Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anna Katherine Green >

Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
Schließen

Navigation:

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zwischen Sweetwater und mir wurden auf unserem Wege nach der Fünften Avenue nicht viele Worte gewechselt. Er brütete über seiner »Idee«, und mich selber beschäftigte nicht wenig der Gedanke, worin wohl diese Idee bestehen möchte.

Vor dem Gillespieschen Hause angekommen, eilte Sweetwater die Treppenstufen hinauf und klingelte, während ich ihm langsam folgte. Mir saß das Herz in der Kehle, wie man zu sagen pflegt.

Der alte Hatson öffnete. Sweetwater ging mit einem nachlässigen Gruß, wie wenn er vollständig da zu Hause wäre, an ihm vorbei. Ein sehr scharfer Beobachter hätte vielleicht merken können, daß dem Diener der Anblick des Beamten nicht angenehm war. Doch wußte er jedenfalls als ein Mann, der seit Jahrzehnten in einem reichen und großen Hause gedient hatte, seine Gefühle zu verbergen, und die Verbeugung, womit er den unwillkommenen Gast begrüßte, war tadellos.

Als jedoch ich, dem Beamten folgend, ebenfalls das Haus betrat, sah er mich mit einem so fragenden Blick an, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihm die Antwort zuzuflüstern:

Nur eine gesetzliche Formalität!

Ich dachte nämlich, es wäre gut, den alten Mann über unser plötzliches Erscheinen zu so später Abendstunde zu beruhigen, damit er nicht das ganze Haus in Aufregung brachte und uns womöglich in unseren Nachforschungen störte. Ob mir dies gelang, weiß ich nicht. Der Diener stieß einen tiefen Seufzer aus und flüsterte:

Wenn's nur mal mit diesen ewigen Formalitäten ein Ende nehmen wollte! Dann verschwand er durch die Tür, die in den Speisesaal führte. Als ich ihm nachsah, bemerkte ich, daß in einer Ecke nahe bei der Tür des Bibliothekzimmers ein Mann auf der Wandbank saß. Ich kannte diesen Mann nicht und sah nur, daß er sehr ruhig dasaß und von unserer Anwesenheit nicht die geringste Notiz nahm.

Wir gingen direkt auf das Hinterzimmer zu; Sweetwater zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete die Tür; dann betrat er das Zimmer mit den Worten:

Sie haben doch nichts dagegen, sich diese Stube mal wieder anzusehen?

Zugleich rieb er ein Streichholz und zündete die Gasflammen an. Natürlich beantwortete ich seine Frage mit »Nein«. Indessen waren es für mich keine angenehmen Gefühle, das schwache Licht eines Streichholzes in dem düstern Raum aufflackern zu sehen, der der Schauplatz eines so entsetzlichen Verbrechens gewesen war, und ich atmete erleichtert auf, als das Zimmer von zwei Gasflammen hell erleuchtet war.

Sweetwater sah sich mit einem scharfen, prüfenden Blick um, wie wenn er sich überzeugen wollte, ob alles in Ordnung und noch am selben Platz wäre wie bei seinem letzten Besuch. Dann ging er an das Fenster und ließ den Vorhang herunter, wobei er in trockenem Tone bemerkte:

Wir wollen den neugierigen Herrn Jonson bei unserem Geheimnis doch lieber nicht als Zuschauer haben. Und dies ist unser Geheimnis, nicht wahr? Sie gedenken doch nicht über das zu sprechen, was etwa in diesem Zimmer zwischen uns vorgeht?

Ganz gewiß nicht.

Von meiner Seite hätte es dieses Gelöbnisses der Verschwiegenheit natürlich überhaupt nicht bedurft; indessen schien Sweetwater sehr befriedigt davon zu sein, denn sein nachdenkliches Gesicht hellte sich auf, als er jetzt fortfuhr:

Nach menschlicher Berechnung ist seit dem Augenblick, wo der Leichnam des alten Herrn fortgeschafft wurde, dieses Zimmer von keinem Menschen betreten worden, der nicht entweder der Polizei selbst angehörte oder zum mindesten auf unsere Anweisungen handelte. Somit können wir erwarten, daß seit jener Nacht keiner der hier befindlichen Gegenstände berührt worden ist. So zum Beispiel diese Schreibmaschine.

Mit diesen Worten nahm er die Maschine aus einem in der Ecke stehenden Schränkchen heraus und stellte sie genau auf die Stelle des Schreibtisches, die sie an jenem verhängnisvollen Abend eingenommen hatte, wie mir noch in vollkommen deutlicher Erinnerung war.

Ah! rief ich unwillkürlich aus. Ihre Idee steht in Zusammenhang mit der Schreibmaschine!

Sweetwater runzelte die Stirn und antwortete mir nach kurzem Besinnen:

Ich bin noch jung, Herr Cleveland, und es ist sehr leicht möglich, daß ich mich in meinen Erwartungen völlig getäuscht habe. Sie werden mich deshalb freundlichst auf eine Minute mir selber überlassen; finde ich, daß ich auf einer falschen Spur war, oder daß meine Idee sich nicht durch Tatsachen unterstützen läßt – nun, so werde ich's offen bekennen, und wir wollen dann gemeinsam weiter beraten, welche anderen Schritte wir noch tun können.

Wünschen Sie vielleicht, daß ich solange hinausgehe? fragte ich.

Aber bitte, durchaus nicht! rief der Detektiv lebhaft. Nur wäre es mir angenehm, wenn Sie mir nicht direkt auf die Finger sähen, solange ich mit der Untersuchung der Schreibmaschine zu tun habe.

