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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Siebtes Kapitel.

Das ist überraschend! Verstehen Sie es, Fräulein Meredith? Kein einziges Wort steht darauf – das Blatt ist vollständig leer! rief der Arzt aus.

Sie drehte sich um, starrte dem alten Doktor ins Gesicht und brach in ein krampfhaftes Lachen aus.

Leer, sagen Sie? Wie viele Umstände um ein Nichts! Kein Wort, kein einziges Wort? Bitte, lassen Sie mich sehen! Ich glaubte ganz bestimmt, es würde ein letzter Auftrag für mich darin stehen!

Wie seltsam war ihr Benehmen verändert! Einen Augenblick zuvor stand sie als ein zu Tode geängstigtes Weib vor uns, das kaum sprechen konnte – jetzt ließ sie mit einer fieberhaften Hast ihre Worte hervorsprudeln. Sie war nicht wieder zu erkennen. Der Coroner bemerkte nichts von der Erleichterung, die sie zweifelsohne in ihrem Gemüt empfand, oder er tat jedenfalls so, als sähe er nichts, und reichte ihr stillschweigend den Papierstreifen hin. Die drei Brüder waren beiseite getreten und besprachen sich im Flüstertone; es war während meiner Anwesenheit in diesem Hause das erstemal, daß ich sie vertraulich zusammen sprechen sah. Ich selber wußte nicht recht, wie ich mich weiter verhalten sollte. Meine Lage war nur noch peinlicher geworden; man konnte von mir denken, ich hätte gewußt, daß auf dem Papier nichts geschrieben stand; und in welches Licht mußte mich eine solche Mutmaßung setzen! Ich bat die drei Gillespies und das junge Mädchen um Verzeihung; Meredith schüttelte aber nur ungläubig den Kopf und ließ das Papier auf den Fußboden fallen. Ich stammelte einige Worte, um mein Verhalten zu erklären.

Ganz gewiß, sagte ich, werden Sie keine große Meinung von meiner Intelligenz haben; Sie werden vielleicht sogar bezweifeln, daß mich nur der ernstliche Wunsch leitete, mich Ihnen nützlich zu erweisen. Ich schloß aus Herrn Gillespies Bewegungen und besonders aus seinem Mienenspiel, womit er sie begleitete, daß er mir eine Mitteilung von nicht geringer Bedeutung anvertraut habe, und daß diese Mitteilung für Fräulein Meredith bestimmt sei.

Zu meinem Bedauern achtete niemand von den Hauptbeteiligten auf meine Erklärung. Das Mädchen war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, da sie kaum ihre Freude über die neue Wendung der Dinge verbergen konnte; die jungen Gillespies aber bemühten sich offenbar mit der Beantwortung der für sie so wichtigen Frage, ob ihre Lage sich verbessert habe. Es war ein leeres Blatt Papier zum Vorschein gekommen, während ein jeder erwartet hatte, daß der rätselhafte Brief nicht nur Worte, sondern sogar sehr wichtige Worte enthalten würde. Welche Bedeutung konnte dies für die unter dem Verdacht eines so furchtbaren Verbrechens Stehenden haben? An ihrer Stelle nahm Doktor Bennett das Wort und sagte noch:

Niemand kann an Ihren guten Absichten zweifeln, Herr Cleveland. Fräulein Meredith wird die erste sein, dies anzuerkennen, sobald sie nur erst wieder ganz zu sich selbst gekommen ist. Sie haben Ihren Auftrag so erfüllt, wie Ihr Gewissen es Ihnen befahl. Daß Sie nicht alle Ihre Hoffnungen verwirklicht sehen, dafür können Sie nichts. Als Rechtskundiger werden Sie die Sache beurteilen, wie sie ist, und als Mensch werden Sie entschuldigen, daß die unerwartete Wendung auf die Angehörigen des Ermordeten, wie es scheint, einen übertriebenen Eindruck gemacht hat.

In diesen Worten, so freundlich sie waren, lag doch zugleich auch ein deutlicher Wink, daß ich nunmehr gehen könnte. Ich verstand ihn natürlich und ging – oder vielmehr, ich wäre gegangen, wenn nicht Fräulein Meredith, deren Aufmerksamkeit durch das Wort »Rechtskundiger« erregt sein mußte, mir einen Blick zugeworfen hätte, der mich veranlaßte, sofort wieder stehen zu bleiben.

