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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Sechzehntes Kapitel.

Die Aufregung im Saal war ungeheuer.

Daß plötzlich der Verdacht von dem bisher als schuldig Angesehenen auf einen anderen übersprang, dessen Unschuld niemand angezweifelt hatte – das war in der Tat nichts Alltägliches. Mich selbst traf diese Wendung wie ein heftiger Schlag, so daß ich fast die Besinnung verlor und wie gebannt nur immer auf die vom Coroner emporgehaltene Weste starrte.

Der Zeuge Sweetwater aber stand ganz ruhig da und wartete, bis der ebenfalls höchst überraschte Coroner ihn fragte:

Wo fanden Sie diese Weste?

In dem Wandschrank des Ankleidezimmers, das an den mir als Herrn George Gillespies Schlafzimmer bezeichneten Raum stößt.

Steht dieses Ankleidezimmer in direkter Verbindung mit dem Korridor oder mit irgend einem anderen Raum außer der erwähnten Schlafstube?

Nein.

Ist dieser Wandschrank groß oder klein? Ist er groß genug, daß ein Mann sich darin bewegen und etwa eine andere Weste anziehen kann, ohne daß er von Personen gesehen wird, die sich im anstoßenden Zimmer aufhalten?

Der Wandschrank ist zehn Fuß breit und sechs Fuß tief, Herr Coroner. Wenn jemand in der von Ihnen angedeuteten Weise seine Kleider wechseln wollte, so würde er von Personen, die vor dem Kamin des Schlafzimmers sitzen, ganz gewiß nicht gesehen werden.

Wie kommen Sie dazu, vom Kamin zu sprechen?

Weil alle Anzeichen darauf hindeuten, daß in dem Augenblick, wo Herr George Gillespie mit der halbvollen Sherryflasche von neuem wieder heraufkam, seine drei Freunde vor dem Kamin saßen.

Was sind das für Anzeichen, von denen Sie sprechen?

Wir fanden dort vier Stühle und in der Mitte einen Tisch, worauf Spielkarten lagen. Die Herren selber habe ich nicht vor dem Kamin sitzen sehen.

Aber Sie fanden diese Weste im Wandschrank an einem Kleiderhaken hängen?

Jawohl!

War dieser Haken vorn oder weiter nach hinten?

In der allerentferntesten Ecke.

Sehr gut. Nun, was hat denn diese Weste zu bedeuten?

Es fehlt die eine Tasche!

Ein allgemeines Ah! ging durch den Saal. Also das war es. Der Coroner besah die Weste von allen Seiten und fragte:

Welche Tasche fehlt?

Die untere rechts – eben die Tasche, worin Herren gewöhnlich eine Füllfeder, ein Messer oder einen Bleistift tragen.

Was ist denn mit dieser Tasche vorgenommen worden? Wie kann man eine Westentasche verlieren?

Sie ist ausgeschnitten worden.

Ausgeschnitten?

Jawohl; wir fanden auf dem Ankleidetisch ein offenes Taschenmesser, und wenn Sie die Weste näher untersuchen wollen, so werden Sie finden, daß die fehlende Tasche mit einem sehr hastigen Schnitt abgetrennt worden ist.

Ich muß sagen – rief der Eigentümer des verhängnisvollen Kleidungsstückes wütend. Aber er wurde schnell zur Ruhe gebracht.

Sie können später den Sachverhalt aufklären, bemerkte der Coroner. Vorläufig haben wir Herrn Sweetwaters Aussage erst zu Ende zu hören. Zeuge, was taten Sie, nachdem Sie Ihre Entdeckung an dieser Weste gemacht hatten?

Ich bemühte mich, festzustellen, ob ihr Eigentümer in sein Ankleidezimmer gegangen war, nachdem er wieder von unten heraufgekommen.

Hier hörten wir ein Schluchzen; aber es war nur das Weinen eines Kindes, und das Verhör nahm seinen Fortgang.

Gelang Ihnen dies?

Ich ersuche Sie, Herrn James Baxter aufzurufen, da dieser genauere Auskunft geben kann.

Diesem Antrag wurde stattgegeben.

Herr James Baxter trat vor, und die fieberhafte Aufregung der Anwesenden stieg auf den Siedepunkt. Er war einer von den drei Herren, die in der Stunde, da George Gillespies Vater den letzten Atemzug getan, lärmend und lachend Karten gespielt hatten. Ich erkannte ihn sofort wieder, da seine derbe, vierschrötige Gestalt und die in seltsamem Gegensatz dazu stehende piepsige Stimme mir sofort aufgefallen waren. Damals war er nicht nüchtern gewesen, heute aber war er im Gegenteil sehr nüchtern, und der Eindruck, den er machte, war im großen und ganzen ein günstiger.

Er warf auf George einen Blick, wie wenn er um Entschuldigung bitten wollte, erhielt aber von diesem einen Antwortsblick, woraus eine tigerhafte Wut sprach. Dies schien ihn jedoch nicht eben sehr zu rühren, denn er wartete mit einer gewissen Kaltblütigkeit auf die Fragen des Coroners. Diese erfolgten schnell und in einem bestimmten Ton, woraus sich schließen ließ, daß der Coroner selber jetzt wieder festen Boden unter den Füßen fühlte.

