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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Warum ich vor den Untersuchungsrichter geladen wurde, konnte ich mir wohl denken. Ich stand in zu engen Beziehungen zu den Vorgängen im Gillespieschen Hause, als daß ich nicht die Aufmerksamkeit der Polizei hätte auf mich lenken müssen. Nun wurde ich also vorgeladen, um Auskunft zu geben; dieses war mir freilich durchaus nicht angenehm, zugleich aber mußte ich innerlich zugeben, daß es Zeit war, mir die auf meiner Seele lastende und immer schwerer werdende Bürde von den Behörden abnehmen zu lassen.

Freilich mußte ich dadurch Hope verlieren; denn sie würde es mir wohl nie vergessen, wenn durch mich der geliebte Mann der Schuld überführt würde ...

Der Regen fiel jetzt in Strömen, und die Kälte machte sich mir infolgedessen sehr unangenehm bemerkbar; auf Anraten des Polizeibeamten hatte ich einen dicken Mantel übergeworfen, der mir im Laufe dieser Nacht noch bessere Dienste tun sollte, als ich voraussehen konnte.

Als ich nach einer schnellen Droschkenfahrt das Dienstzimmer des Untersuchungsrichters betrat, war es ungefähr neun Uhr; der Richter war in eifriger Unterhaltung mit dem Detektiv Gryce begriffen. Augenscheinlich waren die beiden Herren sehr erfreut, als sie mich sahen; sie mochten mich wohl bereits ungeduldig erwartet haben. Dies schien mir von keiner guten Vorbedeutung für Hope zu sein.

Nach kurzer Begrüßung machte der Untersuchungsrichter mich ohne Umschweife mit dem Anlaß meiner Vorladung bekannt: er hätte gehört, daß ich bei Mutter Merry gewesen wäre und dort eine Unterredung mit einer jungen Frauensperson gehabt hätte, gegen die schon seit einiger Zeit ein Haftbefehl vorläge. Da mir nun die Person von Ansehen bekannt wäre, so bäte mich die Polizei, die mit ihrer Festnahme beauftragten Beamten zu begleiten, damit keine Verwechselung vorkommen könne. Denn ein derartiger Irrtum könnte sich bei dem augenblicklichen Stande der Untersuchung als sehr verhängnisvoll erweisen.

Was konnte ich auf solche Aufforderung erwidern? Wenn ich mich weigerte, mußte ich zum mindesten Gründe angeben, und selbst, wenn ich mich nur sträubte, der Polizei in Erfüllung ihrer gesetzlichen Pflichten behilflich zu sein, so konnte dies nicht nur zu meinem Nachteil, sondern auch zu dem des Mannes, an dem ich so innigen Anteil nahm, ausgelegt werden. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich einverstanden zu erklären, so schwer es auch meinem Herzen wurde. Ich erwiderte daher:

Ich stehe zu Diensten. Zuvörderst jedoch möchte ich eine Erklärung abgeben ...

Verzeihen Sie! unterbrach mich der Richter. Die Erklärungen kommen später. Herr Gryce sagt mir, er habe keine Zeit zu verlieren, da jene Frauensperson sehr unstet lebe und jeden Augenblick ihren Aufenthaltsort wechseln könne. Sie heißt Millefleurs, oder vielmehr: dies ist der Name, unter dem sie der Polizei bekannt ist. Sie haben sie ja gesehen und brauchen nur Herrn Gryce zu begleiten; er wird Ihnen die nötigen Aufschlüsse geben.

Ich verneigte mich zum Zeichen der Zustimmung und folgte dem alten Detektiv, der schon die Tür geöffnet hatte.

Es wird eine rauhe Nacht geben, bemerkte er, indem er einen prüfenden Blick über meinen Mantel gleiten ließ. Dies war aber auch die einzige Andeutung, die er über die uns bevorstehende Aufgabe verlauten ließ. Er eilte auf die Straße, und ich folgte ihm mit gleicher Schnelligkeit.

Der Beamte tauschte einige Worte mit einem Untergebenen aus, und während ich mich vergebens bemühte, von ihrem im Flüstertöne geführten Gespräch etwas zu erhaschen, bewunderte ich im stillen, wie rüstig in dieser Nacht der alte Herr war, den ich oft beim schönsten Wetter so von Rheumatismus gepeinigt gesehen hatte, daß er sich kaum fortschleppen konnte. Aus seinem ganzen Wesen, aus seinem zufriedenen Gesicht, aus dem elastischen Gang sprach eine Siegesgewißheit, die mir um Hopes willen ins Herz schnitt ...

Wir werden beinahe durch die ganze Stadt fahren müssen, sagte er zu mir, als wir in der Droschke nebeneinander saßen, 's ist 'ne schlimme Nacht, und es sieht danach aus, als ob das Wetter noch schlechter werden wolle. Aber Sie sind ja jung, und ich – na, ich bin ja früher jünger gewesen, das ist richtig, aber, ob jung oder alt, ich hab's bisher immer noch fertig gebracht, zur rechten Zeit am Ziel zu sein.