Halt! rief sie. Ich möchte mit dem jungen Herrn sprechen. Lassen Sie ihn noch nicht gehen!

Mit diesen Worten trat sie an mich heran und sah mir mit einem weiblich-verschämten und doch zugleich vertrauensvollen Blick ins Gesicht.

Her zu uns, Hope! hörte ich Leighton mit gebieterischer Stimme sagen.

Eine dunkle Röte überflog das Gesicht des jungen Mädchens; offenbar wurde es ihr schwer, der Aufforderung eines so nahen Verwandten nicht zu entsprechen. Aber sie blieb vor mir stehen und sprach:

Ich brauche einen Freund – jemanden, der mir bei einer Aufgabe, deren Erfüllung ohne fremde Hilfe vielleicht zu schwer sein würde, zur Seite stehen will. An meine Vettern kann ich mich um diese Hilfe nicht wenden. Sie stehen in zu naher Beziehung zu den Sorgen, die das traurige Ereignis über uns alle gebracht hat. Auch wird es mir leichter, mich an einen Fremden zu wenden – an jemanden, der kein persönliches Interesse an mir nimmt, wie es Doktor Bennett tun würde; an einen Rechtskundigen – denn gerade einen solchen habe ich vielleicht nötig. Wollen Sie mir also mit Ihrem Rat zur Seite stehen, mein Herr? Ich würde wohl nicht leicht einen anderen finden, der so aufrichtig denkt und handelt, wie Sie es augenscheinlich tun!

Hope! Hope!

Die Stimme klang noch gebieterischer als vorhin; Leighton tat sogar einen Schritt auf sie zu. Sie schwankte augenscheinlich; dann aber fuhr sie flüsternd, doch in festem Tone fort:

Sie werden nicht gehen, bevor ich noch einmal mit Ihnen gesprochen habe – Sie werden nicht gehen!

Nein, ich bleibe! antwortete ich, und damit legte ich meinen Hut wieder weg, den ich bereits in die Hand genommen hatte.

Im nächsten Augenblick bemerkten wir beide, warum sie in so befehlshaberischer Weise zurückgerufen worden war.

In der Gruppe der Herren war eine Veränderung vorgegangen. An der Stelle, wo soeben noch der Coroner gestanden war, sahen wir einen älteren Herrn, dem eine große Welterfahrung an jedem Zuge seines verwitterten, aber nicht unfreundlichen Gesichtes anzusehen war. Er hielt ein halbes Dutzend Briefbogen in der Hand und machte Fräulein Meredith eine Verbeugung; dann sah er sie mit einem ermutigenden Lächeln an und sagte:

Mein Name ist Gryce Sprich Grais. Fräulein, Detektiv Gryce. Bitte um Entschuldigung, daß ich Sie belästigen muß; legen Sie nicht zu viel Gewicht auf meine Anwesenheit hier! Ich muß nur ein paar Fragen stellen, da der Herr Coroner soeben an den Fernsprecher gerufen wurde. Ich bedarf einiger Aufklärungen, die ich zum Teil von Ihnen erhalten kann. Wie ich höre, machten Sie gewöhnlich für Ihren Oheim die Schreibmaschinenarbeiten?

Ja.

Haben Sie auch diese fünf Briefe hier geschrieben, die wir auf seinem Arbeitstisch vorfanden?

Ja.

Heute abend?

Ja.

Um welche Zeit?

Nach dem Essen; aber vor halb acht, antwortete sie. –

Bisher hatte das Mädchen noch nichts davon gesagt, daß es nach der Mahlzeit mit dem alten Herrn zusammengewesen war. –

Sie waren also bis halb acht Uhr bei ihm? fuhr der Detektiv fort.

Ja – ungefähr bis halb acht.

Und als Sie fortgingen war er in seinem gewöhnlichen Gesundheitszustand?

Allem Anschein nach – ja!

War dies vor der Zeit, da Ihr Vetter Leighton in das Zimmer kam?

Vorher.

Warum gingen Sie weg? War Herr Gillespie mit seiner Arbeit für den Abend fertig?

