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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Geheimnisse, die Leighton Gillespie umgaben, schienen sich aufklären zu wollen; seine eigene Unvorsichtigkeit hatte dazu beigetragen, aber die Lösung des Rätsels konnte kaum günstig für ihn lauten. Aus Gleichgültigkeit oder aus Unbedachtsamkeit – Absicht schien mir in diesem Fall kaum denkbar – hatte er nicht nur die Aufmerksamkeit auf seine geheime Leidenschaft gelenkt, sondern auch den Gegenstand derselben in eine Gefahr gebracht, der das Weib schwerlich entrinnen konnte: nämlich früher oder später der Polizei in die Hände zu fallen.

War es unter diesen Umständen meine Pflicht, die Aufgabe, die ich mir selber gestellt, noch weiter zu verfolgen? War meine Hilfe noch vonnöten, da doch ein Mann wie Sweetwater bereits so scharf auf der Fährte war? Allem Anschein nach nicht. Aber zum Glück fiel mir noch rechtzeitig ein, daß die einzige Spur, die zum Beweise führen konnte, nur mir bekannt war und nicht ihm. Ich allein kannte den Aufenthalt des Weibes, das ihm die Phiole mit dem Gift besorgt hatte. So stand denn bald wieder mein Entschluß fest: ich mußte meine Nachforschung fortsetzen, wenn ich mein Hope Meredith gegebenes Versprechen erfüllen wollte.

Es war ein Freitag; auf dem Fischmarkt herrschte daher ein lebhaftes Treiben. Bis ich mich durch die unzähligen Verkaufsstände durchgedrängt, hatte ich genügend Fischgeruch in meine Nase bekommen, um zum mindesten für eine Woche des Bedürfnisses nach weiterer Zufuhr überhoben zu sein. Ich war aufrichtig froh, als ich bei den Docks wieder in frischere Luft kam.

Ist dies der Platz, den Sie suchen? fragte der Beamte, unter dessen Schutz ich stand.

Ich sah mich um und erblickte alsbald zu meiner großen Genugtuung die aus Yoxens Erzählung mir bekannte Tür mit der Kattungardine vor der offenen oberen Hälfte.

Jawohl, sagte ich, hier muß es sein, wenn hier eine alte Frau namens Merry wohnt.

Ich will mich mal erkundigen, bemerkte mein Begleiter.

Er ging zu einem anderen Polizisten heran, dessen Anwesenheit ich bis dahin nicht bemerkt hatte, wechselte mit ihm ein paar Worte und sagte mir sodann:

Hier ist das Haus! Wünschen Sie, daß ich mit hineingehe?

Wenn es in dem Hause sicher ist, so ist das nicht nötig.

O, um diese Tageszeit ist es ganz sicher. Allzuviel Geld werden Sie doch wohl nicht bei sich tragen, was? Ich werde mich übrigens in der Nähe der Tür halten, und wenn Sie nicht binnen zehn Minuten wieder draußen sind, gehe ich' hinein und erkundige mich. Sie müssen wissen, das Haus steht unter unserer Aufsicht; gerade deshalb aber machen wir die Ueberwachung nicht gern zu deutlich!

Mir war es höchst angenehm, daß ich allein hineingehen konnte; ich fühlte sogar eine wesentliche Erleichterung darüber, denn so weit waren meine Hoffnungen nicht einmal gegangen.

Die Stube, in die ich nun eintrat, sah unerwartet ordentlich aus. Es waren allerdings die kahlen Wände, die Yox beschrieben hatte, dazu der rotglühende kleine Ofen und das dürre alte Weib mit den roten zwinkernden Augenlidern, aber von einem unheimlichen oder auch nur verdächtigen Eindruck konnte nicht die Rede sein. Ich traf Mutter Merry zu einer guten Stunde an; das heißt: gut war die Stunde nicht nur für die Alte, sondern wohl auch für mich.

Ich sprach soeben von den kahlen Wänden des Zimmers; diese Bezeichnung ist eigentlich nicht ganz richtig. Allerdings fehlte jeder Schmuck, aber von Wand zu Wand zogen sich Seile, die mit nassen Wäschestücken behängt waren, und an der Wand mir gegenüber waren ein paar derbe Schifferhosen ausgespannt, was einen grotesken Eindruck machte. Der Dunst der trocknenden Kleidungsstücke und das Kohlenfeuer im Ofen taten sich zusammen, um die Luft mit Gerüchen zu erfüllen, die an und für sich schon hinreichend waren, unerwünschte Besucher fernzuhalten.

