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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Das hatten Sie wohl nicht erwartet? rief Sweetwater. Ja, ich dachte mir, daß es Sie überraschen würde, Herr Cleveland. O, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Sie vermissen den Punkt nach dem Wort »Söhne« und wenden ein, daß »Söhne« sowohl wie der Name »Hatson« doch mit noch besserem Grunde als das Wort »Keiner« mit einem großen Buchstaben hätte geschrieben werden müssen. Ja, aber wollen Sie bedenken, daß Herr Gillespie bereits mit dem Tode kämpfte; da ist es kein Wunder, daß er nicht mehr an große Anfangsbuchstaben, geschweige denn an ein Punktzeichen dachte. Er war ja nicht mal mehr imstande, das Wort fertig zu schreiben, obgleich er offenbar gar nicht bemerkt hat, daß der Name Hatson unvollständig geblieben war. »Keiner meiner Söhne, Hatson« – so wollte er schreiben. Dafür bin ich bereit, mein Wort zum Pfande zu setzen. Und nun, schloß Sweetwater triumphierend, als er meinem Gesicht angesehen hatte, daß seine Folgerungen nicht ohne Eindruck auf mich blieben, nun sehen Sie auch, warum der Sterbende seine letzten Kräfte aufbot, um seine Mitteilung sicher in die Hände der einzigen Person gelangen zu lassen, die von seinem früheren furchtbaren Verdacht etwas wußte. Es ist nicht mehr als natürlich, wenn ein Vater seine Söhne nicht wissen lassen will, daß er sie so verkannt hat. Er fürchtete außerdem, daß Hatson den Zettel auffangen könnte, wenn er ihn durch das Kind bestellen ließ, und deshalb schickte er das kleine Mädchen auf die Straße hinaus.

Aber –

Ich weiß wohl, wir haben's bis jetzt nur mit Möglichkeiten zu tun, Herr Cleveland. Aber diese Möglichkeiten sind bei weitem glaubhafter als die Mutmaßungen, denen wir bis jetzt nachgegangen sind. Mir ist, wie wenn meine Lungen frische Luft atmeten – zum erstenmal, seitdem ich zur Untersuchung des Falles in dieses Haus gerufen wurde.

Aber, wiederholte ich, denn ich hielt es für unbedingt notwendig, meine Einwendung geltend zu machen, ehe vielleicht der Beamte auf eine bloße Vermutung hin handelnd vorginge, aber welches Motiv können Sie denn dem alten Mann zuschreiben? Wie sollte er dazu kommen, seinen Herrn zu ermorden, bei dem er seit Jahrzehnten in Lohn und Brot gestanden, dem er stets treu gedient hatte?

Hol' der Henker die Motive! rief Sweetwater etwas hitzig. Aber er nahm sich sofort wieder zusammen, bat mich um Entschuldigung und fuhr in ruhigerem Tone fort: Erst kommen die Tatsachen, nachher suchen wir die Motive. Welches Motiv haben wir denn für die drei Söhne ausfindig machen können? Und doch ist auf jeden einzelnen von ihnen der Verdacht gefallen. Indessen, wenn Sie durchaus schon jetzt ein Motiv haben müssen, suchen Sie's hierin, und vielleicht finden Sie es.

Mit diesen Worten zog er aus seiner Tasche ein zweites zusammengefaltetes Papier, das er öffnete und vor mir auf dem Tisch ausbreitete.

Es war eine Abschrift von des alten Gillespies Testament.

Aha! rief ich. Der Zusammenhang begann mir allmählich aufzudämmern.

Zweitausend Dollars! fuhr Sweetwater fort, indem er den Finger auf einen der Paragraphen legte. In Ihren Augen nicht viel, in den seinigen aber ein ganzes, kleines Vermögen.

Und um eine solch geringe Summe, glauben Sie, hat der Mann ...?

Sweetwater legte den Finger auf die Lippen und flüsterte:

Ich bitte um Entschuldigung – aber wäre es nicht besser, wenn wir die Schreibmaschine wieder auf ihren Platz stellten? Wenn ich mich nicht irre, wird sie in dem unvermeidlichen Prozeß eine sehr bedeutende Rolle zu spielen haben.

Ich nickte zustimmend und half ihm die Maschine in den Eckschrank setzen. Dann wandte sich Sweetwater zu mir mit einem ganz eigentümlichen Funkeln seiner kleinen grauen Augen und rief:

Und jetzt, Herr Cleveland, möchte ich Sie bitten, einen Augenblick hier im Hintergrunde zu bleiben. Ich will die Geschichte zum Klappen bringen!