Das weiß ich nicht – ich glaube, nein. Aber ich war ermüdet, und er bat mich, auf mein Zimmer zu gehen.

In seiner gewöhnlichen Art und Weise?

Ja.

Es machte nicht den Eindruck, als ob er Sie gern aus dem Zimmer entfernen wollte?

Nein.

Und wann kam das Kind zu ihm?

Später.

Nicht gleich nachher?

Nein; etwa eine Viertelstunde später.

Hm! Dann war also eine Viertelstunde vor seinem Tode die Kleine bei ihm?

Wahrscheinlich; aber ich weiß es nicht.

Der Detektiv sann einen Augenblick nach; dann schloß sich seine Hand mit festem Griff über den Briefbogen zusammen, und in besonders ernstem Tone fuhr er fort:

Fräulein – es ist sehr wichtig für uns, zu wissen, ob Herr Gillespie Todesgedanken hatte. Sie kennen diese Korrespondenz: es ist ein Brief an die Anwaltsfirma Simpson & Beals in Dubuque, Iowa, ein anderer an Howard Mac Cartney, St. Augustine, Florida. Dieser hier ist an den Präsidenten der Santa Fé-Eisenbahn und dieser an Clarke, Beales & Co., Nassau Street in der City. Es sind wohl lauter Geschäftsbriefe?

Ganz recht.

Und es ist, wie ich annehme, kein einziger darunter, wie man ihn von einem Mann erwarten sollte, der in der Zeit von einer Stunde seine Rechnung mit dem Leben für immer abzuschließen gedachte?

Kein einziger, lautete die Antwort. –

Wie lakonisch sie war für ein Mädchen, das kaum die Zwanzig erreicht haben konnte! –

Aus diesen Ihnen bekannten Briefen ergibt sich also kein Anzeichen, daß Herr Gillespie an Selbstmord dachte? fuhr der Detektiv fort.

Im Gegenteil. In einem von den Briefen – wenn ich nicht irre, ist es der an Clarke, Beales & Co. – traf er eine Verabredung für morgen. Mein Onkel war in Geschäftsangelegenheiten sehr pünktlich. Niemals würde er eine Zusammenkunft verabredet haben, wenn er nicht angenommen hätte, hingehen zu können.

Steht ihr zwei miteinander im Bunde? unterbrach George sie mit zorniger Stimme. Willst du etwa darauf hinaus, daß unser Vater durch Gewalt umgekommen sei?

Im Bunde? fragte sie. –

Sprach sie diese Worte wirklich, oder lag die Frage nur in ihrem Blick? Mir wurde das Herz schwer, als ich den leidenden, um Verzeihung flehenden Ausdruck in ihren Augen sah. Gryce, wie der Detektiv sich genannt hatte, sah ihn vielleicht auch, aber er tat, als prüfte er den Papierstreifen, den er jetzt aus seiner Tasche zog. Wie wir alle sofort bemerkten, war es der Fetzen, den Fräulein Meredith vorhin auf den Fußboden geworfen hatte.

Sehen Sie mal her! sagte er. Es sieht aus wie ein ganz leeres Stück Papier.

Das ist es auch, erklärte sie. Warum er es mir schicken wollte, das weiß ich nicht. Es wurde mir in verschlossenem Umschlag von jenem Herrn gegeben, der dort bei der Tür steht; er sagt, er habe es von meinem Oheim vor dessen Tode erhalten. Das ist ja allen hier Anwesenden bekannt.

Ganz recht. Nun möchte ich Sie fragen, von welchem Briefbogen wohl Ihr Onkel dieses Stück abgerissen hat? Sie kennen doch das Papier? Sie haben es bereits gesehen?

O ja. Es ist von einem der Briefbogen, die für Maschinenschrift benutzt werden. Das nehme ich wenigstens an. Es sieht ganz genau so aus.

Sweetwater, bringen Sie die Schreibmaschine her! befahl Gryce.

Sweetwater war der junge Mann, der einige Zeit vorher dem Coroner die leere Weinflasche gebracht hatte.

O, was soll denn das bedeuten?! rief Hope zusammenfahrend.

Ein Fluch antwortete ihr. George war der Geduldsfaden endlich gerissen.

Der alte Detektiv blieb aber völlig ungerührt.