Es geht also dem Ziel zu? fragte ich, und dabei klopfte mir das Herz um Leightons willen.

Der alte Detektiv strich die Decke glatt, die er über unsere Knien gebreitet hatte, und antwortete:

Ich habe Grund, das anzunehmen. Freilich hat ja schon oft ein unvorhergesehener Umstand uns noch im letzten Augenblick um den Erfolg gebracht. Aber erlauben Sie mir die Frage: Was bezweckt Ihr Interesse und wem gilt es?

Ich hätte gewiß das Recht gehabt, eine derartige Frage ausweichend zu beantworten; aber ich hatte mir ja bereits fest vorgenommen, gegen den Untersuchungsrichter ganz frei und offen zu sein – warum also nicht auch gegen den alten Gryce, der dessen rechte Hand war? So antwortete ich denn:

Ich bin ein Freund von Fräulein Meredith; mit anderen Worten: ich bin ihr Rechtsbeistand. Sie steht zu den Gillespies in einem mehr als freundschaftlichen Verhältnis, denn sie ist ja ihre nahe Verwandte. Fräulein Merediths Interessen mich widmend, habe ich mich etwas tiefer in die Sache eingelassen, als ich wohl sonst getan haben würde. Ich hatte den sehnlichen Wunsch, ihr nachzuweisen, daß ihre Vettern alle drei einen Lebenswandel geführt haben, der eine scharfe Prüfung verträgt.

Aha, ich verstehe, und dabei entdeckten Sie, daß wenigstens bei einem von ihnen Ihre Annahme nicht zutraf. Das arme Mädchen! Sie tut mir von Herzen leid. Sie sind doch gewiß ein Mann, auf den wir uns verlassen können, einerlei, welche Verwicklungen aus unserer Pflichterfüllung hervorgehen können?

Das kann ich Ihnen nicht sagen; auf solche Proben bin ich noch nicht gestellt worden. Ich bin bereit, Ihnen Beistand zu leisten, indem ich Ihnen die Identität des Mädchens bezeuge, sobald sie in Ihren Händen ist; aber bei ihrer Verhaftung möchte ich lieber nicht zugegen sein.

Wir kreuzten in diesem Augenblick den Broadway; er sah aus dem Wagenfenster, blickte schnell die selbst zu dieser späten Stunde noch von Menschen wimmelnde Straße hinauf und hinunter und versetzte in ruhigem Tone:

Bei seiner Verhaftung auch wohl nicht, was?

Das gab mir einen Stich ins Herz.

Seiner Verhaftung? fragte ich, sobald ich meine Erregung soweit bezwungen hatte, daß sie sich nicht mehr in meiner Stimme verriet.

Ja. Leighton Gillespies Verhaftung. Wir gedenken, ihn heute nacht in ihrer Gesellschaft festzunehmen.

In Millefleurs Gegenwart wollen Sie ihn verhaften? rief ich aus. Aber ich sah ihn ja vor einer Stunde in der Flurhalle seines Hauses in der Fünften Avenue stehen!

Daran zweifle ich nicht; aber wenn Sie sich mit Herrn Gillespies Lebensgewohnheiten etwas näher beschäftigt haben, so werden Sie wissen, daß er manchmal sehr plötzlich seine Wohnung verläßt. Ich versichere Sie, er wird in dem Hause gefunden werden, wo Millefleurs sich aufhält. Hoffentlich suchen wir sie in dem rechten Hause! Aber ich glaube kaum, daß wir uns in dieser Beziehung geirrt haben. Meine Leute, die ich zu diesem Dienst kommandiert habe, sind eifrig und zugleich zuverlässig. Uebrigens ist Herr Gillespie für einen reichen und vornehmen Herrn merkwürdig gleichgültig gegen das Urteil der Welt über seine Absonderlichkeiten. Ein eigentümlicher Mann, Herr Cleveland!

Sehr eigentümlich! rief ich, halb in Gedanken. Mich beschäftigte nämlich ein Zweifel, und um diesen zu lösen, fragte ich: Dann war wohl der Brief, den ich Herrn Leighton Gillespie lesen sah, von ihr? Ich bemerkte, daß er dabei in große Aufregung geriet, obwohl ich ihn aus großer Entfernung sah, denn ich stand auf der anderen Seite der Straße.

Der alte Detektiv lächelte und sagte nur: Ganz recht! Aus dieser Antwort konnte ich nicht viel entnehmen. Doch schien er meine Neugier noch befriedigen zu wollen, denn nach einem Schweigen von mehreren Minuten fing er plötzlich wieder an:

Wir hatten schon lange darauf gewartet, daß ein schriftlicher Verkehr zwischen ihnen stattfände. Sonst hätten wir ihn heute abend in seinem eigenen Hause verhaftet. Es hat uns viel Mühe gekostet, die Zeitungsreporter fernzuhalten; sogar unsere eigenen Beamten begannen vor Ungeduld aufgeregt zu werden. Aber, Sie begreifen, es war sehr wünschenswert, die beiden zusammen zu verhaften.

