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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Die von Hope ausgesprochene Idee war sicherlich im höchsten Grade phantastisch und kaum ernst zu nehmen. Trotzdem machte sie einen gewissen Eindruck auf mich, und meine Gedanken waren noch damit beschäftigt, als ich am Nachmittage die Abendblätter zur Hand nahm, um die neuesten Nachrichten über den Gillespieschen Mord zu lesen. Gleich der erste Artikel, auf den mein Auge fiel, zeigte mir, daß ich sie keine Stunde zu früh auf die für Leighton so bedrohliche Wendung der Untersuchung vorbereitet hatte. Er lautete nämlich:

Neue Entdeckungen zum Gillespieschen Giftmord.

Leighton Gillespie, der so lange für den achtungswertesten und angesehensten der drei Söhne des Ermordeten galt, ist entlarvt! Man hat entdeckt, daß er seit Jahren schon der Eigentümer und zeitweilig auch der Bewohner eines Häuschens in New-Jersey war. Dort lebte verborgen vor den Augen der neugierigen Welt ...

Und nun folgten einige sehr unverhüllte Andeutungen auf sein Verhältnis zu Millefleurs.

Außerdem waren noch einige andere wichtige Neuigkeiten mitgeteilt, darunter auch das wesentliche der mir am Abend vorher durch den champagnerliebenden Jonson erzählten Tatsachen. Zum Schluß stand zu lesen:

Der Untersuchungsrichter hat sich das gesamte Aktenmaterial der Untersuchung aushändigen lassen. Das Publikum kann für morgen eine entscheidende Wendung im Vorgehen der Behörden erwarten.

Ich faltete die Zeitung wieder zusammen, steckte sie in meine Brusttasche und begab mich geraden Weges in Doktor Bennetts Wohnung.

Ich hatte den guten Doktor seit der Untersuchung vor der Leichenschaubehörde nicht wieder gesehen; natürlich rief der Anblick seines Gesichts mir jene ereignisvolle Nacht ins Gedächtnis zurück, die unsere Bekanntschaft vermittelt hatte. Doch machte ich in meiner Begrüßung keine Anspielung darauf, und auch seine erste Bemerkung war in völlig berufsmäßigem Tone gehalten. Er sagte nämlich:

Hoffentlich sehe ich Sie doch nicht als Patienten bei mir, Herr Cleveland?

Ich schüttelte schweigend den Kopf, zog die mitgebrachte Zeitung aus der Tasche und deutete auf die Notiz über Leighton und Millefleurs.

Wußten Sie hiervon schon? fragte ich ihn. Ich komme zu Ihnen lediglich in Fräulein Merediths Interesse; sie hat bis jetzt unbegrenztes Vertrauen zu ihrem Vetter gehabt.

Er überflog die Zeilen, runzelte die Brauen und sagte dann mit einem bekümmerten Blick:

Dies glaube ich von Leighton nicht! Auf ihn am allerwenigsten kann ein Verdacht fallen, mit dem Verbrechen, das den Namen Gillespie mit Schmach und Schande bedeckt hat, auch nur das geringste zu tun zu haben. Er ist nicht einmal zu einer Handlungsweise fähig, wie dieser Zeitungsartikel sie ihm zur Last legt. Ich kenne ihn seit seiner Geburt!

Gern hätte ich den gutherzigen alten Doktor in seinem Vertrauen gelassen, aber die Lage war zu ernst, als daß man sie hätte leicht nehmen dürfen. Ich sagte daher:

Er genießt allerdings einen guten Ruf; es sind sogar viele Züge von ihm bekannt, in denen er als ein Wohltäter der Unglücklichen und Leidenden erscheint. Aber es gibt Charaktere – und meistens finden wir sie bei Menschen, bei denen wir sie am wenigsten erwartet hätten – Charaktere, die eine häßliche Kehrseite der Medaille zeigen und daher eine genauere Prüfung seitens ihrer Freunde und seitens der ferner stehenden Welt nicht vertragen. Eine solche Natur ist Leighton Gillespie. Die Geschichte von dem Häuschen – ist wahr!

