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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Neunzehntes Kapitel.

Eine Unterhaltung war in jenem Augenblick natürlich nicht zwischen uns möglich. Sam schraubte die Gasflamme wieder herunter und ging in das Nebenzimmer zurück, wo ich ihn in seiner nachlässigen Manier zu Yox sagen hörte:

Wäre ich an Ihrer Stelle, so würde ich das Ding nicht so offen herumzeigen. Wenn Sie vorsichtig sind und möglichst wenig Leute es sehen lassen, kann es Ihnen vielleicht noch hundert Dollars mehr einbringen.

Wieso? Kennen Sie das Monogramm? fragte rasch der Privatdetektiv.

Ob ich Louis Le Duc Gracieux kenne? Na – das sollte ich meinen. Aber solange Sie nicht ebenfalls diese Ehre haben, verhalten Sie sich ganz still und ruhig und warten Sie ab, was die Zeit bringt. Das heißt – wenn Ihnen an dem Gelde was liegt. Was haben Sie mit dem Kittel angefangen?

Fein säuberlich verpackt und weggeschlossen.

Aha – ich verstehe. Na, ich kann Ihnen nur raten, legen Sie die Streichholzdose zu dem Kittel.

Das werde ich tun.

Möchten Sie noch 'ne Zigarre?

Danke, gern. Die Sorte kommt mir nicht oft zwischen die Zähne ... Nu, was möchten Sie denn noch von mir, Herr Underbill?

Ich? O ... nichts.

Es kam mir vor, Sie sähen so aus, als ob Sie irgend was von mir wünschten.

Ich? Ganz und gar nicht, erwiderte Sam.

Dann war alles still. Nach einer Weile schob Sam etwas auf dem Tisch zurecht. Das gab ein leises Klirren; dann trat wieder Stille ein. Endlich hörte ich Sam sagen:

Ich meinte, Ihre Geschichte wäre das vorige Mal, als Sie sie erzählten, noch etwas ausführlicher gewesen. Sagten Sie nicht etwas von einem kleinen Gegenstand, den der Mann aus der Tasche genommen, ehe er Ihnen den Kittel gab?

Vielleicht. Aber das war nichts von Bedeutung. Mich wundert, daß Sie an diesen Umstand überhaupt noch dachten.

Langes Schweigen. Dann antwortete Sam endlich:

Ich vergesse nie etwas, was ich mal gehört habe. War der Gegenstand groß oder klein?

Klein.

Wie klein?

O, ein Mann konnte ihn ganz gut in der Hand verbergen. Warum fragen Sie danach?

Einen besonderen Grund habe ich nicht dafür. Ich bemühe mich nur, ein bißchen munter zu werden ... Von welcher Gestalt war der kleine Gegenstand?

Hol mich dieser und jener, wenn ich auch nur mit zwei Gedanken daran gedacht habe!

Dieser und jener wird Sie holen, Yox – denn Sie haben mehr als zwei Gedanken darauf verwandt.

Ich?

Jawohl. Wie hätten Sie ihn sonst so genau beschreiben können, wie Sie's neulich abends taten?

So, tat ich das?

Ohne Zweifel. Ich kann Ihnen sogar Ihre Worte wiederholen. Der Mann, sagten Sie, hätte Ihnen den Rock, den Sie schon in Händen hielten, noch einmal wieder abgenommen und etwas aus der Tasche herausgeholt. Es hätte ausgesehen wie ein kleines Medizinfläschchen, von der Art, wie die Homöopathen sie brauchen. Ja, mein guter Yox, damals gaben Sie Ihrer Erzählung einen viel dramatischeren Anstrich als heute. Ich war heute abend wirklich ein bißchen enttäuscht.

Nu ja, man ist ja auch nicht immer gleich gut aufgelegt. Wenn ich die Geschichte das nächste Mal erzähle, will ich zusehen, daß ich die Flasche nicht vergesse.

Sam antwortete nicht, aber ich hörte ihn laut gähnen. Ich selber gähnte nicht; das Wort Medizinfläschchen wirkte dermaßen auf mich, daß ich unwillkürlich aufsprang.

