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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Der Doktor geriet in eine Aufregung, die der meinigen nichts nachgab.

Unmöglich ist es nicht, sagte er nach einigem Nachdenken. Es lag immer ein unaufgeklärtes Geheimnis auf dem Umstand, daß er sofort neben den Trümmern des Zuges gesehen wurde; besonders auffallend war es, daß er auf Fragen danach stets die Auskunft verweigerte. Wenn Sie mit Ihrer Vermutung recht haben, so ist eine solche Fahrt mehr als hinreichend, um eine geistige Zerrüttung vor Gericht glaubhaft zu machen. Kein Mensch kann ein solches Erlebnis durchmachen, ohne an seiner körperlichen oder geistigen Gesundheit Schaden zu nehmen. Aber man kann sich schwer vorstellen, wie Leighton dazu gekommen sein soll, an jenem Tage einen Ausflug auf die Höhe des Berges zu machen, anstatt mit seiner Frau zusammen an der Vergnügungsfahrt teilzunehmen.

Ich gebe meine Erklärung nicht als Behauptung, sondern nur als Vermutung einer Möglichkeit, erwiderte ich. Die Aufregung über den plötzlichen Tod seiner Frau wäre an sich schon genug, um eine tiefgreifende Aenderung des Mannes erklärlich erscheinen zu lassen.

Ja; und die Aenderung hat stattgefunden, bemerkte der Arzt. Darauf kann ich schwören!

Sahen Sie ihn bald nach der Katastrophe?

Gewiß, schon am zweiten Tage nachher. Er telegraphierte mir, ich möchte kommen, und ich reiste sofort nach dem Westen, um ihm die Ueberreste seines jungen Weibes bestatten zu helfen. Ich erinnere mich, daß ich ihn in furchtbarer Erregung fand. Seine Nerven waren völlig zerrüttet, was ja auch ganz natürlich war. Die schlimmsten Symptome zeigten sich aber erst nach der Beerdigung.

Dürfen Sie mir vielleicht sagen, wo diese stattfand?

Warum nicht? In einem kleinen Dörfchen am oberen Hudsonfluß, wo die Gillespies einen Landsitz haben. Der alte Herr Gillespie ging in seiner Abneigung gegen die Schwiegertochter so weit, daß er den Wunsch äußerte, sie möchte nicht in New York begraben werden.

Das hatte ich mir gedacht. Vielleicht trägt auch dieser Umstand zur Erklärung bei, warum Leighton sich von jenem Schicksalsschlage niemals wieder erholt hat. Und Claire? Von ihr haben Sie noch nichts gesagt. War sie bei ihren Eltern, als das Unglück sich ereignete?

Sie war damals noch ein ganz kleines Kind, und sie war bereits am Tage ihrer Geburt der Obhut des großväterlichen Hauses übergeben worden. Sie hat ihre Mutter nie gekannt. –

Ich hätte gern den Grund gewußt, warum ein allem Anschein nach so gerechter Mann, wie der alte Herr Gillespie, eine derartige Feindseligkeit gegen eine junge Frau an den Tag gelegt hatte. Aber Doktor Bennett sagte darüber nichts, und natürlich konnte ich nicht danach fragen. So begnügte ich mich denn zu sagen:

Wir haben einen Anfang gemacht, der uns für den Fall, daß wir seine Unzurechnungsfähigkeit nachweisen müssen, sehr wertvoll sein kann. Aber mehr als ein Anfang ist es nicht. Sein Lebenswandel gleicht eher dem eines leichtsinnigen und schwachen Mannes, als dem eines Geisteskranken. Und das kann für ihn gefährlich werden.

Das weiß ich denn doch noch nicht. In seinen gesunden Augenblicken achtet Leighton Gillespie aus aufrichtiger Ueberzeugung und höchst gewissenhaft die Rechte seiner Mitmenschen. Aber darüber werde ich Klarheit schaffen, Herr Cleveland – und zwar sofort! Ein halbstündiges Gespräch mit ihm – und ich werde zur Genüge wissen, ob er ein Opfer geistiger Krankheit oder ein Mensch mit ungezügelten Leidenschaften und kaltem Mörderherzen ist.

Der gute alte Doktor stand auf und griff nach Hut und Stock. Er schien sofort seine Zweifel aufklären zu wollen.

Aber Sie haben ja noch nicht gegessen! rief ich.

Brauche ich auch nicht.

