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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Zwanzigstes Kapitel.

Einen Charakter wie den Leighton Gillespies zu ergründen, ist keine leichte Aufgabe; die Gedanken geraten dabei leicht auf Irrwege. Und ich hatte noch keine halbe Stunde damit verbracht, so erkannte ich die Unmöglichkeit, durch Spekulation zum Ziel zu kommen, und beschloß, dem Beispiel meines Freundes Sam Underbill zu folgen und mich ausschließlich an Tatsachen zu halten.

Diese waren nun schon an und für sich derart, daß sie mich völlig von Leightons Schuld überzeugten. Aber damit war nicht gesagt, daß sie auch Fräulein Meredith überzeugen würden. Wahrscheinlichkeiten, selbst wenn sie uns ausreichend zur Ueberführung erschienen, konnten bei ihr nicht schwer ins Gewicht fallen. Mit ihrem feinen Gefühl für Gerechtigkeit mußte sie eine unwiderlegliche und ununterbrochene Kette von Beweisen verlangen, ehe sie den Mann, den ich der Tat zieh, für schuldig erklärte – und diese Beweiskette konnte ich vorläufig nicht beibringen.

Nun, wie konnte ich aus der Kenntnis, die mir Sam Underbill soeben verschafft, einen vollgültigen, unwiderleglichen Beweis schmieden?

Aus den Beweggründen der Tat ließ sich nichts machen. Ohne Frage hatte Leighton Schulden, aber das war auch bei seinen Brüdern der Fall. Es stand fest, daß er mehr denn einmal mit seinem Vater einen heftigen Wortwechsel gehabt hatte. Dies waren aber keine neuen Tatsachen, und sie reichten keinesfalls aus, auch nur vor dem Gewissen des jungen Mädchens eine Antwort auf die immer wieder sich erhebende Frage zu geben: Wer tat es?

Es mußte ein positiver Beweis gegen den Mann gefunden werden – etwa, daß sein Besuch bei Mutter Merry den Zweck gehabt, sich im geheimen das Gift zu besorgen, das er nicht offen kaufen durfte, oder daß das Glas Wein, das er seinem Vater eingeschenkt hatte, Gift enthielt.

Aber alle Versuche, diese letztere Tatsache zu beweisen, waren mißlungen. Die Polizei hatte nicht nur nicht beweisen können, daß dem Wein Gift beigemischt gewesen war, sondern es war überhaupt nicht einmal festgestellt, in welcher Form dem alten Gillespie das Gift beigebracht worden war. Ich wandte daher meine Aufmerksamkeit einer leichteren Aufgabe zu und beschloß, alle meine Geisteskräfte auf den Nachweis zu konzentrieren, daß das vom verkleideten Seemann bei Mutter Merry erhaltene Fläschchen mit Blausäure gefüllt gewesen, und daß dieser falsche Matrose wirklich der war, den wir in ihm zu erkennen glaubten: Leighton Gillespie.

Waren diese Tatsachen einwandsfrei festgestellt, so mußte auch Fräulein Meredith fühlen, daß der Mann, der sich unter so verdächtigen Umständen in einer Spelunke niedrigster Art Gift verschaffte, einen Zweck verfolgen mußte, der sich nur dadurch erklären ließ, daß man die unmittelbar darauf in seinem eigenen Hause begangene Mordtat ihm und nur ihm allein zuschrieb.

Nachdem ich zu diesem Entschluß gekommen war, fragte ich mich zunächst, wie ich die notwendigen Nachforschungen am besten ins Werk setzen könnte, ohne selber Verdacht zu erregen. Das Einfachste wäre gewesen, mich ganz offen zu Mutter Merry zu begeben; aber das konnte mich in eine unerwünschte Lage bringen. Wenn ich selbst von der Polizei bewacht wurde – und manchmal kam es mir so vor –, so mußte jeder derartige Schritt sofort die Aufmerksamkeit der Detektivs auf mich lenken, und damit auch auf das Geheimnis, das, wie ich hoffte, unangetastet nur mir und Hope bekannt werden sollte. Denn meines Amtes war es ja nicht, einen Schuldigen der Justiz zu überliefern, ich wollte nichts weiter, als ihr reines Herz von dem Zweifel befreien, der ihre Seele quälte.

