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Einführung in die Hauptfragen der Philosophie

Christoph Eucken: Einführung in die Hauptfragen der Philosophie - Kapitel 4
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authorRudolf Eucken
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II. Ewigkeit und Zeit

Beharren und Anderswerden

Der Mensch untersteht als bloßes Naturwesen zunächst ganz und gar der Zeit und ihrer Veränderung, wie ein regelloser Strom fließt ihm das Leben dahin. Sobald es aber irgendwelche Selbständigkeit gewinnt, möchte es der bloßen Zeit überlegen werden, da empfindet es die Bindung an sie als einen Schaden und Schmerz, und da entwickelt es ein Verlangen nach einem dauerhaften Bestehen, ja nach Ewigkeit, wie Plato es in seinem Gastmahl mit glänzenden Farben geschildert hat. So sucht der Einzelne, da er selbst bald vom Schauplatz abtreten muß, irgendwelche Spuren seines Daseins zu hinterlassen, große Könige errichten Denkmäler ihrer Taten und schreiben ihre Namen in Felswände ein. Über die Individuen hinaus aber verlangt der Aufbau der Kultur ein Anhäufen und Aufspeichern der Leistungen, die Gegenwart muß die Vergangenheit festhalten, um selbst weiter bauen zu können; zur Aufgabe wird, einen Grundstock des Lebens aller Veränderung der Umstände und aller Willkür der Individuen entgegenzuhalten. Als unwandelbar verkündete und als unantastbar verehrte Einrichtungen und Sitten beherrschen namentlich die Anfänge der Kultur, besonders wirkt die Religion durch ihre Verknüpfung des Lebens mit einer heiligen Ordnung zur Fernhaltung aller Wandlung als eines schweren Frevels.

Aber auf dem eignen Boden der Zeit kann der Mensch die Macht der Zeit nicht überwinden, ihr Strom unterwühlt und zerstört auch die gewaltigsten und kunstvollsten Werke, er bringt vom großen Ganzen bis in die kleinsten Elemente hinein alles in Fluß; nicht nur die Individuen, sondern ganze Völker und Kulturen versinken, auch die Religionen, die Hüterinnen ewiger Wahrheit, erliegen der Zeit und werden zur Vergangenheit; alles Verlangen nach Ewigkeit wäre müßig und eitel, wenn unser Leben nicht über das sinnliche Dasein hinaus zu einer neuen Ordnung vordringen könnte, die anders zur Frage der Ewigkeit steht. Ein solches Leben kann sich nur der geistigen Arbeit erschließen, zu dieser aber gehört notwendig auch das Denken und die Philosophie; sie scheint besonders berufen, die Dinge unabhängig vom Wandel zur Zeit unter der Form der Ewigkeit (sub specie aeternitatis) zu betrachten.

Die Philosophie der Griechen hat an diese Aufgabe besonderen Eifer gesetzt, sie hat einen energischen Kampf gegen die Flucht der Erscheinungen aufgenommen und dabei einen eigentümlichen Lebenstypus geschaffen. Wohl wird ein Anderswerden der Dinge von ihr in weitem Umfange anerkannt, aber es wird vom Hauptzuge des Denkens zu einer niederen Sphäre herabgesetzt und vom Kern der geistigen Arbeit ferngehalten. Es war nicht bloß das Interesse des Erkennens, das inmitten alles Wandels einen beharrenden Grundstoff oder unveränderliche Elemente suchen hieß, auch das Leben begehrte eines sicheren Haltes, an dem es sich innerlich befestigen könnte; diesen Halt aber glaubte es nicht anders erreichen zu können als in einer Wendung vom unsteten Tun und Treiben des Menschen zum All, dessen Grundbestand als unwandelbar galt; nur im Erfassen und Anschauen seiner Ordnung, der ewigen Zier, schien der Mensch einen merkwürdigen Lebensgehalt, sowie eine Erhebung über die Sorgen und Nöte des Alltags zu finden. Das Wissen erscheint hier als der einzige Weg, das Leben des Menschen ins Ewige zu heben; seine Überlegenheit gegen das Handeln war damit vollauf gesichert. So konnte ein Dichter wie Euripides die Glückseligkeit des Forschers preisen, der das Woher und Wohin der ewigen Natur erkennt, und dem aller Unverstand der Menschen nichts anhaben kann.

Was aber bis dahin ein Verlangen des Einzelnen war, das wird nun durch die Philosophie näher bestimmt und festgelegt; nun gilt es sorgfältig zu ermitteln, was am All als beharrend zu gelten hat. Die Antwort Platos ist dabei am meisten durchgedrungen und hat den tiefsten Einfluß auf die Menschheit geübt. Wenn er in den Begriffen des Denkens das Feste gegenüber der schwankenden Meinung sieht, so bestimmt sich ihm dies Feste näher als die lebendige Gestalt; indem die Gestalten sich zu einem großen Gefüge zusammenschließen, erhebt sich ein Reich von unwandelbarer Wahrheit und Schönheit; dies Reich muß die Welt, die uns umfängt, beherrschen, um seine Selbständigkeit und Reinheit zu wahren, aber es wirkt in sie mit bildender Kraft hinein und gibt ihrem Streben ein festes Ziel wie einen Zug zur Höhe. Die Führung des ganzen Lebens liegt hier bei der Wissenschaft, da sie allein jene Welt der Ewigkeit zu eröffnen und uns gegenwärtig zu halten vermag. – Aristoteles teilt diese Bewegung, auch er sieht in der Denkarbeit das Beharrende, aber er zieht die Form kräftiger in die Welt hinein, und indem er das Gegenstück des Stoffes klar herausarbeitet, gibt er dem Gesamtbild von Welt und Leben eine noch größere Geschlossenheit. Die so auf der Höhe des griechischen Denkens gewonnene Lösung hat das Ganze des Lebens eigentümlich gestaltet und wirkt damit durch die Jahrtausende fort. Das Weltphänomen der Form ist hier in vollem Umfange anerkannt und in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt. Die Welt tritt hier unter die Herrschaft des Gegensatzes von Stoff und Form, diese bildet das schlechthin Unwandelbare, so daß ein Beharrendes suchen nichts anderes als die Formen mit voller Klarheit herausheben heißt, der Stoff dagegen befindet sich in regellosem Fluß, er wird im Lebensprozeß von der Form ergriffen und für ihre Zwecke gestaltet, aber immer wieder entweicht er – innerhalb des irdischen Bereiches – der Bindung, und will er immer von neuem gewonnen sein. So ist die Welt in steter Bewegung begriffen, aber ihr Grundbestand bleibt dabei unverändert, das Beharren bleibt dem Wandel überlegen. Auch wo die Veränderung über das Individuum hinausreicht, wie das sowohl die Geschicke der Völker als die Bewegungen der Himmelskörper vor Augen stellen, da wird keineswegs alles Beharren aufgegeben, sondern es entwickelt sich, wohl im Anschluß an die babylonische Astronomie, die Überzeugung von festen Rhythmen innerhalb der Bewegung: wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter einander in ständiger Wiederkehr folgen, so wirken auch Rhythmen im Ganzen der Welt und bei den Geschicken der Menschen; die Bewegung geht nicht ins Unendliche fort, sondern nur bis zu einem gewissen, nicht zu verschiebenden Punkte, dann lenkt sie wieder zum Ausgang zurück und beginnt einen neuen Umlauf. So ist alles alt und neu zugleich, in unablässigem Auf- und Abwogen, im endlosen Kreislauf der Perioden bleibt das Ganze der Welt unverändert. Solcher Fassung der Wirklichkeit entspricht die Arbeit der Wissenschaft. Sie hat hier nicht sowohl dem Werden der Zusammenhänge nachzugehen, als ihr Gesamtbild aus dem Durcheinander der ersten Eindrücke herauszuheben, den Fluß der Dinge zum Stehen zu bringen; sie ist nicht erzeugender, sondern beschreibender und ordnender Art. Feste Typen zu ergreifen und in einer gewissen Verwandtschaft mit der plastischen Kunst auszubilden, darin hat diese Forschung ihre Stärke; der griechischen Arbeit vornehmlich verdanken wir die Festlegung scharfumrissener Typen des Denkens und Lebens, welche die Menschheit dauernd begleiten.

Das Suchen beharrender Größen reicht vom All auch in den näheren Befund des menschlichen Daseins hinein. Die Art des politischen Lebens scheint hier an erster Stelle durch die Art der Verfassung bestimmt, die Form des Staates erscheint als das, was gegenüber dem Wechsel der Individuen den Zusammenhang des Ganzen wahrt, die Schätzung und vielfache Überschätzung der Verfassungsformen hat sich besonders von hier aus eingebürgert. Dabei entwickelt sich die Neigung, eine Idealform zu entwerfen und sie als bleibende Norm aller Bewegung politischer Verhältnisse vorzuhalten.

Besonders deutlich erscheint jenes Beharrungsstreben in der Gestaltung des Seelenlebens. Ein fester Grundstock des Lebens wird hier vorausgesetzt; seine Entfaltung stellt der Tätigkeit eine bedeutende Aufgabe, aber auch ein festes, unüberschreitbares Ziel; mit seiner Erreichung hört sie auf, ein bloßes Streben zu sein, und verwandelt sich in ein Ruhen bei sich selbst, in ein durch die eigne Betätigung und Darstellung vollbefriedigtes Wirken. Als Beispiel dessen dient namentlich die künstlerische Anschauung, die eine, die Freude enthält, ohne etwas über sich selbst hinaus zu erstreben. Der Gegensatz scheint hier gänzlich überwunden, indem die Tätigkeit in sich selbst ein Beharren aufnimmt. Wenn demnach das Glück hier nicht im Streben, sondern im Besitz gesucht wird, so ist dieser Besitz keine träge Ruhe, sondern eine fortdauernde Tätigkeit. Die Hauptaufgabe ist hier das Leben selbst als volle Entfaltung und kräftiger Zusammenschluß der eignen Natur, es gilt, nach Pindars Worten, zu werden, was man ist. Alle Mannigfaltigkeit im Lebensbereich wird aber in ein festes Verhältnis, sei es der Abstufung, sei es des Gleichgewichts, gebracht. Mit dem allen entsteht ein in sich selbst gefestigtes, bei sich selbst befindliches, bei stetiger Betätigung aller Unruhe und Hast entzogenes Leben.