Wenige Augenblicke darauf erschien Sweetwater mit der Schreibmaschine auf dem Arm. Er setzte sie auf den im Bibliothekzimmer stehenden großen Tisch nieder, um welchen sich sofort alle Anwesenden herandrängten – außer Sweetwater und mir.

Natürlich konnte ich von meinem Standpunkt nicht in das Bibliothekzimmer hineinsehen. Aber da ich ein sehr gutes Gehör besitze, so konnte ich jedes Wort vernehmen, das dort gesprochen wurde, obgleich ich die Redenden nicht sah.

Als Sweetwater die Schreibmaschine bei mir vorübertrug, hatte ich bemerkt, daß ein Papierstreifen unter dem »Schlitten« hervorragte. Auf diesen Streifen lenkte Gryce zuerst Fräulein Merediths Aufmerksamkeit, indem er sagte:

In der Maschine befindet sich, wie Sie sehen, ein unvollendeter Brief. Haben Sie daran geschrieben?

Sie antwortete nicht sofort. Dann aber stieß sie ein merkwürdig scharf betontes »Nein« hervor.

Ah! Dann befindet sich also sonst noch jemand hier im Hause, der diese Schreibmaschine benutzt?

Herr Gillespie. Er benutzte sie oft, wenn etwas schnell geschrieben werden mußte und ich nicht gleich bei der Hand war.

Herr Gillespie? Glauben Sie, daß er selber diese Zeilen geschrieben hat?

Gewiß. Es war ja sonst niemand da, der sie hätte schreiben können. –

Arbeitete meine Einbildungskraft zu rasch, oder hatte ihre Stimme wirklich einen verschleierten Klang, der darauf schließen ließ, daß sie eine innere Erregung zu verbergen trachtete? –

Nun, erwiderte mit sanfter Stimme der Detektiv, so bedürfen wir keines weiteren Beweises dafür, daß Herr Gillespie bis zu dem Augenblick, wo er seine letzten Zeilen schrieb, bei vollkommen klarem Bewußtsein und in ruhiger Gemütsverfassung sich befand. Ich bezweifle, ob Sie selber, Fräulein Meredith, jemals eine bessere Arbeit auf der Schreibmaschine hergestellt haben. Aber warum ist der Bogen mitten durchgerissen? Die Hälfte des Blattes fehlt und damit zum mindesten auch ein Teil des Briefes.

Sie stieß einen kurzen Ruf der Ueberraschung aus, und auch von den anderen, die in der Bibliothek anwesend waren, konnte ich Bewegungen und unterdrückte Laute vernehmen, die auf großes Erstaunen schließen ließen.

Soll ich das Blatt herausnehmen? fuhr der Beamte fort. Oder will einer von Ihnen den Inhalt vorlesen, ohne daß der Brief aus der Maschine entfernt wird? Ich möchte das vorziehen.

Ich hörte George und Alfred einige abgerissene Worte murmeln, dann erklärte Leighton mit ruhiger Stimme:

Der Brief betrifft ein Geldgeschäft, das mein Vater in Denver zu machen beabsichtigte. Wenn Sie es für nötig halten, will ich Ihnen gern die darauf bezüglichen Worte vorlesen, die mein Vater eine halbe Stunde vor seinem Tode schrieb:

New York, N. Y., den 17. Oktober 1899.

Herrn James C. Taylor, Wohlgeboren,
18 State Street, Boston, Mass.

Sehr geehrter Herr!

Mit Bezug auf die Finanzierung der 10,000,000 Dollars, die wir bei unserer Zusammenkunft am 12. ds. besprachen, ist es von größter Wichtigkeit, daß ich ...

Der Schluß ist bis auf einige Wörter abgerissen, wie Sie ganz richtig bemerkten. Halten Sie diesen Brief für wichtig?