Ueber den Tisch gebeugt, auf welchem einige unappetitlich aussehende Eßwaren lagen, saß ein altes Weib – ohne Zweifel Mutter Merry selber. Ich hatte mir schon einen Feldzugsplan zurechtgelegt und trat daher mit einem vertraulichen Lächeln auf sie zu, wobei ich die Hand in die Westentasche steckte. Diese andeutende Gebärde schien verstanden und gewürdigt zu werden, denn ihr mißtrauisches Auge schien sich zu besänftigen. Ich sah mich vorsichtig nach allen Seiten um und flüsterte ihr dann ins Ohr:

Ist jemand hier? Zu dem, was mich herführt, kann ich keine Zuschauer und Horcher brauchen.

Sie sah mich durchbohrend an und brummte:

Was wollen Sie?

Ich zog einen Dollar aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. Sofort bedeckte sie das Geldstück mit ihrer Hand.

Ein bißchen Arznei! flüsterte ich. Drei Tropfen von etwas, was einen Mann in fünf Minuten hinüberbefördert. Der Mann bin ich selbst, fügte ich hinzu, als ich bemerkte, wie eine dunkle Wolke ihr Auge überflog.

Sie fuhr fort, mich noch eine Minute lang ganz scharf anzusehen; dann fiel ihr Blick auf die Hand, die immer noch über dem Dollar lag, und sie murmelte, indem sie widerstrebend das Geldstück freigab:

Tut mir leid, aber solches Zeug kann ich nicht beschaffen. Wer hat Sie zu mir geschickt?

Ich zögerte einen Augenblick, dann spielte ich plötzlich meinen Haupttrumpf aus und sagte:

Der Mann, der neulich abends hier war, als die Polizei zu Ihnen kam. Er hatte mehr Glück als ich. Ihm haben Sie keine Weigerung gegeben!

Sie lügen! schrie sie. –

Unwillkürlich fuhr ich vor ihrer zornigen Stimme zurück. Sollte ich mich vielleicht so sehr geirrt haben? –

Er hat niemals solches Zeug von mir gekriegt! fuhr sie fort. Er kam auch nicht deswegen zu mir, das können Sie mir glauben; denn ich hab' nichts davon bemerkt, und dumm ist Mutter Merry nicht!

Was wollte er denn sonst hier?

Sie sah mich mißtrauisch an und antwortete:

Sonst möchten Sie nichts von mir wissen? Dann kann ich Ihnen nur den Rat geben, sich möglichst schnell wieder zu entfernen. Ich bin keine Schwatzliese!

Ich legte einen zweiten Dollar auf den Tisch und fragte ruhig weiter:

Vielleicht bekam er's im oberen Stock?

O! rief sie, indem sie ihre Finger über beide Geldstücke ausspreizte. O! Das kann sein. Die Mädels haben allerlei sonderbare Sachen.

Kann ich die Mädchen vielleicht mal sehen? Kann ich vielleicht sie sehen?

Ich betonte das »sie« mit solcher Stärke, daß Mutter Merry mich mit einem langen prüfenden Blick ansah, den ich ertrug, ohne eine Miene zu verziehen.

Sie hat keinen Tropfen mehr von dem Zeug, wovon Sie sprechen, sagte Mutter Merry schließlich. Wenn sie's ihm gegeben hat, so ist nichts mehr davon übrig.

Vielleicht kann sie sich aber an derselben Stelle, wo sie's einmal bekam, noch mehr beschaffen, warf ich ein.

Die alte Hexe stieß einen grunzenden Ton aus und sah mit gierigen Blicken auf die beiden Silberdollars, die zwischen ihren knochigen Fingern hervorschimmerten.

Wie viele solcher Dinger haben Sie? fragte sie schließlich.

Zehn.

Und mit zehn Dollars in der Tasche kommen Sie hierher und wollen Gift haben? fragte sie.

Ihr Erstaunen war ganz ungeheuchelt. Sie brauchte ein paar Minuten, ehe sie darüber wieder zurechtkommen konnte. Dann fragte sie weiter: Und wie viele davon sind für mich?

