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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Achtes Kapitel.

Plötzlich erhob sich eine Stimme zu leidenschaftlicher Beteuerung:

Hope! Hope! Ich war es nicht! – Und Alfred eilte mit einer fast flehenden Gebärde auf das junge Mädchen zu.

Eine dunkle Röte überflog Georges Antlitz, und er hob die Faust wie zum Schlage empor; Leighton ließ voll Scham – oder war es Schmerz? – sein Haupt sinken. Im nächsten Augenblick aber hatte er seinen zornigen Bruder am Handgelenk gepackt.

Hope Meredith hielt ihre Augen von den drei Brüdern abgewandt und sagte:

Nur mit einem von euch will ich sprechen – mit dem, der seine Brüder entlasten kann, indem er seine Schuld bekennt ... Rühre mich nicht an!

Dieser letzte Satz galt Alfred, dessen Hand sich nach ihrem Kleide ausgestreckt hatte.

Mit einem Ausdruck von Stolz, wie ich ihn bisher nicht an ihm bemerkt hatte, zog Herrn Gillespies jüngster Sohn sich von dem jungen Mädchen zurück und ging schweigend nach der entgegengesetzten Wand der Halle. Dann aber brach es auf einmal leidenschaftlich aus ihm hervor:

Du bist schnell mit deinem Verdacht bei der Hand! Für was hältst du uns? Genügt dir wirklich ein zusammenhangloser Satz am Ende eines von einem Gesunden begonnenen, aber von einem mit dem Tode Ringenden unvollständig zurückgelassenen Briefes – genügen dir wirklich vier solche Worte, um Männer von deinem eigenen Fleisch und Blut des Mordes zu beschuldigen? Von dir, Hope, würde ich nichts Böses glauben, und wenn selbst viel schwerer Wiegendes gegen dich spräche!

Es lag etwas Berechtigtes in diesem Vorwurf, und er machte daher nicht nur auf das junge Mädchen, sondern auf uns alle Eindruck. Die letzten Worte des Briefes konnten sehr vielsagend sein – vielleicht aber hatten sie gar keine Bedeutung. Wäre der Ruf der jungen Leute ein besserer gewesen, oder wäre der Versuch nicht gemacht worden, den betreffenden Teil des Briefbogens beiseite zu schaffen, so würden die Worte: »einer meiner Söhne hat ...« überhaupt keinen Verdacht erregt haben. Denn war dies wirklich eine Beschuldigung? George und Leighton erklärten mit aller Entschiedenheit, dieses sei ausgeschlossen, und auch Alfred stammelte mit einer Miene beleidigten Stolzes seinen Protest, als plötzlich Hope, ihre Schwäche mit einer gewaltsamen Anstrengung überwindend, sich hoch aufrichtete und langsam einen Brief aus ihrem Busen zog.

Ich will keinen Versuch machen, mich zu entschuldigen, begann sie. Ich habe wie eine Schwester mit euch in diesem Hause gelebt, und ihr würdet mir die Worte, die ich vorhin aussprach, mit Recht zum Vorwurf machen, wenn ich diesen Brief nicht in Händen hätte. Alfred – du sagtest, die letzten Worte, die euer sterbender Vater mit der Maschine geschrieben, seien unzusammenhängend und unverständlich. Willst du aber diesen vor vier Wochen geschriebenen Brief ebenfalls für sinnlos erklären? – Herr Coroner, – mit diesen Worten wandte sie sich an den alten Beamten – vor einem Monat war mein Oheim krank. Es war keine gefährliche Krankheit, aber die ihm verordneten Arzneien – o, Doktor Bennett, kommen Sie mir zu Hilfe! Wie soll ich mich ausdrücken? – die Arzneien waren, wie wir alle wußten, gefährlich, wenn sie in zu großen Gaben eingenommen wurden. Eines Nachts – o mein Gott, ich kann es kaum aussprechen! – eines Nachts geriet er auf die begründete Vermutung, daß ihm etwas in seinen Nachttrunk gemischt sei, und infolgedessen schrieb er diesen Brief und übergab ihn mir zur Aushändigung für den Fall, daß er ... daß er ... o, ich brauche nicht zu sagen, welchen Fall er dabei im Auge hatte. Sie haben des teuren Toten Haupt auf dem Fußboden seines Arbeitszimmers liegen sehen! Aber um eins möchte ich bitten: der Brief ist an meine drei Vettern gemeinschaftlich adressiert – wollen Sie ihnen erlauben, ihn ohne Zeugen zu lesen, wenn sie schwören wollen, das Schreiben unverändert und unversehrt Ihnen wieder einzuhändigen? Ich bitte Sie, erzeigen Sie ihnen nur diese einzige Gunst. Bitte, bitte, erfüllen Sie mir diesen sehnlichen Wunsch – und wäre es auch nur, weil ich so tief gelitten habe. Ich habe das Hereinbrechen dieses Furchtbaren beschleunigt ... und ich wollte ... ich wollte doch nur ...

