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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Diese Begegnung machte auf mich einen Eindruck, der mich selbst im höchsten Grade überraschte. Niemals hätte ich gedacht, daß ein auf so tiefer Stufe stehendes Wesen wie diese seltsame Mille-Fleurs mir eine so starke Sympathie einflößen könnte.

Leighton Gillespie war ein Weltmann. Er kannte die Schwächen dieses unglücklichen Geschöpfes und wußte, wie er sie zu behandeln hatte, um sich von ihr das Gift zu beschaffen, das er nicht wagen durfte, offen in einer Apotheke zu kaufen. Wer dieses junge Weib sah, konnte ihre Geschichte ihr vom Antlitz ablesen. So heiter sie in Augenblicken der Ekstase sein konnte, so kamen doch stets als Rückschläge solcher Ausgelassenheit Anfälle von tiefster Niedergeschlagenheit, vielleicht von wirklichen Schmerzen, die nur durch Morphium sich erleichtern lassen. Er wußte dies und machte ohne alle Gewissensbisse von seiner Kenntnis ihres Charakters Gebrauch. War er ein Ungeheuer an Selbstsucht, oder hatten wir lediglich in ihm wieder einmal ein Beispiel eines ursprünglich guten Mannes, der durch ein unwürdiges Weib zum Verbrechen getrieben worden war?

Zugrunde gerichtet von einem Weib! War das des Rätsels Lösung? Gott weiß, es kommt leider nur zu oft vor. Und doch konnte ich mich schwer bereit finden, in diesem Falle daran zu glauben. Sie sah nicht aus, als ob sie imstande wäre, einen Mann zum Mörder zu machen. Aber freilich – ich konnte mich auch in ihr leicht irren, indem ich ihr edle Gefühle zuschrieb, die ihr völlig fern lagen.

Soviel war sicher: die Worte Leighton Gillespies in seinem Gespräch mit dem Hauptmann der Heilsarmee deuteten auf Gefühle, die nur mit einer ganz ungewöhnlich heißen Leidenschaft zu vereinbaren waren; dieselbe Leidenschaft atmete auch aus den von ihm für Mille-Fleurs aufgeschriebenen Zeilen. Aber wenn Liebe ihn beseelte, so war dies eine Liebe, die nicht davor zurückschreckte, die Geliebte in Beziehungen zu einem Verbrechen zu bringen. Dies hatte sie selbst merken lassen – denn warum wäre sie sonst so entsetzt zurückgefahren, als ich seinen Namen nannte, warum wäre sie geflohen? Sie konnte keinen anderen Grund gehabt haben, als daß sie ferneren Fragen ausweichen wollte.

Unleugbar hatte ich bedeutende Fortschritte in meiner Untersuchung gegen den Mann gemacht. Ich hätte vielleicht sogar schon in diesem Augenblick das Recht gehabt, Hope von dem bisherigen Ergebnis meiner Bemühungen in Kenntnis zu setzen. Indessen kam ich doch zu einem anderen Entschluß. Ich hatte zwar ein wichtiges Glied in der Kette der Beweise aufgefunden – aber das letzte Glied darin fehlte mir noch. Wie sollte ich dieses beschaffen? Ich war auf mich allein angewiesen, und die Aussichten, die ich hatte, waren außerordentlich gering.

Da tauchte plötzlich mit neuer Kraft eine Idee in mir auf, die ich mir schon oft hin und her überlegt hatte: sollte es nicht einen Zeugen der Mordtat geben?

In dem Zimmer, wo die Tragödie sich abgespielt hatte, befand sich zur linken Hand von Herrn Gillespies Schreibtisch ein Fenster. Ich habe von diesem Fenster bisher nicht gesprochen und habe deshalb auch nicht erwähnt, daß der Vorhang desselben in die Höhe gezogen war, als ich, von Claire geführt, zum erstenmal jenes Zimmer betrat. Ich hatte später den Vorhang selbst heruntergelassen, und dabei bemerkte ich, daß in dem gegenüberliegenden Hause, das mit seiner Rückseite an den Hofraum des Gillespieschen Hauses stieß, ein Fenster offen stand. Und in dem Zimmer mit dem offenen Fenster sah ich einen Mann, der in offenbarer Unruhe und Aufregung stetig hin- und herging.