Fünf.

Wie eine Klaue umkrallte ihre Hand die beiden Münzen. Endlich sagte sie:

Ich will sie herunterrufen. Genügt Ihnen das?

Ja.

Vielleicht ist sie aber in diesem Augenblick nicht ganz bei Verstand?

Gleichviel.

Und wenn sie's ist, so glaubt sie doch vielleicht, Sie seien nicht recht gescheit.

Darauf will ich's ankommen lassen.

Dann stellen Sie sich hinter den Ofen, damit sie Sie nicht sofort sieht, wenn sie hereinkommt. Sonst würde sie keine Minute hier drinnen bleiben.

Ich tat, was die alte Hexe mir sagte, und sah sie auf die aus Yoxens Erzählung mir bereits bekannte Tür, die zu den oberen Räumen führte, zuhumpeln. Als sie weg war, warf ich einen Blick auf die Tischplatte. Die beiden Silberstücke waren verschwunden.

Die seh' ich nicht wieder! dachte ich bei mir selber.

Und ich hatte recht – ich sah sie niemals wieder.

Die nassen Kleidungsstücke, die so dicht vor meiner Nase hingen, waren mir nichts weniger als angenehm. Ich stellte mich daher auf die andere Seite vom Ofen, wo ich den Dünsten wenigstens zum Teil auswich; aber auf meinem neuen Platz war ich leichter zu sehen, was die Alte sofort bemerkte, als sie wieder ins Zimmer trat.

Sie haben sich gerührt! zischte sie mißtrauisch. Kommen Sie wieder auf diesen Platz, wo Sie von den Kleidern verdeckt werden. Vielleicht bringe ich das Mädel zum Singen – aber nur, wenn sie Sie nicht sieht. Sie scheint wieder mal in schnurriger Stimmung zu sein. Möchten Sie sie gern singen hören?

Sie sagte das in einem Tone, als ob sie begeisterte Zustimmung erwartete, und ich suchte denn auch ihre Erwartung so gut zu befriedigen, wie es mir in der Ueberraschung möglich war.

Pst! flüsterte sie nunmehr. Da kommt sie! Um ihr Lachen müssen Sie sich nicht bekümmern.

Es war gut, daß sie mir diese Warnung gab, denn die plötzlich wilde Heiterkeit, die ich von der Treppe her vernahm, klang so schauerlich, daß ich mich wahrscheinlich würde verraten haben, wäre ich nicht vorbereitet gewesen. So gelang es mir, mich still zu verhalten, und erwartungsvoll sah ich dem Erscheinen des Mädchens entgegen, das aller Wahrscheinlichkeit nach Leighton Gillespie das Fläschchen Blausäure gegeben hatte.

Und plötzlich hatte ich einen Anblick, der mir unvergeßlich geblieben ist. Ein Weib betrat das Zimmer, ein Weib war es, nicht ein Mädchen. Sie war nicht schön, aber sie hatte etwas an sich, was kein Mann sehen konnte, ohne bewegt zu werden. Ihre Gesichtszüge waren, einzeln genommen, fast gewöhnlich zu nennen, aber in ihrer Gesamtheit unbeschreiblich anziehend, und dieser Eindruck konnte auch durch die Spuren erlittener Entbehrungen, die man ihr nur zu deutlich ansah, nicht zerstört werden. Ihr Haar umwallte sie wild und ungepflegt, aber es war wunderbar schön. Zwar waren ihre Wangen bleich und ihre Arme mager, aber sie verbreitete um sich her einen Hauch von wildpulsendem Leben, von ungezwungener Fröhlichkeit, die ganz gewiß nicht von narkotischen Mitteln herrührte. Ich war wie betäubt von der Wirkung, die sie auf mich ausübte, und verschlang sie förmlich mit meinen Blicken. Das war kein gewöhnliches Weib! In ihren schmutzigen Lumpen kam sie mir vor wie eine überirdische Erscheinung.

Singe! rief Mutter Merry in einem herrischen Tone, der mich innerlich empörte, obwohl ich das Mädchen vor wenigen Augenblicken zum ersten Male gesehen hatte. Singe! Ich sehe dir an, du möchtest singen, und ich möchte dich hören. Singe!

