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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Drittes Kapitel.

Es war eine niederschmetternde Mitteilung; auf allen Gesichtern prägte sich deutliches Entsetzen aus. Und doch waren die drei Söhne augenscheinlich nicht überrascht. Der Börsenfürst mußte doch wohl geheime Sorgen gehabt haben, da sein plötzliches Ende den ihm am nächsten Stehenden als etwas beinahe Natürliches erschien.

Meine Lage begann mir als höchst peinlich zu erscheinen, und der verschlossene Brief in meiner Tasche lastete mir bleischwer auf der Brust.

Doktor Bennett und die drei Brüder waren in das Totenzimmer eingetreten, und hier sagte Leighton in gepreßtem Tone, dem er vergebens einen natürlichen Klang zu verleihen suchte:

Kann sich der Doktor nicht vielleicht irren? Da steht ja das Chloralfläschchen auf dem Kaminsims. Das ist ungewöhnlich – auf diesem Platz ist es sonst nicht zu finden. Da es aber hier ist – können wir daraus nicht schließen, daß Vater das Bedürfnis fühlte, dies Beruhigungsmittel zu sich zu nehmen? Blausäure kann man nur durch Vermittelung eines Arztes erhalten, und ich bin gewiß, daß Sie, Herr Doktor Bennett, ihm niemals ein so gefährliches Gift verschrieben haben!

Nein – denn die Anwendung desselben bei einem Leiden wie dem Ihres Vaters ist gänzlich ausgeschlossen. Aber Sie werden sehen, Leighton, daß er daran gestorben ist; alle Symptome sprechen dafür, und wir haben uns nunmehr bloß darüber klar zu werden, ob er es im Chloral zu sich nahm oder in dem zuletzt getrunkenen Glas Wein, oder auf sonst eine, uns bis jetzt noch unbekannte Weise. Es tut mir leid, daß ich so unzweideutig sprechen muß, aber in meinem Beruf kenne ich kein Vertuschen. Außerdem würde der Coroner keine solche Rücksicht bezeigen, selbst wenn ich aus Zartgefühl schweigen wollte. Die Tatsache liegt klar zutage.

Leightons Antwort konnte ich nicht hören, aber als sie alle wieder herauskamen, sah ich, daß er nicht nur des Doktors Ansicht als richtig anerkannt, sondern inzwischen auch erfahren hatte, in welcher Weise ich an dem Ereignis beteiligt war. Dies war deutlich an der Herzlichkeit seines Grußes zu erkennen, auch ging es aus den Fragen hervor, mit denen er sich bei mir nach seinem Kinde erkundigte.

Hierbei hatte ich Gelegenheit, mir sein Gesicht genauer anzusehen. Es war das melancholischste, das ich je in meinem Leben gesehen hatte, und besonders fiel mir dabei auf, daß diese Traurigkeit anscheinend immer auf seinem Antlitz lag und nicht erst durch den letzten Schicksalsschlag hervorgerufen war.

Es ist mir ein Rätsel, bemerkte Leighton in höflichem Tone zu mir, warum mein Vater in seinen letzten Schmerzen jemanden von der Straße hereinrufen ließ, da doch seine Söhne zu Hause waren. Indessen muß er es wohl für notwendig erachtet haben, und da sein Ruf befolgt wurde, so freue ich mich, daß der Zufall ihm und uns in Ihrer Person einen so menschenfreundlichen und dienstwilligen Helfer zugeführt hat.

Ich antwortete ihm nur mit einer Verbeugung; in der Tat hatte ich auf seine Worte kaum geachtet. Mich beschäftigte immer wieder der Gedanke an den Brief. Sollte ich ihn Leighton übergeben? Ein gewisser Instinkt hielt mich davon zurück – oder mehr noch vielleicht die Vorsicht, die mir in meinem Beruf als Anwalt zur zweiten Natur geworden war und zum Glück als Gegengewicht gegen den ersten Antrieb wirkte. Nach allem, was ich bis jetzt gesehen hatte, konnte ich nicht mit Sicherheit annehmen, daß der alte Gillespie den Brief für einen seiner Söhne bestimmt hatte.