Durchaus nicht, erwiderte der Detektiv. Nur insofern, als daraus hervorgeht, daß Ihr Vater unmittelbar vor seinem um 10 Uhr erfolgten plötzlichen Ende völlig klaren Geistes war. Nicht der Brief an sich sollte Ihre Aufmerksamkeit erregen, sondern der Umstand, daß der abgerissene Teil des Blattes nicht zu finden ist. Ich weiß wohl, fuhr Gryce schnell fort, bevor aus der sich um ihn herum drängenden Gruppe aufgeregter Menschen ein Einwurf gemacht werden konnte, – ich weiß wohl, daß ein Streifen, der anscheinend zu diesem Blatt gehört, vor einigen Minuten in verschlossenem Umschlag in Fräulein Merediths Hände gelangte. Ich habe den Streifen ja bei mir. Aber obwohl er offenbar von diesem Bogen abgerissen ist – und zwar bildete er, wie man an dem einen, glatten Rand erkennt, dessen unteren Teil –, so paßt er doch nicht zu dem noch in der Maschine befindlichen Teil. Ein etwa zwei Zoll breiter Streifen des Bogens fehlt immer noch. Nun, wo sind diese zwei Zoll geblieben? Nicht in dem Zimmer, aus welchem wir die Schreibmaschine hierhergebracht haben, und auch nicht in Herrn Gillespies Kleidern – denn diese haben wir aufs genaueste danach durchsucht.

Es herrschte tiefes Schweigen.

Niemand scheint zu antworten! flüsterte eine Stimme dicht an meinem Ohr.

Hatte dieser verschmitzte und allem Anschein nach sehr tüchtige Polizeibeamte eine Antwort erwartet? Ich nicht! Nur zu oft waren die Fragen, die an diesem Abend in dem Hause aufgeworfen wurden, unbeantwortet geblieben.

Dieser Verlust öffnet mancherlei Vermutungen Tür und Tor, fuhr der alte Detektiv immer noch in demselben freundlichen Tone fort. Zugleich erscheint er der Polizei von großer Bedeutung. Wir werden nach dem aus der Mitte des Blattes fehlenden Streifen Haussuchung halten müssen, falls nicht etwa – was ich allerdings bestimmt hoffe – jemand von den Anwesenden ihn zum Vorschein bringen kann.

Suchen Sie! antwortete jemand in stolzem Ton – es war wiederum Leighton. Wir wissen nichts von dem Papier!

Das ist sehr zu bedauern, fuhr der alte Herr mit einer Freundlichkeit fort, die an einem Mann seines Berufes auffallen mußte. Solch eine Maßregel sollte sich vermeiden lassen. Irgend jemand von Ihnen sollte imstande sein, uns den fehlenden Teil des Briefes zu verschaffen, dessen Vollendung durch den Tod des Schreibers verhindert wurde. Das ist doch eine sehr ernste Tatsache.

Noch immer erfolgte keine Antwort.

Ja, sagte der Detektiv nunmehr, wenn im Zimmer Feuer gewesen wäre – aber im Kamin war nichts. Oder wenn Herr Gillespie sich aus seiner Schreibstube entfernt hätte – –

Sagen Sie's nur frei heraus! rief Leightons ernste Stimme. Sie glauben, einer von uns hat den Streifen an sich genommen.

Das will ich nicht behaupten, antwortete der Detektiv mit verbindlicher Höflichkeit. Aber dieser Streifen muß unbedingt gefunden werden. Das Verschwinden desselben ist auffällig, und es geht daraus hervor, daß das Stück Papier mehr oder minder mit dem geheimnisvollen Tode Ihres Vaters in Verbindung steht.

Dann müssen wir Sie ersuchen, zu tun, was Ihres Amtes ist, um das Papier zu finden, wenn Sie können, versetzte Leighton. George, Alfred – wir wollen uns gutwillig in die Situation schicken; es würde uns nichts nützen, wenn wir der Polizei Schwierigkeiten machen wollten.

Zwei unterdrückte Verwünschungen waren die ganze Antwort; die jüngeren Brüder waren leidenschaftlicher als er, vielleicht auch vermochten sie sich nicht so gut zu beherrschen. Aber sie machten keine Einwendungen, und einen Augenblick darauf erschien der alte Detektiv in der Halle.

Er wechselte einen schnellen Blick mit dem neben mir stehenden jungen Mann. Dieser wandte sich jetzt an mich und flüsterte: Die Nachsuchung werde ich zu besorgen haben. Ich kenne aber das Haus ganz und gar nicht. Wie ich höre, sind Sie schon oben gewesen. –

Von wem konnte er das gehört haben? Von Bennett? Das war leicht möglich. Diese Detektivs wissen auch vorsichtigere Menschen auszuholen, als der gute alte Hausarzt einer war. –

Ich bin durch das Treppenhaus gegangen, räumte ich ziemlich kühlen Tones ein. Ich weiß aber wirklich nicht, inwiefern ich Ihnen behilflich sein könnte.