Wenn nun dieser Mann sich längere Zeit in dem Zimmer mit dem offenen Fenster aufgehalten hatte, so war anzunehmen, daß seine Blicke mehr als einmal in das hellerleuchtete Gillespiesche Arbeitszimmer gefallen waren, denn dieses lag unmittelbar unter seinen Augen. Und wenn das der Fall war – konnte er nicht etwas gesehen haben? Dies beschloß ich herauszubringen.

Daß diese – nebenbei bemerkt, mir völlig unbekannte – Person sich nicht von selbst als Zeuge gemeldet hatte, konnte meine Hoffnung nicht wankend machen. Denn viele Leute – auch ich gehöre zu ihnen – haben eine unüberwindliche Abneigung gegen die öffentliche Aufmerksamkeit, der ein Zeuge in einem sensationellen Mordprozeß nicht entgehen kann. Und da dieser Unbekannte mit Recht voraussetzen konnte, daß die Polizei von seiner Anwesenheit auf einer Art von Beobachtungsposten nicht wußte, so war es ganz natürlich, wenn er geschwiegen hatte.

Ich beschloß daher, da ein tätiges Vorgehen jedenfalls der Ungewißheit vorzuziehen war, zunächst herauszubringen, wer dieser junge Mann gewesen war, sodann mich zu bemühen, seine Bekanntschaft zu machen.

Hierbei konnte nur Sam Underbill mir helfen. Ich suchte ihn also in seiner Wohnung auf und hatte das Glück, ihn gerade in dem Augenblick anzutreffen, wo er noch einmal zurückgekehrt war, um zwei vergessene Theaterbilletts zu holen. Ich machte sofort einen Angriff, ehe er sich wieder aus dem Staube machen konnte, und sagte:

Wie heißen die Leute in dem Hause, dessen Rückseite an den Gillespieschen Hof stößt? Du weißt doch, welches Haus ich meine? Es ist ganz schmal, mit brauner Sandsteinfront; in dem einen Fenster nach vorn hinaus steht eine Vase mit künstlichen Blumen.

Hol mich der –, wenn ich das weiß, knurrte Sam in seiner Ungeduld. Denn er hatte inzwischen die gesuchten Theaterbilletts gefunden, und es war Zeit, da die Vorstellung schon begonnen haben mußte. Da er aber sah, daß ich in sehr ernsthafter Stimmung war, so gab er mir die Auskunft, das Haus gehöre einer Familie Jonson. Und nachlässig setzte er hinzu:

Aber was geht denn dich das an? ... Ach so, ich sehe, du bist immer noch auf der Fährte. Die alte Geschichte vom Gillespieschen Giftmord. Na, weißt du, die Jonsons sind ja zwar Nachbarn der Gillespies, aber für dich oder sonst jemand, der sich für das Verbrechen interessiert, ist mit dieser bloßen Tatsache absolut nichts anzufangen.

Warum nicht?

Weil die Jonsons zu den Gillespies nicht die geringsten Beziehungen haben. Sie verkehren in völlig verschiedenen Kreisen.

Ist nicht ein junger Mann in der Familie? fragte ich weiter.

Ja.

Na, den möchte ich mal kennen lernen. Bitte, bringe es irgendwie zuwege, daß du mich ihm vorstellst. Willst du das? –

Sam machte so erstaunte Augen, daß er beinahe komisch aussah. –

Du möchtest Daniel Jonson vorgestellt werden? fragte er.

Ja, das möchte ich.

Na – jeder nach seinem Geschmack. Ich will dich gleich heute abend im Theater mit ihm bekannt machen. Seine Lieblingsbühne ist das Lyceum.

Gehst du auch dorthin?

Sobald du mich loslässest!

Schön. Erwarte mich nach dem ersten Akte im Foyer.

Gern. Und besten Dank, daß du mich nicht mehr am Aermel festhältst!

Sam war wirklich ein bißchen ärgerlich auf mich.

Schnell kleidete ich mich um und fuhr ebenfalls nach dem Lyceumtheater. Was für ein Stück ich dort eigentlich sah, davon habe ich keine Ahnung mehr, obwohl es einen sensationellen Erfolg gehabt hatte. Ich hatte eben Augen und Gedanken nur für den jungen Mann, dessen Bekanntschaft ich machen sollte.