Der Doktor, der augenscheinlich mit ganzem Herzen an der Familie Gillespie hing, zeigte eine Bekümmernis, aus der ich entnehmen konnte, daß seine Zuneigung ganz besonders Leighton gegolten hatte. Er bat mich, ihm Näheres mitzuteilen; ehe ich aber dies tun konnte, unterbrach er mich nach den ersten Worten, indem er sagte:

Es waren stets unerklärliche Züge an diesem Manne zu bemerken. Er hielt sich abseits von den anderen Gliedern der Familie. Er ist weder ein Löwe der Gesellschaft wie George, noch ein eleganter Verschwender wie Alfred. Auch seinem Vater gleicht er nicht. Woher seine religiösen Stimmungen kommen, das weiß ich, denn ich war ein guter Freund seiner Mutter. Aber die Melancholie, die seinem ganzen Wesen ihren Stempel aufdrückt – die ist kein Erbteil, sondern sie ist ihm erst eigen seit einem tragischen Ereignis, das in seine Jugendzeit fiel. Ich will nicht behaupten, daß alle seine Sonderbarkeiten mir begreiflich sind, im Gegenteil, ich gebe seinem Vater vollkommen recht, daß er ihm unablässig Vorstellungen darüber machte; aber das behaupte ich mit aller Entschiedenheit: einer schurkischen Handlung wird man Leighton Gillespie niemals schuldig finden. Dafür setze ich meine Ehre und meinen guten Namen zum Pfande.

Sie sollten mit Fräulein Meredith darüber sprechen, Herr Doktor, erwiderte ich. Sie glaubt ebenfalls an ihn, oder bemüht sich wenigstens, bei gutem Glauben zu bleiben. Aber sogar sie sieht sich gezwungen, den Ihnen bekannten Zeitungsbericht als wahrheitsgetreu hinzunehmen. Die Tatsachen sprechen unwiderleglich dafür! Ich selber kann Ihnen genügende Beweise angeben, aus denen seine Schuld in dieser Beziehung vollkommen klar hervorgeht.

Und ohne weitere Umschweife erzählte ich ihm ausführlich die Entdeckungen, die ich in Mutter Merrys Spelunke gemacht hatte. Es ließen sich aus ihnen nur zwei Schlüsse ziehen: entweder war Leighton Gillespie ein heuchlerisches Scheusal, oder er litt an einer Geisteskrankheit.

Diese zweite Möglichkeit zu beurteilen, überließ ich dem erfahrenen Arzt. Er schien aber zunächst nicht an sie zu denken, denn er antwortete nur:

Ihre Mitteilungen überwältigen mich! Es war hart genug für mich, George oder Alfred einer so fluchwürdigen Tat für fähig halten zu müssen – aber Leighton! Und dann ... er ist der Vater eines so süßen kleinen Mädchens! ...

Ich bitte um Verzeihung, unterbrach ich ihn. Haben Sie Leighton immer für völlig gesund gehalten? Ich meine: geistig gesund. Sie sprachen von einem großen Seelenschmerz ...

Ja. Der Verlust seiner Frau.

Ich dachte mir, daß Sie dieses Ereignis meinten. Könnte nun aber wirklich dieser Schmerz sein seelisches Gleichgewicht so gestört haben, um seinem Geist eine derartige Richtung zu geben? Zeigte er die von Ihnen erwähnten Absonderlichkeiten schon vor jenem traurigen Ereignis? Es könnte von Wichtigkeit sein, diesem Umstand näher nachzuforschen.

Geisteskrankheit, meinen Sie? Soll darauf die Verteidigung gegründet werden? fragte er.

Glauben Sie, daß man es mit Aussicht auf Erfolg tun könnte? Er ist noch nicht verhaftet, noch nicht einmal offen angeklagt, aber ich bin gewiß, daß dies bald der Fall sein wird, und seine Freunde tun gut, sich beizeiten darauf vorzubereiten.

Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann, ohne ernstlich darüber nachgedacht zu haben, rief der Doktor, indem er unruhig im Zimmer auf- und abschritt. So eng ich mit ihm verkehrte, so habe ich doch niemals Anlaß gehabt, mir die Frage vorzulegen, ob er auch völlig gesund sei. Sieht Fräulein Meredith seine Absonderlichkeiten in diesem Licht an?

Fräulein Meredith glaubt fest an die innere Güte dieses ihres Lieblingsvetters und meint daher, daß Zweifelhaftes zu seinen Gunsten ausgelegt werden müsse. Sie glaubt, er sei nicht immer klaren Geistes.

