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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Mit einem eigentümlichen Gefühl des Unbehagens entfaltete ich am nächsten Morgen meine Zeitungen. Ich brauchte zwar nicht zu befürchten, daß mein Erlebnis vom vorhergehenden Abend schon bekannt geworden sei, aber wenn man Mitwisser eines wichtigen Geheimnisses ist, so hat man beinahe ein Gefühl, als sei man Mitwisser des Verbrechens selbst. Ich fürchtete also, ich würde in den Zeitungen auf eine unerwünschte Enthüllung stoßen, denn ich wollte gern der erste sein, der Fräulein Meredith die Nachricht brachte, daß der Verdacht sich nach einer neuen Richtung senkte. Ich empfand daher eine wahre Erleichterung, als ich, die Zeitungsspalten überfliegend, nichts anderes von Bedeutung fand als einen direkten Hinweis, daß nach der allgemeinen Ueberzeugung nur Alfred die Schuld an seines Vaters Tod aufgebürdet werden könnte, da er allein von den Dreien nicht imstande gewesen sei, die gegen ihn sprechenden Umstände auf eine harmlose Weise zu erklären.

Diese jetzt in der Presse so deutlich zum Ausdruck gebrachte Meinung hatte, das wußte ich, auch Hope schon längst beschäftigt. Ich hielt es daher für unnötig, schon gleich am frühen Morgen zu ihr zu gehen, sondern begab mich auf mein Bureau, wo dringende Geschäfte meiner harrten.

Mit einem Rechtsgutachten beschäftigt, merkte ich plötzlich an einer gewissen nervösen Erregung, die mich überfiel, daß jemand im Zimmer sein müsse. Ich blickte auf und sah – sie.

Sie trug einen dichten Schleier und einen langen Mantel, der ihre ganze Gestalt einhüllte. Aber trotzdem erkannte ich in ihr sofort diejenige, welche mit jeder Linie ihres schlanken Wuchses seit jener Nacht, da ich zum erstenmal sie sah, mir in die Seele gegraben war. Aufgeregt über ihr so völlig unerwartetes Erscheinen, sprang ich auf, begrüßte sie, indem ich mir gewaltsam den Anschein der Ruhe gab, und schloß die Tür hinter ihr.

Als ich mich wieder zu ihr wandte, hatte sie den Schleier zurückgeschlagen und die obersten Knöpfe ihres Mantels geöffnet, und als dieser von ihren Schultern zurücksank, sah ich, daß sie mit ihrer linken Hand krampfhaft ein Zeitungsblatt umschloß. Es war mir nicht länger zweifelhaft, was der Anlaß ihres Besuches war. Sie hatte den vorhin von mir erwähnten Artikel gelesen und war durch dessen Inhalt mehr aufgeregt worden, als ich erwartet hatte.

Sie müssen verzeihen, daß ich so bei Ihnen eindringe, begann sie, ohne den Stuhl zu beachten, den ich ihr zurechtgeschoben hatte. Ich habe etwas gelesen ... erfahren ... etwas, was mir Kummer macht, mich aufs höchste beunruhigt. Sie sind mein Rechtsbeistand – mehr als das: mein Freund ... ich habe keinen anderen ... und so bin ich gekommen ...

Mit diesen Worten sank sie in den Stuhl, neigte ihr Haupt auf die Brust und erhob es dann wieder, indem sie mich mit einem mitleidflehenden Blick ansah.

Ich versuchte ihr den Trost zu geben, nach dem sie sich sehnte. Ich suchte den Eindruck, den ihre Trauer auf mich machte, zu verbergen und sagte ihr, sie könne keinen treueren Freund finden und keinen, der die Gefühle ihres Herzens aufrichtiger zu würdigen wüßte. Dann fuhr ich fort, indem ich auf die Zeitung in ihrer Hand deutete:

Sie sind erschrocken über die Ungeduld des Publikums. Aber dazu haben Sie keine Ursache, Fräulein Meredith; in solchen Fällen treten immer hitzköpfige Leute auf und verlangen nach schnellem Einschreiten – sie müssen immer einen Knochen zu beknabbern haben, sonst fühlen sie sich nicht wohl. Die Herren von der Polizei sind aber bedächtiger; sie denken nicht daran, einen von Ihren Vettern zu verhaften, so lange keine Verdachtsgründe vorliegen, die stark genug sind, um schroffe Maßregeln zu rechtfertigen. Machen Sie sich keine Sorgen um Alfred Gillespie; morgen wird man nicht mit seinem Namen sich beschäftigen, sondern ...

