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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Viertes Kapitel.

Indem ich diese Beobachtung mitteile, möchte ich bemerken, daß ich kein Vorurteil gegen Alfred zu erwecken wünsche. Ich hätte kein Recht dazu, denn als ein paar Sekunden darauf Leighton, der seines Kindes Stimme vernommen hatte, die Treppen hinaufgeeilt kam, bemerkte ich an ihr dasselbe Zurückschaudern, dem ein gleicher Ausdruck von Starrheit folgte. Und abermals dieselbe Beobachtung machte ich unten in der Halle, als George auf sie zueilte und sie mit eindringlichen, aber doch ganz natürlichen Fragen bestürmte, wo sie denn so lange gewesen sei. Dabei war ihr anzusehen, wie sehr sie litt, und daß sie sich krampfhaft bemühte, dieses unwillkürliche Zurückschaudern zu verbergen, das ja auch ihren nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den drei Brüdern durchaus nicht entsprach. Aber es wurde natürlich bemerkt und erregte in Alfred eine Aufregung, die er vergeblich zu beherrschen suchte, in Leighton Ueberraschung und in George einen wilden Zorn, der sich in jähestem Wechsel der Gesichtsfarbe von Leichenblässe zu dunklem Rot und von dunkelrot zu Leichenblässe äußerte.

Wie hat sie nur von ihres Oheims Tod so bald Kenntnis haben können? flüsterte Bennett mir ins Ohr. Sie sagten doch, Sie hätten sie die Treppe hinaufeilen hören, während Sie in Alfreds Zimmer gewesen seien. Das war doch ganz wenige Augenblicke, nachdem der alte Herr in Ihren Armen verschieden war! Ist es möglich, daß Sie Fräulein Meredith bereits begegnet waren? Hatte sie zu allererst im ganzen Hause Kenntnis von dem Tode ihres Onkels?

Meines Wissens nicht! versetzte ich. Ich habe sie oben in der Dachkammer zum erstenmal gesehen. Es wäre ja aber ganz wohl denkbar, daß sie hier in der großen Halle oder in einem der vielen Zimmer hier unten gewesen ist.

Ich konnte meine Augen nicht von ihrer Schönheit abwenden; das heißt, ich nenne es »Schönheit«, weil ich keinen anderen passenden Ausdruck dafür weiß. Ich glaube, sie war nicht eigentlich schön in dem Sinne, den man diesem Wort gewöhnlich beilegt. Sie brauchte aber auch solche Schönheit nicht; ihr bezaubernder Reiz war auch ohne diese unbestreitbar – zu unbestreitbar, fürchte ich, für Alfred und George Gillespie.

An ihrer Haltung, an dem geradeaus gerichteten Blick ihrer Augen, an den festgeballten Händen, die sie immer noch auf dem Rücken hielt, konnte ich bemerken, daß sie alle ihre Geisteskräfte aufbot, um zu einem bestimmten Entschlusse zu kommen. Und ich fürchte, dieser Entschluß stand wenig im Einklang mit der Haltung einfacher Trauer, die sie an den Tag zu legen bemüht war. Leighton schien dies ebenfalls zu bemerken, denn er setzte das Kind nieder, das er bis dahin gegen seine Brust gepreßt gehalten hatte, trat an seine Cousine heran und richtete ein paar hastige Fragen an sie.

Doch ehe sie antworten konnte, trat der Coroner heran und sagte seinerseits:

Wenn Sie Fräulein Meredith sind, Herrn Gillespies Nichte und Mitarbeiterin, so ist Ihr tiefer Kummer und Schmerz begreiflich. Der alte Herr ist unter höchst seltsamen Umständen verschieden.

Plötzlich bewegte sie ihre beiden Hände nach vorn, die sie bis dahin krampfhaft auf dem Rücken gehalten hatte, aber ihre Augen blickten starr immer auf denselben Punkt. Vielleicht fürchtete sie, den Blicken der drei Brüder zu begegnen, die hinter dem Coroner standen.

Sind die näheren Umstände Ihnen mitgeteilt worden? fragte Frisbie in freundlichem und ermutigendem Tone weiter.

Nein.

Die Antwort kam schnell und scharf heraus; man sah, sie war ein Weib von festem Willen, was ich nach der Art, wie wir sie aufgefunden, nicht von ihr erwartet hatte.

Dann hat also die Kleine nichts gesagt? fuhr er fort, mit einem Blick auf Claire, die sich wieder zu Fräulein Merediths Füßen hingesetzt hatte.

Claire? rief sie, offenbar überrascht. Claire?

Und ihre Augen folgten dem Blick des Coroners, bis sie das Mädchen bemerkte, von deren Anwesenheit sie bis dahin augenscheinlich nichts gewußt hatte.