Das glaubt Hope? Was weiß sie denn von den feinen Merkmalen, an denen nur ein geübter Psychiater einen solchen Zustand erkennen könnte? Sie muß ihre ganze Phantasie aufgeboten haben, um eine solche Entschuldigung für die Widersprüche seiner Lebensweise zu finden. Das läßt darauf schließen, daß er ihr ganz besonders teuer ist. Ja – sie muß in Leighton verliebt sein!

Ich schwieg.

Des Doktors Erstaunen war völlig ungekünstelt.

Nun, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, daß sie Leighton bevorzugte, habe ich niemals an ihr gemerkt. Manchmal kam es mir so vor, als ob sie Alfred lieber hätte als George, aber niemals ließ ich mir träumen, Leightons melancholisches Gesicht und exzentrisches Wesen könne ihr Herz gefesselt haben. Na – Weiber sind alle miteinander unbegreiflich! Ein Witwer! Gerade der von den drei Brüdern, der sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus ihrer Neigung gar nichts machte! Aber darum handelt es sich ja für uns nicht. Ihre Theorie allerdings – der müssen wir näher zu Leibe gehen. Sonderbar ist sie – sehr sonderbar sogar!

Er dachte nach.

Und doch! rief er plötzlich. Völlig von der Hand zu weisen ist Hopes Erklärung nicht! Der Stoß, den damals sein Herz erlitt, könnte fast alles erklären. Solche zurückhaltenden Naturen sind tief! Ich muß den Fall näher studieren; so im Handumdrehen kann ich meine Meinung darüber nicht abgeben. Wie fragten Sie vorhin? Ob er sein absonderliches Wesen schon vor dem Tode seiner Frau gezeigt? Ich glaube nicht – wahrhaftig, ich glaube, er war damals noch nicht so! Er war verschlossen, ging seine eigenen Wege, war unglücklich, verstimmt gegen seinen Vater, weil dieser die ihm von Leighton aufgedrungene Schwiegertochter nicht leiden mochte; aber diesen Gefühlen gab er damals einen ganz natürlichen Ausdruck und nicht einen so sonderbaren wie später. Haben Sie von dem Klatsch gehört, der über seine Heirat in Umlauf war?

Kein Wort. Ich weiß nur, daß sie unglücklich war, und, wie Sie eben erwähnten, ihn und seinen Vater auseinanderbrachte.

Ja, die Ehe war unglücklich; unglücklich vom Anfang bis zum Ende. Und so empfanden seine Freunde es als eine wahre Herzenserleichterung, als die junge Frau Gillespie starb. Ihr Gatte aber betrachtete diesen Verlust als einen unersetzlichen; er ging völlig in seiner Liebe zu ihr auf, solange sie lebte, und er war ein völlig anderer Mensch, seitdem sie ihm entrissen war. Vielleicht lag das daran, daß er sich über seinen Schmerz nicht aussprechen konnte. Sein Vater hatte ihm verboten, in seiner Gegenwart überhaupt nur ihren Namen zu nennen, und Claire war beim Tode ihrer Mutter noch zu klein, um sich ihrer überhaupt nur zu erinnern. Vielleicht war das ein Glück für sie.

Diese letzten Worte setzte Doktor Bennett in kaum hörbarem Flüsterton hinzu. Sie deuteten auf einen tiefen Abgrund, voll von allerhand Möglichkeiten. Ich spürte keine Neugier, in diese Tiefen einzudringen, und fragte nur:

Fand ihr Tod unter außergewöhnlichen Umständen statt? Sie sprachen vorhin davon, daß das Ereignis ihn wie ein Stoß getroffen habe.

Er antwortete mir nicht, ging aber an seinen Schreibtisch, kramte in einer Schieblade herum und reichte mir dann einige Zeitungsausschnitte.

Aus Gründen, die Ihnen beim Lesen begreiflich sein werden, sagte er, habe ich diese Schilderung eines sehr tragischen Unglücksfalles aufbewahrt.