Da sprang sie auf und rief:

Wessen Namen denn?

Und dabei sah sie mich mit einem so schmerzvoll flehenden Ausdruck ihrer großen Augen an, daß ich überrascht zurückfuhr.

Also nicht Alfred war es, den sie liebte! War es doch der hübsche George – oder gar ... nein, es konnte nicht sein ... alle diese Jugend, diese Schönheit, diese wahre Verkörperung echter Leidenschaft und selbstvergessener Hingebung hätte sich dem unglückseligen Mann geweiht?

Hastig sprach ich weiter:

Auch George ist dem Anschein nach unschuldig. Nur Leighton ...

Ja, er war es, den sie liebte! Ich sah es sofort, als kaum der Name über meine Lippen gekommen war, sah es, ehe sie noch mit einem leisen Aufschrei händeringend mir zu Füßen fiel.

O! flüsterte sie, sagen Sie's nicht! Ich kann den Gedanken noch nicht ertragen. Es ist unerhört – unmöglich! Er ist so gut, so freundlich, so voll hoher Gedanken und edler Regungen. Eher möchte ich gegen mich selbst Verdacht fassen ... und doch! – o, Herr Cleveland, haben Sie Mitleid mit mir! Ich habe jetzt gar keine Stütze mehr – alles, worauf ich vertraute, woran ich mich anklammerte, ist mir genommen. Wenn er der niedrige, verächtliche Schurke ist, als den Sie ihn verschreien – wo soll ich dann noch Güte, Zuverlässigkeit, Wahrheit suchen?

Ich hatte sie sofort aufgehoben, und lauschte schweigend ihren Worten. Auch als sie geendet hatte, schwieg ich noch eine Weile. Ich hatte nicht das Herz, ihr zu antworten. Viele Gedanken kreuzten sich in meinem Hirn. Es war der entscheidende Augenblick meines Lebens. Von Stund an war dieses Weib in seiner rührenden Schönheit mir geheiligt, wie ein verirrtes Kind, das ängstlich Hilfe sucht ... Endlich sagte ich, so freundlich wie mein rebellisch klopfendes Herz es mir erlaubte:

Sie selber haben ihm nicht getraut – sonst würde nicht ein gewöhnlicher Zeitungsartikel Sie hergetrieben haben, um bei mir Trost zu suchen.

Sie fuhr zusammen; meine Bemerkung mußte das Rechte getroffen haben. Und doch versuchte sie, in fieberhaftem Verlangen, weniger vielleicht mich als sich selbst von dem Wert des so leidenschaftlich Geliebten zu überzeugen.

Ich weiß ... sagte sie, es war meine Schwachheit ... oder sein Unglück. Er hätte mir keine Ursache gegeben ... keine wirkliche Ursache ... seine seltsamen Gewohnheiten ... meines Onkels ungeduldiger Aerger darüber ... ich selbst konnte sie nicht recht verstehen ... lauter Kleinigkeiten, Herr Cleveland ... nichts in die Tiefe Gehendes, nichts Ueberführendes ... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... Schatten ... Erinnerungen, die mir wieder entschwinden, wenn ich sie festzuhalten suche ... eine ganze Welt hätte ich darum gegeben, wäre ich nie in meinem Glauben an ihn wankend geworden, hätte ich ihn niemals auch nur eine Minute lang in die Anschuldigung jener Worte: »einer meiner Söhne« mit eingeschlossen. Aber ich habe ein überempfindliches Gewissen – und weil er, der einzige, dem ich voll vertraute, von seinem Vater nicht entlastet war, so wagte ich nicht, ihn von seinen Brüdern zu trennen, und so fielen die durch seines Vaters Beschuldigung erhobenen Zweifel auch auf ihn. Es wäre ungerecht gegen die anderen gewesen, die beiden, die mich so lieb hatten, die beiden, die ...