Wollen Sie uns die Freundlichkeit erweisen, bis zur Ankunft des Coroners hier zu warten? fuhr Leighton Gillespie fort. Er hat telephoniert, er werde sofort hier sein.

Ich werde warten, antwortete ich. Er machte eine einladende Handbewegung, und ich betrat jetzt den Salon.

Es verstrich eine viertel – eine halbe Stunde; endlich ließ sich wiederum die Hausklingel vernehmen. Ich hörte verworrenes Stimmengeräusch und Hinundherlaufen und konnte daraus entnehmen, daß der Erwartete endlich eingetroffen war. Indessen mußte ich mich noch eine gute Weile in Geduld fassen, bis der Coroner sich bei mir im Salon einfand. Endlich hörte ich einen Schritt; ich blickte auf und gewahrte einen hageren alten Herrn, der sehr ernst auf mich zukam und sich dicht an meine Seite setzte, so daß er leise mit mir sprechen konnte und nicht zu befürchten brauchte, daß unser Gespräch belauscht würde.

Sie sind Herr Cleveland, begann er. Ich habe von Ihrer Firma gehört und bin mit Ihrem Partner, Herrn Robinson, mehr als einmal zusammengewesen. Kannten Sie Herrn Gillespie oder seine Angehörigen bereits vor dem heutigen Abend?

Nein, ich kannte Herrn Gillespie nur vom Hörensagen.

Es war also reiner Zufall, daß Sie seinen letzten Augenblicken beiwohnten?

Reiner Zufall – wenn wir nicht etwa ein Wirken der Vorsehung annehmen wollen.

Er sah mich mit einem scharf musternden Blick an und fuhr fort:

Erzählen Sie den Hergang!

Hier geriet ich in ein Dilemma. Verlangte die Pflicht von mir, einen Umstand zu enthüllen, den ich bisher sogar vor den Söhnen des Verstorbenen geheimzuhalten mich verpflichtet gefühlt? Diese heikle Frage vermochte ich mir nicht so im Handumdrehen zu beantworten; ich beschloß daher, mich noch ablehnend zu verhalten, und beschränkte mich darauf, meine bereits einmal vorgetragene Darstellung von Herrn Gillespies Ende einfach zu wiederholen. Als ich damit fertig war, fragte der Coroner, ob das kleine Mädchen in dem Augenblick, wo ihr Großvater den letzten Atemzug getan, noch im Zimmer gewesen sei.

Sie hielt seine Knie umklammert, solange er noch aufrecht stand, antwortete ich. Im Augenblick aber wo er hinsank, erschrak sie und lief hinaus.

Sprach er mit ihr? fuhr der Coroner fort.

Soviel ich gehört habe – nein.

Sagte er überhaupt irgend etwas?

Er stammelte ein paar unartikulierte Töne – Namen nannte er nicht.

Verlangte er nicht nach seinen Söhnen?

Nein.

Nach keinem von den dreien?

Nein.

Wie verbreitete sich die Todesnachricht im Hause?

Ich ging mit dem Kinde nach oben und sagte den jungen Herren Bescheid.

Coroner Frisbie rieb sich nachdenklich das Kinn; sein scharfes Auge wandte sich keine Sekunde von mir.

Lag auf dem Schreibtisch oder auf dem Fußboden in dem Augenblicke, als Sie das Zimmer betraten, ein leeres Fläschchen oder ein Stück Papier? frug er weiter.

Ein Papier? wiederholte ich. Was für ein Papier?

Nun, Papier, wie es Apotheker und Aerzte verwenden, um Arzneiflaschen einzuwickeln. Die Blausäure, die Herr Gillespie offenbar eingenommen hat, muß in flüssiger Form gekauft worden sein. Wir müssen also annehmen, daß zum mindesten das Fläschchen und vielleicht sogar das Einwickelpapier irgendwo im Zimmer herumlagen. Das heißt, wenn er dies Gift absichtlich zu sich genommen hat.

Ich erinnerte mich sehr gut, wie das von mir auf Geheiß des alten Herrn in den Briefumschlag gesteckte Papier ausgesehen hatte. Es war nicht von der Sorte, die zum Einwickeln von Arzneimitteln verwandt wird, und ich fühlte mich wesentlich erleichtert, antworten zu können:

Ein derartiges Papier habe ich nicht gesehen.