Ich nahm ihm die Zettel aus der Hand und las sie in fliegender Eile durch. Es war die Schilderung eines Lokomotivführers von dem großen Eisenbahnunglück, das vor fünf oder sechs Jahren im Westen stattfand. Der Bericht begann ohne Einleitung gleich mit einer Beschreibung der in Betracht kommenden Oertlichkeiten:

»Die Big Hill-Strecke ist nur 20 Kilometer lang und hat eine Durchschnittssteigung von etwa 3½ %; die Steigung befindet sich aber größtenteils an einzelnen Stellen, die demgemäß natürlich sehr steil sind. Ein Zug, der bergauf geht, besteht aus sechs beladenen Wagen, die von einer Maschine gezogen und von einer zweiten geschoben werden. Ich war mit meiner Lokomotive beständig bei Big Hill stationiert, und zwar hatte meine Maschine den Schiebedienst bei den bergauffahrenden Zügen zu versehen.

Oben auf der Höhe war die kleine Station Acton mit einem Ausweichgeleise, aber ohne telegraphischen Apparat. Unten lag die Station Buckley mit Telegraphenamt, inmitten eines großen Rangierbahnhofes, denn die Züge mußten meistens zerlegt werden, da, wie erwähnt, nicht mehr als sechs Wagen gleichzeitig bergauf befördert werden konnten. Dreizehn Kilometer unterhalb Buckley lag die verlassene Minenstadt Campton, mit mehreren Ausweichgeleisen und einem Dutzend unbewohnter Hütten; das nicht mehr benutzte Telegraphenhaus wurde von einem stelzfüßigen Invaliden, der als Bahnwärter angestellt war, und seiner neunzehnjährigen Tochter bewohnt. Wieder zwanzig Kilometer talwärts liegt Mountain Springs, damals schon von zahlreichen Badegästen aus den östlichen Staaten besucht. Ich schicke diese Erklärungen voraus, um dadurch meine Schilderung des Vorfalles leichter verständlich zu machen.

Wir hatten Zug Nummer 17 bergauf geschleppt und erhielten die Weisung, ihn in Acton auf das Nebengeleise zu stellen, um den Nord-Südzug Nummer 11 vorbeizulassen, der mit zwei Lokomotiven vorn und mit einer Riesenmaschine hinten von Süden her kam. Nummer 11 war ein fahrplanmäßiger Zug, und er bestand aus acht Passagierwagen, die mit Kurgästen aus Mountain Springs überfüllt waren, da an diesem Tage eine Exkursion zu billigen Preisen stattfand.

Als unser Güterzug oben stillstand, sprang mein Heizer ab und kuppelte unsere Maschine los; ich fuhr mit ihr über die Weiche zurück und brachte sie dann auf den Nebenstrang. Während ich dieses Manöver ausführte, hatte der Bremser die beiden letzten Wagen abgehängt, und die Vorderlokomotive fuhr mit den vier anderen Wagen nach der Nordweiche, um sie von dieser Seite her auf das Nebengeleise zu bringen.

Während ich den Dampf abstellte, sah ich, daß die beiden zurückgebliebenen Wagen langsam bergabwärts glitten, bemerkte aber zugleich, daß der Bremser an dem einen Wagen hinaufkletterte und nach der Bremsenstange griff. Ich warf einen Blick auf das Wasserstandsglas am Kessel und sah mich dann wieder nach den beiden Wagen um. Augenscheinlich war die Bremse des vordersten Wagens in Unordnung, denn die Geschwindigkeit war jetzt größer geworden, und der Bremser lief eilig auf dem Trittbrett entlang und kletterte dann auf den zweiten Wagen hinauf. Er packte die Lenkstange, drehte sie herum und wäre beinahe abgestürzt. Die Bremsenkette war gebrochen – die Wagen waren nicht mehr aufzuhalten!

Im Nu stand mir das Bild eines entsetzlichen Unglücks vor den Augen. Der mit Fahrgästen überladene Zug Nummer 11 war bereits unterwegs, die beiden Lastwagen mußten bergab eine furchtbare Geschwindigkeit erlangen, mit dem Zuge zusammenstoßen, und Tod und Vernichtung traf Dutzende, vielleicht Hunderte von ahnungslosen Menschen. Noch jetzt, nach fünf Jahren, steht die Szene mit vollkommener Deutlichkeit vor mir: die Wagen, die immer schneller bergab glitten, – der Bremser, der Hals über Kopf vom Wagen herunterkletterte – der sehr schwerhörige, beinahe taube Heizer, der einfach fortging, ohne von dem ganzen Vorgang etwas zu sehen oder zu hören – an seiner Stelle aber neben der Weiche ein Mann, fast möchte ich sagen: ein Herr, der mit weitaufgerissenen entsetzten Augen den beiden davonrollenden Wagen nachsah – und fünfzig Kilometer entfernt im Tale ein schwacher Rauchstreifen: Zug Nummer 11 war von Mountain Springs abgefahren.