War sie denn nicht früher aufzufinden? fragte ich. Wohnte sie nicht mehr bei Mutter Merry?

In der letzten Zeit nicht. Kein Frauenzimmer verkehrte dort, auf das ihre Beschreibung paßte. Sie scheint aus dem Hause verschwunden zu sein, aus Angst vor einem jungen Herrn, der sich um den Preis mehrerer Silberdollars eine Unterredung mit ihr verschafft hatte.

Ich tat, als überhörte ich diese Anspielung des anscheinend allwissenden Detektivs und fragte:

Dann fahren wir wohl nicht zu Mutter Merry?

Nein, wir fahren nicht zu Mutter Merry.

Jedenfalls sind wir aber nicht weit von den Docks, bemerkte ich, als ich die unverkennbaren grünen und roten Lichter der Fährboote auf allen Seiten durch den Nebel auftauchen sah.

Nein. Sie haben recht. Hoffentlich haben Sie keine Angst wegen Ihrer persönlichen Sicherheit?

Wieso Angst?

Na, so ganz glatt wird die Sache wohl nicht abgehen. Indessen, wir sind in sehr starker Anzahl da, und Sie können sich darauf verlassen, daß wir Sie mit heiler Haut durchbringen.

Mir war die Aussicht auf einen persönlichen Kampf oder ein anderes derartiges Abenteuer durchaus nicht unerwünscht; auf diese Weise hätte ich meiner inneren Erregung Luft machen können. So sagte ich denn leichthin:

O, machen Sie sich um mich keine Sorge! Am meisten fürchte ich die Möglichkeit, daß ich vielleicht jenem unglücklichen Weibe unter die Augen treten muß. Wenn sie mich mit Ihnen zusammen sieht, denkt sie vielleicht, ich habe sie verraten. Und vielleicht hat sie recht, wenn sie dies glaubt – indessen geschah es sicherlich ohne meine Absicht. Sie machte auf mich nicht den Eindruck, als ob sie eine schlechte Person wäre.

Um so größer die Schuld des Mannes, der sie zu seiner Mitschuldigen gemacht hat, versetzte der Detektiv.

Wir fuhren jetzt durch die obere Weststreet; bei der Canalstreet konnte unsere Droschke wegen des Wagengedränges kaum noch vorwärts kommen und mußte schließlich halten.

Was ist denn hier los? fragte ich, als Wagen auf Wagen heranrollte und die Stauung von Fuhrwerken immer größer wurde.

Ein Cunarder fährt ab; die späte Stunde erklärt sich daraus, daß wir erst um Mitternacht Hochwasser haben. Verfluchte Wirtschaft! Wir hätten lieber 'ne andere Straße fahren sollen. Ah, Gott sei Dank! Jetzt gibt's Luft. In weniger als zehn Minuten sind wir am Ziel.

Wir waren am Anlegeplatz des Cunarddampfers schon vorbei und rollten jetzt in schneller Fahrt nordwärts.

Plötzlich hielt die Droschke an.

Schon wieder? rief ich.

Gryce öffnete zur Antwort den Wagenschlag, stieg aus und sagte ruhig:

Wir steigen aus!

Schnell folgte ich ihm.

Der Regen schlug mir mit solcher Heftigkeit ins Gesicht, daß ich einen Augenblick völlig blind war. Dann bemerkte ich, daß wir an einer Straßenecke vor einer Kneipe standen, und daß Gryce in sehr ernstem Ton mit zwei Leuten sprach, die auf einmal bei uns standen, als wenn sie aus dem Boden gewachsen wären. Als er mit den Weisungen fertig war, die er ihnen zu geben hatte, wandte er sich zu mir und sagte:

Tut mir leid, mein werter Herr, aber den letzten Teil des Weges müssen wir zu Fuß gehen. Wir müssen verschiedene Gäßchen durchqueren, und eine Droschke würde zu sehr auffallen.

O, daraus mache ich mir nichts! antwortete ich, denn ich war wirklich in einer Stimmung, daß Sturm und Regen mir völlig gleichgültig waren.

Der Detektiv bog in die nächste Straße ein, und ich ging hinter ihm her. An der Ecke schloß sich, ohne ein Wort zu sagen, ein Mann uns an, gleich darauf ein zweiter, dann ein dritter, alle hielten sich jedoch in angemessener Entfernung; wie ich bemerkte, hatte jeder einen Polizistenknüppel unter seinem Mantel. Plötzlich bog Gryce mit mir in ein enges Seitengäßchen ein.

Der Regen goß jetzt in Strömen vom Himmel herunter; die Straßenlaternen schienen durch den dicken Dunst wie kleine Sternchen. Das Gäßchen war ganz dunkel, denn es hatte keine Straßenlaternen; nur am äußersten Ende desselben bemerkte ich einen schwachen Lichtschimmer, der durch die trüben Fensterscheiben eines Ladens oder einer Kneipe zu fallen schien.

Diesem Licht lenkten wir unsere Schritte zu.

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