Das Haus hat, vermute ich, vier Stockwerke, wie alle Gebäude in dieser Straße? fragte der junge Mann.

Ja, es ist vierstöckig.

Er rieb sich linkisch die Hände – linkisch waren überhaupt alle seine Bewegungen – und ging langsam nach dem Hintergrund der Halle. An der Tür der Bibliothek blieb er stehen und blickte, indem er eine ungeschickte, entschuldigende Verbeugung machte, in das Zimmer hinein. Plötzlich aber trat er schnell zurück, als er sah, daß jemand herauskam. Es war Fräulein Meredith. Als sie in der Halle war, fing auf einmal Sweetwater, indem er mit einem seltsam starren Ausdruck seine Augen auf sie heftete, zu murmeln an:

Vier Stockwerke. Unten die Wohn- und Empfangsräume, dann im ersten und zweiten Stock die Schlafzimmer, oben die Dachkammern. Wo soll ich anfangen zu suchen? Aha – ich glaube, ich weiß schon!

Und mit einem Lächeln ging er schnellen Schrittes auf die Treppe zu.

Hope Meredith war, als der junge Detektiv von den Dachkammern sprach, unwillkürlich zusammengezuckt.

Es fiel mir ein, in welcher eigentümlichen Verfassung ich sie dort oben gefunden hatte; auch dem Doktor war es ja bereits auffällig erschienen, daß sie von ihres Oheims Tode schon wußte, ehe noch das Haus alarmiert war, ja ehe ihre Vettern die Nachricht erhalten hatten. Ich mußte daher innerlich der Polizei zugeben, daß ihr Vorgehen völlig gerechtfertigt war. Freilich wurde mir das nicht leicht, denn des jungen Mädchens liebliche Erscheinung hatte einen starken Eindruck auf mich gemacht.

Aber mochte die mißtrauische Haltung der Polizeibeamten nun gerechtfertigt sein oder nicht – soviel sah ich bald, sie gingen mit voller Energie zu Werke. Das wachsame Auge des Coroners hielt uns alle auf unsere Plätze festgebannt, während Sweetwater nach oben ging. Nur Leighton begleitete ihn. Er hatte diese Erlaubnis erbeten und erhalten, damit nicht sein kleines Kind, das oben allein schlief, sich ängstigte, wenn es vielleicht von dem Lärm aufgeweckt würde. Fräulein Merediths Auge folgte den beiden Männern mit einem unruhigen Blick; ich mußte daraus schließen, daß diese Haussuchung irgend welche geheimen Befürchtungen in ihr erregte.

Was sollte ich von einem jungen Mädchen denken, das bei einer Frage, wo es sich um Leben und Tod handelte, es vorzog, die Schweigsame zu spielen? Ich vermied es absichtlich, auf die in mir auftauchenden Zweifel näher einzugehen. Ich wappnete also mein Herz gegen die Macht ihrer schönen Augen und beschloß nur ihr Rechtsbeistand zu sein – nichts als ihr Rechtsbeistand: wenigstens mußten erst diese Rätsel gelöst werden.

Ihre beiden Vettern waren in der Bibliothek geblieben, und auch Herr Gryce war wieder dorthin zurückgekehrt, nachdem er seinem Untergebenen Sweetwater die nötigen Weisungen erteilt hatte. Wir alle standen in aufgeregter Erwartung stumm da, nur Doktor Bennett unterhielt sich vertraulich mit dem Coroner. Den Inhalt seiner Worte konnte ich teilweise an Fräulein Merediths Gesichtsausdruck ablesen; denn diese vermochte ihn zu hören, da sie näher bei den beiden alten Herren stand als ich. Daß es sich um etwas Ernstes handelte, konnte ich auch aus des stumm zuhörenden Coroners Haltung entnehmen. Später fanden auch einzelne Worte ihren Weg zu meinem Ohr. So hörte ich zum Beispiel ganz deutlich:

