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Einführung in die Hauptfragen der Philosophie

Christoph Eucken: Einführung in die Hauptfragen der Philosophie - Kapitel 8
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typeessay
authorRudolf Eucken
titleEinführung in die Hauptfragen der Philosophie
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Schlußwort

Verschiedene Bilder zogen an uns vorbei, mannigfache Arten der Bewegung wurden bei den Hauptpunkten ersichtlich. Überall verfolgte die Bewegung nicht eine gerade Linie, sondern sie zeigte Gegensätze und Umschläge; das geschichtliche Leben zeigte sich keineswegs einfach, sondern voller Verwicklung. Zugleich wurde klar, daß die Probleme der Vergangenheit sich in unsere eigne Zeit hineinerstrecken, und daß sie unsere Arbeit unter starke Einflüsse stellen; mag das Ziel sich bald als ein Überwinden überkommener Gegensätze, bald als ein kräftigeres Weiterverfolgen eines begonnenen Weges darstellen, durchgängig wird der Blick nach rückwärts die eigene Aufgabe klären, und es kann unsere Arbeit nicht gelingen, ohne den Forderungen der weltgeschichtlichen Lage zu entsprechen. Aber ebenso deutlich ward dieses, daß wir nicht eine gegebene Anregung einfach aufnehmen und uns mühelos vom Strom der Geschichte dahintragen lassen können. Denn überall fanden wir die frühere Leistung in dem Näheren ihrer Art uns nicht genügen und die Bewegung selbst eine neue Lage mit eigentümlichen Forderungen erzeugen. Nicht nur eine Fülle einzelner Probleme umfängt uns, sondern das Ganze unseres geistigen Standes ist uns unsicher geworden; mit besonderer Deutlichkeit empfinden wir heute, daß das Leben der Menschheit sich nicht auf einer gegebenen Grundlage sicher und ruhig aufbaut, sondern daß es immer wieder von neuem um seinen Stand und seine Hauptrichtung zu kämpfen hat. Nach dem allen erscheint unsere Zeit als voller Spannung und von schweren Aufgaben erfüllt; augenscheinlich sind wir an einen Punkt gekommen, wo es wieder auf die Hauptfragen, auf die elementaren Bedingungen unserer geistigen Existenz zurückzugehen gilt, wo es uns zum Suchen neuer Bahnen, zu selbständigem Schaffen zwingend aufruft. Aber diesen Forderungen der geistigen Lage entspricht nicht der Durchschnitt der Zeit; vielleicht noch mehr als andere Epochen empfinden wir, wie weit die inneren Forderungen des Lebens und das Verhalten der Menschen auseinandergehen können. Die Lage der Gegenwart empfiehlt dringend eine Einheit des Lebens, ein Überwinden von Gegensätzen, ein Gestalten aus dem Ganzen, auch ein Zusammenhalten der Menschen zum Suchen gemeinsamer Bahnen. Statt dessen erscheint eine große Vereinzelung, ein völliges Auseinandergehen in verschiedene Parteien und Gruppen, ein Behandeln der Probleme vom Standpunkt der bloßen Partei. Solches Zerfallen in verschiedene Kreise und schroffe Gegensätze hemmt alles gegenseitige Verständnis, sie läßt jedem die eigne Denkweise als die zweifellos beste, als das sichere Heilmittel für alle Schäden erscheinen; an dem völligen Unrecht des anderen wird nicht gezweifelt; Selbstgefälligkeit und Rechthaberei schießen dabei üppig auf, die unablässige Kritik an anderen unterdrückt alle Selbstkritik. So müssen sich die verschiedenen Bewegungen durchkreuzen und hemmen, so muß schließlich ein wirres Chaos entstehen, aus dem unmöglich ein glückliches Schaffen hervorgehen kann. – Ferner verlangt die geistige Lage eine gründliche Vertiefung des Denkens und Lebens; wie sollten wir ohne eine solche den Problemen der Zeit gewachsen sein und jenem Durcheinander eigne Ziele und Wege entringen? Statt dessen hängt der Durchschnitt der Zeit an der Oberfläche und fühlt sich dabei wohl; wir geben uns dem ersten Eindruck hin und gewahren nicht, wie viel Verwicklung seine Weiterverfolgung erzeugt; so scheint alles leicht und glatt, alle Hemmungen scheinen nur in der Vorstellung derer zu liegen, die in alten Vorurteilen befangen sind. Diese Art des Denkens führt uns auch bei uns selbst in schroffe Widersprüche hinein, indem sie uns bald diesem, bald jenem Eindrucke folgen heißt; so halten wir namentlich oft als Wirkung und Folge fest, was wir als Ursache und Grund verwerfen. So konnte das Denken und das Handeln der Zeit grundverschiedene Schätzungen verwenden. Unser Denken befaßt sich vor allem mit der sichtbaren Welt und flieht alles, was ihre Grenzen überschreitet, als »Metaphysik«; im Handeln aber gilt ein vager Idealismus, der Begriffe wie Vernunft und Persönlichkeit, Humanität und Menschengröße als selbstverständliche Werte behandelt, der nicht empfindet, daß damit eine neue Welt eingeführt wird. – Endlich lastet auf unserem geistigen Schaffen eine Lust zur Verneinung, eine Neigung, von der Zerstörung überkommener Zusammenhänge, von der Abweisung alter Lösungen echtes Heil zu erwarten. Nun enthält die Zeit gewiß viel Veraltetes und Verrottetes, das entfernt werden muß, aber zu wahrer Förderung kann alles Nein nur wirken, wenn hinter ihm die treibende Kraft eines Ja steht und dem Streben eine feste Richtung gibt. Dieses aber pflegt zu fehlen, es ist die Verneinung als Verneinung, welche vielen genügt und etwas Großes dünkt. Es pflegt aber nichts enger und unduldsamer zu sein als die bloße Verneinung; so erzeugt sie heute einen Dogmatismus, ja einen Despotismus, der das geistige Schaffen und auch ein zutreffendes Erkennen der gegenwärtigen Lage schwer schädigen muß.