Plötzlich schwieg sie, fragte aber im nächsten Augenblick wieder mit neuer Heftigkeit:

Was hat den Umschwung in der öffentlichen Meinung hervorgebracht? Was hat die Polizei entdeckt? Was haben Sie entdeckt? Wie kommt es, daß jetzt plötzlich er allein beschuldigt wird – er, gegen den von der Leichenschaubehörde nichts gefunden wurde, – er, der ein Kind hat ...

Der aber doch sich nicht scheute, ein doppeltes Leben zu führen, bemerkte ich ernst.

Ich sagte diese Worte mit Absicht. Wohl wußte ich, welche Wirkung sie auf eine so reine Seele üben mußten, und ich war nicht überrascht über die Aufregung, die sie in ihr hervorriefen. Zögernd fuhr ich fort:

Es gibt Menschen, die in ihren vier Wänden und unter den Augen ihrer Bekannten ein ganz anderes Gesicht machen als an gewissen Stätten, wohin Ihre reine Phantasie ihnen überhaupt nicht folgen kann. Das Leben, das Sie vor Augen hatten, war nicht das einzige und nicht das wirkliche, das der melancholische, von Ihnen mit so teilnahmsvollem Interesse betrachtete Mann geführt hat.

Sie schien mich nicht zu verstehen und fragte:

Was wollen Sie damit sagen?

Plötzlich aber erwachte in ihr eine stürmische Entrüstung. Sie sprang auf und sah mich trotzig, fast beleidigend an:

Sie sprechen, wie wenn Sie etwas sagen wollten, was meine Ohren nicht vernehmen dürfen. Er!! Claires Vater!

Ich war in einer peinlichen Lage. Aber ich konnte nicht darüber im Zweifel sein, was meine Pflicht von mir erheischte. Wenn ihr junges, unverdorbenes Herz in einem Schlangennest eine Heimstätte gesucht hatte, so war es besser, ihr ihren Irrtum zu zeigen, ehe die Scham der Entdeckung sie überwältigte.

Ich wandte mich etwas zur Seite, um sie nicht durch meine Blicke in Verlegenheit zu bringen, und antwortete ihr so, wie derartige Fragen stets beantwortet werden sollten, – nämlich mit der Wahrheit:

Fräulein Meredith – als ich es übernahm, mich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen und wenn möglich etwas Licht in das Geheimnis zu bringen, das Ihnen an der Lebenskraft nagt, da hoffte ich, ich würde Ihrem Herzen Erleichterung bringen und Ihnen Ihr Vertrauen auf den einen Vetter, der Ihnen besonders wert ist, zurückgeben können. Daß mir dies nicht gelungen ist, daß ich Ihrem gequälten Herzen keinen Frieden bringen, sondern ihm, ach! nur neuen Schmerz zufügen kann, – das erfüllt mich mit einem Kummer, dessen Größe Sie niemals werden ermessen können. Aber es läßt sich nicht ändern! Ich darf nicht mit der Wahrheit zurückhalten. Leighton Gillespie ist Ihrer Achtung unwürdig, Fräulein Meredith, – nicht nur weil auf ihm der Verdacht lastet, die furchtbarste Sünde begangen zu haben, sondern auch, weil er Sie hinsichtlich seiner Neigung betrogen hat. Er ...

Halt! rief sie mit gebieterischer Stimme und edler Würde. Ich will Ihnen rund heraus erklären, Herr Cleveland, daß Leighton Gillespie mich niemals in dieser Hinsicht betrogen hat. Ich habe ihn lieb gehabt, weil ... weil ich nicht anders konnte. Aber niemals hat er mir dazu Anlaß gegeben, indem er ein besonderes Interesse für mich bekundete. George hat mich umworben, auch von Alfred kann ich es sagen, Leighton aber hat es nie getan! Trotzdem hat mein Herz nur für ihn geschlagen, aber ...