Er saß in einer der Vorderlogen; ich ließ ihn mir durch einen anderen Bekannten zeigen, doch konnte ich seine Züge nicht so deutlich unterscheiden, um mir ein Urteil über seinen Charakter und sein Temperament bilden zu können. Nach dem Ende des ersten Aktes ging ich ins Foyer, aber Sam kam wider Erwarten erst zu mir, als der Vorhang beinahe wieder hochgehen sollte; auch war er allein, doch bemerkte er zu meinem Trost:

Nach dem dritten Akt kommt er 'raus. Dann ist die lange Pause, und ich bin sicher, daß er seiner Gewohnheit gemäß versuchen wird, sie abzukürzen.

Ich nickte, und Sam ging wieder auf seinen Platz zurück. Das Stück interessierte ihn; das wunderte mich, denn mich ließ es völlig kalt.

Ich hatte nicht die Absicht, sofort etwas aus dem Herrn Jonson herauszulocken. Dazu waren weder Zeit noch Ort günstig. Als daher nach dem dritten Akt Sam mit Jonson im Foyer erschien, hatte ich vorläufig an nichts weiter zu denken, als mich dem nicht eben anziehenden Gegenstand meines augenblicklichen Interesses nach Möglichkeit angenehm zu machen. Sam stellte uns in seiner ungezwungenen Weise einander vor, und ich muß ihm zum Lobe nachsagen, daß er es sich sicherlich nicht anmerken ließ, wenn unser neuer Gesellschafter ihm unangenehm war. Wir kamen ins Gespräch, und ich glaubte zu bemerken, daß Jung-Jonson durch mein höfliches Entgegenkommen sich außerordentlich geschmeichelt fühlte. Vielleicht machte er sich die – allerdings ungegründete – Hoffnung, ich könnte ihm zu weiteren wünschenswerten Bekanntschaften verhelfen. Vielleicht war es ihm aus noch unbekannten Gründen angenehm, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der in der Sensationsaffäre der jüngsten Zeit eine so hervorragende Rolle gespielt hatte. Sei dem, wie ihm wolle – ich wußte meine Ungeduld zu bändigen und suchte unvermerkt das Gespräch auf ein für meine geheimen Zwecke günstiges Gebiet zu bringen, als plötzlich – Klinglingling! – das Zeichen zum Beginn des vierten Aufzuges gegeben wurde, und unser Jonson sich eiligst auf den Weg nach seiner Loge machte.

Doch hatte im letzten Augenblick Sam mit einer Selbstüberwindung, die ich ihm nicht sobald vergessen werde, den jungen Herrn eingeladen, mit uns nach der Vorstellung in unserer Wohnung noch ein Stündchen beisammen zu sein. Jung-Jonson schien diese Aufforderung mit großer Freude anzunehmen, denn ehe er hinter dem Türvorhang des Ausganges verschwand, nickte er uns noch einmal mit breitem Grinsen zu.

Was tut man nicht alles 'nem Freund zuliebe! knurrte Sam, als auch er sich auf seinen Platz zurückbegab.

Ich lächelte still und ging nach Hause.

Ungefähr um Mitternacht kam Sam mit unserem Gast. In der gemütlichen Unterhaltung, die sich bald bei einem Glas Bier entspann, platzte auf einmal Jonson mit dem Thema heraus, auf das ich bisher vergeblich das Gespräch unauffällig hinzulenken versucht hatte.

Hören Sie mal! rief er. Sie waren ja doch dabei, als der alte Gillespie starb?

Das ist eine allgemein bekannte Tatsache, erwiderte ich, indem ich ein möglichst gleichgültiges Gesicht machte.

Hm! Ich weiß selber was verflixt Interessantes, das mit der Geschichte im Zusammenhang steht. Bin nämlich selbst so gut wie daran beteiligt.

Ich hatte auch für Champagner gesorgt; jetzt schien es mir an der Zeit, damit vorzurücken, und ich gab Sam die Flasche, um sie zu öffnen. Während er damit beschäftigt war, antwortete ich Jonson mit dem Ausdruck der höchsten Ueberraschung, die ihn gewiß mit Entzücken erfüllte, denn ich sah ihm an, daß er darauf gewartet hatte.