Sie vermochte sich kaum noch auf den Füßen zu halten; aber sie streckte dem Coroner den Brief hin. Dieser warf einen schnellen Blick darauf und gab ihn sofort an Leighton weiter, da dieser in der über sein Haus hereingebrochenen Katastrophe verhältnismäßig noch am meisten Besinnung und Stärke bewahrt hatte.

Gott wolle verhüten, sagte der Coroner Frisbie, daß ich Söhnen das Vorrecht bestritte, ihres Vaters letzte Willensmeinung zuerst zu lesen.

Mit diesen Worten verließ er das Bibliothekzimmer, in welchem die drei Brüder allein zurückblieben; aber er ließ den Türvorhang zurückgeschlagen und verwandte während der langen Zeit, die die Verlesung des Briefes beanspruchte, kein Auge von den Gillespies.

Sie sehen, ich hatte einen Freund nötig! flüsterte Hope Meredith mir ins Ohr.

Ich warf ihr einen freundlich tröstenden Blick zu. Das arme Mädchen tat mir aufrichtig leid. Von den Männern, gegen die sie die Beschuldigung des ungeheuerlichsten Verbrechens hatte erheben müssen, waren zum mindesten zwei in sie verliebt – ich mußte dies aus allem, was ich sah, unbedingt schließen –, Alfred leidenschaftlich, George mit weniger offener Darlegung seiner Gefühle, aber wahrscheinlich mit nicht geringerer Innigkeit und Glut.

Sie hätten den Brief für sich behalten können, flüsterte ich zur Antwort ihr zu.

Aber sie sah mit edlem Stolz mir voll ins Gesicht und versetzte:

Sie wollen andeuten, daß ich durch den Versuch, den Streifen zu verheimlichen, den Verdacht auf meine Vettern gelenkt habe. Aber es spricht so viel Belastendes gegen sie, und so konnte ich nicht mehr darauf rechnen, daß sie eine Gelegenheit finden würden, den Brief gemeinschaftlich zu lesen. Und gemeinschaftlich müssen sie ihn lesen. Das legte mein Oheim mir dringend ans Herz. Freilich dachte er nicht, daß Polizeibeamte dabei anwesend sein würden.

Der Coroner unterbrach sie, indem er auf sie zutrat, um mehrere Fragen an sie zu richten. Ich freue mich, sagen zu dürfen, daß meine Gegenwart ihr Standhaftigkeit verlieh, auch dieses neue qualvolle Verhör auszuhalten. Ihre Aussagen waren kurz.

Was in dem Briefe stehe, wisse sie nicht. Ihr Oheim habe ihn geschrieben, während er noch krank zu Bett gelegen, und er sei dazu durch ein Erlebnis veranlaßt worden, worüber in dem Schreiben selbst das Nähere sich finde.

Der Brief gelangte einige Wochen später in seinem Wortlaut zu meiner Kenntnis. Ich will ihn aber schon an dieser Stelle in meine Erzählung einfügen, da dies zum Verständnis der folgenden Ereignisse notwendig ist.

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