Wo ist das kleine Mädchen? fragte er weiter. Wenn die Kleine aussagte, ihr Großvater habe mir ein Stück Papier gegeben, so wollte ich dies einräumen und den Umschlag ausliefern. Hatte sie aber den Umstand vergessen, oder in ihrer Angst vielleicht gar nichts davon bemerkt, so wollte ich noch etwas länger darüber schweigen, in der Hoffnung, daß sich mir ein gangbarer Ausweg aus der Schwierigkeit zeigen würde. Es war mir daher ganz lieb, daß der Coroner nach dem kleinen Mädchen fragte.

Ich nehme an, daß Sie nicht gerade gern noch länger hier bleiben würden, fuhr er fort. Wenn Sie mir Ihre Adresse angeben und mir zusichern wollen, sich auf meinen Wunsch sofort zur Verfügung zu halten, so kann ich Sie für heute abend entlassen.

Ich überreichte ihm meine Karte, denn ich sah, daß ich keinen Vorwand hatte, mich noch länger im Sterbehause aufzuhalten, obwohl ich es, in Rücksicht auf meinen geheimen Auftrag, gern getan hätte. Ich ging daher auf die Tür zu. In diesem Augenblick kam der Doktor Bennett eilig in den Salon hinein und rief:

Ich habe was gefunden! ...

Dann schwieg er aber plötzlich, indem er einen schnellen Blick auf mich warf. Er schien im Zweifel zu sein, ob es angebracht wäre, in meiner Gegenwart von seinem Funde zu sprechen. Doch der Coroner schien derartige Bedenken nicht zu haben; er ging eilends auf den alten Hausarzt zu und rief:

Sie haben das Fläschchen gefunden? Oder etwa nur das Papier, worin es eingewickelt gewesen ist?

Bennett zog ihn auf die Seite, und ich sah, wie er dem Coroner einen Gegenstand übergab, der wie ein kleiner Stöpsel aussah.

Haben Sie das in Herrn Gillespies Schreibstube gefunden? fragte der Coroner. Ich glaubte in jenem Zimmer jedes Eckchen und Fleckchen durchsucht zu haben!

Bennett antwortete im leisesten Flüstertöne; trotzdem verstand ich mit meinem ungewöhnlich scharfen Gehör jedes Wort.

Er lag im Speisezimmer auf dem Fußboden, sagte er, unter dem Rand des Kaminteppichs. Ein sehr verdächtiger Umstand, meinen Sie nicht auch? Der alte Gillespie kann ihn auf keinen Fall dorthin geworfen haben. Also irgendein anderer – wer? weiß ich nicht – und! ich sage vorläufig auch nichts – mir wär's sehr unangenehm, wenn ich die Polizei im Hause haben müßte.

Die beiden Herren tauschten einen eigentümlichen Blick miteinander aus, wie ich in dem gegenüberhängenden Spiegel sah. Ich ließ mir aber nicht merken, daß ich es gesehen; ich war mir nur zu wohl bewußt, in welcher delikaten Lage ich mich in diesem Hause befand. In der nächsten Minute gingen wir zusammen hinaus. Im Augenblick, als wir die Schwelle überschritten hatten, hielt der Coroner uns noch einmal zurück und sagte ernst:

Ich bitte um Schweigen! Wir wollen heute abend die jungen Gillespies nicht mehr aufregen, als leider ohnehin nötig ist.

Er wurde durch einen lauten Ruf unterbrochen.

Wo ist Fräulein Meredith? Hat jemand Fräulein Meredith gesehen? Ich kann sie in keinem von den oberen Zimmern finden!

Und eine andere Stimme rief leidenschaftlich:

Hope, Hope! Wo bist du, Hope?

Durch das ganze Haus eilten Männer und Frauen von einem Zimmer zum anderen, und ich hörte nicht nur »Hope Meredith« rufen, sondern auch »Claire«. Dies mußte wohl der Name des kleinen Mädchens sein.