Er öffnete die Tür und eilte in die Halle hinaus. In der gegenüberliegenden Tür sah ich eine schattenhafte Gestalt verschwinden. Sweetwater rief mir zu, ich möchte Licht machen und lief der Gestalt nach in den Speisesaal hinein. Im nächsten Augenblick hörte ich einen Aufschrei, dann ein leises Röcheln; hastig rieb ich ein Zündholz an – es flackerte auf, und bei dem schwachen Scheine sah ich den Detektiv, der den Diener zu Boden geworfen hatte.

Der Mann, der in der Ecke der Halle gesessen hatte, war zu mir geeilt und half mir einige Gasflammen anzünden. Bei ihrem Licht bemerkten wir zwei bleiche Gesichter: Sweetwater war blaß vor Aufregung und Triumph, Hatson bläulichweiß vor Angst.

Giftmischer! Mörder deines Herrn und Wohltäters! Endlich hab' ich dich! rief der Detektiv, mit unwiderstehlicher Kraft den sich heftig sträubenden Alten niederhaltend, dessen Züge bei jedem dieser entsetzlichen Worte immer ängstlicher wurden. Du konntest ungerührt mit ansehen, wie deines Herren Söhne, die du als Knaben auf deinem Knie geschaukelt hast, in den furchtbarsten Verdacht gerieten? Nun wollen wir mal sehen, ob du dich ebenso frech benimmst, wo es dir an den eigenen Kragen geht! Du bist der Mann, der das Gift in Herrn Gillespies Wein getan hat; und wenn der Beamte hier dich für eine Stunde in Gewahrsam nehmen will, so besorge ich sofort einen Haftbefehl.

Der Angriff war so plötzlich erfolgt, und Sweetwater trug in jedem Wort, in jedem Ton eine so felsenfeste Ueberzeugung zur Schau, daß der alte Diener sich ohne jeden Widerstand besiegt gab.

Gnade! stöhnte er. Gnade! Ich war alt – der Arbeit müde – ein kleines eigenes Heim – ein bißchen Freiheit auf meine alten Tage – – ein – – ein ...

Ich eilte aus dem Zimmer. Mir war's, als müßten die Wände über uns zusammenstürzen. Also darum, darum ein Mord!

Der Anblick von einem halben Dutzend Dienstboten, die sich mit verstörten Gesichtern in der Halle zusammendrängten, gab mir meine Selbstbeherrschung wieder. Die Leute waren aus den unteren Räumen heraufgeeilt und flüsterten miteinander, gerade wie es vor drei Wochen gewesen war. Als sie Hatsons Gestalt am Boden liegen sahen, begannen die Weiber zu schluchzen und zu weinen.

Seid ruhig da! rief Sweetwater, indem er mit einer unter diesen Umständen gewiß verzeihlichen Siegermiene auf sie zutrat. Der alte Mann, den ihr alle gewiß für den gutmütigsten und zuverlässigsten Menschen gehalten habt, hat gerade in diesem Augenblick sich als Urheber des Verbrechens bekannt, das dieses Haus in Trauer und Verwirrung gestürzt und eure Brotgeber, die drei jungen Herren, beinahe ins Verderben gebracht hat. Heult meinetwegen, wenn Ihr durchaus weinen müßt, aber heult geräuschlos und bringt mir nicht das ganze Haus in Alarm. Bis jetzt ist die frohe Botschaft wohl noch nicht nach oben gedrungen, und der Herr hier, der den Herren Gillespie seinerzeit die erste Kunde vom Tode ihres Vaters gab, möchte natürlich die Freude haben, ihnen den Bescheid zu bringen, daß der Mörder endlich entdeckt worden ist. Ohne Zweifel sind Herr George und sein Bruder oben in ihren Zimmern.

Jawohl, Herr, sie sind oben! rief eine Stimme.

Sweetwater hatte mit einer Ahnungsgabe, die mich in Erstaunen setzte, die geheimsten Wünsche meines Herzens gelesen. Er trat jetzt zur Seite, um mich voraus zu lassen, und folgte mir dann die Treppen hinauf, so leichten Schrittes, wie wenn ihm Flügel gewachsen wären.

Wie in jener denkwürdigen Nacht vor drei Wochen machte ich zuerst vor Georges Türe Halt. Ich klopfte. Eine mürrische Aufforderung, einzutreten, traf mein Ohr; ich öffnete und sah mit Schmerz vor mir eine Unordnung, die auf den wüsten Seelenzustand des Zimmerbewohners schließen ließ. Nachdem das geliebte Mädchen das Haus verlassen hatte, schien George Gillespie jedes Gefühl für die Behaglichkeit des Heims verloren zu haben. Mitten vor dem Tisch, auf dem er mit zitternden Fingern einige Spielkarten hin- und herschob, saß der einst so hübsche junge Mann. Die Trunkenheit hatte seine Züge verwüstet, und auch in diesem Augenblick war er stark angetrunken.