Daß dies von den Philosophen entworfene Bild den Durchschnitt des griechischen Lebens beherrscht hat, wird heute niemand behaupten, eher hat es sich erst durch den Gegensatz zum Durchschnitt ausgeprägt. Aber im geistigen Leben und in der Arbeit jenes einzigartigen Volkes steht die Philosophie nicht vereinzelt da. Auch die Kunst wie die Literatur zeigt mehr Beharren als das der Neuzeit, bleibende Typen gehen durch lange Jahrhunderte, ohne die Individualität der Schaffenden zu unterdrücken. Auch die technische Arbeit hat mehr Beharren, sie verändert sich in ihren Methoden und Werkzeugen weit weniger, als es namentlich in der neuesten Zeit geschehen ist. So hat dies ganze Leben einen ruhigeren Charakter als das moderne, es trägt weniger offene Aufgaben und schroffe Widersprüche in sich, es ist weniger ein rastloses Weiterstreben, ein Hoffen und Harren auf eine bessere Zukunft als eine Zusammenfassung und Befestigung in sich selbst, es schöpft seine Befriedigung aus dem vollen Gewinn seines eigenen Wesens in der Gegenwart.

Dies Lebensideal mit seiner Ausgleichung von Beharren und Tätigkeit hat spätere Zeiten immer wieder zu sich zurückgezogen, aber alle seine edle Größe kann nicht die Voraussetzungen übersehen lassen, auf denen es ruht, und die den folgenden Zeiten hinfällig wurden. Es verlangt eine kraftvolle Natur, es verlangt eine bedeutende, auf sich selbst begründete Tätigkeit, ja es verlangt einen Glauben an die Vernunft des Grundbestandes der menschlichen Seele und der gesamten Wirklichkeit. Auch die Form kann nur da die führende Stelle behaupten, wo sie ein inneres Leben, man möchte sagen: eine Seele besitzt. In dem allen bringt der Ausgang des Altertums starke Verschiebungen. Nach Verlust der politischen Freiheit und bei Stocken des geistigen Schaffens verliert die Tätigkeit den alten Gehalt, und was an neuem geboten wird, kann den Verlust nicht voll ersetzen; schwere Probleme und Widersprüche erscheinen innerhalb des Menschenwesens und des Weltbestandes, namentlich droht die alte Harmonie zwischen Geistigem und Sinnlichem in einen schroffen Gegensatz umzuschlagen; im wesentlichen Kreise wird immer mehr die geringe Art und die Sinnlosigkeit des Alltagstreibens peinlich empfunden; der Gedanke einer ewigen Wiederkehr des Gleichen kann nunmehr alle Mühe und Arbeit als fruchtlos erscheinen lassen und damit zu einem entsetzlichen Drucke werden. Die Form endlich bewahrt beim Sinken der Schaffenskraft nicht die Seele und den Gehalt, die das Leben fordern muß.

So versanken alte Ideale, ohne daß neue sich dem Wirrwarr der Zeiten entrangen; war es ein Wunder, daß bei solcher Lage da, wo nicht aller und jeder Lebensglaube schwand, ein starkes Verlangen nach irgendwelcher vom Wandel der Zeit unberührten Wahrheit und nach voller Ruhe im Besitz einer solchen Wahrheit entstand? Ein Ewiges gilt es zu finden, das das ganze Reich des Werdens hinter sich läßt und auch dem Menschen ein neues Leben eröffnet. Ein solches Ewiges aber ist nicht innerhalb der Welt, sondern nur über ihr zu finden; so erhält das Streben einen religiösen Charakter, das künstlerische Beharrungsstreben, welches das Beharren innerhalb der Tätigkeit suchte, weicht einem religiösen, das beides in Gegensatz zu bringen geneigt ist. Ruhe im Ewigen, unter Befreiung von aller Hast und Mühe des Lebens, das wird nun zum allesbeherrschenden Ziel. Auf der Höhe des geistigen Lebens, wie bei einem Plotin, erscheint diese Ruhe freilich nicht als ein Einstellen alles Tuns, aber das Tun liegt hier gänzlich innerhalb der Seele, es wird zu einer unablässigen Anschauung des einen ewigen Seins; mit der Veränderung verschwindet auch alle Mannigfaltigkeit. Schließlich verbleibt als Lebensbestand nur eine einzige Grundstimmung, ein stilles Ruhen und freies Schweben im ewigen Sein. Die Ewigkeit hebt sich hier als stehende Gegenwart von aller bloßen Zeitdauer ab und wird der Standort, von dem aus das Vernunftwesen die Wirklichkeit erlebt. Die Ruhe im Urgrunde der Dinge jenseits aller Kämpfe und Gegensätze wird in den Wirren jener Zeit und bei jähem Sinken der Kultur das höchste, ja das einzige Ziel; alles Denken erhält einen symbolischen Charakter, der Aufstieg vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Bilde zur Wahrheit wird zum Hauptzuge des Lebens.

Das Christentum konnte die Menschheit nicht zu einer völligen Umwandlung aufrufen, nicht einen neuen Stand der Dinge verkünden, ohne mit der Geschlossenheit der altgriechischen Überzeugung zu brechen. Eben sein Erscheinen macht die Grundvoraussetzung klar, auf welcher das Alte ruhte, und die nun unhaltbar wird. Die griechische Lösung des Problems steht und fällt mit der Überzeugung, daß unsere Welt alles tatsächlich ist, was sie irgend nur sein kann, daß sie sich in einem vollendeten Stande befindet, der keiner Veränderung bedarf und kein Eingreifen fordert. Nur bei solcher Überzeugung konnte die Anschauung des Alls dem Leben seinen Hauptinhalt, und zwar einen vollbefriedigenden Inhalt geben. Das Christentum dagegen hat die gegenteilige Überzeugung, daß die Welt voll schwerer Verwicklungen ist, daß sie von einem Normalstande, den sie innehaben sollte und in Wahrheit anfänglich innehatte, herabgesunken ist, und daß es die verlorene Höhe durch eine große Wendung wiederzugewinnen gilt, die ein neues Eintreten göttlicher Liebe und Macht in unseren Bereich erfordert. Zugleich erhält das Weltganze einen wesentlich neuen Ausblick, große Taten werden nun zum Kern des Geschehens, der Schwerpunkt des Lebens verlegt sich aus dem Erkennen ins moralische Handeln, das Ganze bildet ein ethisches Drama, in dem das Heil der Menschheit, ja des ganzen Alls in Frage steht, und das gewaltigste Wendungen in sich trägt. Der Ernst dieses Dramas gestattet keine Wiederholung, der Gedanke eines Rhythmus des Geschehens, eines bloßen Auf- und Abwogens der Weltgeschicke, wird entschieden verworfen. Zugleich verschiebt sich das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit. Wohl gründete auch die Höhe des griechischen Denkens das zeitliche Geschehen auf eine ewige Ordnung, aber beides bleibt deutlich voneinander geschieden, die Ewigkeit tritt nicht in den Wandel der Zeit hinein. Das aber ist es, was nach der Überzeugung des Christentums geschieht, dies vornehmlich unterscheidet sie von anderen Lebensordnungen. Indem hier das Ewige in die Zeit eintritt, wird das Geschehen innerhalb der Zeit aufs beträchtlichste gehoben, und gewinnt es einen Wert für die tiefsten Gründe und die letzten Schicksale der Wirklichkeit. Der Aufbau eines Reiches Gottes im Bereich des menschlichen Daseins hängt damit aufs engste zusammen, nichts unterscheidet beim Zusammenstoß der alten und der neu aufsteigenden Welt die leitenden Denker beider Seiten, einen Plotin und einen Augustin, mehr voneinander als dieses, daß jener die Zeit zu einem bloßen Gleichnis der Ewigkeit herabsetzt und keinerlei geschichtliche Weiterbildung des menschlichen Daseins kennt, während bei Augustin der Aufbau einer religiösen Gemeinschaft, einer kirchlichen Ordnung, zum beherrschenden Mittelpunkt der Gedankenwelt wird. Indem der Menschheit mit jenem Aufbau und Ausbau eine große Aufgabe vorgehalten und von ihr eine Entscheidung verlangt wird, gewinnt sie zuerst eine Geschichte wahrhaftiger Art. Es ist aber jene Aufgabe dauernder Natur. Denn auch nachdem die Bewegung mit dem Siege des Christentums in ruhigere Bahnen eingelenkt ist, verbleibt die Forderung einer weiteren Ausbreitung und Durchbildung des christlichen Lebens. Dabei hat das Christentum von Anfang an in seinem Bilde des Gottesreiches der Menschheit ein hohes Ziel vorgehalten, das alle in unserer Erfahrung mögliche Leistung weit übertrifft, das daher in die menschliche Seele eine tiefe Sehnsucht einpflanzt und die Gedanken immerfort über die Gegenwart und die gegenwärtige Ordnung hinaus auf eine in Glauben und Hoffnung vorausgenommene Zukunft richtet.

An dem aber, was hier das Leben an innerer Bewegung und an geschichtlicher Gestaltung gewinnt, nimmt auch die Seele des Einzelnen vollauf teil, ja sie erfährt die Wandlung am unmittelbarsten und tiefsten. Denn nunmehr kann das Leben nicht mehr seine Aufgabe darin finden, nur eine schon vorhandene Natur deutlich herauszuarbeiten und kräftig festzuhalten. Denn die Steigerung der ethischen Forderung mit ihrem Bestehen auf einem neuen und reinen Menschen macht alle Leistung bloßer Naturkraft unzulänglich und verlangt eine Erneuerung von Grund aus. Damit zuerst entsteht eine Geschichte der Seele und gibt sich als den Kern alles Lebens. Die großen Grundsätze des Daseins stoßen hier unmittelbar aufeinander und halten den Menschen, der sich zwischen ihnen hin und her bewegt, in unablässiger Spannung.