Das junge Weib blieb stehen und breitete die Arme aus. Dann lächelte sie und – sang.

O dieser Gesang! Ich hatte die Guilbert und Loftus gehört, aber so hatte mir niemals das Blut in den Schläfen gepocht, so war mir niemals das Herz im Leib weit und die Brust zu eng geworden, wie bei den Tönen dieses Weibes! Sie sang ein trauriges, ein ganz trauriges Lied, das in seltsamem Gegensatz stand zu der sonnigen Heiterkeit, mit der sie soeben noch gelacht. Aber das war es nicht, was so tief auf mich wirkte. Himmlischer Geist lag in ihrem Gesang, eine Künstlerseele lebte sich darin aus! Und als sie endlich schwieg, ganz hingerissen, aufgelöst in ihren eigenen Tönen, da merkte ich, daß meine Wangen naß geworden waren von meinen Tränen. Und nie zuvor war ich durch Gesang zu Tränen gerührt worden.

Tanze! rief nun die Hexe, die hinter mir stand.

Ich hatte Mutter Merrys Anwesenheit völlig vergessen.

Aber das Mädchen senkte das von Begeisterung strahlende Gesicht, und die Arme sanken kraftlos hernieder.

Ich kann nicht mehr! sagte sie klagend.

Aber augenblicklich darauf schwebte sie im Kreise hin und wieder, nun sich emporrichtend, dann wieder sich neigend und dabei in jede Bewegung eine Anmut und Grazie legend, daß ich kaum die Musikbegleitung vermißte. Es war mehr als ein Tanz – es war ein Drama! Instinktiv erriet ich in jeder ihrer Bewegungen das Gefühl, das sie damit ausdrücken wollte. Wie wenn sie eine Fee gewesen wäre, starrte ich auf sie. Alle Sorge war aus ihrem Antlitz verschwunden, die blassen Lippen brannten jetzt rot und üppig, und die zerzausten Haare umwallten sie in metallschimmernden, wundervollen Locken. Plötzlich hielt sie inne. Mutter Merry hatte die Hand nach mir ausgestreckt und sagte:

Der Herr da sieht dir zu!

Augenblicklich war der Schimmer von Schönheit, der über ihr ausgebreitet lag, wieder verschwunden. Sie schlug die Hände vors Gesicht und sank auf den Fußboden nieder, indem sie klagend rief:

Nein! Nein!

Sie wollte aus dem Zimmer hinauseilen, aber Mutter Merry hielt sie fest und sagte:

Der Herr wünscht was von dir. Einen Tropfen von der Flüssigkeit, die du neulich abends dem anderen gabst. Du weißt doch? An jenem Abend, als unsere Jungens sich dünne machen mußten, weil die Polizei uns auf den Leib rückte?

Das junge Weib preßte krampfhaft seine rechte Hand gegen den Busen, und wild funkelten ihre Augen mich an. Plötzlich sah sie, wie sehr ich noch von ihrem Tanz ergriffen war, und rief:

O, Mutter Merry – es hat ihn gepackt! Es ist ihm zum Weinen! Vielleicht kann auch ich jetzt weinen! Wie gern möcht ich's. Weinen ist besser als singen.

Damit brach sie in ein so heftiges Schluchzen aus, daß ich vor Bestürzung und Mitleid kein Wort hervorbringen konnte.

In diesem Augenblick steckte der Polizist seinen Kopf zur Tür herein und sagte:

Na, wie steht's? Alles in Ordnung?

Um das junge Weib vor der Neugier des plumpen Gesellen zu schützen, winkte ich ihm ab und flüsterte ihr ins Ohr:

Sie haben noch nicht gesagt, ob Sie mir geben wollen, was ich hier suche?

Was denn?

Einen Tropfen von dem, was Schmerzen tötet – augenblicklich und für immer tötet. Ich bin unglücklich, das Herz ist mir gebrochen.

Sie starrte mich an, und ihr Gesicht wurde ganz düster.

Ich habe nichts ... mehr! flüsterte sie endlich mit heiserer Stimme.

Dann beschaffen Sie's, von wo Sie's früher bekamen, bemerkte ich.

