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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Schluß.

Noch eine einzige Szene, und ich beschließe diesen Bericht von der aufregendsten Episode meines sonst so stillen Lebens.

Für mich ist diese Szene unvergeßlich. Wir waren im Boudoir des Häuschens in New-Jersey, an dem Tage, als wir Millefleurs zur ewigen Ruhe niederlegten.

Das Begräbnis hatte stattgefunden, die Gäste waren bereits gegangen, und außer mir waren nur noch die Familienangehörigen anwesend, um das Häuschen zu schließen, das Leighton, als kostbarstes aller seiner Besitztümer, für ewig unberührt zu lassen beschlossen hatte. George und Alfred waren hinausgegangen, um alles für Hopes Abfahrt in Ordnung zu bringen. Sie taten beide, als ob sie nur noch brüderliche Gefühle für das liebliche junge Mädchen hätten, aber im stillen hegte jeder von ihnen doch wohl noch Hoffnungen für seine Person. Sie wußten allerdings nicht, was am Tage vorher zwischen Hope und mir vorgegangen war. Leighton stand einsam vor dem Kamin und ließ seine traurigen Augen, vielleicht zum letztenmal, über die kostbare Einrichtung des glänzenden Käfigs wandern, in dem das arme Vögelein seinen Drang nach Freiheit nicht hatte vergessen können.

Da trat Hope ein.

Sie stand in der offenen Tür; beide Arme voll von Rosen – Rosen, die sie aus New York gebracht hatte und jetzt Leighton hinhielt, mit einem Lächeln, das er, wie ich glaube, gar nicht bemerkte, denn er hatte nur Augen für die wundervollen Rosen.

Was sollen diese Blumen? fragte er, indem er auf sie zutrat und mit zitternden Händen die roten Rosen streichelte.

Sie sind für sie, antwortete Hope leise, für meine Cousine. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ich ihr nie in meinem Leben eine Liebe habe erzeigen können, denn ich habe sie ja nie gesehen. Und da ... und da ...

Er zog sie an seine Brust und küßte sie, seiner Erregung nicht mehr mächtig, auf den Mund. Dann nahm er ihr die Blumen ab und ging mit ihnen hinaus.

Bleich und halb ohnmächtig schwankte Hope auf mich zu, hob ihre unschuldigen, treuen Augen zu mir auf, und stammelte mit zuckenden Lippen, vor Schluchzen kaum der Sprache mächtig:

Habe Geduld mit mir! Ich sehe jetzt, daß er mich nie geliebt hat und niemals mich geliebt haben würde. Sonst hätte er mir nicht am heutigen Tage einen solchen Kuß geben können.

An meinem Arm verließ Hope das kleine rosenumrankte Haus in New-Jersey. Ich führte sie in das Leben hinein, das sie von nun an mit mir teilen sollte.

*

Hopes Rosen waren längst auf Millefleurs' stillem Grabe verwelkt, da sagte eines Tages Leighton Gillespie zu mir, indem er mit der Hand über die Locken seines Kindes fuhr:

»Ich werde niemals wieder heiraten, Cleveland. Die Erziehung meines Kindes, das hoffentlich einstmals mein Stolz sein wird, wie es jetzt schon meine Freude ist, wird so viel Glück in mein Leben bringen, wie ich verlangen kann und nötig habe. Und, Cleveland – Claire ist ein ruhiges Kind« – er stockte einen Augenblick; ich wußte, welcher Gedanke ihn bewegte – »ein ruhiges und liebevolles Kind. Gestern hatte es eine volle Stunde lang seine Aermchen um meinen Hals geschlungen und hörte mir zu, seine Wange an die meinige gepreßt, obwohl ich von ernsteren Dingen sprach, als für gewöhnlich Kinder sie gern hören. Das ist Balsam für manche Wunde, Cleveland, und wenn ihre Mutter auf uns herniederschauen kann ...«

Ein unbeschreiblich schönes Lächeln ergänzte den unvollendeten Satz. Und ich wußte: Leighton Gillespie ist kein unglücklicher Mann mehr.

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