So gibt es hier viel mehr Bewegung und Wandlung als in der antiken Gedankenwelt. Aber andererseits wirkt vieles zusammen, um das Streben nach Beharren festzuhalten und zu verstärken. Die völlige Überweltlichkeit und die persönlichere Fassung der Gottesidee gibt der auch hier, namentlich nach erfochtenem äußeren Siege, auf der Höhe des Lebens ersehnten Ruhe in Gott eine größere Wärme und Innigkeit, noch dringlicher wird das Verlangen nach völliger Befreiung von allem unsteten und unlauteren Treiben der Welt. Das Erscheinen des Ewigen in der Zeit konnte dann leicht so verstanden werden, daß es den Menschen auffordert, schon inmitten dieses Lebens sein Sinnen und Denken ganz in das Ewige zu stellen und von aller Zeit zu befreien. Dieser Gedankengang hat sich namentlich in der griechischen Kirche, vor allem in ihrem Mönchstum, befestigt und dauernd behauptet.

Im Ganzen des Lebens wirkte aber zum Beharren namentlich die Überzeugung, daß die Wahrheit, die über das Heil der Seele entscheidet, nicht aus menschlicher Kraft errungen sei, sondern daß sie an uns als eine Mitteilung Gottes, als eine übernatürliche Offenbarung komme und als solche keine Veränderung dulde. Der Verlauf der Geschichte macht die Kirche zur Hüterin dieser unwandelbaren Wahrheit; je mehr sich jene von aller weltlichen Umgebung abhebt, je weiter Göttliches und Menschliches, Übernatürliches und Natürliches auseinandertreten, desto höher wird die unantastbare göttliche Wahrheit über allen Wandel des menschlichen Lebens, über den Bereich der menschlichen Arbeit hinausgehoben.

Eine weitere Unterstützung erhielt das Beharrungsstreben durch die Lage des ausgehenden Altertums mit seiner Abneigung gegen alles selbständige Handeln und alle eigne Verantwortung; wie es im Streben nicht sowohl eine freudige Anspannung der Kraft als eine lähmende Unsicherheit über das Gelingen empfand, so mußte es das Glück nicht sowohl im Streben als im Besitz, einem völlig sicheren und untastbaren Besitze suchen. Einen solchen Besitz aber schien nur die Religion in der Fassung der Kirche zu gewähren.

Wie diese Beharrungstendenz im Mittelalter innerhalb der Religion weiter um sich griff, so gewann sie auch die ganze Verzweigung des Lebens. Bei aller schwellenden Kraft waren die neuen Völker noch nicht imstande, eine eigne Kultur hervorzubringen, so mußten sie sich an die überkommene halten, sie als den endgültigen Abschluß betrachten und unbedingt verehren. So konnte Aristoteles als der höchste Gipfel menschlichen Erkennens erscheinen, von dem man sich ja nicht trennen dürfe; so galt überall das irgend Erreichbare als in der Vergangenheit schon erreicht. Die eigne Arbeit hatte nur das Errungene treu zu wahren und es gewissenhaft den späteren Geschlechtern zu übermitteln.

Diese Denkweise pflegte das eigne Leben und den Stand der Umgebung im Licht der Vergangenheit zu sehen, sei es der Anfänge des Christentums, sei es des klassischen Altertums; die Vergangenheit mit ihren Höhepunkten war das seelisch Nächste, wie ein Schleier lag sie zwischen dem Menschen und seiner eignen Zeit. Nur insofern gab es etwas Neues zu tun, als die verschiedenen Autoritäten, an die man sich hielt, untereinander auszugleichen waren; eine solche Aufgabe hat die Scholastik aufgenommen und innerhalb der Grenzen der Sache in tüchtiger Weise gelöst. So trägt das Leben hier bei aller Emsigkeit nach außen hin im innersten Kern eine große Ruhe und Sicherheit, es bleibt gewöhnlich von aufregenden Seelenkämpfen verschont; etwaige Zweifel werden als etwas Ungeheuerliches erachtet und streng verurteilt.

Ihren Höhepunkt erreicht diese Stimmung der Ruhe in der Mystik, in geradem Gegensatz zur harten und rauhen Art der Umgebung entwickelt diese eine wunderbare Zartheit und Innigkeit, sie will das Leben des Menschen immer mehr von aller Zeit befreien, ihn jeden Tag jünger machen, ihn ganz und gar in eine »stehende Gegenwart« versetzen; allem Leid scheint entronnen und reiner Seligkeit teilhaft, wem die Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit wird. Um solcher Ruhe eine sichere Stätte in der Seele zu bereiten, wird hier das »Gemüt« als ein reines Beisichselbstsein der Seele von aller äußeren Betätigung geschieden, und wenn solche Vertiefung des Lebens in sich selbst ein freudiges Wirken zur Welt nicht hindert, so hat dieses lediglich als Erweisung der Gesinnung einen Wert. Die enge Verbindung von Gott und Welt, welche die Mystik vertritt, mag zunächst wie die sichtbare Welt so die Zeit zu bloßem Schein und Traum herabsetzen, zu einer Morgenröte, die verschwindet, wenn das Licht der Sonne erscheint, aber es liegt auch die Wendung nahe, Welt und Zeit als Ausdruck des ewigen Seins enger miteinander zu verbinden und ihnen eine größere Bedeutung zu geben; so liegen hier wertvolle Keime wie zu einer spekulativen Erfassung der Welt von innen her, so auch zu einer Entwicklungslehre.

Dies Überwiegen der Beharrungsidee zog auch dem Handeln des Mittelalters bestimmte Grenzen. Wo der Stand der Dinge, mit aller Unvollkommenheit und mit allem Leid, als die Fügung eines höheren Willens galt, da konnte es nicht die Aufgabe des Menschen sein, wesentliche Veränderungen anzustreben und die Wirklichkeit möglichst in ein Reich der Vernunft zu verwandeln; jenes Leid ertrug sich um so leichter, als das ganze irdische Leben nur als ein flüchtiger Durchgang zu einem besseren Sein, zu dem wahren »Vaterlande« galt. So beschränkt sich das helfende Wirken darauf, in allen einzelnen Fällen die vorgefundene Not nach bestem Vermögen zu lindern, nicht aber wird das Elend bis in seine Quellen zurückverfolgt und durch eine Wandlung der allgemeinen Verhältnisse von Grund aus zu heben gesucht. Wie aber der Stand der Menschheit als in der Hauptsache unwandelbar hingenommen wird, so gilt auch die große Welt draußen als von überlegener Schöpferkraft ein für allemal festgelegt, im besonderen liegt der Gedanke einer Veränderlichkeit der Lebensformen fern, die Natur erscheint als die treue Bewahrerin der Gestalt, die der Schöpfer den Dingen aufgeprägt hat. Diese ältere Art des Lebens hatte große Vorzüge. Sie gab dem Leben ein inneres Gleichgewicht und dem Menschen das Bewußtsein, von sicherer Wahrheit umfangen zu sein, sie gewährte eine unvergleichlich größere Ruhe, als sie späteren Zeiten beschieden war. Aber sie hatte eine Voraussetzung, deren Erschütterung das Ganze hinfällig machte, die Voraussetzung, daß in jenen Leistungen der Vergangenheit, an die sie sich hielt, das denkbar Höchste, die volle Wahrheit erreicht sei; erschienen neue Aufgaben und neue Kräfte, erfolgten eingreifende Wandlungen im Grundbestande des Lebens und im Gesamtblick der Wirklichkeit, so mußte ein Widerstand gegen jenen Abschluß kommen, ein Widerstand, der sich nicht durch eine freundliche Vereinbarung schlichten ließ, sondern der zu einem völligen Bruche trieb. Denn sobald die Überzeugung Boden gewann, daß die überkommene Art die Fülle des Lebens nicht erschöpfe, daß sie viele Aufgaben unangegriffen liegen lasse, deren Lösung möglich, ja schlechterdings notwendig sei, sobald mit einem Worte die Unfertigkeit und die Unzulänglichkeit des Alten außer Zweifel trat, mußte sein Anspruch, das Letzte und Ganze zu sein, als eine Irrung erscheinen, die zugunsten der Wahrheit mit größtem Nachdruck zu bekämpfen sei; mit Unrecht dünkte hier die Leistung einer besonderen Zeit festgelegt und zur bleibenden Norm für alle Zeiten erhoben; es konnte sich das zu dem Vorwurf steigern, daß jenes Unterfangen Zeitliches als ewig, Menschliches als göttlich darstelle. Die Entscheidung des Kampfes, der daraus hervorgeht, liegt aber daran, ob die Neuzeit in Wahrheit ein selbständiges Leben hervorgebracht hat oder nicht; hat sie das, hat sie über alle menschliche Meinung hieraus neue Kräfte entfaltet, wesentlich Neues aus Leben und Wirklichkeit gemacht, gibt es eine eigentümliche moderne Kultur und eine eigentümliche geistige Art des modernen Menschen, so ist die Grundlage zerstört, auf der das Mittelalter mit seiner Beharrungslehre ruhte.

Es war aber beim Aufsteigen des neuen Lebens keineswegs die Absicht der Handelnden, etwas wesentlich Neues und anderes zu bringen, vielmehr glaubte man in dem, was man brachte, nur das Alte von einer Entstellung zu befreien und es zu seiner ursprünglichen Art zurückzuführen. So fühlten Renaissance und Reformation sich nicht als die Träger eines neuen Lebens, was sie in Wirklichkeit waren, sondern als die Wiederhersteller eines alten; sie wollten nicht etwas Neues, sie wollten nur das richtig verstandene Alte. Erst das 17. Jahrhundert und das Vordringen der Aufklärung gab dem Neuen ein volles Bewußtsein eigener Art, so daß Altes und Neues nun deutlich auseinandertraten; zugleich ließ sich nicht vermeiden, zwischen beide ein mittleres Zeitalter (medium aevum), ein Mittelalter, einzuschieben. So war die übliche Einteilung der Geschichte gefunden, mit all den Mängeln, die einer solchen Zerlegung anhaften, aber doch als eine unvermeidliche Notwendigkeit. Zugleich war erkannt, daß sich das menschliche Dasein in Bewegung befindet; die Neuzeit konnte ihr eigenes Recht nicht erweisen, ohne mit der überkommenen Beharrungslehre zu brechen.