Ich begleitete den Doktor auf die Straße, trennte mich aber von ihm an der nächsten Ecke. Viel hätte ich darum gegeben, wäre es mir erlaubt gewesen, mit ihm in das Gillespiesche Haus zu gehen. Da dies aber nun mal nicht sein konnte, so drehte ich mich entschlossen um und ging meiner eigenen Wohnung zu, die genau in der entgegengesetzten Richtung lag. Wie kam es denn nun, daß ich eine halbe Stunde später – es wurden gerade die Straßenlaternen angezündet – ruhelos in der Gegend des Hauses herumstrich, dessen Nähe ich ja gerade hatte vermeiden wollen? Waren die aufregenden Erlebnisse des Tages zu viel für meine Nerven gewesen? Es schien so – jedenfalls war ich ganz unbewußt und ohne eine bestimmte Absicht von meinem Nachhauseweg abgekommen. Da ich aber nun einmal vor dem Hause stand, worin eine so wichtige Unterredung stattfand, so konnte es wohl als entschuldbar gelten, wenn ich mir dies zunutze machte und den Doktor beim Herauskommen beobachtete, um aus seinen Mienen womöglich auf das Ergebnis seines Gesprächs mit Leighton schließen zu können.

Der Himmel hatte den ganzen Tag über bedrohlich ausgesehen, und während der letzten Minuten war bereits ein kalter Sprühregen gefallen, so daß ein Spazierengehen auf dem nassen Pflaster nicht eben angenehm genannt werden konnte. Ich sah mich daher nach einem Zufluchtsort um, und da ich auf der anderen Seite der Straße einen Neubau bemerkte, so eilte ich hinüber, um mich in dessen Dunkel zu verbergen, wodurch ich einen doppelten Vorteil erlangte: erstens war ich vor der Nässe geschützt, und zweitens lag mein Schlupfwinkel der Gillespieschen Haustür gerade gegenüber, bildete also einen ausgezeichneten Beobachtungsposten.

Ich muß zugeben, daß dies nach Spionage aussah, aber wenn ich ein Spion war, so war ich's im Dienst einer guten Sache und in ehrlichen Absichten. Immerhin hatte ich einige Gewissensbisse, und während ich mich in meinem Inneren mit diesen beschäftigte, trat plötzlich ein Ereignis ein, das meine ganze Aufmerksamkeit von neuem auf die von mir beobachtete Tür lenkte.

Neben mir hatte schon seit einigen Minuten ein Junge gestanden, den ich aber nicht weiter beachtete. Mit einem Male aber sprang er auf die Straße und lief eilends zum Gillespieschen Hause hinüber, wobei er sich wiederholt nach allen Seiten umsah, wie wenn er befürchtete, verfolgt oder beobachtet zu werden. In der Hand hielt der Junge einen Brief oder Zettel.

Dies erregte meine Neugier im höchsten Grade, so daß ich keine Einzelheit der nun folgenden Szene mir entgehen ließ. Der Junge läutete schüchtern an der Türklingel; der alte Hatson öffnete ihm und machte ein sehr verdrießliches Gesicht, als der Bote ihm mit ängstlichem Umherblicken den Brief in die Hand drückte. Er schüttelte sogar den Kopf, wie wenn er sich weigerte, ihn anzunehmen; dann sahen beide nach jemand, der sich hinten im Hausflur befinden mußte. Was war das für ein Jemand, und warum war Hatson so aufgeregt? Die Tür wurde wieder zugemacht, und ich blieb meinen Mutmaßungen überlassen. Aber nicht lange; denn kaum hatte ich meine Augen von der um die nächste Straßenecke verschwindenden Gestalt des Jungen abgewandt, so öffnete sich die Tür abermals, und Doktor Bennett trat heraus.

Wie ich vorhin sagte, hatte ich mich hauptsächlich deshalb versteckt, um den Gesichtsausdruck des alten Herrn ungestört beobachten zu können. Jetzt hätte ich die Gelegenheit dazu gehabt, aber ich muß gestehen, daß ich keinen Gebrauch davon machte, denn meine ganze Aufmerksamkeit wurde von einem anderen Bilde in Anspruch genommen: im Hintergrund der Halle stand Leighton Gillespie und las den Brief, der ihm soeben in so verstohlener Weise überbracht worden war!

Aus seiner Haltung, aus seinen unwillkürlichen Bewegungen ließ sich schließen, daß die Nachricht ihm völlig unerwartet gekommen war und einen überwältigenden Eindruck auf ihn machte – einen Eindruck, den er gewiß lieber verborgen hätte, denn plötzlich wandte er sich um und steckte hastig den Brief in die Tasche.

Gerade in diesem Augenblick schloß sich die Tür, wie es manchmal im kritischen Moment geschieht, und ich fand vor meinen Augen nur noch den alten Doktor, der sich vorsichtig die schlüpfrigen Treppenstufen hinuntertastete.

Hätte ich nicht die vorsichtige Art und Weise mit angesehen, wie der Junge den Brief ablieferte, und die offenbare Aufregung, mit der Leighton ihn las, so hätte ich es wohl vorgezogen, mich dem alten Doktor nicht in der Rolle eines Spions zu zeigen. Aber da alles, was Leighton betraf, für den Doktor, seinen besten Freund, ebenso interessant war wie für mich, so zögerte ich nicht, sondern ging über die Straße und erzählte nach einer kurzen Entschuldigung wegen meiner formlosen Anrede alles, was ich soeben bemerkt hatte.