»Hatte die größte Angst vor Gift ... er nahm niemals eine Medizin ein, ohne mich vorher zu fragen ...« Die nächsten Worte hörte ich nicht; aber dann unterschied ich wieder: »Ich mußte ihm alle Symptome beschreiben ... von allen Giftarten, die es gibt ... er fragte mich neugierig wie ein Kind ... nie und nimmer hat er sich selbst vergiftet!«

Ich konnte den Klang dieser letzten Worte nicht aus den Ohren los werden. Sie waren ja nur leise geflüstert, aber mir war, als müßte jeder in der Halle sie gehört haben. Indessen bemerkte ich an Alfred, der ein paar Schritte hinter Hope auf der Schwelle der Bibliothek stand, keinerlei Veränderung in seinen Gesichtszügen, und George, der in fieberhafter Erregung auf Herrn Gryce einredete, sprach nur noch lauter, als die pathetische Beteuerung von den Lippen des Mannes fiel, der seines Patienten vollstes Vertrauen genossen hatte, dessen Worten daher der größte Wert beigelegt werden mußte.

Inzwischen war Fräulein Meredith bemüht, sich auf Sweetwaters Rückkehr vorzubereiten. Dies sah ich ihr deutlich an, denn ihre Gesichtszüge nahmen einen ganz anderen Ausdruck an, als die Schritte des jungen Detektivs sich wieder hören ließen. Sie schien unwillkürlich zusammenzufahren und legte die Hand auf ihren Busen, wie wenn der gesuchte Gegenstand dort verborgen wäre und nicht in einer der Kammern unter dem Dach. Es war wie ein Zauber, der mich hinderte, meine Augen von ihrer Gestalt abzuwenden. Ich ärgerte mich über mich selber und wandte mich, einer plötzlichen Eingebung folgend, dem zur Rechten liegenden Empfangszimmer zu.

Aber schnell trat ich wieder zurück. Fräulein Meredith, deren Zuversicht, wie es schien, durch meine Gegenwart gestärkt wurde, hatte leise meinen Namen ausgesprochen.

Man hörte oben das Kind weinen, und sie hatte gebeten, zu ihm hinaufgehen zu dürfen; der Coroner hatte dies aber verweigert.

Ich eilte zu ihr und begann trotz Alfreds Stirnrunzeln eine Unterhaltung mit ihr. Sie möchte sich doch beruhigen und geduldig des Detektivs Rückkehr abwarten. Die Kleine hat ja ihren Vater, der bei ihr ist, so schloß ich meinen Zuspruch.

Aber sie schien nicht viel Trost darin zu finden. Aufgeregt rang sie die Hände und nahm sich erst dann mehr zusammen, als ihr Vetter, von dem Detektiv begleitet, wieder auf der Treppe erschien.

Dann nahm sie meinen ihr dargebotenen Arm. Sie bedurfte einer solchen Stütze, denn Todesangst lag in dem Blick, womit sie den Beamten empfing. Und dieser – nun, ich hatte den Mann nie vorher gesehen, aber als ich ihn langsam die Treppe herunterkommen sah, hatte ich das bestimmte Gefühl, er müßte das Gesuchte gefunden haben, und das leise raschelnde Stück Papier, das er in der Hand hielt, müßte das von Herrn Gryce für so außerordentlich wichtig erklärte sein.

Und ich hörte meine Vermutungen schnell bestätigt; denn als Sweetwater die letzte Treppenstufe betrat, murmelte sie:

»Ich hab's versucht – aber das Schicksal war gegen mich. Jetzt sehe ich klar und deutlich meine Pflicht vor mir.«

Hope Meredith beachtete ihren Vetter Leighton nicht, der jetzt zu seinen im Bibliothekzimmer wartenden Brüdern trat. Ich aber folgte ihm mit dem Blick, und ich sah zu meinem Kummer an seiner ganzen Haltung, daß der in der Dachkammer gemachte Fund von einer Bedeutung sein mußte, die die Aufregung des jungen Mädchens vollkommen rechtfertigte.

Sie haben gefunden, was Sie suchten! rief sie dem jungen Polizeibeamten hastig entgegen. Es war, als wäre ihr die Spannung mit einemmal unerträglich geworden, und als hätte sie jetzt keinen anderen Gedanken mehr, als der peinlichen Lage möglichst schnell ein Ende zu machen.