Ist denn auch das Kind nicht zu finden? fragte ich unruhig den Coroner, der noch wartend unten in der Halle stand.

Offenbar. Wer ist Fräulein Meredith?

Der alte Diener, Hatson, nahm das Wort und sagte:

Sie ist eine Cousine der jungen Herren. Herr Gillespie hielt große Stücke auf sie, und sie lebt hier wie die Tochter des Hauses. Man wird sie wohl in einem der Zimmer oben finden.

Darin täuschte der Mann sich aber. Allmählich kamen alle Dienstboten wieder nach der Halle herunter, wo sie sich flüsternd und mit ängstlichen Gesichtern in eine Ecke zusammendrängten. Nach ihnen kam George, ärgerlich dreinschauend und kopfschüttelnd, langsam die Treppen herunter. Ihm folgte Leighton, der sich in einer unbeschreiblichen Aufregung befand. Sein Kind, das ihm über alles ging, war verschwunden!

Sie muß hier sein! rief er wild. Claire! Claire!

Damit rannte er durch den großen Salon, wo sie doch nicht sein konnte, wie er selber gut genug wußte.

Alfred war oben geblieben.

Auf einmal kam mir eine Erinnerung an eine Wahrnehmung, die ich selber gemacht hatte, als ich mit der Kleinen im oberen Stockwerk war, und ich fragte Doktor Bennett:

Sind die Leute schon oben im vierten Stock gewesen? Als ich in Herrn Alfred Gillespies Zimmer im dritten Stock war, hörte ich auf der Treppe Kleider rauschen. Es war ein hastiges Laufen; ich glaubte damals, die betreffende Person eilte nach unten. Es kann aber auch sein, daß sie treppauf lief!

Wir wollen doch nachsehen! sagte der Doktor.

Ich schloß mich ihm ohne Besinnen an. Als wir an Alfreds Tür vorbeikamen, sahen wir ihn in seinem Zimmer stehen. Er war in einem solchen Zustande von Wut, daß er uns gar nicht bemerkte, und riß ein Blatt Papier in Fetzen; es war wieder ein Briefbogen wie jener, den er vorher in den Papierkorb geworfen hatte. Dabei murmelte er Worte vor sich hin, von denen ich nur einige verstand.

Warum denn schreiben? sagte er. Wenn sie mich liebte, würde sie warten. Sie würde nicht in einem solchen Augenblick fortgehen, wenn er nicht ...

Doktor Bennett legte den Zeigefinger auf seine Lippen und ging leise an der offenen Tür vorüber. Ich eilte ihm nach, und wir stiegen zusammen die letzte Treppenflucht hinauf.

Wir befanden uns jetzt in einem Teil des Gebäudes, der auch dem Doktor nicht bekannt war, geschweige denn mir. Hier oben war alles dunkel; nur ein schwacher Lichtstrahl drang durch eine Türspalte; wir sahen nach und fanden in einer der Dachstuben eine niedrig geschraubte Gasflamme brennen. Aber das Zimmer war leer. Auch in einigen anstoßenden Kammern war keine Menschenseele zu finden. Wir gingen wieder auf den Flur und bemerkten beim Schein eines Streichhölzchens, das der Doktor entzündete, zwei verschlossene Türen den bereits durchsuchten Zimmern gegenüber. Die eine führte zu einer gut möblierten Stube, die andere in eine Rumpelkammer, die halb mit Koffern und Kisten angefüllt war.

Nun, das muß ich sagen! rief Doktor Bennett aus, als sein Streichholz ausging, ehe wir noch die Kammer ordentlich hatten mustern können, diese ganze Geschichte steckt voll von Geheimnissen.

Pst! sagte ich. Wir wollen horchen! Wir müssen uns hier oben mehr auf unsere Ohren als auf unsere Augen verlassen!

Mit angehaltenem Atem lauschten wir beide. Und wirklich, wir hörten etwas. Es klang wie das Atmen eines in unserer Nähe versteckten Menschen. Oder konnte es etwas anderes sein? Der Doktor zündete ein neues Streichholz an.