Wie Sie ganz richtig sagten: es ist ja nur eine Kleinigkeit, fing schließlich Sam Underbill wieder an. Und plötzlich setzte er in einem von seinem bisherigen schläfrigen Wesen auffällig abstechenden Ton hinzu:

Was meinen Sie, Yox – sollte wohl Mutter Merry in ihren oberen Räumen eine Opiumhölle haben?

Das kann wohl sein. Der Gedanke war mir bis jetzt nicht gekommen, aber nun, da Sie davon sprechen, fällt mir ein, daß von den in den oberen Räumen aufgegriffenen Frauenzimmern das eine offenbar unter dem Einfluß eines Narkotikums stand, und zwar ganz bestimmt nicht nur eines gewöhnlichen geistigen Getränkes. Aber ich glaube nicht, daß er in dem Fläschchen Opium hatte, wie es zum Rauchen gebraucht wird. Als er es in seine Tasche schob, fiel ein Lichtschein von dem glühenden Ofen darauf – und die Flüssigkeit, die in dem Fläschchen war, sah ganz anders aus als Opium.

Sam war wieder in sein scheinbar apathisches Wesen zurückversunken. Er murmelte etwas vor sich hin, wovon ich nur soviel verstand, daß Yox sich Glück wünschen könnte, in dem fast dunklen Gemach überhaupt soviel gesehen zu haben. Diese Bemerkung schien in dem Besucher ein gewisses Mißtrauen wachzurufen, und er erwiderte:

Ich würde sogar noch mehr gesehen haben, wenn ich bloß gewußt hätte, daß sich aus der Sache so viel machen ließe. Könnten Sie mir nicht vielleicht 'nen kleinen Wink geben, wie ich wohl am besten zu den anderen hundert Dollars komme, wovon Sie vorhin sprachen?

Aber Sam versetzte in ziemlich bestimmtem Ton:

Heute abend nicht.

Der Mann mußte merken, daß damit die Unterhaltung geschlossen war, und empfahl sich. Sobald er fort war, stürmte ich ohne Entschuldigung in Sams Zimmer. Er saß immer noch am Tisch und empfing mich mit einem Blick, worin ein eigentümliches Gemisch von Heiterkeit und fragender Erwartung lag.

Na, was sagst du zu der Komödie? rief er mir entgegen.

Ich versuchte mit einem Achselzucken auszuweichen, aber er war hartnäckig und wiederholte seine Frage:

Nein, bitte, was sagst du dazu?

Sie wurde gewandt gespielt, erwiderte ich, aber doch nicht gewandt genug – denn der Mann wird gemerkt haben, daß es eine Komödie war.

O, das macht nichts. Solange er nicht den richtigen Namen herausbekommt, der den vier Buchstaben des Monogramms entspricht, haben wir von ihm nichts zu befürchten. Und er bringt sie nie und nimmer heraus – dazu kenne ich meinen Yox zu gut!

Dann muß er ein großer Dummkopf sein! Louis Gracieux? Wer ist Louis Gracieux? Und dann: das Fläschchen! Bester Sam – die ganze Stadt spricht ja von einem Fläschchen.

Das weiß ich wohl – aber sie spricht nicht von dem Streichholzbüchschen, das dem Mann, der es aufbewahrt, hundert Dollars einbringen kann. Yox gehört nicht zur amtlichen Polizei, er macht auf eigene Hand Geschäfte, das will sagen, er sucht soviel wie möglich dabei herauszuschlagen. Nun weiß er – denn ich schmeichle mir, daß ich ihm das klar gemacht habe – also, er weiß, daß diese Affäre ihm, wenn er vorsichtig ist und den Mund hält, mehr einbringen kann, als wenn er überall mit seinem Abenteuer renommiert und jeden Esel das Monogramm sehen läßt. Verlaß dich drauf – er wird still sein, zum mindesten 'ne Woche oder vierzehn Tage. Was er nachher tut, dafür kann ich freilich nicht einstehen.

Glaubst du, daß er seine Geschichte wahrheitsgemäß erzählt hat?

Unbedingt! Hätte er gelogen, so würde er die Farben viel dicker aufgetragen haben.

Ich nahm Sam gegenüber am Tische Platz und sagte, indem ich meinem Freund mit einem scharfen Blick in die Augen sah:

Da der Name jetzt zwischen uns zur Sprache gekommen ist, so können wir offener reden. Du weißt doch wohl, an welchem Tage Yox sein Abenteuer gehabt hat? Denn wie ich dich kenne, war es deine erste Sorge, von ihm herauszubringen, an welchem Tage der angebliche Matrose bei Mutter Merry war.