Bei meinem Anblick stand er auf, lehnte sich schwankend gegen den Tisch und sah mich fragend an, sprach aber kein Wort. Ich machte ihm meine Verbeugung und sagte, wie wenn ich eine Frage zu beantworten hätte:

Sie müssen mein Eindringen entschuldigen, Herr Gillespie. Ich komme, um Ihnen sehr gute Neuigkeiten zu melden.

Was für Neuigkeiten?

Ihr Bruder wird sofort aus der Haft entlassen werden. Der Mörder Ihres Vaters ist entdeckt. Er ist zwar ein Angehöriger dieses Hauses, aber er trägt nicht den Namen Gillespie. Es ist Ihr alter Diener – Hatson!

George schrie laut auf, streckte die Hände vor und sank mit keuchender Brust in den nächsten Stuhl.

Ich habe stets darauf geschworen, daß Leighton unschuldig sei! rief er mit unerwarteter Heftigkeit. Oeffentlich und in Privatgesprächen habe ich immer erklärt, mein Bruder – sei einer solchen Tat – so wenig – fähig wie – – –

Schluchzen erstickte seine Stimme.

Sweetwater eilte geräuschlos aus dem Zimmer, und ich folgte ihm ins zweite Stockwerk hinauf, nachdem ich die Tür sachte zugemacht hatte.

Wir gingen direkt auf Alfreds Zimmer zu und fanden diesmal die Tür offen stehen. Wie sein Bruder saß Alfred Gillespie am Tisch, aber er hatte keinen Wein getrunken und gab sich auch nicht müßigen Träumereien hin. Im Gegenteil, er war eifrig mit Briefschreiben beschäftigt. Aber er war augenscheinlich mit dem Geschriebenen nicht zufrieden. Er sah unruhig und verstört aus und zerriß gerade in dem Augenblick, wo wir vor seiner Tür ankamen, den Briefbogen in Fetzen. Dabei stieß er einen Seufzer aus, der auf tiefstes Herzeleid schließen ließ.

Ich konnte den Anblick nicht ertragen und flüsterte dem Detektiv zu:

Machen Sie's kurz!

Der junge Beamte nickte zustimmend, räusperte sich, um Alfred auf unsere Gegenwart aufmerksam zu machen, und betrat das Zimmer, in das ich ihm schnellen Schrittes folgte. Ohne einen Gruß des höchst überraschten Alfred Gillespie abzuwarten, stellte Sweetwater mich vor, indem er sagte:

Herr Gillespie, wollen Sie mir die Ehre erweisen, Ihnen Herrn Cleveland vorstellen zu dürfen? Er möchte Ihnen seine herzlichsten Glückwünsche aussprechen.

Glückwünsche? fragte Alfred mit einem unbeschreiblich bitteren Lächeln. Wozu, wenn ich fragen darf?

Zur Wiederkehr des Glückes in dieses Haus! Die finstere Wolke, die sich darauf herniedergesenkt hatte, ist vorübergezogen; Ihr Bruder kehrt frei und ohne Makel an seiner Ehre aus der Untersuchungshaft zurück. An seiner Stelle ist der alte Diener, Hatson, festgenommen. Er hat soeben eingestanden, den Giftmord an Ihrem Vater verübt zu haben.

Hatson! Der alte Hatson! rief Alfred aufspringend, mit einem wilden Lachen, das wie ein Fluch klang. Sie machen sich einen Spaß' mit mir! Sie wollen ...

Nicht doch! rief ich, ihn unterbrechend, mit einem Ernst, dem er Glauben schenken mußte. Nicht doch, Herr Gillespie! Was der Detektiv sagt, ist die volle Wahrheit. Hatson hat bereits alles eingestanden. Herr Sweetwater wird Ihnen die näheren Umstände auf Wunsch auseinandersetzen.

Ach! rief der junge Mann verstört, und mit leichenblassem Gesicht sank er auf den Stuhl zurück, von dem er bei unserem Eintritt sich erhoben hatte. Dann, als er bemerkte, daß unsere Augen voll Mitgefühl auf ihm ruhten, warf er die Arme über den Tisch, legte sein Gesicht darauf und sagte mit gebrochener Stimme:

Sehen Sie mich nicht an! Sehen Sie mich nicht an. O, all dies Elend, all diese Schande! Und Hatson hatte es getan! O, Hope! Hope!

Wir gingen still hinaus. Auf der Treppe sagte Sweetwater mit einem leisen Lächeln zu mir:

Wenn Sie jemanden kennen sollten, dem diese unerwartete Aufklärung des Gillespieschen Mordfalles eine ganz besondere Erleichterung bringen würde, so haben Sie nunmehr die Erlaubnis, frei heraus zu sprechen. Ich selbst lasse sofort Leighton Gillespie in Freiheit setzen. Sie sehen, ich habe mein Versprechen gehalten: er ist zur rechten Zeit frei geworden, um sein Weib zur letzten Ruhe nach Communipaw geleiten zu können.

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