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Einhart der Lächler

Carl Hauptmann: Einhart der Lächler - Kapitel 10
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typefiction
authorCarl Hauptmann
titleEinhart der Lächler
publisherHoren-Verlag G. m. b. H.
year1928
firstpub1928
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9.

Einhart war nicht zur Salzsäule bestimmt. Zurückblicken war gar nicht seine Sache. Er war wie ein Kind vor reichen Tafeln. So lange er Augen und Sinne reichlich voll hatte all der schönen Dinge, wenn braune Zigeunermänner verächtlich und hart aus den Wagenkellen und unter den halberhobenen Planen der Wagen schreiend sich streiten, und die kleinen bissigen Pferde nach Fliegen oder sonst um sich schlagen, die halbnackten, verwahrlosten Weiber gleichgültig geschäftig und die lumpigen Dirnen sanft ohne Maß neben einem schlendern mit Ziegen am Stricke, da war Einhart heimlich zum Jauchzen sogar, zum In-die-Lüfte-springen zumute, und er gab seiner Laune auch durch allerlei Drolligkeiten Ausdruck. Schon daß er noch viel toller wahrsagen konnte, wie die Dirnen, nicht nur aus den schwieligen, dünnen Händen, aus den Wärzchen am Halse, aus den knisternden Haarsträhnen, in denen Strohhalme hingen, und aus den langen Zehen von Lisa, die ihm wie seine Finger schienen, und aus dem Finken- und Starenflug über den Ebereschkronen der staubigen Landstraße, auf der sie Stunden schon hingezogen, das amüsierte die Zigeunerkinder und scharte sie um ihn.

Und Einhart konnte nicht satt werden, sich umzublicken in die Lande, wo die reifenden Felder in Sonne gebreitet lagen, die fernen Kirchdörfer mit roten Dächern und Türmen und Kreuzen darauf im Baumwerk glänzten und leuchteten. Konnte nicht satt werden, dienstwillig einher zu eilen, wenn man am Straßenrande im Baumschatten ruhte, und es galt die struppigen Pferde zu tränken, Wasser herbeizuholen oder sonst Handreichungen zu tun.

Man hatte an einer Windmühle auf einsamer Höhe Rast gemacht. Der Wind hier oben hatte das Gefühl der Schwüle, das Einhart ein paarmal unterwegs wie flüchtig den Atem genommen, trotzdem sein Gesicht frisch und feucht und vergnügt immer vor sich hin gelächelt, längst genommen. Und es konnte für ihn jetzt nach getaner Arbeit nichts Schöneres geben, als so unter Glockenblumen und Schierling und allerlei gelbem Blühwerk hingestreckt liegen, während Käfer und Spinnen an Halmen herumkrochen, und die Sonnenstrahlen sich unter das kleine Grasgeräume stahlen, so alles nacheinander gespannt anzustaunen, auch den blaßblendenden Himmel oben, und das faule, braunäugige Dirnenvolk mit seinen losen Heimlichkeiten daneben, die sich achtlos enthüllten.

Wie im Himmel kam sich Einhart vor. So hatte er sich das Leben gedacht, so und nicht anders. Durchaus nicht faul. Müde wurde man. Zu tun gab es genug unter dem Wandervolke. Auch Kinder und Dirnen hatten genug zu tun gehabt, ehe sie dem alten, weißen, geizigen Griesgram von Müller den Eimer Mehl abgebettelt, der jetzt von den Müttern zu Brei zusammengerührt und mit Kräutern verspeist werden sollte. Hier gab es doch wirklich einmal ein seliges Einsaugen der Welt. Hier lag man einmal ohne allen Anspruch. Hier stampften die Pferdehufe eintönig in die tiefe Sommerstille, und auch die Männer, die aus den halberhobenen Planen den ganzen Weg hinausgeschrien und sich zugelärmt, waren hier still und träge hingelagert. Und man genoß wirklich, wie wenn man die Welt unter den Füßen in erhabener Höhe lebte.