Ehe noch die beiden Wagen über die Weiche hinaus waren, wußten wir, was wir zu tun hatten. Wir – damit meine ich mich und den Mann, der bei der Weiche stand und der trotz seiner feinen Kleider wohl ein auf Urlaub befindlicher Lokomotivheizer oder dergleichen gewesen sein muß. Er hatte den Handgriff der Weiche niedergedrückt, dann schwang er sich, als er sah, daß mein eigener Heizer meine Rufe nicht bemerkte, auf das Trittbrett meiner von mir schon in Bewegung gesetzten Maschine – und fort ging's hinter den Ausreißern her!

Der Bremser blieb zurück, um die Weiche wieder richtig zu stellen, so mußte also der Fremde es übernehmen, unsere Lokomotive mit den schnell vor uns herrollenden Wagen zusammenzukoppeln, sobald wir sie erreicht hätten.

Bergab laufen an dieser Stelle die Züge stets ohne Dampf, oben gleich unter der Höhe wird das Ventil geschlossen, und die Schnelligkeit der Fahrt wird mittels der Luftbremse geregelt. In diesem Fall aber öffnete ich, sobald der Fremde auf dem Trittbrett war, das Ventil soweit ich konnte, um den nötigen Antrieb zu erhalten, regulierte hierauf mit der Bremse die Geschwindigkeit, und los ging die Fahrt. Die beiden Wagen waren bereits volle hundert Meter jenseits der Weiche, als wir diese passierten; ihre Geschwindigkeit mochte in jenem Augenblick etwa zwölf bis sechzehn Kilometer in der Stunde betragen, nahm aber rapid zu. Sechzig Sekunden darauf hatte meine alte Nummer 105 eine Schnelligkeit von 80 Kilometern, und noch eine halbe Minute später waren wir dicht an den beiden Wagen. Ich hörte den Mann auf dem Trittbrett – der also vorne war, da meine Lokomotive mit dem Hinterteil voraus lief – mir etwas zurufen, was ich nicht verstand; er konnte aber nur meinen, daß ich die Geschwindigkeit mäßigen müsse, damit es keinen Zusammenstoß mit den viel langsamer fahrenden beiden Wagen gäbe. Ich bremste. Ein leichter Stoß kündigte mir an, daß Maschine und Wagen nunmehr in Fühlung waren; ich wartete einen Augenblick, um meinem unbekannten Helfer Zeit zu lassen, die Kuppelung vorzunehmen, dann bremste ich wieder. Die Maschine ging langsamer – leider aber sah ich die beiden Wagen vor mir weggleiten. Also hatte offenbar der Haken nicht gefaßt. Wieder holte die Maschine die Wagen ein, wieder bremste ich – und wieder derselbe Mißerfolg.

Wir hatten jetzt eine Geschwindigkeit von 100 oder 110 Kilometer, und dabei ist zu bedenken, daß diese Bahn von Big Hill eine der kühnsten Leistungen der Ingenieurkunst ist; fortwährend führen Brücken in schwindelnder Höhe über tiefe Schluchten hinweg, dann geht es wieder hart an Abgründen entlang – kurz, der Leser wird sich ausmalen können, was für eine gefahrvolle Fahrt es war. Donnernd ging es den Berg hinunter, eine scharfe Kurve nach der anderen wurde genommen, und die Maschine schwankte hin und her, wie wenn sie aus den Schienen springen und sich in den Abgrund stürzen wollte. Dichte Staubwolken umhüllten die Lokomotive; nur zuweilen gelang es mir, durch sie hindurch einen Blick auf die Wagen zu tun, die auf den Schienen hin- und hergeworfen wurden, wie ein entmastetes Wrack auf sturmgepeitschtem Ozean. Ich wußte, daß die Wagen jeden Augenblick aus dem Geleise springen konnten – dann war auch mir und dem freiwilligen Helfer der Tod gewiß; aber darauf mußten wir es ankommen lassen, solange noch eine Möglichkeit vorhanden war, die Durchgänger anzuhalten.