Wie der Bewegungsgedanke mehr und mehr in die einzelnen Gebiete eingedrungen ist, und wie er alles, was ihm entgegenstand, schließlich auch die organischen Formen, mehr und mehr aufgelöst hat, das gehört nicht in unsere Betrachtung hinein, die sich mit der Gesamtart des Lebens und der Arbeit zu befassen hat. Vor allem ist hier die Veränderung der Grundvoraussetzung gegenüber den früheren Lebensordnungen anzuerkennen, die immer deutlicher zutage tritt. Den Griechen besagte die Welt bei aller Bewegung des Einzelnen ein fertiges und abgeschlossenes Ganzes, sie forderte nicht eine wesentliche Veränderung. Das Christentum dagegen mit seiner moralischen Schätzung der Dinge fand die Welt voll Irrung und Schuld, ja mit einem durchgängigen Widerspruch behaftet, mit einem so schweren Widerspruch, daß seine Lösung nicht von der eigenen Bewegung der Welt, sondern nur von überweltlicher Macht zu erwarten war. Der Hauptzug der Neuzeit dagegen kennt keinen solchen Gegensatz, auch das Göttliche möchte er in immanenter Denkweise ganz und gar mit der Welt verketten und verschmelzen. Aber mag sich darin eine Annäherung an die Antike vollziehen, einen Hauptunterschied bildet dieses, daß die Welt jetzt nicht als fertig, sondern als mitten im Werden befindlich gilt, und daß sie zugleich den Menschen weit mehr zu eignem Handeln aufruft; die Wirklichkeit erscheint als ein Ganzes, das sich durch seine eigne Bewegung vollendet. Wohl dünkt die Welt, so wie sie vorliegt, höchst unvollkommen, aber sie befindet sich nach moderner Überzeugung in einem sicheren Aufsteigen zur Höhe; das muß die Lebensstimmung wie die Art der Arbeit eingreifend gegen frühere Zeiten verändern. Hatte zum Beispiel vorher die Wissenschaft die Aufgabe, beharrende Formen aus der Flucht der sinnlichen Erscheinungen herauszuheben und die vollendete Gestalt die Bewegung beherrschen zu lassen, so scheint nun die Zeit für die Bildung der Wirklichkeit unentbehrlich; nun gilt es, den vorgefundenen Stand durch Verfolgung seines Werdens von den ersten Anfängen her durchsichtig zu machen und zugleich dem Menschen mehr Macht über die Dinge zu erringen. Denn wer vom Werden aus versteht, der kann in die Dinge eingreifen und sie nach den Zwecken des Menschen lenken. Indem daher das Wissen aus einem Anschauen der Wirklichkeit ein Nachschaffen wird, verbindet es sich enger dem Leben und hebt es seine Tätigkeit. Die Wissenschaft führt die Bewegung zur Unterwerfung der Welt unter den Menschengeist; so konnte Bacon mit Recht von einem Reich der Philosophie und der Wissenschaften reden.

Das neue Leben nimmt vom vorhandenen Stande nichts als unwandelbar hin, auch den schwersten Problemen hält es die Hoffnung einer besseren Zukunft entgegen. Aufgaben über Aufgaben werden ersichtlich, überall erscheint eine Fähigkeit der Steigerung, unbegrenzte Möglichkeiten eröffnen sich. Steigerungsfähig, nicht an einen festen Einsatz der Natur gebunden, erscheint zunächst der Mensch bei sich selbst. Denn nichts scheint dem vernünftigen Wesen eigentümlicher als ein Innewohnen unendlichen Lebens und Strebens; so ist den Kräften nicht ein bestimmtes Maß gesetzt, sondern sie scheinen wachsen und immer weiter wachsen zu können. Steigerungsfähig ins Unbegrenzte scheint ferner das staatliche wie das wirtschaftliche Leben, das aber sowohl in der Richtung der möglichsten Austreibung aller Unvernunft aus den menschlichen Dingen, der fortschreitenden Verwandlung unseres Daseins in ein Reich der Vernunft, als auch in dem Streben, die sinnlichen wie die geistigen Güter möglichst allen einzelnen Gliedern der Gemeinschaft mitzuteilen. Da auch die geistige Arbeit in aller ihrer Verzweigung von der Bewegung ergriffen wird, so bestimmt die Fortschrittsidee immer mehr den Gesamtcharakter des Lebens. Indem die Bewegung immer mehr alle ihre gegenüberliegenden Ziele auflöst und die Ziele selbst nach ihren wechselnden Bedürfnissen immer neu gestaltet, wird mehr und mehr sie selbst mit ihrem unablässigen Anschwellen zum Hauptinhalt des Lebens, sie will schließlich nichts über sich selbst hinaus, die Kraftsteigerung selbst wird zum allesbeherrschenden Ideal, das mit dem alten der Formgebung aufs härteste zusammenstoßen muß, »das Werden ist die Wahrheit des Seins« nach Hegels Wort.

In dieser Weise die Herrschaft über das Leben erringen oder fordern kann die Bewegung nicht, ohne die Regellosigkeit zu überwinden, die ihr bis dahin anhaftete und zu hartem Vorwurf gereichte, sie muß bei sich selbst einen festen Zusammenhang und eine sichere Richtung finden. Das aber geschieht, indem sie sich zu einer Entwicklung gestaltet. Denn diese macht alle einzelnen Phasen zu Stufen einer fortschreitenden Bewegung, in der sich das eine zum andern fügt und sich alle einzelnen Leistungen zu einem Gesamtwerk verbinden. Dieser Entwicklungsgedanke vermag sich über die ganze Wirklichkeit auszudehnen und sie aus einem Guß zu gestalten. Gerade die Denker, welche als Hauptvertreter der modernen Kulturbewegung gelten dürfen, haben der kosmisch gefaßten Entwicklungsidee einen besonders großartigen Ausdruck gegeben. So Leibniz mit seinen zahllosen Monaden, die sich alle in langsam, aber sicher aufsteigender Bewegung befinden, und deren Fortschritte sich zu einem unablässigen Vordringen der Vernunft summieren; so Hegel, der die Bewegung des Alls durch ein immer neues Entstehen und Überwundenwerden von Widersprüchen fortschreiten läßt; jedes Einzelne muß hier mit seiner Besonderheit in den Strom des Werdens vergehen, aber als eine Stufe des Ganzen bleibt es in ihm dauernd bewahrt. Dem Gesamtgedanken der Bewegung im modernen Sinne hat der Dichter einen begeisterten Ausdruck gegeben:

»In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Wehe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.«

Solche Wandlungen erzeugen ein neues Verhältnis von Zeit und Ewigkeit und ergeben zugleich eine eigentümliche Schätzung der Gegenwart; eine nähere Betrachtung dessen zeigt bald, daß die Entwicklungsidee selbst eine Entwicklung besitzt, und daß sie dabei drei Hauptphasen durchlaufen hat. Die erste Phase entspringt aus der Religion, namentlich der religiösen Spekulation, wie sie mit Augustin beginnt und von der philosophischen Mystik fortgeführt wird. Wie hier die Welt in ihrer Mannigfaltigkeit als eine Darstellung, eine Auswicklung der göttlichen Einheit erscheint, so bildet der Gesamtlauf der Zeit eine Auswicklung des ewigen Seins; zu einem solchen Ausdruck der Ewigkeit kann die Zeit nicht werden, ohne selbst an Bedeutung zu gewinnen und sich mehr zu einem fortlaufenden Ganzen zusammenzuschließen. Hier zieht das Geschehen innerhalb der Zeit allen Gehalt und Wert aus der Ewigkeit und bleibt daher über sein nächstes Dasein hinaus auf jene gerichtet, auch die Seele des Menschen behält in der Mystik bei aller Arbeit an der Welt eine stille, vom Gewirr der Welt unberührte Tiefe. Es folgt dann eine künstlerisch-spekulative Phase, die das Ewige mehr und mehr in unsere Welt hineinzieht und sie schließlich ganz darin aufgehen läßt; die Bewegung der Wirklichkeit erscheint hier als die Entfaltung eines allumfassenden Lebens, das dadurch selbst zur vollen Verwirklichung kommt. So künstlerisch am großartigsten bei Goethe, philosophisch bei Hegel. Hier wird das Leben nicht über sich selbst hinaus auf ein jenseitiges Sein verwiesen, aber jede einzelne Betätigung steht innerhalb des Lebens eines Ganzen und wird von ihm durchwaltet; so kann das Leben eine Tiefe bei sich selbst gewinnen, im Strome der Zeit das Überzeitliche ergreifen, es kann nach Goethes Ausdruck der Augenblick ein Vertreter der Ewigkeit werden. Endlich aber kommt es zu einer naturwissenschaftlich-positivistischen Entwicklungslehre, die alles, was auf Ewigkeit Anspruch macht, gänzlich hinter den Lebensprozeß verlegt und diesen möglichst restlos in die Bewegung und Verschiebung der Elemente aufgehen läßt. Alsdann verläuft das Geschehen in einer einzigen Fläche und erschöpft sich ganz im unmittelbaren Dasein, es hat in keiner Weise etwas dahinter Befindliches darzustellen oder ihm zu dienen; so kann es auch nicht um irgendwelchen Sinn befragt werden. Das Leben zerfällt hier völlig in ein Nebeneinander einzelner Vorgänge und in ein Nacheinander der Augenblicke, die wohl eine gewisse Summierung ergeben, nicht aber einen inneren Zusammenhang bilden.