Ich kann's nicht. Damals, als ich's bekam, da wurde mir das Lächeln leichter, und wenn ich tanzte, brauchte ich nicht mit Todesqualen dafür zu bezahlen. Jetzt ...

Sie versuchte, zu lächeln – aber der Ton der Fröhlichkeit wollte nicht über ihre Lippen.

Gaben Sie ihm denn alles – alles? fragte ich weiter.

Ihm? wiederholte sie, indem sie mit offenbarem Mißtrauen vor mir zurückwich.

Ja! rief ich, abermals ganz nahe an sie herantretend. Dem jungen Matrosen, der es an jenem Abend hier bekam. Gift – Blausäure – ein Fläschchen, so groß, daß man es gerade in der Hand verbergen kann.

Sie brach in ein schallendes Gelächter aus; aber es war keine Heiterkeit darin, eher Spott und Hohn. Sie machte den Eindruck einer gewöhnlichen Weibsperson.

Dem Matrosen! wiederholte sie, indem sie abermals in ein Lachen ausbrach.

Ich fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen war, das entscheidende Wort zu sprechen. Ich blickte mich um – Mutter Merry stand ziemlich weit von uns an der Tür – ja, ich konnte es wagen – und ich flüsterte:

Ein Matrose mit dem Namen eines Gentlemans. Sie kennen den Namen so gut wie ich; er lautet Leighton Gillespie!

Das hatte sie wohl nicht von mir erwartet. Mit einem angstvollen Schrei schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und rannte auf die Tür zu, durch die sie hereingekommen war. Aber Mutter Merry stand lachend vor dieser Tür. Dann versuchte sie, auf die Straße zu entwischen; aber hier trat ihr auf der Schwelle die riesige Gestalt des Polizisten entgegen. Plötzlich duckte sie sich, kreuzte die Arme über ihrer Brust und machte einen Satz nach der Tür, die in das geheimnisvolle Nebenzimmer führte.

Die Tür war verschlossen, aber sie wich vor ihrem Stoß, und das junge Weib stürzte über die Schwelle hin. Ich wollte ihr beispringen, aber sie war schon wieder auf den Füßen, ehe ich sie erreichen konnte.

Ich kenne den Mann nicht, von dem Sie sprechen! rief sie. Ich kenne auch Sie nicht. Ich bin ein freies Weib; ein – freies – Weib –

Und mit einem lauten Aufschrei sprang sie auf die Falltür zu und öffnete diese. Die letzten Worte rief sie aus, während sie sich in den unteren Raum hinabschwang. Ich versuchte sie festzuhalten, aber sie war geschmeidig wie eine Katze. Ich lehnte mich über die Oeffnung hinüber, aber ich sah sie nur noch hinter einigen feuchten Mauerpfeilern verschwinden. Eine eiskalte Grabesluft schlug mir entgegen und machte mich zurückschaudern. Ich erhob mich.

Für heute ist nichts mehr von ihr zu wollen, flüsterte hinter mir Mutter Merry mit heiserer Stimme. Wenn sie mal so ist, dann ist alle Mühe vergebens. Aber Sie haben ja für Ihr Geld was gehabt. Sie haben sie singen gehört und tanzen gesehen. Das können wenig Männer von sich sagen. Sie ist männerscheu; wenigstens singt sie niemals in Gegenwart von Mannspersonen.

Vielleicht sah ich überrascht, vielleicht gar enttäuscht aus. Wahrscheinlich legte Mutter Merry den Ausdruck meines Gesichtes falsch aus, denn sie schob sich, als ich dem Ausgang zuschritt, ganz nahe an mich heran und flüsterte:

Wenn Sie das wirklich haben wollen, wovon Sie sprachen, so kommen Sie in acht Tagen wieder. Und wenn ich's beschaffen kann, so sollen Sie's kriegen.

Ich gab ihr noch einen Dollar und fragte, die Hand bereits auf der Türklinke:

Wie heißt das Mädel?

Das Geld hatte ihr die Zunge gelöst, und sie antwortete:

Millie. Sie selbst spricht den Namen anders aus, aber hier nennen wir sie alle so.

Es war also, wie ich's mir gedacht hatte. Das junge Weib, das ich gesehen und gehört hatte, war Mille-Fleurs – die Adressatin der rührenden Zeilen, die Leighton Gillespie geschrieben hatte.

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