Sie schwieg plötzlich, und ein tiefes Rot überzog ihre Wangen. Vor ihrem hochherzigen Selbstbekenntnisse neigte ich ehrfurchtsvoll das Haupt. Es erfüllte mich mit neuer Achtung vor dem jungen Mädchen, und ich erwiderte ihr, so sanft und ruhig ich konnte:

Nun, nun ... wir wollen ihn nicht beschuldigen, absichtlich falsch gegen Sie gehandelt zu haben. Es mag auch Wahnsinn sein, wenn ein Mann in solcher Weise seine Ehre und seinen guten Ruf unter die Füße tritt, um der eingebildeten Reize eines unzurechnungsfähigen Weibes willen. Er steht unter einem Zauberbann, Fräulein Meredith, den ich nicht näher zu beschreiben versuchen will. Die Zauberin habe ich selber gesehen, und aus ihrer Hand – vielleicht ohne daß sie seine wahre Absicht kannte, denn sie scheint kein eigentlich schlechtes Weib zu sein – hat er das Gift erhalten, das in Ihres Oheims Hause so furchtbare Arbeit getan hat.

So! Das schlimmste war überstanden. Was ich zu sagen hatte, war heraus! Meinen Worten folgte ein Schweigen, das mir ewig unvergessen bleiben wird. Endlich aber fuhr Hope empor und rief:

Das ist eine Verleumdung! Es kann nicht sein! Ein so guter Mensch! Es ist ein Traum! Ein fürchterlicher Traum! Er sollte ein Schurke sein? Er sollte Gift gekauft haben? Nein, nein, nein! Nicht er tat es, sondern der böse Geist, von dem er manchmal besessen ist. Wenn Leighton Gillespie bei Sinnen ist, dann ist er ein Mann, dem man jedes Vertrauen schenken kann, der ... der ... der ...

Ich hörte nicht weiter auf das, was sie noch sagte. Denn sie sprach nicht zu mir, sondern zu ihrer eigenen Seele, sie wußte nichts mehr von meiner Gegenwart, und ich erinnerte sie durch keinen Laut, durch keine Bewegung daran. Das ganze Weh ihrer wunden Seele ergoß sich in rührenden Worten. Unterdessen focht ich selber in meinem Inneren einen Kampf durch und trug, wie ich hoffe, den Sieg davon.

Aber diese Szene konnte nicht ewig dauern. Plötzlich kam es ihr zum Bewußtsein, daß ein Mann sie hörte, und mit tiefem Erröten schwieg sie. Dann sich gewaltsam zusammennehmend, sprach sie in festem Tone:

Sie sind ein Ehrenmann, Herr Cleveland, und wie mir gesagt worden ist, ein tüchtiger Anwalt. Sie haben zu viel Gefühl und urteilen zu gesund, als daß Sie böswilligerweise einen Mann beschuldigen würden, der bereits so schwer unter der Anschuldigung leidet, die seine ganze Familie mit einer dichten Wolke von Verdacht umgibt. So sagen Sie mir denn: wissen Sie positiv, daß Leighton getan hat, was Sie von ihm behaupten?

Leider! war meine kurze, aber vielsagende Antwort.

Sofort wurde sie ruhig – so überraschend ruhig, wie man es nach einem derartigen Gefühlsausbruch kaum erwarten konnte. Einen Augenblick sah sie mich ernst an, dann sagte sie:

Erzählen Sie mir alles! Ich habe einen Grund, warum ich es zu hören wünsche, einen Grund, den Sie billigen werden. Lassen Sie mich hören, was Sie erfahren, was Sie gesehen haben. In den Zeitungen steht nichts darüber. Ich habe nur in dieser hier eine allgemein gehaltene Anspielung auf Leighton gefunden, die darauf berechnet ist, das Publikum auf eine für morgen bevorstehende große Enthüllung vorzubereiten ...

Mit diesen Worten zerknitterte ihre Hand die Zeitung, die sie immer noch umspannt hielt; es war, wie ich jetzt erkannte, das einzige von den Morgenblättern, das ich nicht gelesen hatte.