Nein! erwiderte sie. Sie hat nichts gesagt. Wenigstens habe ich nichts von ihr gehört.

Dabei streckte sie die Hand aus, als wolle sie bitten, das Kind hinwegzubringen. Aber sie vollendete die Bewegung ihres Armes nicht, und ich bezweifle, ob von den Anwesenden jemand außer mir deren Bedeutung ahnte.

Der Coroner hatte offenbar den Wunsch, ihre Gefühle zu schonen und sagte:

Doktor Bennett wird Ihnen mitteilen, zu welchen Schlußfolgerungen wir bis jetzt gekommen sind. Ich wünsche von Ihnen nur zu erfahren, wann Sie Herrn Gillespie zum letztenmal gesehen haben.

Bei Lebzeiten? fragte sie und warf dabei einen verstohlenen Blick auf die Tür der kleinen Hinterstube.

Ja, Fräulein Meredith. Als Toten haben Sie ihn doch ganz gewiß nicht gesehen.

Ich war mit ihm bei Tisch, erwiderte sie. Wir waren alle da – und bei diesen Worten sah sie zum erstenmal ihre drei Vettern einen nach dem andern an. Mein Onkel schien so wohl zu sein, wie er seit seiner letzten Krankheit nur je gewesen ist. Er aß mit gutem Appetit und trank ...

Und trank ... wiederholte der Coroner mit einem ernsten Blick auf die hinter ihm stehenden drei jungen Leute, die alle drei emporfuhren.

... sein gewohntes Glas Wein zum Nachtisch. Er trank allein! rief das Mädchen mit starker Betonung und in plötzlich hervorbrechender Erregung. Niemals kann ich das vergessen, daß er allein trank.

Ein Seufzer oder ein seufzergleicher Hauch antwortete ihr. Einer ihrer Vettern hatte ihn ausgestoßen, aber wer es war, das habe ich niemals erfahren. Als sie den Ton vernahm, fuhr sie zusammen, als wäre sie ins Herz getroffen, hob ihre Hände empor und hielt sich die Ohren zu. Aber sofort ließ sie sie wieder sinken und sah mit unbeschreiblich traurigem Blick langsam die jungen Leute der Reihe nach an.

Wie gern hätte ich nach alter guter Sitte ihm Bescheid getan, hätte ich gewußt, daß dies sein letzter Trunk war, rief sie aus, und dann ließ sie mit einem Seufzer wieder ihr Haupt auf die Brust sinken.

Ich verstehe Sie nicht ganz, sagte der Coroner nach einer kurzen Pause allgemeinen atemlosen Schweigens. Trank Herr Gillespie sonst für gewöhnlich sein Glas zusammen mit seinen Tischgenossen, oder warum erregt Sie der Umstand, daß er es heute abend allein trank, in so hohem Maße?

Ja. Sonst verging keine Mahlzeit, ohne daß zum Schluß einer seiner Söhne irgendeinen Trinkspruch ausgebracht hätte. Das eigentümliche Zusammentreffen der Umstände geht mir so zu Herzen. Aber ich weiß nicht, warum ich davon spreche – niemand konnte voraussehen, daß dies das letztemal sein sollte, wo wir alle vereinigt wären.

Sie sah bei diesen Worten gerade vor sich hin. Es klingt fast unglaublich, aber sie war sich offenbar nicht bewußt, über den Häuptern ihrer drei Vettern das schwarze Banner des Verdachtes aufgepflanzt zu haben. Erst als ein drückendes Schweigen ihren Worten folgte, schien ihr die Tragweite ihrer Aussage klar zu werden, denn plötzlich fuhr sie zusammen, ihre Züge verzerrten sich in einer mich erschreckenden Weise, und mit vorgestreckten Armen rief sie aus:

Sie verbergen mir etwas! Woran ist mein Onkel gestorben? Sagen Sie's mir – sagen Sie's mir sofort!

Leighton sprang vor, nahm sein Kind auf den Arm und eilte mit ihm in ein anderes Zimmer. George zitterte, richtete sich dann aber in stolzer Haltung kerzengerade empor. Alfred, der, um seine Leidenschaft niederzukämpfen, an seinen Nägeln gekaut hatte, trat einen Schritt auf sie zu, wie wenn er sie stützen wollte. Aber sie schien auf keinen ihrer Vettern zu achten. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den Doktor gerichtet; zu Tod geängstigt hingen ihre Blicke an seinen Lippen.

Ihr Onkel ist das Opfer von Gift geworden! sagte er. Aber wir können annehmen, daß er es geraume Zeit nach dem Abendessen zu sich nahm. Blausäure macht schnelle Arbeit.

Diese Erklärung hörte sie nicht mehr. Sowie sie das Wort »Gift« vernahm, sank sie ohnmächtig zu Boden.

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