die Gesellen heimlich empört waren, und sobald er ihnen den Rücken gekehrt, untereinander ausfielen, daß sie viel zu tun hätten, wenn sie auf all den »heiligen Zimt« eingehen sollten. »Stumm und dumm«, sagte der Kurzbärtige, »muß der Geist sein, wenn man zu Gelde kommen will.«

Natürlich hielt sich Einhart nur an die Meisterleute.

Und es dünkte ihm auch gut, mitzutun, wie es im Hause ging. Der Herr Geheimrat hatte ausdrücklich Familienaufsicht verlangt. Einhart mußte deshalb in der Familie wohnen. Die übrigen Lehrlinge wohnten neben der Werkstatt. Einharts kleine Stube lag gegenüber der Wohnstube, neben der Küche. So konnte er auch oft fromme Gesänge hören, und morgens und abends mußte er es mitmachen.

Der Meister sang dabei selber vor, saß mit Würde und hatte ein richtiges Lehr- und Lesepult vor sich, darauf Bibel und Gesangbuch ruhte. Sein großer Mund öffnete sich weit, daß Einhart jedesmal heimlich auf den Moment spannte und dann über die Weite des Mundes heimlich lachen mußte. Aber noch mehr über die gesenkten Mienen der Frau Meisterin, die nur dann und wann seitlichen Blickes im Kreise herum und auf ihre beiden Töchter sah.

Eine war noch klein, etwa vier. Die andere ging eben ins Fünfzehnte und sah frisch und frech aus, wie die stülpnasige Mutter. Fromm waren alle. Die Münder aller standen dann im Gesange offen, und es klangen feierliche, laute Betgesänge.

Einhart fand es ganz angenehm, so den Tag einzuleiten und auch zu beenden. Er hatte es an sich, gern zu summen und zu singen mit vergnügten Augen, und manchmal in die Augen der frechen, jungen Dirne hinein. Im Grunde war er den Ereignissen immer ziemlich fern. Aber was kann das Mühlrad tun, als sich umzudrehen? Man konnte zunächst nichts weiter erwarten. Ganz allmählich erst begann die junge Seele wieder hineinzutrachten irgendwo in Dinge, die sein würden, wie sie es sich träumte. Ganz allmählich bekam alles das, was da aus der Vergangenheit heilig erstarrend heraufkam, für Einhart einen grauen Hauch drollig trostloser Würde. Ganz allmählich konnte Einhart den Meister und die Frau Meisterin gar nicht anders mehr sehen, als wären sie rückgewendet und hätten ihr Gesicht eigentlich hinten. Er litt manchmal heimlich geradezu wie an einem Narrenzwange und mußte sich richtig besinnen, daß er sich solche Tollheiten nur eingebildet. Aber alles, was der Meister so hinstellte, als müßte man nicht leben, sondern erst sterben, um es zu erlangen, machte ihn rundweg übermütig.

So standen sich hier zwei Welten stumm und fern gegenüber. So einfältig die Kohlenaugen Einharts noch immer auch herausblickten auf den frommen Meister und die nußharte Frau Meisterin hin, so kindlich auch und mit Begehren die kleine Berta Einhart zulachte und die erwachsenere Helene schon mit kecker Lockung.

Helene war in Einhart gleich verliebt gewesen. Sie kam häufig in seine Stube, vornehmlich Sonntags, und hockte sich zusehend nahe, wenn er dann dasaß und für sich etwas zu zeichnen oder zu malen versuchte. Einhart fand sie immer nur sehr albern. Schon weil sie ein Gesicht hatte, das nie ein Lächeln richtig sanft zeigen konnte und gleich nur wie ein Altes ausbrach. Wobei ihm immer wie Lieblichkeit durchs Träumen das Lächeln ging, mit dem Zigeunerdirnen aus stummen Glutaugen lächeln, »wie wenn Blumen oder Birkenbüsche lachen und flüstern im Winde«, dachte dann Einhart so hin. Diese Helene war jung und derb entwickelt, blond ohne goldnen Schein, blauäugig und doch nichts vom Himmel drin. Wie ein blauer, kalter Kattun war das Auge, leer nur und lüstern. Wenn sie ihn preßte oder seine Hände in die ihren nahm: Nichts tat er, gleichgültig lächelnd war er. Er knipste sie mit dem Finger an die Nase. Er dachte und träumte wahrhaftig andere Dinge, als nur so graues Handwerksleben. Er lebte die Woche mit sich und lief dann irgendwo hinaus, am Sonntagnachmittage, und lag über der Stadt hoch oben am Walde.

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