Immer und immer wieder versuchten wir die Lokomotive anzukuppeln, und immer wieder mißlang es. Erst später erfuhr ich, woran das lag. Die Kuppelung war eine nach ganz veraltetem System, und der Ring des hinteren Wagens hatte sich dermaßen gelockert, daß man ihn erst sechs oder acht Zoll hochheben mußte, um ihn über den Haken der Lokomotive zu legen. Dazu waren zwei Hände nötig; der Mann auf dem Trittbrett hatte aber nur eine Hand frei, denn mit der anderen mußte er sich festhalten. Deshalb gelang es ihm nicht, Ring und Haken zusammenzubringen.

Wir waren jetzt nur noch fünf Kilometer von Buckley entfernt. Ich sah von der Höhe aus die kleine Telegraphenhütte drunten in ihrem Netz von Eisenbahnschienen liegen. Sofort öffnete ich das Ventil der Dampfpfeife und ließ diese pfeifen, bis wir der Station Buckley auf zweihundert Meter nahegekommen waren – aber niemand erschien auf dem Bahnsteig. Nur als wir am Telegraphenhaus vorüberflogen, sah ich das schreckensbleiche Gesicht des Telegraphisten am Fenster erscheinen und mit weitaufgerissenen Augen uns nachstarren. Im Nu waren wir vorüber und außer Sicht.

Eines aber hatte ich bei der Station gesehen, was mir einige Hoffnung gab: der lange Arm des Signalpfahls zeigte nach unten, und ich dankte Gott, daß die nächste Blockstrecke noch offen war. Wir hatten also noch eine Aussicht, unser Leben zu retten. Zwölf Kilometer freie Strecke lagen vor uns, und in diesen Minuten konnte noch Rettung kommen. Freilich beruhte alle Hoffnung nur darauf, daß es doch noch gelänge, die Wagen anzukuppeln, denn in Campton war kein Telegraph, und Nummer 11 war aus Mountain Springs längst abgefahren und brauste uns mit aller Schnelligkeit entgegen, die drei riesige Lokomotiven auf freier Strecke ihm verleihen konnten.

Auf dem langen Rangierbahnhof von Buckley war es ein ununterbrochenes ohrenbetäubendes Gerassel über Weichen und lose Schienen hinweg, dann ging es auf der kurvenreichen Bahn weiter nach Campton. Zwei Minuten nach unserer Durchfahrt durch Buckley kam bereits Campton in Sicht, das wie ein Vogelnest unter uns im Tale lag. Von dem Mann auf dem Trittbrette hörte ich keinen Ton mehr; ob er noch auf seinem Posten war, oder ob er auf der rasenden Fahrt hinabgeschleudert und zu Stücken zerschellt war – ich wußte es nicht. Aber es war mir klar, daß jedenfalls keine Möglichkeit mehr vorhanden war, die Wagen anzukuppeln und dadurch zum Stillstand zu bringen. Worauf ich noch hoffte – wenn ich überhaupt Hoffnungen hatte –, das weiß ich nicht. Ich war wie wahnsinnig und hatte nur noch den einen festen Entschluß, den durchgegangenen Wagen bis ans Ende nachzujagen und mit den anderen zu sterben.

Als die Dächer von Campton sichtbar wurden, ließ ich wieder die Dampfpfeife schreien. Fünf Kilometer talwärts lag das verlassene Goldgräberlager. Schon konnte ich das plumpgezimmerte Blockhaus sehen, das als Stationsgebäude diente, ich sah die rot-weißen Signaltafeln neben den Weichen und an den Berghängen die dunklen Flecken der verlassenen Minenschächte. Dann bemerkte ich auf dem Bahnsteig eine menschliche Gestalt, eine schlanke Person in dunklem Kattunkleid und breitrandigem Sommerhut. Das Frauenzimmer drehte mir den Rücken zu, aber ich wußte, es war Nettie Bascom, die Tochter des stelzfüßigen Bahnwärters. Es dauerte vielleicht zehn Sekunden, ehe das Mädchen die Dampfpfeife hörte; dann drehte sie sich langsam um, sah uns heranrasen, und dann – ein Sprung an die Weiche, sie hatte den Hebel niedergedrückt, das Schild drehte mir seine rote Seite zu – ich war in Sicherheit. Leider aber nicht der Passagierzug. Die Wagen waren schon jenseits der Weiche gewesen, eine Sekunde noch: ein Rasseln, ein Krachen, unsere Aufschreie, und dann, alles übertönend, der Knall einer ungeheuren Explosion! Meine alte Nummer 105 flog aus dem Geleise, und ich lag bewußtlos neben ihr. Die Wagen, hinter denen wir ahnungslos 50 Kilometer einhergejagt waren, hatten als Ladung Dynamit, und als sie mit dem Personenzug zusammenstießen, da – –