Diese Phasen sind kein bloßes Nacheinander, es erhält sich namentlich die zweite auch neben der dritten, aber dem Hauptzuge nach hat die Bewegung sich immer mehr in das nächste Dasein verlegt und alles Beharren immer entschiedener ausgeschieden, zugleich hat sie immer schärfer einen eigentümlichen Lebenstypus ausgeprägt, der den Gegensatz der alten und der neuen Art zur vollsten Entfaltung bringt. Konnte früher als das höchste Ziel erscheinen, das Leben von der Ewigkeit aus zu führen und ein Ewiges in ihm zugegen zu halten, so soll es sich nun dem Fluß der Zeit und dem wechselnden Augenblick möglichst enge verketten. Wurden früher dem Handeln unwandelbare Ideale vorgehalten, an denen sich alles Unternehmen zu messen und denen gemäß es sich zu gestalten habe, so werden diese nun zu einer Bedrückung und Beengung, und es wird für alles, was sich regt und aufstrebt, das gleiche Recht und die vollste Freiheit verlangt. So bleibt das Leben in unablässiger Wandlung, je mehr es das tut, je weniger es stockt und stagniert, desto höher scheint es zu stehen; gibt ihm doch solche Beweglichkeit einen unermeßlichen Gewinn an Freiheit und Fülle, an Frische und seelischer Nähe. Solcher Wandlung folgen auch die einzelnen Gebiete. Die Erziehung verändert sich bis zum Grunde, wenn nunmehr der Mensch nicht für ein zeitüberlegenes Menschheitsideal, sondern für die Bedürfnisse seiner eignen Zeit gebildet werden soll; die Gesetzgebung hat jetzt nicht gleichförmige Forderungen durchzusetzen, sondern sie muß der jeweiligen Lage entsprechen und ihren Wandlungen rückhaltlos folgen. In solchem Zusammenhange gewinnt der Begriff des Modernen eine eigentümliche Bedeutung und Anziehungskraft. Nicht zähe am Alten zu hangen, sondern das flüssige und flüchtige Jetzt zu ergreifen, es kräftig herauszuarbeiten und ihrer Art das Dasein immer neu anzupassen, das scheint hier das Haupterfordernis zum Gelingen des Lebens; nur damit scheint es vollauf unser eignes Leben zu werden, nur damit das zu erreichen, was in diesen Zusammenhängen Wahrheit zu heißen vermag. So ein Auflösen aller Starrheit, ein Flüssigwerden aller Größen, eine völlige Hingebung an den Strom der Dinge.

Was wir aber so für uns selbst verlangen, das müssen wir auch den anderen Zeiten vergönnen, wir dürfen sie nicht von uns aus, wir müssen sie aus sich selbst verstehen, wir dürfen sie nicht an einem absoluten Maßstabe, wir müssen sie an dem messen, was sie selbst sich zum Ziele setzten. So entsteht der Relativismus einer geschichtlichen Betrachtungsweise und entwickelt das Vermögen des Menschen, sich mit voller Hingebung in alle Gestalten der Vergangenheit hineinzuversetzen, sie nachzubilden, ja nachzuleben. Eine unermeßliche Weite und unbegrenzte Elastizität wird damit dem Leben gewonnen; was immer die Menschheit bewegt, scheint auch uns zu eigen zu werden.

Aber aller Gewinn, den solches Beweglichwerden des Lebens, solche Schmiegsamkeit und Anpassungsfähigkeit des Menschengeistes brachte, hatte eine Kehrseite, die wohl dem Individuum, nicht aber der geistigen Arbeit entgehen kann. Alle geistige Arbeit bedarf einer Zusammenfassung der Mannigfaltigkeit und einer Bewältigung des ersten Eindrucks, sie ist nicht möglich, wenn den Menschen die Flut der Erscheinungen wie einen Spielball bald hierher, bald dorthin wirft, sie bedarf eines festen Standorts; sie kann diesen aber nur in Gegensatz zu jener Beweglichkeit finden. So ist denn auch das Schaffen der Neuzeit inmitten aller Veränderung von Anfang an eifrig darauf bedacht gewesen, irgendwelchen festen Punkt zu finden, von dem aus das Reich des Werdens sich verstehen und beherrschen lasse. Es fragt sich nur, ob sie ein solches Festes gefunden und zur Wirkung gebracht hat, ob sie es überhaupt in dem von ihr abgesteckten Lebenskreise zu finden vermochte.

Es hat aber die neuere Denkarbeit namentlich in zwiefacher Weise dem Vordringen der Bewegung etwas Festes entgegengesetzt: einmal von der Philosophie, dann von der Naturwissenschaft aus; dort war es das Denken selbst, hier das Naturgesetz, das dem Ganzen des Lebens einen sicheren Halt zu versprechen schien. Den Anfang der neuen Philosophie bezeichnet die Wendung des Descartes zum denkenden Ich als dem archimedischen Punkte, den niemand bezweifeln könne; es war aber dabei nicht sowohl der einzelne Punkt als das Denken selbst, das den suchenden Geist zur Sicherheit führen soll; was es als klar und deutlich erkennt, das darf als sichere Wahrheit gelten. Einer derartigen Leistung war das Denken nicht fähig als ein leeres Gefäß oder als eine jeder Anregung nachgebende Masse, es bedurfte dazu eines festen Stammbesitzes, und diesen schienen ihm innewohnende Wahrheiten, die sogenannten eingeborenen Ideen (ideae innatae), zu bieten. Nur mit ihrem Besitz konnte es sich der Flut der Erscheinungen entgegenwerfen und den vorgefundenen Stand der Dinge nach seinen Forderungen umzugestalten wagen. Solche ewigen Wahrheiten verfechten nicht nur Denker wie Spinoza und Leibniz mit voller Zuversicht, es hat sie nicht nur in anderer Wendung auch Kant, indem er eine beharrende intellektuelle Struktur des Geistes aller Erfahrung und zugleich aller Veränderung voranstellt, sondern das Ganze der Aufklärung setzt sie bei dem Streben voraus, allen überlieferten Befund auf sein Recht zu prüfen, und wenn er diese Prüfung nicht besteht, ihn auszutreiben oder umzuwandeln. Durch eine derartige Aufforderung, sich vor einer zeitlosen Vernunft zu erweisen, wird das ganze Dasein gründlich aufgerüttelt, gesichtet und belebt, eine rationelle Kultur tritt mit freudiger Zuversicht der Überlieferung entgegen, die bis dahin in Herrschaft stand; das Denken wird dabei zum Maß aller Dinge und zum festen Pol in der Erscheinungen Flucht.

Aber so viel diese Bewegung geleistet hat, einen reinen Sieg hat sie nicht ergeben; ihrer Durchführung erwuchsen Schwierigkeiten, von innen wie von außen: von innen, weil die eigne Begründung des Denkens schwere Zweifel hervorrief und die Geister auseinandertrieb, von außen, weil das geschichtliche Werden mit seiner Unermeßlichkeit einer Umspannung und Bewältigung durch das Denken hartnäckigen Widerstand leistete und die versuchte Bindung immer entschiedener abwies. Wer ist der Träger des Denkens, wo entspringt es, und wie wirkt es? Descartes und die Aufklärung fanden kein Bedenken darin, das Individuum zu jenem festen Träger zu machen, eine wesentliche Gleichheit der Vernunft in allen war dann vorausgesetzt. Wurde diese Voraussetzung bestritten, und sie wurde gar bald bestritten, so war die Allgemeingültigkeit der Wahrheit und damit sie selbst erschüttert. Kant setzte solchem Zweifel die Annahme einer geistigen Struktur des Menschengeistes entgegen, die in großen Werken, vornehmlich dem Aufbau einer wissenschaftlichen Erfahrung und in der Erzeugung des Sittengesetzes, ersichtlich wird; aber gegen die Sicherheit und die Eindeutigkeit dieser Werke kann sich mancher Zweifel erheben, er wird dann auch jene gemeinsame Struktur treffen. Wenn Hegel endlich das Denken zur allumfassenden und allbewegenden kosmischen Macht erhob, so gab er damit alle Anknüpfung an das unmittelbare Seelenleben preis und erhob den Menschengeist zu voller Absolutheit; diese mußte aber gerade im 19. Jahrhundert mit der wachsenden Erkenntnis der Enge und Gebundenheit des Menschen auf härtesten Widerstand stoßen. So entsteht das Dilemma, daß entweder das Denken mit der Bindung an den Menschen in die Unsicherheit und Zersplitterung hineingerät, die dem menschlichen Dasein anhaftet, oder aber, daß es bei Ablösung davon das eigne Vermögen überspannt und bei kühnem Ikarusflug schließlich ins Leere fällt.

Greifbarer noch als diese innere Verwicklung ist der Widerstand des geschichtlichen Lebens gegen den Herrscheranspruch eines zeitüberlegenen Denkens. Schon früh setzt dieser Widerstand ein, das Vordringen der historischen Denkweise verstärkt ihn, immer deutlicher zeigt die Erfahrung der Geschichte, daß die Unterschiede und Wandlungen der Zeiten sich wie in das Innere der Seele hinein, so auch in die Gestaltung des Denkens erstrecken, daß höchstens gewisse Elementarformen überall durchgehen, die ohne Bedeutung für den Inhalt des Lebens sind. Aus den Formen selbst suchte Hegel mit großartiger Kraft ein Weltgewebe hervorzuspinnen und in dies Gewebe den ganzen Bestand der geschichtlichen Wirklichkeit umzuwandeln. Aber nicht nur verblaßte dabei der lebendige Gehalt und die Individualität der geschichtlichen Bildungen, es entstand auch der härteste Widerspruch zwischen notwendigen Forderungen des Denkens und der Geschichte. Das Denken kann die Geschichte nicht in einen Gesamtanblick fassen, ohne sich ihr gegenüberzustellen und sie als abgeschlossen zu behandeln; damit aber fällt alle Möglichkeit einer Weiterbewegung, und es wird die Geschichte innerlich zerstört. Wahrt sich aber die Geschichte das Recht eines unbeschränkten Fortgangs, so wird von ihr aus das Denken als bloßer Ausdruck einer besonderen Zeit, »die Zeit in Gedanken gefaßt«, erscheinen; dann aber hat jede Zeit dasselbe Recht wie die andere, es gibt keine Möglichkeit einer Zusammenfassung und zugleich die einer Durchleuchtung der Geschichte vom Denken her. Führt jenes zu einem unerträglichen Stabilismus, so dieses zu einem nicht minder unerträglichen Relativismus. Im Gesamtlauf der Menschheit hat die geschichtliche Bewegung das ihr aufgedrängte Schema zersprengt, über das zeitlose Denken gesiegt und dem Relativismus Recht gegeben; so hat das Denken den Anspruch, von sich aus das Leben ins Feste und Ewige zu heben, nicht durchsetzen können.