Wieso denn? sagte ich. Ach ja! Ich glaube Sie zu verstehen. Sie wohnen ja im Nachbarhause. Da ist es ja kein Wunder, wenn der Fall Sie besonders interessiert.

Na, das ist's nicht allein! sagte er stolz, worauf er sein Glas ausschlürfte, das Sam ihm sofort wieder füllte. Ich hab' noch mit niemand darüber gesprochen – und ich sollte wohl besser überhaupt den Mund halten – – aber, na, ich will's Ihnen anvertrauen: ich war sozusagen dabei, als der Alte starb. Sie müssen wissen, von meinen Schlafstubenfenstern kann man direkt in das Hinterzimmer hineinsehen, worin er starb, und ich blickte zufällig gerade nach dieser Richtung, als ...

Hier machte er eine Pause, um sich dem Genuß seines zweiten Glases hinzugeben. Als der Rand desselben sich langsam über seine Augen emporhob, stieß Sam ein bewunderndes Hm! aus, wodurch die Pause in glücklicher Weise ausgefüllt wurde. Dann stieß Jonson das geleerte Glas auf den Tisch auf, daß es klang, und fuhr in seinem Satz fort:

... als Herr Gillespie sein Fenster hochschob, um ein Glas mit irgend 'ner Flüssigkeit auszuschütten. Nu, was war das für 'ne Flüssigkeit? Diese Frage habe ich mir seit seinem Tode ein dutzendmal vorgelegt.

Aber das ist ja ein wichtiges Zeugnis. Diesen Umstand hätten Sie doch unbedingt der Polizei mitteilen müssen! rief Sam Underbill ganz aufgeregt. Vielleicht war diese Aufregung echt, vielleicht war sie aber auch nur erkünstelt, um Jonson auszupumpen.

So? Um vor tausend Leuten dazustehen, die alle die Köpfe zusammenstecken und mich sehen wollen? Nee, dazu bin ich mir selber zu gut! Ich spreche auch jetzt überhaupt nur darüber, setzte er mit vieler Würde hinzu, weil ich so verflixt neugierig bin, ob es wohl Gift war, was er ausgoß, oder nur 'ne Dosis Chloral oder ganz einfach ein Glas Wein. Es kann das eine oder das andere oder auch das dritte gewesen sein; aber ich habe im stillen immer gedacht, es ist doch wohl Gift gewesen, denn er schien so große Angst zu haben, daß man ihn sehen könnte.

Daß man ihn beim Trinken oder beim Wegschütten sehen könnte?

Beim Wegschütten!

So! riefen Sam und ich wie aus einem Munde. Jonson schenkte sich ein neues Glas ein.

Wissen Sie, um welche Zeit das war? fragte ich.

Nein. Wie sollte ich das wissen? Vor zehn war's jedenfalls, denn um zehn war er tot.

Was er ausgoß, kann nicht Gift oder auch nur der Rest eines Gifttrankes gewesen sein, bemerkte ich. Denn das müßte auf Selbstmord schließen lassen. Der Wahrspruch der Geschworenen lautete aber auf Mord.

Jung-Jonson war inzwischen durch den Geist des Champagners in eine etwas erhöhte Stimmung geraten und er erwiderte arglos und in gemütlichem Tone:

Da haben Sie aber wirklich recht! Wundert mich bloß, daß ich daran nie gedacht habe. Dann muß es also Wein gewesen sein. So was hätte ich aber wahrhaftig vom alten Herrn Gillespie nicht gedacht. Ich hab' ihn immer für 'nen vernünftigen Mann gehalten – und kein vernünftiger Mann gießt Wein zum Fenster hinaus.

Nach dieser weisen Bemerkung führte er abermals sein Glas an die Lippen.

Leider war es leer, und er mußte es wieder hinsetzen. Er griff nach der Flasche – die war aber auch leer. Hierauf brummte er einige unverständliche Worte vor sich hin und warf einen verlangenden Blick nach dem Alkoven; wahrscheinlich dachte er, dort müßte noch mehr Wein sein.