Sweetwater verzog auf eigentümliche Art das Gesicht. Sollte das ein Lächeln bedeuten? Ja, es war ein Lächeln. Dann übergab er das Papier, das er in der Hand hielt, dem Coroner.

Kommen Sie her, Gryce! rief der Beamte, nachdem er schnell einen Blick auf den Streifen geworfen hatte, und fragte ihn dann:

Was bedeutet nach Ihrer Meinung der Inhalt dieses Zettels?

Im Nu war der Detektiv an seiner Seite, und die beiden beugten sich über das Papier. Die Spannung erreichte jetzt einen fast unerträglichen Grad. Endlich sahen wir, wie der Detektiv die Fingerspitze auf eine Stelle der Schrift legte. Der Coroner las den Satz, und sein Gesicht drückte eine tiefe Bewegung aus.

Ah! rief er aus. Was bedeutet das?

Der Detektiv sprach leise einige Worte; dann nahm er den von mir in dem Umschlag überbrachten Streifen und hielt ihn an das in des Coroners Hand befindliche Stück Papier. Wir alle konnten sehen, daß es Teile eines Blattes waren.

Ich möchte noch feststellen, ob der Streifen zu dem in der Maschine gebliebenen Teil des Briefes ebenfalls paßt, sagte der Coroner, ohne die aufgeregten Blicke zu beachten, die von allen Seiten sich auf ihn richteten. Damit schritt er an uns vorüber auf den großen Tisch der Bibliothek zu und legte die drei Stücke aneinander. Unwillkürlich warf er dabei einen mitleidigen Blick auf die jungen Gillespies.

Lassen Sie's sehen! rief Alfred. Was steht in dem Brief? Wahrhaftig, diese Geheimtuerei ist schlimmer als meines Vaters Tod!

Wenn Fräulein Meredith mir erklären will, wie dieser mittlere Teil des Briefbogens in das Versteck der Dachkammer gelangt ist, so werde ich sofort Ihren Wunsch erfüllen, versetzte der Coroner.

Sie hatte keinen Blick auf den wieder zusammengefügten Briefbogen geworfen; jetzt antwortete sie frank und frei, und ohne weitere Umschweife zu versuchen:

Ich habe das Stück Papier selbst dorthin gebracht. Ich kam in meines Onkels Arbeitszimmer und sah ihn leblos auf dem Fußboden liegen. Sofort durchfuhr mich der Gedanke, der Tod könnte ihn ereilt haben, während er an der Schreibmaschine arbeitete. Ich eilte an den Tisch, hob den Wagen der Maschine hoch und las den Brief, um zu sehen, ob er nicht Anhaltspunkte böte, aus denen sich auf das plötzliche Ende meines Oheims schließen ließe. Und ich las – George, Alfred, Leighton! schrie sie mit einemmal heftig auf, indem sie sie mit einem Blick maß, vor welchem alle drei ihre stolzen Stirnen senkten – ich weiß nicht, wer von euch dreien die Last des Verbrechens auf seine Seele geladen hat. Aber einer von euch, einer, sage ich, steht unter dem Bann einer Anschuldigung, die sein leiblicher Vater gegen ihn erhoben hat. Leset!

Und mit zitterndem Finger wies sie auf die letzte Zeile des unvollendeten Briefes.

Ich füge eine getreue Wiedergabe desselben in der Form, in der er sich jetzt unseren Blicken darbot, an dieser Stelle ein:

Diese letzten Worte wurden von ihm selber geschrieben, als er die Wirkung des Giftes verspürte und den Tod herannahen fühlte! setzte sie leidenschaftlich hinzu. Widersprich mir, George! Widersprich mir, Leighton! Oder du, Alfred, wenn du kannst! O tut es! Für mich würde es neues Leben bedeuten – neue Kraft ...

Sie schwankte, sie vermochte kaum die Worte hervorzubringen. Offenbar war sie einer Ohnmacht nahe. Aber keine Hand erhob sich, kein Wort wurde laut. Die furchtbare Beschuldigung hatte sie alle sprachlos, bewegungslos gemacht.

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