Noch weniger ist das von der Natur aus mit Hilfe des Gesetzesbegriffes gelungen. Daß sich der modernen Forschung das Beharrende der Natur von den Gesamtgebilden in die Elemente und ihre Wirkformen verlegte, – nichts anderes sind die Gesetze –, das ist eine Verschiebung von höchster Bedeutung; das Beharren ist damit nicht aufgegeben, aber es wird dadurch sehr beschränkt, der Veränderung wird viel mehr Raum gewährt. Für das Geistesleben aber würden jene elementaren Gesetze nicht leisten, was bei unserem Problem in Frage steht. Denn alles Verlaufen des Geschehens in einfachen Grundformen gibt dem Leben keinen inneren Zusammenhang und unterwirft die Mannigfaltigkeit nicht gemeinsamen Zielen; alle Beharrlichkeit der Gesetze würde uns den wechselnden Strömungen des Lebens gegenüber wehrlos lassen; wir können nach derselben Logik denken und doch unter dem Einfluß verschiedener Interessen und Gedankenmassen zu grundverschiedenen Ergebnissen kommen, wir können in denselben Formen denkend immer weiter in der Sache auseinandergehen.

So überzeugen wir uns, daß, was die Neuzeit auf ihrem Boden der Bewegung gegenüber an Festem entgegensetzt, entweder selbst in die Bewegung und den Streit hineingezogen wird, oder aber, soweit es unbestreitbar, den Forderungen des Geisteslebens nicht genügt, uns für Streben und Schaffen nicht den nötigen Inhalt gewährt. Das Gesamtergebnis ist also, daß die in der Neuzeit aufsteigende Bewegung kein hinlängliches Gegengewicht findet; so muß sie mit elementarer Kraft weiter und weiter vordringen und allen Widerstand auflösen. Unterstützt wird das weiter durch die rapide Beschleunigung des Lebens von außen her, welche die neueste Zeit durch den so viel rascheren Verkehr, die Erleichterung gegenseitiger Mitteilung, das Zusammendrängen der Menschen vollzogen hat und immer noch weiter vollzieht. So ist es vollauf begreiflich, daß auch innerhalb der Bewegungstendenz die schrofferen Formen mehr und mehr die milderen verdrängen, daß alles verblaßt und entfällt, was die älteren Fassungen an Beharrendem boten, was namentlich die eigentliche Entwicklungslehre als ein Sichselbstentfalten des Weltlebens enthielt. Mehr und mehr wird das Leben ein unablässiger Wandel, ein stetes Fallenlassen und Neuergreifen, ein jeder neuen Anregung Folgen, ein Dahintreiben mit dem Strom der Dinge. Wenn es sich damit ganz und gar in die unmittelbare Gegenwart verlegt, wie wir sahen, sich von allem Druck der Vergangenheit befreit und eine sonst ungekannte Leichtigkeit und Wandlungsfähigkeit gewinnt, so mag es sich mit solcher Wendung zur Modernität den Gipfel aller Zeiten dünken.

Aber auch hier bewährt sich, daß der äußere Sieg, das volle Durchdringen von Lebensmächten, den Beginn einer Wendung zu bilden pflegt, daß eben die Ausschließlichkeit die Grenzen zeigt, und daß damit innerlich unzulänglich, ja unerträglich wird, was äußerlich noch immer vordringt. Die Wendung wird zunächst in einem jähen Umschlag des Lebensgefühles bemerklich, der den Wert der Veränderung vollständig anders einschätzen läßt. Die Versetzung des Lebens in Bewegung erschien mit ihrer Erregung der Kraft, ihrem Erzeugen immer neuer Bilder, ihrem Entwerfen immer neuer Ziele, ihren unbegrenzten Möglichkeiten zunächst als ein reiner Gewinn, sie schien das Leben in höherem Grade zu einem eignen zu machen und den Menschen sich selbst unvergleichlich näher zu bringen. Diese Schätzung mag der Einzelne immer noch festhalten, sofern er, nur auf sein eignes Wohl bedacht, sich in den Strom des Lebens hineinwirft und in ihm weiterzukommen sucht. Aber als denkendes Wesen kann er nicht umhin, auch das Ganze zu überdenken und die Frage zu stellen, was alle Aufregung und Anspannung, alle Mühe und Arbeit das Ganze gewinnen läßt. Wenn er dann aber nicht versteckterweise andere Gedankenmassen zur Ergänzung heranzieht, so wird er die innere Leere, die Sinnlosigkeit dieses Lebens, die Auflösung aller Zusammenhänge nicht zu verkennen vermögen. An der Bewegung sah man bis dahin nur die eine Seite: das Entstehen von Neuem in unerschöpflicher Fülle, man sah nicht die andere: das ebenso rasche Verschwinden und die innere Verflüchtigung, die das Leben mit solchem Kommen und Gehen erfährt. Ein Leben bloßer Veränderung kann nicht froh und sicher in die Zukunft blicken, denn wo alle beharrenden Ziele fehlen, da liegt die Zukunft, ihrem geistigen Charakter nach, in tiefem Dunkel, da können wir nicht wissen, ob der morgende Tag nicht einen völligen Umschlag bringt. Ein solches Leben enthält keine feste Vergangenheit und daher auch keine Geschichte; denn der stete Wandel rückt unablässig die Dinge in wechselnde Beleuchtung, er muß das, was wir waren und taten, uns immer wieder entfremden, wir lösen uns selbst in wechselnde Bilder auf. Am wenigsten hat ein solches Leben eine echte Gegenwart, eine Gegenwart geistiger Art. Denn zu einer solchen genügt nicht die bloße Zeit, es bedarf dazu einer Erfüllung der Zeit mit einem Gehalt, wie ihn nur beharrende und zusammenhaltende Ziele zu gewähren vermögen. Jene völlige Bewegung aber zerlegt das Leben in immer kleinere Stücke, ja in einzelne Augenblicke, alles Haschen nach Gegenwart läßt hier schließlich nur die Meinung, den Schein einer Gegenwart erreichen. So aber droht überhaupt dies Leben, wenn es keinerlei Gegenwirkung erfahrt, bei aller Regsamkeit immer mehr ein bloßes Begehren des Lebens, ein Halb- und Scheinleben zu werden. Nehmen wir hinzu, was zu oft geschildert ist, um uns hier beschäftigen zu sollen, daß jene Auflösung aller Zusammenhänge unvermeidlich die innere Verarbeitung der Eindrücke und Erlebnisse hemmt und das Leben und Streben mehr und mehr an die Oberfläche treibt, es immer wehrloser und abhängiger von außen macht, ferner auch dieses, daß die einzelnen Bewegungen auf den verschiedenen Gebieten, bei den Menschen, ja auch innerhalb des einzelnen Menschen sich leicht miteinander widersprechen, einander durchkreuzen und sich gegenseitig stören, so muß eine Ermüdung, ja ein Überdruß an all dem wirren und schließlich leeren Getriebe aufkommen, um sich greifen und eine Sehnsucht nach mehr Ruhe, nach mehr Selbständigkeit: des Lebens erzeugen. In merkwürdiger Weise sehen wir eben in unserer Zeit die alte Mystik von neuem Anziehung üben und die indischen Religionen mit ihrer Ablösung des Menschen von den Sorgen und Wirren der Zeit mannigfache Freunde auch im Westen gewinnen; sollte das nicht mit jenem Umschlag des Lebensgefühles zusammenhängen?

Nun besagt ein solcher Umschlag an sich nicht viel, mag er doch selbst dem regellosen Auf- und Abwogen angehören, worin die bloße Bewegung das Leben verwandelt. Nur insofern kann er von Nutzen sein, als er eine unbefangenere Schätzung des Gesamtproblems gestattet und die Einseitigkeit der Schätzung überwindet, unter der wir bis dahin litten. So geschieht es oft im menschlichen Leben: Bewegungen kommen auf, ergreifen die Gemüter, reißen sie unwiderstehlich mit sich fort. Man gewahrt an ihnen nur die Leistung, nirgends die Schranke, nur das Vordringen, nicht die Voraussetzung, nur die Gesamtrichtung, nicht die Probleme und vielleicht gar Widersprüche der näheren Fassung; so sind sie gegen alle Angriffe gefeit, und kein Aufweis von Mängeln und Fehlern kann ihnen etwas anhaben; alle nüchterne Erwägung kommt zunächst gegen den Zustand der Berauschung nicht auf, der die Menschheit befallen hat. Aber schließlich wird doch eine Schranke empfunden, und dann verfliegt rasch die Anziehungskraft; was immer jene Bewegung an Problemen enthielt, tritt nun mit voller Klarheit hervor, es liegt dann nahe, zu unterschätzen, ja ungerecht zu behandeln, was lange Zeit überschätzt war. Einen solchen Umschlag erfahren wir heute gegenüber dem Unternehmen, das Leben in bloße Bewegung zu verwandeln, wir erfahren es freilich erst auf der Höhe der geistigen Arbeit, nicht bei der breiten Masse, die den Bewegungen nachzuhinken pflegt, und die etwas dann erst im Entstehen glaubt, wenn es zu ihrer Kunde gelangt. Klar wird uns mehr und mehr die Voraussetzung, unter der allein jene Bewegungstendenz die Führung des ganzen Lebens an sich zu nehmen vermochte, es ist die Voraussetzung, daß die Bewegung ein sicheres und unablässiges Aufsteigen ist, daß sie alle Hemmungen, die ihr begegnen oder die sie aus sich selbst erzeugt, aus eignem Vermögen überwinden kann; nun und nimmer dürfen aus ihr Verwicklungen hervorgehen, denen gegenüber sie wehrlos ist. Sofern sich das zu einem Gesamtbilde von Welt und Geschichte erweitert, enthält es die Forderung nicht nur eines vernünftigen Grundbestandes unserer Wirklichkeit, sondern auch des Vermögens des Menschen, sich seiner vollauf zu versichern; ein Rationalismus und Optimismus ist hier nicht zu entbehren. Gegen diesen haben sich aber nicht nur von außen her die mannigfachsten Bedenken erhoben, auch von innen her will er uns leicht als flach und unwahr erscheinen. Steht uns doch deutlich vor Augen der harte, ja wilde Kampf ums Dasein in der Natur wie bei der Menschheit, die Gebundenheit und die Unsicherheit des schaffenden Lebens in der Welt, der wir angehören, vor allem aber die Unzulänglichkeit des Menschen für die geistigen Aufgaben, an denen der Wert seines Daseins hängt, der weite Abstand echter Geisteskultur von dem, was die Menschen Kultur zu nennen belieben. Auch bei der neueren Gestaltung jenes Daseins ist uns die Voraussetzung unsicher geworden, worauf die Deutung der Geschichte als einer zur Vernunft aufsteigenden Entwicklung ruht, die Voraussetzung nämlich, daß die Bewegung von einem festen Ausgangspunkt her in sicherem Zuge ihrem Ziele zustrebt, daß aller Zweifel nur die nähere Gestaltung trifft, nicht sie als Ganzes in Frage stellt. Denn der eigne Stand der Gegenwart mit seiner völligen Unsicherheit über letzte Ziele des Menschen und über den Sinn seines Daseins erweist zur Genüge, daß der Zweifel sich auch auf das Ganze erstreckt, und daß auch das Ganze, um zu uns zu wirken, unserer fortlaufenden Anerkennung und Aneignung bedarf. Ist aber dies der Fall, so kann die Entwicklung nicht das letzte Wort bedeuten, so tritt vor die Entwicklung die Tat und Entscheidung. Zugleich wird klar, welche Schwierigkeiten im Verhältnis von Tat und Entwicklung liegen, und wie leicht die Entwicklung mit dem Grundbegriff der Geschichte feindlich zusammenstoßen kann. Wo Entwicklung herrscht, da weist die Ordnung des Ganzen der einzelnen Stelle ihre Leistung zu, da schreibt sie ihr die Richtung vor, da gibt es kein Wählen und Entscheiden. Ohne ein solches kann aber keine Geschichte im eigentümlich menschlichen Sinne entstehen. Von geschichtlicher Entwicklung zu reden, ist genau betrachtet ein Unding; wo Entwicklung, da ist keine wahrhaftige Geschichte, und wo Geschichte, keine Entwicklung. Denn zur Geschichte bedarf es der eignen und freien Entscheidung, diese aber wird durch die Entwicklung ausgeschlossen.