Er schien es mit Ueberraschung, ja sogar mit schmerzlicher Ueberraschung zu hören. Er selber hatte von einem Brief nichts gesehen und auch an Leighton keinerlei Spuren von Aufregung bemerkt. Freilich hatte er sich ja von ihm verabschiedet, ehe der Brief gebracht worden war.

Ihre Mitteilung setzt mich wirklich in Erstaunen, sagte der Doktor. Selten habe ich meinen jungen Freund in einer so normalen Geistesverfassung gesehen. Er sprach ruhig und vernünftig über verschiedene Themata, die ihn wohl hätten aufregen können. Ich hätte vielleicht gewünscht, daß er gegen mich noch etwas offenherziger gewesen wäre, aber soviel ist gewiß: er zeigte eine Selbstbeherrschung, die man bei einem Mann in so peinlicher Lage kaum erwarten konnte. Der Detektiv, unter dessen Kommando das ganze Haus zu stehen scheint, blickte sich kaum einmal nach uns um. Der Brief, den er nach Ihrer Angabe gerade im Augenblick meines Fortgehens erhielt, muß ihm eine sehr aufregende Nachricht gebracht haben. Was darin stand, werden wir wohl schwerlich jemals erfahren.

Sind Sie bei sich selber über die Frage schlüssig geworden, die wir vorhin in Ihrem Sprechzimmer verhandelten? fragte ich nach einem kurzen Schweigen. Es ist vielleicht nicht in der Ordnung, daß ich diese Frage an Sie richte, und Sie sind möglicherweise nicht aufgelegt, sie mir zu beantworten. In diesem Fall sagen Sie es mir nur frei heraus; ich frage nur aus aufrichtigster Teilnahme an der Sache.

Aber ich bitte Sie, ich begreife Ihren Wunsch vollkommen, lautete seine Antwort. Leider muß ich die von Ihrer Klientin gehegten Hoffnungen völlig vernichten. Leighton Gillespie leidet nicht an Zuständen, in denen ihm das Bewußtsein seiner Handlungen fehlt. Wäre dies der Fall, so würde er sich im normalen Zustand nicht der Vorgänge erinnern, die sich während des anderen, des krankhaften, zugetragen haben. Aber er hat diese Erinnerungen. Er hat mir zwar nicht anvertraut, was ihn eigentlich in Lasterhöhlen lockt, die seinem Stande und seiner Bildung so fern liegen sollten, aber ich bemerkte ein verräterisches Aufleuchten in seinen Augen, als ich gewisse Namen fallen ließ. Leighton kann mich nicht hintergehen! Noch mehr, Herr Cleveland: wenn ich den Pflichten meines Berufes gemäß eine Zeugenaussage abgeben sollte, so könnte diese nur dahin lauten, daß Leighton Gillespie geistig völlig gesund ist – trotz dem tragischen Erlebnis, das er einstmals durchgemacht hat. Ich nenne es »tragisch«, denn Ihre Annahme, daß er persönlich daran beteiligt war, ist richtig. Er war der Mann, der jene wilde Fahrt auf der Lokomotive mitmachte. Er hat es mir soeben zugegeben, und er erzählte mir zugleich, es sei ihm bekannt gewesen, daß jene beiden Wagen Dynamit enthielten. Eine große, wundervolle Tat von einem blutjungen Menschen, der kaum der Schule entwachsen war und von der Welt nicht viel mehr kannte als sein Klubhaus und den Spielplatz.

Heroismus achte und ehre ich, wo immer ich ihm begegne, sagte ich.

Ganz meine Meinung! rief der Doktor. Wir gingen nun zusammen die Straße hinunter, und da erklärte er: Ich begreife Leighton nicht und verstehe nicht, was ihn zu seinem zwiespältigen Leben, womöglich gar zum Verbrechen gebracht hat. Erst ein Held, dann ein liederlicher Tagedieb, wenn nicht Schlimmeres! Was sollen wir von einem Mann denken, in dessen Natur derartige Widersprüche liegen? Was sollen wir von der menschlichen Natur selber denken? Ich sage offen, ich bin oft ratlos, und ich wünschte von Herzen, ich könnte in unserem Falle diese Erscheinungen einer krankhaften Anlage zuschreiben. Aber leider ...

Ich wußte nicht, was ich auf diesen Gefühlsausbruch antworten sollte, und so gingen wir schweigend nebeneinander her, bis unsere Wege sich trennten. Dann ging ich auf dem kürzesten Wege nach meiner Wohnung; doch ließ ich mir in dem im Erdgeschoß des Hauses belegenen Café erst noch etwas zu essen geben, und so war es mindestens acht Uhr geworden, als ich endlich hinaufging.

Auf den Treppenstufen saß ein Mann, der auf mich gewartet haben mußte. Denn als ich den Schlüssel in meine Wohnungstür steckte, stand er auf und redete mich an. Es war ein Polizeibeamter in Zivil, und er teilte mir mit, daß ich sobald wie möglich zum Untersuchungsrichter kommen möchte, der mich bereits in seinem Amtszimmer erwarte.

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