Einhart dachte jetzt auch, als er so dalag, daß das Geschrei und die Stimmen, die hart und unbarmherzig in die Lüfte gehallt, nur aus Gewohnheit kämen, weil sie immer das Gerassel der Wagen übertönen müßten. Er liebte die Leute. Freilich hatte er sich schon am Vormittag ein wenig erschrocken mit einfältigem Lachen im Gesicht, weil der eine alte Zigeuner, der ihn übrigens, wie die Männer alle, wie Luft behandelt, frech und rücksichtslos unter die Dirnen mit der Peitsche hineingeschlagen, immer wieder neu, bis sie sich trotz deren anfänglicher Bosheit und Störrigkeit aus Einharts Nähe eine Weile zurückgezogen. Es hatte ein Aufheulen der Kinder und ein Gekreisch unter den Müttern gegeben. Franziska hatte einen Hieb mitten über die Backe unversehens aufgefangen. Und das Gesicht war sogleich blau angeschwollen. »Ein Vieh!« hatte Einhart plötzlich auch in diesem Augenblicke ausgestoßen. Nichts sonst. Denn beim Weiterfahren in das nächste Dorf hinein hatte man davon schon nichts mehr gewußt. Da war es nur hurtig weiter gegangen, alles nur mögliche in die Wagen geborgen, Vieh und Menschen. Da waren die Wagen hart den Berg hinabgerasselt, die kleinen, grauen, schwitzigen Falbratten davor galoppierten, und man saß untereinander und lachte und trieb tausend Kurzweil im Dehnen und Sich-lässig-Gedankenmachen.

Nie hätte Einhart jetzt daran denken können, daß der seltsame Traum, den er so hinlebte, einmal könnte ein Ende nehmen. Er stand schon wieder und kühlte am Wassertroge im Hofe des Dorfkretschams, wo man untergekommen, Franziska die blaue Schwiele, als ihn ein Gendarm unsanft am Arme riß und ihn auch gleich ohne rechtes Besinnen seinerseits mit fortgenommen.

Und damit war Einhart ebenso unversehens bald wieder daheim. Denn es hatte gar keine Reden gegeben, auf die der Gendarm nicht mit aller Strenge und höhnisch herabgesehen. Und etwa zu leugnen, daß er Einhart Selle war, war Einhart bei dieser Überrumpelung gar nicht richtig in den Sinn gekommen. Man hatte ihn anfangs sogar gebunden. Aber Einhart hatte dem Gendarm einfach erklärt, daß er durchaus nicht entweichen und ruhig mitkommen würde. Er fühlte sein Gewissen ganz rein und fand es sogar in seiner Art nicht ohne Reiz, einmal die Welt auf diesem Rückwege der Enttäuschung anzusehen. »Her als Freier, hin als Gefangener,« so phantasierte und lächelte er vor sich hin und belustigte sich heimlich noch gar über den grünen Laubfrosch von Gendarm, der in ganzer Würde neben ihm schritt. Nicht groß Rückschauen gab es und nicht groß Vorschau. Daran nur einstweilen ganz noch ins Unbestimmte beteiligt. Er mußte an Rosa denken, der er alles erzählen wollte, und vor allem der Mutter. Das machte sogar eine flüchtige Neugier, wie ihn die daheim ansehen würden. Wenn Herr Selle graue Miene machte, war das nichts Neues. Daß da etwas sonst geschehen könnte, ahnte Einhart mit keiner Silbe.

Aber die Sache war als Wirklichkeit doch sehr unangenehm. Erstens einmal war eine ganz fremde Kälte schon in den Schwestern, die zufällig im Korridor standen, als man ihn heimbrachte. Keine hatte gewagt, ihn zu begrüßen. Nur mit Kopfnicken von ferne, nur ganz steif, und als wenn jede ganz beschämt wäre. Er hatte ihnen zugelächelt, da er ja doch noch immer derselbe Einhart war. Aber da hatten ihn Johanna und Katharina und Emma noch seltsamer und steifer angesehen, ohne zu erwidern.