Wir taten aber, als verständen wir ihn nicht.

Es gibt nur zwei Entschuldigungen für einen Mann, der absichtlich Wein weggießt, fuhr der Angezechte in halbem Selbstgespräch fort. Entweder hat er schon genug gekriegt, und das ist in diesem Falle von Herrn Gillespie kaum anzunehmen, denn es war ja noch ganz früh am Abend – oder der Stoff taugt nichts. Nun kann aber doch bloß ein Hansnarr einem Mann wie Gillespie zutrauen, daß er schlechten Stoff in seinem Hause gehabt hat, es sei denn ... es sei denn ... es ist was hineingetan worden. Oho! rief er plötzlich wie einer, der eine unvermutete Entdeckung gemacht hat, es war was hineingetan worden, irgendwas, das dem Getränk einen schlechten Geschmack gab! Blausäure riecht unangenehm, nicht wahr? Er mochte den Geschmack nicht und goß schnell das Zeug weg! Welcher Mensch würde auch wohl Wein trinken mit Blausäure drin! brummte er vor sich hin und fragte dann wieder laut:

Nun kommt es also auf die Frage hinaus: Wer von seinen Jungen hatte ihm den Wein eingeschenkt?

Sam und ich schwiegen beide.

Das müßte ich eigentlich herausbringen können! fuhr er fort. Ich habe ja Zeugs genug darüber gelesen. Aha! Der Schleicher war's! Der Kerl, der immer ein Gesicht macht, als wäre ich zu schmutzig, als daß er mich anfassen könnte. Jawohl – jetzt weiß ich's! Leighton ist's, Leighton!

Damit erhob er sich und versuchte, sich auf die Füße zu stellen, was ihm nach einigem Schwanken auch gelang. Er mußte betrunkener sein, als wir ihm angesehen hatten, solange er noch am Tische saß, denn seine Augen waren ganz verglast und blickten stier vor sich hin.

Sofort geh' ich auf die Polizei! rief er. Sofort mache ich der Behörde Anzeige!

Heute nacht nicht mehr! schrie ich ihm ins Ohr, damit er mich ganz sicher verstände. Wenn Sie jetzt hingehen, sperrt man Sie bis morgen früh – ins Loch!

Er schlug eine laute Lache auf.

Das wär' ein famoser Spaß! Nee, so kommt man mir nicht! Da verhau' ich sie erst alle miteinander.

Dabei sah er uns mit einem höchst unangenehmen Lächeln an, das ich ihm nie vergessen habe, so daß ich den Menschen von Stund an nicht mehr ausstehen konnte. Plötzlich begann er, nach seinem Hut zu suchen; als er ihn hatte, sagte er mit herablassender Miene:

Na, ich will doch lieber nach Hause gehen. Leighton Gillespie? Hihi! 's ist nur gut, daß wir über die Frage im reinen sind. Prost, Leighton! Prost, ihr beiden anderen! ...

Damit war er zur Tür hinaus.

Sam und ich wollten ihn die Treppe hinunterbringen. Aber er kam heil und gesund unten an, und als wir die Haustür mit einem Krach zuschlagen hörten, wünschten wir uns mit einem Blick gegenseitig Glück, daß wir den Menschen los waren. Dann nahm ich das Glas, woraus der Bursche getrunken hatte, Sam packte die Flasche, und im nächsten Augenblick fielen die Scherben klirrend in den Kamin. Nach einer kleinen Weile sagte Sam mit einem Seufzer:

Ich fürchte, diese Nacht ist die letzte, die Leighton Gillespie ruhig schläft.

Dann mußt du dem Gefasel, das wir eben angehört haben, eine gewisse Bedeutung beimessen?

Wenn ich's mit dem zusammenhalte, was Yox uns erzählt hat, ganz gewiß! rief Sam im Ton der Ueberzeugung.

Unwillkürlich stieß ich einen tiefen Seufzer aus. Wenn dies wirklich Sams Ansicht war, so mußte ich mich auf ein Wiedersehen mit Hope gefaßt machen. Ihr konnte die Nachricht erwünscht sein, da sie ihr Gewißheit brachte; mir aber machte der bloße Gedanke an die Unterredung schwere Sorge.

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