Vor allem aber stellt eben der Versuch der Verneinung mit zwingender Deutlichkeit die alte Wahrheit heraus, daß zum Wesen geistigen Lebens eine Erhebung über die Zeit gehört, daß ohne sie das Wahre der bloßen Meinung, das Gute der bloßen Nützlichkeit, überhaupt aber alles selbständige Leben, dem bloßmenschlichen Tun und Treiben untergeordnet und aufgeopfert wird. Solche Verzerrung des Lebens kann schließlich auch der Mensch nicht ertragen, da sie alles, was ihn von der bloßen Natur unterscheidet, des Zweckes und Sinnes beraubt und sein Leben zu völliger Leere verdammt. Leere aber ist noch schwerer zu ertragen als Schmerz. So treibt uns schon das Verlangen nach Glück immer wieder zur Forderung einer zeitüberlegenen Wahrheit und zwingt zugleich die geistige Arbeit, im besonderen auch die Philosophie, zu ihrer Sicherung Wege zu suchen.

Wir sahen, daß wir uns unmöglich in das Mittelalter versetzen können; was aber vom Mittelalter, das gilt von allen Epochen und Leistungen der Vergangenheit; sie mögen uns fördern, wenn wir ihnen eine Selbständigkeit entgegenzusetzen haben und sie damit in eignes Leben verwandeln können, sie ersetzen uns nie und nimmer die fehlende Selbständigkeit. Wir sind heute geneigt, den dringenden Problemen der Gegenwart dadurch auszuweichen, daß wir irgendwelchen Höhepunkt der Vergangenheit ergreifen, ihn unbedingt verehren, von ihm aus die Gegenwart zu ergänzen und befestigen suchen; indem wir dabei die Berührungspunkte hervorkehren, die Unterschiede aber zurückstellen, vergessen wir, daß die Gegenwart viel zu eigentümliche und viel zu schwere Aufgaben stellt, als daß sie sich auf jenem Umwege lösen oder auch nur wesentlich fördern ließen. Die Flucht zur Geschichte in dieser Art, wie sie heute alle Gebiete geistigen Schaffens zeigen, ergibt höchstens ein Surrogat von eignem und wahrhaftigem Leben; ein solcher Ersatz ist besser als nichts, aber er erzeugt den Wahn eines Besitzes, wo wir innerlich arm sind, er droht damit unser Leben halbwahr, ja unwahr zu machen.

So bedarf es einer Überwindung der entstandenen Verwicklung, notwendig ist ein selbständiges Weiterarbeiten der Menschheit, die Herstellung einer neuen Lage durch eigne Kraft. Immer zwingender wird die Forderung eines neuen Typus des Lebens wie der Kultur; wie die jetzige Krise aus dem Ganzen des Lebens hervorging, so kann auch nur eine Weiterbildung des Ganzen sie überwinden. Innerhalb des Ganzen aber muß die Philosophie zunächst dahin streben, die Zeit von dem Wahn der Fertigkeit zu befreien, offne Bahn für weitere Möglichkeiten zu schaffen, die innerlich stockende Bewegung wieder mehr in Fluß zu bringen. Diese Aufgabe verlieh einer weltgeschichtlichen Betrachtung wie überhaupt, so auch beim Problem des Beharrens und der Veränderung einen eigentümlichen Wert; sie führte den Blick ins Weite, sie entrollte mannigfachste Beziehungen und Forderungen, die unser Dasein enthält, sie kann mit der Herausstellung der Erfahrungen der weltgeschichtlichen Bewegung der eignen Arbeit bestimmtere Angriffspunkte zeigen.

Das weltgeschichtliche Streben ging bei unserem Problem nicht in einer einzigen Hauptrichtung fort, sondern es vollzog einen völligen Umschwung; hatte zunächst das Beharren das sichere Übergewicht und befestigte es sich darin im Lauf der Zeit immer mehr, bis die eigne Tätigkeit zu stocken drohte, so brachte die Neuzeit die Bewegung zur Herrschaft und veränderte damit alle Maße und Werte. Die Erfahrung der Menschheit ließ aber darüber keinen Zweifel, daß die Ausschließlichkeit oder auch nur Vorherrschaft der Bewegung den geistigen Charakter des Lebens aufs schwerste gefährdet; so wird eine Verständigung beider Tendenzen zur zwingenden Forderung. Es zeigte sich, daß die Bewegung im menschlichen Bereich ihren geistigen Charakter einbüßt und ein wirres Durcheinander wird, wenn sie keinen festen Halt und beherrschende Ziele hat; wir sahen zugleich, daß es im modernen Lebensstand nicht an einer Gegenwirkung fehlt, daß diese Wirkung aber nicht stark und durchgreifend genug war, um einen inneren Zerfall des Lebens zu verhüten. Haupttypen des Lebens weltgeschichtlicher Zusammenhänge eröffneten sich – wir nannten sie früher Syntagmen –, so wurden namentlich solche Lebensordnungen der Form, der Seelenhaltung, der Kraftentwicklung ersichtlich, aber das Zusammentreffen dieser verschiedenen Ordnungen drohte das Ganze des Lebens in einzelne Strömungen aufzulösen und zugleich der bloßen Zeit die Herrschaft über die Ewigkeit zu geben; statt der einzelnen Wahrheit erhielten wir dann verschiedene Wahrheiten, die sich gegenseitig befehden müssen. Diesen Verwicklungen ist nur zu begegnen durch eine Vertiefung und Befestigung des Gesamtlebens, unmöglich kann es in einzelne Phasen zerfallen, es kann sich selbst nur behaupten, wenn es in sich selbst eine Überlegenheit gegen die bloße Zeit hat, ein Apriori, das allen besonderen Leistungen voransteht; eine solche Überlegenheit einer Einheit ist die Voraussetzung alles geistigen Lebens, aber zugleich enthält sie die Aufgabe, die verschiedenen Lebensbildungen einem Ganzen einzufügen und damit nicht bloß eine formale, sondern eine charakteristische und gehaltvolle Einheit anzustreben. Lebensordnungen, wie sie von der Form, der Seelenhaltung, der Kraftentwicklung entstanden, müssen von einem Ganzen des Lebens umfaßt sein und zugleich von dem, was an ihnen angreifbar ist, befreit werden. Kurz, wir bedürfen einer überzeitlichen Grundlage, auf der nach einer Ausgleichung und einer gegenseitigen Erhöhung zu streben ist. Das Mannigfache und Zeitliche muß sich uns in zeitüberlegener Weise erweisen, dieses Ewige ist aber für uns keine fertige und geschlossene Größe, es ist mit seinen Zielen eine fortlaufende, uns weiter und weiter erhöhende Aufgabe. So entrinnen wir dem Widerspruch der Hegelschen Art, einerseits den Verlauf der Bewegung als schon abgeschlossen zu erklären, andererseits eine unbegrenzte Veränderung zuzulassen; für uns ist die Geschichte weder eine fertige Ordnung, noch eine ins Unbestimmte verlaufende Bewegung, sondern ein Sichaufringen ewiger Wahrheit auf dem Boden und durch die Mittel der Zeit hindurch. Nunmehr gewinnt die Bewegung ein festes Ziel, und es kann eine Geschichte, die der Entfaltung einer beharrenden Wahrheit dient, nicht ein bloßes Nacheinander der Zeiten sein, sie wird ein allmähliches Heraustreten aus der Zeit und ein fortschreitender Aufbau einer zeitüberlegenen Gegenwart; bei einer solchen Art der Geschichte hat die Betrachtung nicht wehrlos dem Laufe der Zeiten zu folgen, sondern sie vermag am Gehalt der Geschichte das, was der bloßen Zeitlage angehört, von dem zu scheiden, was ewiger Art ist und dauernd zu wirken vermag; eine solche Befassung mit der Geschichte kann zu einer Befreiung von der bloßen Geschichte und zur Eröffnung einer zeitüberlegenen Gegenwart werden. Menschengeschichte und Geistesgeschichte können sich nun deutlich scheiden.