Rosa war nicht dabei. Frau Selle war auch nicht daheim.

Und drinnen erst bei Herrn Geheimrat Selle war die Sache dann bald zum Entscheid gekommen. Einhart hatte beim Eintreten jetzt wirklich gesehen, daß er dem Vater ein Unheil zugefügt. Herr Selle war geradezu gealtert. Das sah Einhart gleich, als ihn der Gendarm hineinbrachte. Einhart war auch in seiner Güte entsetzlich unvermittelt. Wie er sah, was hier geschehen, hätte er sich am liebsten gleich dem Alten, den er heimlich liebte, vor die Füße geworfen. Aber Herr Selle hatte zuerst seiner gar nicht geachtet, nur mit dem Gendarm lange noch im Flüsterton gesprochen, ehe er auf Einhart zukam. Aber wie Einhart neu das vergrämte, alte, graubärtige Gesicht ansah, und es ihm wieder ankam, wie auf die Knie zu fallen, gleich, und den lieben, strengen Herrn tausendmal anzuflehen in Güte und Liebe, hatte ihn der Vater auch schon ins Gesicht geschlagen. Denn Einhart hatte auch dabei ein Lächeln trotzdem im Gesicht gehabt, was durchaus nur Liebe und Güte war, und was Herr Selle jetzt nur mißverstand.

Dann hatte er, der alte Herr, Frau Selle, die in ratloser Aufregung hereinstürmen gewollt, nur streng hinausgewiesen, sie mit Bestimmtheit und Härte dann einfach selber hinausgeführt, und seine Erklärungen, nachdem er die Tür hinter ihr verschlossen, hart abgegeben.

»Mach dich sauber, Saukerl! Bade dich, Strolch! Deines Bleibens ist nicht weiter unter einer anständigen Familie. Du besudelst die Ehre deiner Eltern und Geschwister. Morgen früh zeitig wird dich jemand nach K. bringen.« Wohin hörte Einhart gar nicht, dem nur die Backe rechts und links brannte, und die Seele in Asche sank. Und es war auch gar kein Versuch Einharts geglückt, sich trotz des Schmachgefühls neu liebend zu nahen, immer wieder in einfältiger Demut. Herr Selle blieb hart, wie ein Stein. Einhart hörte gar nicht, was der Vater alles redete.

»Du zeichnest ja gern,« hatte Herr Selle dazwischen endlich auch gesagt. Das war wohl der einzige mildere Ton.

»Ja, ja – gewiß, geliebter Vater, ich zeichne gern, das tue ich ja furchtbar gern,« hatte Einhart fast in Ekstase gerufen.

Aber ein Blick voll Verachtung über diesen Laut, der Herrn Selle wie Frechheit klang, drängte Einbart zur Ruhe. Und dann war er mit harter Gebärde hinausgewiesen, hatte im Zimmer zu bleiben, niemand durfte zu ihm, er bekam Wasser und Brot zu essen, wie ein Sträfling, und hatte nur seine Sachen zu packen.

Aber Rosa kam trotz des Vaters Rede und Zorn. Auch Mutter hatte gar nichts zu reden gewagt, als sie ihm beim Packen doch helfen mußte. Sie hatte Einhart nur mit schmerzvoller Liebe angesehen, und Rosa ausdrücklich vor Vater gewarnt. Aber Rosa war kühn. »Du, das vergessen die alle bald,« sagte sie zärtlich zu Einhart. »Mach dir nichts draus. Es ist ja Unsinn, so ein Wesen zu machen. Was ist denn passiert? Du, das muß furchtbar interessant gewesen sein!« sagte sie lachend. Da lachte Einhart auch. »Nu ob!« sagte er drollig. Und dann mußte sie ihm erzählen, was sie wußte, wohin er käme? und was man eigentlich mit ihm vorhätte? Und am andern Tage befand sich Einhart schon bei einem Steindruckmeister in der Lehre, einige Stunden Bahnfahrt entfernt in einer kleinen Stadt.

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