Bitte, nehmen Sie keine Rücksicht auf meine Gefühle, fuhr sie fort. Ich habe keine ... Wir sind in einer Gerichtssitzung. Lassen Sie mich hören!

Ich gehorchte ihrem Befehl. Mit aller Rücksicht, die ihre Aufgeregtheit erheischte, und so kurz und bündig wie nur möglich, sagte ich ihr, was mich veranlaßt hätte, zu Mutter Merry zu gehen, und was ich dort entdeckt hatte. Dann berichtete ich, was Jonson uns gesagt. Die Erzählung war lang, und ich hatte vollauf Gelegenheit, die Wirkung meiner Worte auf sie zu beobachten.

Aber sie verriet keine Gefühlserregung; vielleicht hatte sie wirklich in diesem Augenblick keine, wie sie mir ja gesagt. Die geschlossene Hand auf ihr Knie gelegt, saß sie da und hörte mir mit so gespannter Aufmerksamkeit zu, als ob sie alle ihre Geisteskräfte auf dieses Zuhören konzentriert hätte. Nur als ich mich dem Ende meines Berichtes näherte, bemerkte ich, daß der graue Schatten, der über ihrer Stirn gelegen, zu einer tiefen Blässe geworden war, und mit schwerem Herzen, fast ebenso trostlos wie das junge Mädchen vor mir, schloß ich mit den Worten:

Das ist alles, Fräulein Meredith. Ich habe die aufrichtige Ueberzeugung, daß Leighton Gillespie das Giftfläschchen von dem Mädchen gekauft hat, das er Mille-Fleurs nannte. Das steht für mich so fest, wie wenn ich selbst mit angesehen hätte, daß er das Geld dafür vor ihr auf den Tisch legte. Was Sie von Jonsons Aussage halten wollen, muß Ihr eigenes Urteil Ihnen eingeben. Er sagt, er habe Ihren Onkel ganz verstohlenerweise etwas zum Fenster hinausgießen sehen. War das der Wein, den Leighton ihm gegeben, und goß er ihn fort, weil er das Gift darin entdeckt hatte? Ein leider so tödliches Gift, daß er nicht einmal das ganze Glas hatte auszutrinken brauchen, um daran zu sterben. – Das ist eine Frage, die Sie sich selber beantworten müssen, nach der Kenntnis, die Sie von Ihrem Oheim und seinen Angehörigen besitzen.

Ich beabsichtigte mit diesen letzten Worten, Fräulein Meredith auf eine Möglichkeit hinzuweisen, aus der sie vielleicht einige Hoffnung schöpfen konnte. Aber in demselben traurigen Tone antwortete sie mir:

Ich kannte meinen Onkel gründlich. Er war ein gerechter Mann und gerade in Augenblicken großer Gefahr kaltblütig. Niemals hätte er die für meine Augen bestimmten vier Worte: »einer meiner Söhne hat« geschrieben, wenn nicht eine neue Tatsache seine frühere Mutmaßung zur Gewißheit erhoben hätte. Das Gift war in dem Wein, den Leighton ihm reichte; diese Tatsache müssen wir hinnehmen, so schwer es uns auch fallen mag.

Ihre Ruhe verblüffte mich aufs äußerste. Sie schien durch einen geheimen Gedanken, den ich nicht ergründen konnte, innerlich gehoben zu sein.

Plötzlich aber schien eine alte Erinnerung in ihr aufzuwachen, und das Entsetzen kehrte zurück, denn sie schrie mit tränenerstickter Stimme:

Dann war's also seine Hand, die in jener dunkeln Nacht nach meines Onkels Glas tastete – jene feige, tückische Mörderhand, deren Bild mich Tag und Nacht verfolgt hat, seit ich von ihr gehört! O, wie fürchterlich! Wie kann ein Mann so tief sinken! Es ist das Werk des bösen Feindes! Armer Leighton! Armer Leighton!