Eine solche Behandlung der Geschichte kann nicht aufkommen und vordringen, ohne der Welt wie dem Menschenwesen eine größere Tiefe gegen den ersten Anblick zu geben. Der Widerspruch, daß in dieser im Werden befindlichen und der Herrschaft der Zeit unterworfenen Welt eine zeitüberlegene Wahrheit erscheint und wirkt, ist nur zu überwinden, wenn diese Welt eine ewige Ordnung hinter sich hat und mit dem, was an ihr geistiger Art ist, der Entfaltung jener Ordnung dient. Bei lebendiger Gegenwart einer solchen Tiefe innerhalb unserer Welt können wir namentlich bei allem Großen durch die Hülle der Zeit hindurch ein der Welt überlegenes, daher allen Zeiten wertvolles Leben und Bilden erkennen. Was eine Persönlichkeit wie Plato an Lehren formulierte und an politischen Vorschlägen machte, dazu wird sich heute kaum noch jemand bekennen; wenn wir trotzdem Plato in höchsten Ehren halten und ihn als einen unter uns in lebendiger Gegenwart Wirksamen behandeln, so müssen wir eine schaffende Kraft, eine eigentümliche Lebensgestaltung platonischer Art anerkennen, die in jenen Lehren und Vorschlägen sich zeitlich verkörperte, sich aber keineswegs darin erschöpfte. Ähnliches gilt auch von Gesamtbewegungen des geschichtlichen Lebens. Nicht nur die Vorstellungen und Dogmen des älteren Christentums, auch die Gefühle und Stimmungen der Menschheit, die uns begleiten, sind uns vielfach nach der Seite des Menschen fremdartig geworden, aber dadurch wird keineswegs ausgeschlossen, daß die von ihm vollzogene Eröffnung des Lebens eine unzerstörbare Jugendkraft wahre und den Zeiten immer von neuem zur Aufgabe werde. Nur darf unser Leben nicht in einer einzigen Fläche verlaufen, in der Zeitliches und Ewiges, Bloßmenschliches und Geistiges zusammenrinnen, vielmehr muß sich in ihm kraft der Selbständigkeit des Lebens eine innere Abstufung vollziehen, eine Abstufung, die den geistigen Gehalt und die menschliche Aneignung sowohl scheidet als wiederverbindet. Da für den vollen Besitz des Menschen jener Gehalt erst gewonnen sein will, so wird hier eine Bewegung entstehen, aber sie wird nicht als ein Hasten in eine unbegrenzte Ferne, sondern als ein Streben des Lebens zu sich selbst, als eine Vollendung und Erhöhung des eignen Wesens erscheinen.

Wie diese neue Art der Behandlung der Geschichte, diese esoterische Art, wie sie heißen könnte, durchgängig den Anblick umgestaltet, so wird sie es auch beim Problem von Beharren und Bewegung erweisen, sie läßt auch hier die früheren Zeiten nicht als eine bloße Vergangenheit erscheinen, sondern als etwas, das uns durch eine Gemeinschaft der Arbeit verbunden bleibt und zum Aufbau einer zeitüberlegenen Gegenwart mitwirkt. Die antike Denkweise konnte nur deshalb so sehr beim Beharrenden verbleiben, weil sie den Weltstand als normal, als keiner wesentlichen Veränderung bedürftig erachtete, und weil sie das Leben in der Erhebung zu einem vollendeten Kunstwerk ganz und gar bei sich selbst zu befriedigen glaubte. Spätere Erfahrungen haben gezeigt, daß dabei voreilig abgeschlossen wurde, und daß im besondern das menschliche Leben viel zu viel Verwicklungen und Widersprüche enthält, um sich unmittelbar zu voller Harmonie zusammenzufinden. Aber so sehr uns solche Erfahrungen über den geschichtlichen Befund des Altertums hinaustreiben, sein Streben enthält unverlierbare und unentbehrliche Züge, es enthält namentlich in der Schätzung der lebendigen Gestalt einen beherrschenden Mittelpunkt, der alle Weiten und Tiefen erhöht und veredelt. Es vollzieht eine kräftige Lebensbejahung und scheidet diese zugleich deutlich von allem rohen Naturtrieb, es bekennt einen festen Lebensglauben und schöpft daraus Kraft, Frische und Freude; es widersteht einem bloßen Sicheinspinnen des Menschen in das bloße Menschentum und verbindet ihn eng mit der großen Welt, es gibt ihm eine volle Offenheit dafür und läßt ihn unmittelbar mit allem Reichtum der Dinge verkehren. Vor allem bringt es die Welttatsache der Gestaltung zu voller Anerkennung; diese ist uns schon deshalb durchaus notwendig, weil unser Leben erst im Suchen und Werden begriffen ist und es deshalb der Formgebung als eines hilfreichen Werkzeuges bedarf, um seinen vollen Gehalt herauszuarbeiten. So hat das griechische Altertum das menschliche Leben nicht bloß durch einzelne wertvolle Züge bereichert, sondern es gibt ihm auch als einem Ganzen einen starken Antrieb und eine unentbehrliche Wegweisung, es bildet damit ein Hauptstück des universalen Schaffens und hat darin einen zeitüberlegenen Wert, es bleibt mit allen seinen Schranken und Gefahren eine unversiegliche Quelle des Lebens.

Das Christentum ist die Lebensordnung einer schweren Verwicklung und einer weltüberwindenden Liebe. Es enthält sicherlich manches Bloßzeitliche, und es fordert in seiner näheren Fassung vielen Widerspruch heraus, aber von allem Wechsel und Wandel der Zeiten bleibt unberührt seine Grundwahrheit: sein Aufdecken eines tiefen Zwiespalts, der nicht nur das menschliche Leben, sondern die ganze Welt zerreißt; zugleich aber seine Hinaushebung eines Reiches reiner Geistigkeit, ewiger Wahrheit, allesbeseelender Liebe. Hier erwächst ein neues, rein innerliches Leben aus dem Verhältnis von Lebenseinheit zu Lebenseinheit, von Persönlichkeit zu Persönlichkeit. Das beherrschende Zentrum dieses Lebens ist der Gedanke der Teilnahme Gottes am Leid der Welt und des Menschenlebens; damit entstehen ungeheure Probleme, und es wird aller Rationalismus der bloßen Weltanschauung aufs gründlichste zerstört. Alles hängt hier an dem einen Gedanken, daß sich der Menschheit ein von ewiger Wahrheit getragenes Leben und sicherer Tatsächlichkeit eröffnet hat, daß erlösende Liebe von aller Not und Schuld befreit und alle Zweifel überwindet. Das ganze Christentum ist eine große Frage, aber diese Frage entscheidet darüber, ob die Menschheit eine selbständige Innerlichkeit, ein Reich des Geistes, trotz alles harten Widerspruchs des Daseins, aufrecht halten kann, oder ob sie alles aufgeben muß, was ihr eine geistige Selbsterhaltung gewährt. Schon als eine solche Frage enthält das Christentum eine allen Zeiten überlegene Wahrheit. Der hier eröffnete Gegensatz des Ja und Nein hat eine unermeßliche Aufrüttelung in den tiefsten Grund des Lebens gebracht und das Gleichgewicht des menschlichen Lebens für immer zerstört; das kann nie wieder verschwinden. So wird hier die Menschheit eben durch die Kämpfe innerhalb der Zeit über die bloße Zeit hinausgeschoben.

 

Auch über den bleibenden Wert der Neuzeit kann nicht der mindeste Zweifel walten. Mensch und Welt scheiden sich nunmehr weit deutlicher voneinander, die Welt erhebt sich selbständiger gegen den Menschen, sie darf nun nicht mehr von bloßmenschlichen Interessen und Begriffen beherrscht werden; zugleich aber schließt der Mensch sich fester und selbständiger im eignen Kreis zusammen; so wächst er an der Welt, und die Welt enthüllt seiner gesteigerten Kraft weitere Tiefen. Es vollzieht sich eine große Wandlung, indem die unmittelbare Gegenwart eines schaffenden Lebens im Menschen vollauf anerkannt wird. Der Hauptträger des Lebens wird nunmehr das in seiner Selbständigkeit voll gewürdigte Denken, es löst sich hier von der seelischen Lage der Menschen ab und wächst zu einem volltätigen Schaffen, es gewinnt dadurch eine eigne Gesetzlichkeit wie eine eigne Triebkraft, es wird zu einer souveränen Macht, welche einen Aufbau der ganzen Wirklichkeit unternimmt. Der Mensch darf sich hier als Träger der Vernunft, eines weltbeherrschenden und weltdurchdringenden Vermögens, als den Herrn der Dinge fühlen. Hier verbinden sich die Ideen der Freiheit und der Macht und wirken zusammen dahin, unendlich viel zu wecken, unendlich viel umzugestalten. Daraus entsteht eine neue Art der Gedankenarbeit, freier und kühner als je zuvor, ein Ringen von Ganzem zu Ganzem, eine Umwandlung nicht nur des Weltanblicks, sondern auch der Weltlage. Mögen aus solchen Verschiebungen schwere Probleme und Verwicklungen erwachsen, das Ganze läßt sich unmöglich zurücknehmen, es hat allem weiteren Leben einen Hauptzug eingefügt; allen Zweifeln widersteht die Tatsache des Hervorbrechens einer neuen Lebenseröffnung, die nach allen Richtungen klärend, kräftigend, erhöhend wirkt. Eine derartige Tatsache steht über dem Wandel der Zeiten, einmal geoffenbart, muß sie durch alle Zeiten gehen.

 

Alles aber, was wir bei diesem Überblick sahen, faßt sich uns in eine Aufgabe und eine Forderung zusammen: wir bedürfen eines charakteristischen Gesamtlebens, das über den einzelnen Lebensentwicklungen steht, das sie zu einer wahrhaftigen Einheit verbindet, dies aber nicht durch einen bequemen Kompromiß, sondern durch eine gründliche Auseinandersetzung und eingreifende Arbeit; wir finden eine derartige Einheit nicht als ein gegebenes Faktum vor, sondern wir müssen sie mit aller Einsetzung unserer Kraft erst erringen, wir können das aber nur unter der Voraussetzung, daß von einem überlegenen Grunde aus jene Einheit zu uns wirkt, uns über die Zerstreuung der Zeiten hinaushebt, unsere Kraft erhöht, unserm Streben eine feste Richtung gibt. Ohne eine solche überlegene Einheit muß uns das Leben mit seiner Kultur hoffnungslos auseinanderfallen; so ist ein Vordringen zu diesem beharrenden Punkt, so ist eine wesentliche Umwandlung des Lebens zu einer umfassenden und zeitüberlegenen Einheit die dringendste Frage, welche jetzt an uns kommen kann. Wenn irgendwo, so müssen wir hier weiterkommen und uns über uns selbst erheben.

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