Aber wenn die Oberfläche der Zeit der notwendigen Erneuerung der Kultur und der Erstarkung inneren Lebens harten Widerstand bereitet, und wenn das Leben sich nun und nimmer aus ihr heraus, sondern nur im Gegensatz zu ihr fortbilden kann, so darf uns ein Zeugnis wachsender Gegenwirkung sein, daß jene Hemmung immer mehr zur Empfindung kommt, und daß die Notwendigkeit einer Befreiung von der Vereinzelung, Verflachung, Verneinung immer klarer erkannt wird. Je mehr aber die geistige Arbeit zur Selbständigkeit gegen die Zeitoberfläche strebt, je mehr Verlangen nach größeren Tiefen und wesenhafteren Inhalten des Lebens aufkommt, desto wertvoller muß auch die Arbeit der Philosophie erscheinen, desto weniger läßt sich daran zweifeln, daß sie zur Überwindung der gegenwärtigen Krise des geistigen Lebens unentbehrlich ist.

Notwendig bedürfen wir einer Philosophie des ganzen Menschen, einer Philosophie, die nicht in bloße Spezialarbeit aufgeht, einer Philosophie, die eine geistige Lebensbewegung erzeugt, nicht bloße Theorien ausspinnt; eine solche Philosophie muß dahin wirken, daß kraftvolle Ideen und führende Persönlichkeiten bei uns zu größerer Entfaltung, Wirkung und Geltung kommen. Wir standen unter dem Bann einer einseitigen Arbeitskultur, über den Leistungen dieser haben wir den Menschen schier vergessen; nun rächt sich der Mensch an der Unterdrückung, und unter schroffen Umwälzungen entsteht zunächst ein recht trübes Bild, ein klägliches Bild namentlich eines moralischen Zusammenbruchs der Deutschen, wobei vielfach Ehre und Treue schlecht fahren. Aber die Probleme sind da, es hilft nicht, sich dagegen zu verschließen. Retten kann uns nur eine geistige Vertiefung und eine gründliche moralische Erneuerung, ohne sie ist unsere Zukunft ohne Hoffnung. Aber wenn damit unser Weg voraussichtlich durch Zeiten der Not führen wird, und wenn wir die Menschen oft sehr gering schätzen müssen, unser Glaube und auch unsere Hoffnung geht nicht auf den bloßen Menschen, diesen Zwitter der Bildung, sondern auf das Geistige und das Göttliche in dem Menschen; nur dieses kann seinem Streben einen Halt gewähren. Dazu kann auch die Philosophie beitragen; öffnen wir daher ihr die Pforten, und vergessen wir über der Einführung nicht die Sache, der sie dient! Es gilt einen neuen Aufstieg!

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