Und sie neigte ihr Haupt und weinte bitterlich. Ich verstand sie nicht. Sie schien um Leighton zu weinen, nicht um ihr eigenes Unglück. Jedenfalls lag in ihrem Antlitz kein Abscheu vor der ungeheuerlichen Verruchtheit des Mannes. War es möglich, daß er sie wirklich in solchem Grade fasziniert hatte? Das erschien doch unmöglich. Aber da saß sie vor mir: sie trauerte um ihn, anstatt jeden Gedanken an ihn aus ihrem Herzen zu reißen.

Ich glaube, jetzt verstehe ich alles, flüsterte sie schließlich, halb mit sich selber, halb zu mir sprechend. Der Gedanke ist mir schon früher gekommen; er kam mir, wenn jener verstörte, unstete Ausdruck auf seinem Antlitz erschien, und wenn er dann das Haus verließ und tagelang, manchmal wochenlang fortblieb, ohne auch nur mit einem Wort sein seltsames Benehmen zu erklären. Es ist ein seltsamer Gedanke – aber der einzige, der ein so furchtbares Verbrechen erklären kann. Darf ich offen mit Ihnen darüber sprechen? Wenn ich recht habe mit meinem Gedanken, so ist das vielleicht Leightons Rettung. Der liebe Gott weiß: dieser Gedanke ist meine einzige Entschuldigung dafür, daß ich immer noch an dem Manne hänge.

Sie hängen auch jetzt noch an ihm? fragte ich, obwohl ich wußte, wie ihre Antwort lauten würde. Aber so ist der Mensch: er hofft immer, obwohl er weiß, daß seine Hoffnung eitel ist.

Ich kann nicht anders, antwortete sie flüsternd, mit einem wunderbar tiefen Blick ihrer schönen Augen. Er wird bald meine Hilfe brauchen, vielleicht meinen Trost. Denn ich weiß, wie furchtbar die Widersprüche in seinem Charakter ihm selber zur Qual sind. Ich verstehe sie, ich verstehe auch ihn, ich verstehe sogar das schaudererregende Verbrechen, dessen er sich vielleicht schuldig gemacht hat. Mit Heuchelei ist es nicht zu erklären, selbst nicht mit völliger Verderbtheit seines Herzens; seine guten Handlungen sind ja Tatsachen, seine edle Natur ist ja unverkennbar. Nur Krankheit kann die Ursache sein! Er hat ein doppeltes Seelenleben, und darum führte er auch in der Außenwelt ein doppeltes Leben, wie Sie vorhin sagten, und der Grund dafür ist der, daß die beiden Hälften seines Gehirns nicht miteinander in Einklang stehen. Schlechtigkeit ist nicht sein normaler Seelenzustand. Dieser ist im Gegenteil ein edler. Von Natur ist er ein gottesfürchtiger Mann, guttätig und hohen Gedanken zugewandt. Wenn er in die Irre ging, so geschah es, weil sein geistiges Gleichgewicht gestört war. Für Psychiater ist eine solche Anlage nichts Neues. Sie haben gewiß selbst schon von Menschen gehört, die daran litten. Solch ein Mensch ist Leighton Gillespie.

Diese Erklärung war gewiß ernst gemeint, aber sie erschien mir so phantastisch, daß ich eine leise Ironie nicht unterdrücken konnte, als ich ihr antwortete, sie möchte aus ihm eine Art von Jekyll und Hyde machen, gleich jenem seltsamen Doppelwesen in Stevensons eigentümlicher Erzählung.

Und dann fürchte ich auch, bemerkte ich, daß man vor Gericht auf die Theorien eines Romandichters wenig gibt, wenn man über Verbrecher abzuurteilen hat.