Sam stand auf, suchte aus einem Stoß von Zeitungsblättern eine Nummer heraus, legte sie vor mich hin und sagte, indem er mit dem Finger auf einen Artikel deutete:

Lies!

Der Artikel berichtete über die Haussuchung bei Mutter Merry und schloß damit, daß die verhafteten Weiber sämtlich wieder in Freiheit gesetzt wären.

Nun sieh dir mal das Datum an, sagte Sam, als ich fertig gelesen hatte.

Ich tat es. Das Datum war ein für mich unvergeßliches, es war der Todestag des alten Gillespie.

Die Haussuchung bei Mutter Merry fand am vorhergehenden Abend statt, bemerkte Sam erklärend. In seiner Stimme war jetzt nichts Schläfriges mehr, sie klang hell und scharf.

Ich saß schweigend da und dachte nach. Endlich sagte ich: Ich sehe, worauf du hinaus willst. Du glaubst, er hat sich bei Mutter Merry die Blausäure verschafft.

Sam sog schweigend an seiner Zigarre.

Es ist ein unaufgeklärtes Geheimnis geblieben, fuhr ich fort, woher das Gift stammte. Und gerade dieses Geheimnis hat der Polizei am meisten zu schaffen gemacht. Wenn irgend ein Apotheker oder Drogist in der Stadt in der letzten Zeit ein Fläschchen Blausäure verkauft hätte an jemand, dessen Personalbeschreibung einem der drei Brüder entspräche, so hätten wir längst davon gehört. Auch wenn ein Arzt es verschrieben hätte.

Ein zweiter Daniel! zitierte Sam ironisch.

Und nun kommen wir durch einen Zufall oder vielleicht auch nach dem Willen der Vorsehung auf eine Spur, die vielleicht Aufschluß gibt, wie das tödliche Gift in das Gillespiesche Haus gekommen sein kann!

Es tut mir leid, aber ich muß dir zugeben, daß es allerdings diesen Anschein hat. Aber Cleveland, du mußt bedenken – und als ein Mann des Gesetzes wirst du's bedenken –, daß zwischen einem bloßen Verdacht und dem Beweise einer solchen Tatsache noch ein weiter Weg voller Schwierigkeiten liegt. Es ist ein Fläschchen sehr behutsam einer Tasche entnommen worden, in der der Eigentümer einen anscheinend viel wertvolleren Gegenstand achtlos zurückgelassen hat, – ja! Aber es ist nicht erwiesen, daß dieses Fläschchen Gift enthielt; es steht nur soviel fest, daß eine Flüssigkeit drin war. Noch viel weniger ist bewiesen, daß dieses Fläschchen mit dem in der Uhr des Gillespieschen Eßzimmers gefundenen identisch ist.

Ganz richtig, erklärte ich.

Trotzdem müssen wir aus Yoxens Erzählung von ... na, sagen wir: von Louis Gracieux' Anwesenheit und merkwürdigem Verhalten an einem mehr denn zweifelhaften Ort auf einen sehr bedenklichen Zweck schließen.

Ganz recht. Aber, Sam, – sein kleines Mädchen! Du hast seine Kleine nie gesehen. Sie ist ein Engelchen, und als ich sie zum letzten Male sah, da hielt sie die Aermchen um seinen Hals geschlungen!

Laß kleine Kinder aus dem Spiel! rief Sam hastig. Sonst fang' ich gar an zu flennen! –

Ich erinnerte mich, daß mein Freund immer eine große Schwäche für Kinder gehabt hatte. –

Lieber wär' mir's, wenn wir von Fräulein Meredith sprächen, fuhr er fort. Wenn mir die eigentümliche Lage der jungen Dame nicht so sehr zu Herzen ginge, würde ich überhaupt nicht den Mut finden, mich in diese heikle Sache einzumischen. Ich habe die jungen Gillespies zu lange und zu gut gekannt; so manche Flasche habe ich mit George zusammen getrunken, so manchen Abend saß ich Alfred mit seinem hübschen Gesicht gegenüber. Mit Leighton stand ich nicht in so nahen Beziehungen; aber ich habe doch genügend oft mit ihm verkehrt, um die Streichholzdose, die Yox jetzt in Händen hat, ganz genau zu kennen.