Wenn ich aber nicht selbst hingehen konnte, wen sollte ich dann schicken? Yox? Der Mann gefiel mir nicht; er erschien mir als mehr denn zweifelhaft von Charakter, und ich hatte beschlossen, nichts mehr mit ihm zu tun zu haben. Underbill? Der bloße Gedanke daran war lächerlich. Wen denn also sonst?

Vergeblich zermarterte ich mir das Hirn – da fiel mir plötzlich die Heilsarmee ein. Ja, das war das Richtige! Einer von der Heilsarmee konnte leicht und unauffällig die zweifelhafte Lasterhöhle betreten, konnte Mutter Merry und ihre Hausgenossinnen befragen, ohne daß er das Mißtrauen der Polizei erregte. Aber wie sollte ich den geeigneten Mann ausfindig machen, und selbst wenn mir das gelang, wie sollte ich ihn dazu bringen, mir einen wertvollen Bericht zu liefern, ohne ihn in meine eigentlichen Absichten einzuweihen?

Also auch dies schien nichts zu sein – aber halt! Wie wär's, wenn ich einfach den Stier bei den Hörnern packte und ganz offen die Polizei ersuchte, mir Beistand zu leisten? Damit bog ich jedem Verdacht die Spitze ab, und wenn ich mich von der Polizei begleiten ließ, konnte ich es am leichtesten vermeiden, von ihr beobachtet zu werden.

Diese Idee schien mir so glücklich, daß ich weiteres Nachdenken aufgab und mich dem Schlaf überließ.

Am nächsten Morgen ging ich frank und frei ins Hauptquartier der Polizei und bat, mir einen Beamten mitzugeben, da ich in einer abgelegenen Stadtgegend einige gefährliche Nachforschungen anzustellen hätte. Ich sagte, ich bedürfe in einem mir anvertrauten Prozeß des Zeugnisses einer alten Frau, deren Namen und Wohnung ich nicht kannte, ich hoffe aber, mir diese Auskunft in dem Stadtteil zu beschaffen, wo man sie zuletzt gesehen hätte, wenn man mir zu meiner Sicherheit einen Mann mitgeben könnte!

Die Polizei war geneigt, meinem Begehren zu willfahren.

Gleich jetzt? frug ich weiter.

Ja!

Sehr befriedigt von diesem Erfolg und noch mehr befriedigt von dem wenig intelligenten Aussehen des Beamten, der zu meinem Beschützer bestimmt wurde, machte ich mich auf den Weg nach Mutter Merrys Haus oder vielmehr auf einen langen Umweg. Auch hütete ich mich wohl, mir merken zu lassen, daß ich die Adresse bereits kannte. Ich fragte in verschiedenen Logierhäusern und Schnapsschänken nach, und da ich bemerkte, mit welcher Gleichgültigkeit mein dickköpfiger Begleiter mit mir ging, so begann ich ernstliche Hoffnungen zu hegen, daß ich ohne Unannehmlichkeiten ans Ziel gelangen möchte. Ein paarmal versuchte der Beamte, mir zu helfen, da ich aber keinen Namen und nur eine sehr undeutliche Beschreibung der von mir gesuchten alten Frau geliefert hatte, so waren seine hilfreichen Bemühungen natürlich ganz ergebnislos. Dabei kam ich, ohne daß der Mann etwas merkte, meinem Ziel immer näher. Ich fragte mich sogar bereits, ob ich es nicht wagen könnte, jetzt geradeswegs nach den Docks zu gehen. Während ich noch unschlüssig darüber nachdachte, fiel mein Auge plötzlich auf ein Aushängeschild der Heilsarmee, und ich beschloß, hier einmal zu versuchen, ob sich aus meiner Idee vom vorigen Abend nicht doch ein Vorteil ziehen ließe.

Gedacht, getan. Ich ließ meinen Beamten – dem es übrigens ganz angenehm zu sein schien, draußen an der frischen Luft zu bleiben – vor der Tür, ging hinein und wandte mich an das anmutige Mädchen, das ich vor mir sah, mit der höflichen Anrede:

Ich möchte um Ihren Beistand bitten. Ich suche eine Frau, die ... – Hier blieben mir plötzlich die Worte in der Kehle stecken. Nicht weit von mir, so daß ich jedes Wort ihres Gespräches hören konnte, bemerkte ich in dem Zimmer zwei Männer. Der eine war ein Hauptmann der Heilsarmee, der andere war – Leighton Gillespie!

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