Diesmal sahen wir etwas, aber wieder erlosch das schwache Flämmchen, ehe wir hatten unterscheiden können, was es war. Wir mußten uns unbedingt Klarheit verschaffen, und dazu gehörte vor allem ordentliches Licht. Ich hatte in einer der anderen Kammern eine Kerze bemerkt; ich eilte hin, entzündete sie an der Gasflamme und kehrte, so schnell ich konnte, nach der Rumpelkammer zurück.

Dort hatten wir einen seltsam rührenden Anblick.

An der Wand stand eine weibliche Gestalt. Weit aufgerissene Augen starrten uns an aus einem bleichen Antlitz, das vor Entsetzen über irgend etwas Unerhörtes, Ungeahntes völlig versteinert zu sein schien. Und dies Gesicht war schön, von jener rührenden weiblichen Schönheit, die zu Herzen geht. Rührend war auch der Anblick des im ganzen Hause vergeblich gesuchten kleinen Mädchens – es lag in sanftem Schlummer zu ihren Füßen!

Wer ist das? fragte ich. Ist es Fräulein Meredith?

Der Doktor drückte mir die Hand und flüsterte:

Wir müssen vorsichtig sein. Sie ist in einem Zustande, daß ein plötzliches Erschrecken sie um ihren Verstand bringen kann.

Das Kind scheint aber keine Angst vor ihr zu haben, murmelte ich.

Der Doktor war inzwischen auf das junge Mädchen zugeschritten, das noch immer wie gebannt sich gegen die Wand anpreßte, und lächelnd sagte er:

Warum sind Sie denn in einem so kalten Zimmer? Claire wird sich erkälten. Wollen Sie nicht lieber mit herunterkommen?

Zusammenfahrend sah sie auf die Kleine hernieder, die noch immer, ohne sich zu rühren, zu ihren Füßen lag, und rief:

Wie ist sie denn zu mir gekommen? Ich habe sie nicht gerufen.

Und wie kommen Sie denn selber hier herein? war des lächelnden Doktors Gegenfrage. Mit Ihrem weißen Kleide passen Sie doch nicht in diese Rumpelkammer!

Sie richtete sich kerzengerade auf; von der Bewegung erwachte Claire und fing an zu weinen.

Ich hörte, daß Herr Gillespie tot sei, antwortete kaum hörbar das junge Mädchen mit starren, blassen Lippen. Ich hatte ihn lieb, und in meinem Schmerz flüchtete ich in diese Kammer.

Sie stand noch immer gegen die Wand gepreßt, die Hände hinter ihrem Rücken verbergend. Ich bemerkte, wie ihre Zähne klapperten; das konnte nicht von der Kälte allein herrühren, selbst der plötzliche Tod eines väterlichen Freundes und Wohltäters reichte zur Erklärung einer Aufregung, wie das junge Mädchen sie zeigte, nicht aus. Was mochte sie nur haben?

Wollen Sie nicht mit hinuntergehen? sagte der Doktor eindringlich, indem er Claire zärtlich wie ein Vater auf seine Arme nahm.

Niemals! schienen ihre Lippen rufen zu wollen, aber ich hörte keinen Laut. Und als Bennett, nachdem er mir das Kind gegeben, seinen Arm um sie schlang und sie sanft mit fortzog, da folgte sie ganz fügsam. Doch heftete sie einen seltsam starren Blick auf den alten Mann, einen Blick, den ich damals nicht verstand, und der mir noch lange Zeit nachher ein Rätsel war.

Auf dem Treppenabsatz begegneten wir Alfred. Vielleicht hatte er uns nach oben gehen hören, vielleicht war er von selbst auf den Gedanken gekommen, die Dachkammern zu durchsuchen. Sowie er uns sah, rief er aus:

Sie haben sie gefunden!

Auf das Kind bezog dieser Aufruf sich nicht; denn in vorwurfsvollem Tone setzte er hinzu:

Hope, wie konntest du uns solche Angst machen? Haben wir nicht schon genug zu tragen? Mußtest du noch mit einer neuen entsetzlichen Befürchtung unsere Herzen peinigen?

Ihre Antwort war nur ein unverständliches Flüstern. Sowie sie den jungen Mann erblickt hatte, war ihr Antlitz starr geworden wie eine Maske.

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