Glaubst du, es sei in den Taschen des Kittels sonst noch ein Gegenstand gewesen, der auf die Persönlichkeit des geheimnisvollen Matrosen leiten könnte?

Nein. Wenn das der Fall gewesen wäre, wenn Yox etwas gefunden hätte, wodurch sein Verdacht auf ein Mitglied der Familie Gillespie fallen könnte, so hätte er die Sache nicht in meiner Gegenwart erörtert, denn er weiß, daß ich mit dem jungen Gillespie verkehre. Er wäre sofort mit seinem Fund zur Polizei gegangen, oder er hätte versucht, auf andere Art Kapital daraus zu schlagen.

Dann hat er also nach deiner Meinung keine Ahnung, daß er mit einer sehr zweischneidigen Waffe spielt? fragte ich.

Das ist meine feste Ueberzeugung.

Das ist ein Trost. Seine Ahnungslosigkeit wird aber wohl bald schwinden, wenn ich mich wirklich seiner Beihilfe bediene.

Das kommt darauf an.

Inwiefern? fragte ich.

Je nachdem, was du von ihm verlangst, meinte Sam.

Hierauf konnte ich keine Antwort geben, denn meine Pläne waren vorläufig noch völlig unbestimmt.

Du hast Leighton niemals leiden mögen, bemerkte ich ablenkend. Mir geht es allerdings ebenso, seitdem mich an dem Abend, wo sein Vater starb, ein ganz seltsamer Ausdruck auf seinem Gesicht überraschte.

Aber wenn du seine Bekannten fragtest, so würden mindestens drei Viertel von ihnen dir versichern, er sei ein guter Mensch, ein sehr guter Mensch, bei weitem der beste von den drei Brüdern.

Trotz seines Verkehrs mit der Hefe des Volkes? fragte ich.

Trotz allem und alledem! Die Leute sind nun mal so: wenn einer in Betversammlungen und dergleichen ein paar schöne Worte machen kann, so sind sie wie blind gegen den wahren Charakter eines Mannes wie Leighton Gillespie.

Er muß ein sehr seltsamer Charakter sein! bemerkte ich. Licht und Schatten sind so eigentümlich darin verteilt, daß es sehr schwer ist, sein wahres Wesen zu bestimmen. Dem äußeren Anschein und seinem ganzen Auftreten nach ist er ein Gentleman; aber wenn die von ihm erzählte Geschichte wahr ist, so bewegt er sich ohne Bedenken in den schlimmsten Höhlen des Verbrechens. Wir glauben daraus den Schluß ziehen zu dürfen, daß sein Besuch der Beschaffung des geheimnisvollen Fläschchens galt. Aber wie soll man sich solche Mörderinstinkte bei einem Mann von seiner Stellung und Bildung erklären? Es muß ein sehr ernster Anlaß gewesen sein, der ihn zu einem so furchtbaren Verbrechen trieb. Aber was für einer war es? Brauchte er Geld? Oder trieb ihn ein unbezähmbarer Drang, sich der Aufsicht seines Vaters zu entziehen, um ungehindert seinen seltsamen Gelüsten nachgehen zu können? Oder war es Rachsucht – eine Rachsucht, die nur der Tod des Gehaßten befriedigen konnte?

Danach mußt du mich nicht fragen, versetzte Sam. Aber du willst schon gehen?

Ja. Wenn ich nachdenken will, muß ich allein in meinem Zimmer sitzen.