Und wer war der Mann, der mit mir, leider so zwecklos, die ganze Gefahr geteilt hatte? Ich weiß kein Wort von ihm. Ob er von seinem schmalen Trittbrett herabgeschleudert, ob er von der Explosion in Stücke gerissen war, ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich ihn weder tot noch lebend wiedersah.«

Als redaktionelle Bemerkung war hinzugefügt:

»Das Vorstehende ist eine anschauliche Schilderung der Ursachen jener Katastrophe, bei welcher Frau Leighton Gillespie das Leben verlor. In der New Yorker Aristokratie wird man sich ihrer noch erinnern als der glänzenden, freilich sehr exzentrischen Schwiegertochter des vielfachen Millionärs Archibald Gillespie.«

Ich reichte dem Doktor seinen Zeitungsausschnitt zurück. Die Schilderung der wilden Fahrt hatte mich aufgeregt; mir war's fast, als wäre ich dabei gewesen.

Mountain Springs liegt ja wohl im Westen, nicht wahr? fragte ich. Wie kamen die Gillespies dorthin, und wie ging es zu, daß sie allein ums Leben kam? War er nicht bei ihr im Zuge?

Das ist einer der rätselhaftesten Umstände bei der Katastrophe, erwiderte der Doktor. Er war nicht im Zuge gewesen, aber man sah ihn neben den Trümmern stehen. Er arbeitete wie ein Riese, wie ein Titan, um den entsetzlichen Trümmer- und Leichenhaufen fortzuräumen. Endlich fand er sie. Sie war tot. Von dem Augenblick an rührte er keine Hand mehr zum Rettungswerk. Es war ein unnennbar grausiges Ereignis, und der Schmerz, den er empfinden mußte, als er die teure Leiche fand, kann wohl einen unvertilgbaren Eindruck auf seine Seele gemacht haben.

Ich freue mich, daß Sie diese Möglichkeit zugeben, bemerkte ich; der Anblick einer solchen Szene vermag selbst einem persönlich nicht Beteiligten die Nerven auf Jahre hinaus zu zerrütten. Außerdem ist mir der Gedanke gekommen – aber ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihnen nicht ohne weiteres diese Ansicht vortrage. Lassen Sie mich lieber vorerst noch schweigen! Zunächst will ich Nachforschungen anstellen, wie es Leighton Gillespie möglich war, so schnell auf der Unglücksstätte zu erscheinen. Kam er aus Mountain Springs – der Ort muß doch mehrere Meilen entfernt liegen – oder war er in der Nähe, als die Katastrophe sich zutrug?

Auf diese Frage habe ich niemals eine Antwort vernommen, erwiderte er. Aber bei mir selber steht es schon seit langer Zeit fest, daß er nicht weit war, als der Zusammenstoß stattfand, denn man sah ihn bereits, als der Qualm der Explosion sich eben verzogen hatte. Nun, was haben Sie denn? Sie scheinen erregt, gerührt zu sein? Ist Ihnen noch eine neue Idee gekommen?

Ich wollte ihm in ruhigem Ton antworten, aber es gelang mir nicht, und laut rief ich aus:

Ja, eine seltsame, eine herzerschütternde Idee! Wie, wenn der Mann, der die fürchterliche Fahrt auf der Lokomotive mitmachte, Leighton Gillespie gewesen wäre?! Wenn er wußte, daß die geliebte Frau in dem Zuge war, für dessen Rettung er sein Leben aufs Spiel setzte?!

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