Natürlich kam ich seinem Wunsche bereitwillig nach, und es wurde jetzt ganz still in dem kleinen Zimmer. Plötzlich aber stieß Sweetwater einen lauten Ruf aus, einen eigentümlichen Ton, der halb wie ein Seufzer der Befriedigung, halb wie ein Jauchzen des Triumphes klang. Ich drehte mich um und eilte auf den Detektiv zu, der noch immer über das Instrument gebeugt stand.

Er empfing mich mit einem Blick voller Entzücken und rief, indem er mit heftigen Handbewegungen seine Worte zu erläutern suchte:

Sehen Sie, Herr Cleveland! O, sehen Sie doch hier. Wenn doch auch Herr Gryce da wäre! Sehen Sie sich die Oberfläche dieser Taste an – es ist die, worauf das Wort »Umschalter« steht. Ja, die! Was bemerken Sie daran? Bitte, sagen Sie's schnell!

Die Schrift ist undeutlich. Ich kann kaum die Buchstaben erkennen. Es ist irgend was drübergestrichen, etwas wie ...

Wie Gummi! rief er. Das Gummi ist aus dem Fläschchen auf das Tuch des Schreibtisches geflossen. Man sieht noch die unverkennbaren Spuren davon – hier! Und hier! Und hier! Herr Gryce hatte ausdrücklich verboten, daß jemand von den Dienstboten das Zimmer beträte, und es ist seit jener Nacht nicht rein gemacht worden. Das Gummi ist jetzt zu einer trockenen Kruste geworden, aber wie Sie sich ja selber noch erinnern: als Herr Gillespie sich am Tisch festhielt, war die Stelle noch ganz feucht. Er war mit den Fingern in die klebrige Flüssigkeit hineingeraten, als er die Schreibmaschine benutzen wollte, und es ist ganz natürlich, daß etwas davon auf die Tasten geriet. Sie können sich sofort davon überzeugen, indem Sie die Tasten untersuchen, die er niederzudrücken hatte, um seine letzten vier Worte zu schreiben. Sehen Sie hier auf der Taste e, dann auf dem i, auf dem n, dem r und so weiter. Auf einigen von den Tasten finden Sie nur eine ganz schwache Spur, auf dem s aber ist eine dicke Kruste und eine noch dickere – auf welcher Taste, Herr Cleveland?

Auf derjenigen, die Sie mir zuerst zeigten, und die die Bezeichnung »Umschalter« trägt.

Ganz recht. Nun, kennen Sie den Zweck dieser Umschaltertaste?

Nein.

Man drückt sie nieder, wenn der gewünschte Buchstabe ein großer Anfangsbuchstabe sein soll. Zum Beispiel: ich will ein großes I schreiben; ich drücke einfach mit dem einen Finger den Umschalter nieder und mit dem anderen die Taste i.

Ja, aber ...

O, ich weiß schon, was Sie sagen wollen: in den vier Worten, mit denen wir uns zu beschäftigen haben, kommen überhaupt keine großen Buchstaben vor. Das ist ganz richtig! Aber beweist nicht die Gummikruste auf dem Umschalter, daß Herr Gillespie sich bemüht hatte, einen Anfangsbuchstaben zu schreiben? Freilich hat er ihn nicht aufs Papier gebracht. Wenn man aber etwas niederschreibt, so beginnt man doch ganz naturgemäß mit einem großen Buchstaben, und wie Sie sehen, ist der Zwischenraum zwischen dem nachträglich hinzugefügten Zusatz und den letzten Worten des unvollendeten Briefes groß genug für einen solchen. Aber der Sterbende war in solcher Aufregung, daß er die Umschaltertaste nicht tief genug hinunterdrückte, und deshalb blieb der Buchstabe ganz weg. Wenn wir also in seine Mitteilung einen Sinn hineinbringen wollen, so ist es unbedingt notwendig, den fehlenden Anfangsbuchstaben zu ergänzen. Nun, was glauben Sie wohl – welches war der Buchstabe, den er schreiben wollte, aber nicht schrieb?

Ich schüttelte ratlos den Kopf; alle meine Gedanken drehten sich mit mir.

Es gibt nur einen einzigen, rief Sweetwater, der in die Lücke hineinpaßt: das ist der Buchstabe K, Herr Cleveland. Ergänzen Sie diesen Buchstaben, und sagen Sie mir, wie die Worte alsdann lauten! Sie haben den Satz gewiß noch im Gedächtnis, oder – warten Sie – ich habe eine Abschrift des Briefes hier!

Damit breitete Sweetwater ein Blatt Papier vor mir aus. Dies war indes überflüssig, denn ich wußte den Satz auswendig und hatte schon selbst in Gedanken den Buchstaben K vor das erste Wort gesetzt. Und so lautete es nicht mehr:

einer meiner söhne hat

sondern

Keiner meiner söhne hat

O! rief ich. Was für ein Unterschied!

Sweetwaters Antlitz strahlte, und er rief:

Nicht wahr? So stimmt's! Die Idee fiel mir ein, als Sie von Fräulein Meredith sprachen. Aber dies ist noch nicht alles. Wir müssen das Experiment noch weiter führen. Einen Buchstaben vorn zu ergänzen, das genügt noch nicht. Wir müssen auch hinten noch ein paar anfügen. Können Sie die Ergänzung selber vornehmen?

Ich starrte ihn verblüfft an, und Sweetwater fuhr hastig fort:

» Keiner meiner söhne hat« gibt auch noch keinen Sinn, Herr Cleveland. Aber sehen Sie mal hier!

Er spannte das Blatt in die Schreibmaschine ein, schlug ein paar Tasten an, hob den Wagen auf und zog mich am Aermel heran. Und zu meinem namenlosen Erstaunen las ich die Worte:

Keiner meiner söhne hatson.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.