Schön. Aber ehe du dort die Erleuchtung suchst, warte noch einen Augenblick. Ich kann dir noch einen kleinen Einblick in den Charakter des Mannes verschaffen. Es handelt sich um einen kleinen Vorfall, den ich selber mit ansah: eines Tages im vorigen Herbst ging ich den West Broadway hinunter und sah dort Leighton Gillespie dicht bei seiner eleganten Equipage stehen und mit einem ungekämmten, in Lumpen gekleideten Weibsbild sprechen. Da Philanthropie bekanntermaßen sein Steckenpferd ist, so sieht man ihn manchmal in solchen Situationen. Ich ging daher vorüber, ohne die Gruppe sonderlich zu beachten, doch amüsierte ich mich innerlich über den Kontrast der beiden Gestalten. Aber, Cleveland, als ich im Vorbeigehen einen Blick auf das Weib warf, da verspürte ich ein eigentümliches Interesse, und ich blieb in der Nähe stehen, um die Szene zu beobachten. Sie war ein wildäugiges, augenscheinlich heißblütiges Geschöpf mit kastanienrotem Haar und nervös zuckenden vollen Lippen, ihre Züge waren sonst nicht schön, nicht 'mal interessant – wenigstens nach meinem Geschmack. Aber er – na, er mußte wohl anders darüber denken. Ich habe selten einen Mann solche Augen machen sehen. Einen Augenblick später wollte sie weglaufen – da packte er sie an dem schmierigen Umschlagetuch, das sie trug, und hielt sie fest, als hinge sein Leben davon ab, daß sie an seiner Seite bliebe.

Er behielt sogar das Tuch in der Hand – ein Tuch, brr! Ich hätt's nicht angerührt, und wenn ich dafür zu einem Champagnerfrühstück eingeladen worden wäre, und ich hatte bei verschiedenen Gelegenheiten bemerkt, daß Leighton vor Schmutz ebensolchen Abscheu hat wie ich. Aber in jenem Augenblick war er wahrhaftig nicht heikel, denn er hielt nicht nur das Tuch fest, sondern streichelte es sogar, wobei er fortwährend mit dem größten Eifer auf das Weib einsprach. Endlich fragte er sie nach etwas, worauf sie mit einer deutlich erkennbaren Weigerung antwortete. Dies entmutigte ihn jedoch keineswegs, wenigstens ließ er sich's nicht merken; im Gegenteil, er bat immer wieder und deutete schließlich auf seine Equipage. Sie warf einen Blick auf den Wagen und fuhr zusammen, wie wenn sie die größte Angst hätte. Bald jedoch wurde sie augenscheinlich ruhiger und ließ den Kopf auf die Brust sinken. Er redete immerfort auf sie ein, und plötzlich sah ich etwas Seltsames. Mit einer Miene, wie nur ein Stutzer und Lebemann sie aufsetzen kann, winkte er seinem Kutscher am Trottoir vorzufahren. Keinen Blick nach rechts oder links! Er war einfach der vollendete Kavalier, und ich muß gestehen, so wenig sympathisch er mir bis dahin je gewesen war, in diesem Augenblick hatte ich Respekt vor ihm. Wie wenn er einer Dame der New Yorker Hautevolée aufwartete, hob er das zerlumpte Weib in die Equipage und nahm hierauf neben ihr Platz. Er war dabei geradezu bewunderungswürdig, aber bewunderungswürdig war auch der Kutscher auf dem Bock. Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht; wie wenn er eine Prinzessin führe, ließ er die Pferde anziehen, und ich dachte bei mir selbst, für einen exzentrischen Mann wie Leighton Gillespie müßte ein solcher Diener ein wahrer Schatz sein.

Der Vorfall ist mir höchst interessant! rief ich. Sahst du noch mehr?

Ja. Ich sah ihnen nach, denn ich hatte das Gefühl, daß die Weibsperson sich in dem eleganten Wagen nicht so heimisch fühlte wie Leighton, und daß noch etwas passieren würde. Und so war es auch. Auf einmal sprang die wilde Gestalt heraus, und ich sah sie in eine der Straßen, die nach dem Hafen hinunterführen, in eiligem Lauf verschwinden. Er machte keinen Versuch, sie zu verfolgen; der Wagen rollte weiter, und mit ihm entschwand Leighton meinen Blicken. Das Ganze war für mich jedenfalls kein alltägliches Erlebnis. Was hältst du davon, Cleveland?

Leighton ist ein Charakter, den man sorgfältig studieren muß, versetzte ich. Ist er immer so ehrerbietig gegen die Bettelleute, deren er sich annimmt?

Sam zuckte die Achseln und sagte:

Was ich dir eben erzählte, betrifft das einzige Mal, wo ich Gelegenheit hatte, Leighton Gillespie in seiner Rolle als Menschenfreund zu sehen. Sonst trat er mir immer nur als der Millionärssohn gegenüber.

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