Sie beachtete meine sarkastische Bemerkung gar nicht. Mit einem feierlichen Ernst, der sie immer noch schöner machte, fuhr sie in edler Zuversicht fort:

Sprechen Sie mit Doktor Bennett! Er hat meinen Vetter fast von Geburt an gekannt. Fragen Sie ihn, was solche plötzlichen Stimmungsumschläge bei einem Manne bedeuten, dessen natürliche Instinkte stets gut und edel gewesen sind. Fragen Sie ihn, warum dieser Mann, der ein zärtlicher Vater, ein guter Sohn war, plötzlich wie geistesabwesend wird, mag er bei Tisch, mag er am Kaminfeuer sitzen, warum er, taub gegen alle Vorstellungen, blind gegen die angstvoll fragenden Blicke seiner nächsten Angehörigen, plötzlich das Haus verläßt? Vor jenem furchtbaren Morgen, an welchem mein Oheim mir die Geheimnisse jener Nacht enthüllte, erklärte ich mir das Schwanken in seinen Stimmungen auf eine andere Weise. Ich glaubte ... Hier schwieg sie, und eine dunkle Röte überzog ihr blasses Gesicht. Aber mit einer fast heroischen Anstrengung raffte sie sich zusammen und fuhr mit anscheinender Ruhe fort: Ich glaubte, er sei eifersüchtig auf George oder ärgerlich auf Alfred, und was ihn aus dem Haus treibe, sei die Befürchtung, er könne seine Gefühle verraten. Aber jetzt sehe ich, daß nur sein krankhafter Seelenzustand daran schuld war, ein Zustand, von dessen Krankhaftigkeit er in seinen gesunden Stunden vielleicht selber nichts weiß, und für dessen Ausbrüche er vielleicht nicht mehr verantwortlich zu machen ist, als wir für die seltsamen Handlungen, die wir oft in unseren Träumen begehen.

Sie haben wohl nichts von den letzten Entdeckungen gelesen, die auf dem Gebiet des Hypnotismus gemacht sind, versetzte ich. Kein Mensch kann hypnotisch zu einer Handlung veranlaßt werden, zu der er nicht den Keim in der Seele trägt. Aber ich möchte nicht grausam sein, Fräulein Meredith. Ich hege zu aufrichtig den Wunsch, Ihnen unnötigen Kummer und Schmerz zu ersparen. Da Sie es wünschen, werde ich mit Doktor Bennett sprechen, aber ...

Aber Sie glauben nicht, daß er meiner Auffassung von Leightons Anteil an dem Verbrechen sich anschließen wird?

Nein, ich glaube es nicht, Fräulein Meredith.

Nun – dann, rief sie, sich hoch aufrichtend und mit einem wunderbaren Blick voller Ruhe, dann geschehe Gottes Wille! Was ich Ihnen gesagt habe, daran werde ich glauben, bis mir unwiderleglich bewiesen wird, daß der Mann, dem ich mein Vertrauen geschenkt habe, wirklich der schändliche Bösewicht ist, als den Sie ihn hinstellen. Wenn diese Stunde jemals kommt, so – sterbe ich – sterbe an dem größten Schmerz, der ein Weib zu Boden werfen kann ... Sie vollendete den Satz nicht.

O, Herr Cleveland, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, ich habe alles weibliche Zartgefühl hintangesetzt, ich habe alles um mich her vergessen, außer dem Vertrauen, das Sie mir einflößen, und ich habe Ihnen mein ganzes Herz ausgeschüttet. Beweisen Sie mir; daß der Mann gut ist, daß er in seiner Naturanlage moralisch ist und nur, wenn der böse Geist ihn mit seinen Krallen packt, der Sünde verfällt – ich will Sie segnen als den Mann, der mir meine Selbstachtung gerettet hat! Aber wenn Sie das nicht können –, dabei erbleichte sie und setzte leise stammelnd hinzu: dann – überlebe ich's nicht. Ich ... ich ... könnte es nicht ertragen.

Meine Lage war unendlich peinlich. Ich sah keine Möglichkeit vor mir, wie ich ein solches Wunder sollte vollbringen können; ich begriff nicht, wie Hope überhaupt so etwas von mir verlangen konnte. Aber ich wollte sie nicht von mir gehen lassen, ohne ihr wenigstens einen Schein von Ermutigung zu geben. Daher sagte ich ihr, wenn Leighton wirklich unter der Anklage des Vatermordes vor Gericht käme, wolle ich alles, was in meinen Kräften liege, tun, um die von ihr angedeutete Theorie zu seinen Gunsten geltend zu machen.

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