Wo saßen Sie, als George Gillespie sich entfernte, um Wein heraufzuholen? fragte er.

Am Spieltisch in der Nähe des Kaminfeuers, lautete die Antwort; mein Gesicht war dem am anderen Ende der Stube befindlichen Ankleidezimmer zugekehrt.

War bereits Wein oder sonst ein geistiges Getränk vorgesetzt worden?

Nein.

Sie waren also alle in vollkommen nüchternem Zustande?

So ziemlich. Zwei von uns hatten bei Delmonico diniert; ich selbst aber hatte zu Hause gespeist und war durstig. Deshalb ging eben Herr Gillespie hinunter, um Wein zu holen.

Was taten Sie, während er unten war?

Wir spielten – Häufeln.

War der Einsatz hoch?

O – zehn Dollars ungefähr.

Und als Ihr Wirt zurückkam – was taten Sie dann?

Da werden wir wohl getrunken haben.

Trank er ebenfalls?

Darauf habe ich nicht geachtet. Er setzte die Flasche auf den Tisch und ging in sein Ankleidezimmer. Als er wieder hereinkam, stellte er sich einen Augenblick, vielleicht eine Minute lang, an das Kaminfeuer. Hierauf setzte er sich. Möglicherweise hat er dann auch getrunken. Ich habe darauf nicht achtgegeben.

Was machte er am Kaminfeuer? Wärmte er sich? Es war doch kein kalter Abend.

Was er machte, weiß ich nicht. Ich sah, wie plötzlich eine Flamme aufflackerte – sonst nichts. Ich hatte gerade Karten zu geben.

Sie sahen eine Flamme aufschlagen. Brannten Holzscheite im Kamin oder Kohlen?

Hol mich der Kuckuck, wenn ich davon noch 'ne Ahnung habe! Ich hatte meine Gedanken nicht beim Kaminfeuer. Ich weiß nur, daß wir beinahe geschmort wurden und deshalb mehrere Male den Tisch weiter abrückten; wir waren aber so sehr in unser Spiel vertieft, daß wir nicht viel Worte darum machten.

Das muß ja ein sehr lebhaftes Spiel gewesen sein! Nahm das Mischen und Geben Sie so sehr in Anspruch, daß Sie sich auch darüber, daß Herr Gillespie in sein Ankleidezimmer ging, keine Gedanken machten?

Nein; das fiel mir nicht im geringsten auf.

Sie beobachteten ihn also wohl nicht?

Nein.

Vielleicht bemerkten Sie nicht einmal, ob die Tür zum Ankleidezimmer geschlossen war oder nicht?

O doch; die Tür hat er nicht zugemacht; das würde ich bemerkt haben.

Wie lange war er im Nebenzimmer?

Das kann ich nicht sagen. Jedenfalls solange, daß ich mein Glas Wein trinken und die Karten mischen konnte. Bevor ich mit dem Geben fertig war, hatte er sich schon wieder hingesetzt.

Noch eine Frage: Können Sie aus voller Ueberzeugung versichern, daß er nicht durch sein Ankleidezimmer nach der Ecke, worin der Wandschrank sich befindet, gegangen ist, dort seine Weste gewechselt hat und in demselben Rock zu Ihrer Gesellschaft zurückgekommen ist?

Nein. Ich kann nicht einmal sagen, was für einen Anzug er an jenem Abend anhatte. Von Kleidern versteh' ich gar nichts und zwei Westen kann ich nicht voneinander unterscheiden, wenn nicht etwa die eine gestreift und die andere kariert ist.

Diese Antwort klang komisch, besonders durch den Gegensatz der piepsigen Stimme zu dem riesigen Körper; viele von den Anwesenden verzogen unwillkürlich ihre Gesichter zu einem Lächeln. Aber diese Heiterkeit verschwand bald wieder und machte einem der Situation angemessenen Ernst Platz, als ein neuer Zeuge erschien: der Diener Hatson.

Der durch seine langjährigen Dienste innig mit der Familie Gillespie verwachsene Mann sah voll Trauer auf das Kleidungsstück, das der Coroner ihm vorhielt; er versuchte damit durchzukommen, daß er erklärte, er habe nicht darauf geachtet, welche Weste sein junger Herr an jenem Abend beim Essen getragen. Aber seine Pünktlichkeit und seine Aufmerksamkeit auch auf die kleinsten Vorgänge im Hause waren zu gut bekannt; seine Ausflüchte nützten ihm daher nichts, und er sah sich zu der Aussage gezwungen, daß die mit dem Tintenfleck gezeichnete Weste nicht dieselbe sei, die George bei der Mahlzeit angehabt hatte.

Dies war eine sehr wichtige Aussage, und die Sache stand für George sehr schlecht.

Plötzlich aber hörten wir ein lautes Weinen und Schluchzen eines Kindes: die kleine Claire riß sich von den Armen ihres Mädchens los, lief auf den Coroner und die Geschworenen zu und rief, indem sie ihre Aermchen nach ihrem Papa ausstreckte:

Onkel George hat die Tasche nicht aus der Weste geschnitten! Das war ich! Ich – ich brauchte einen kleinen Beutel für meine Glasperlen, und Hetty wollte mir keinen machen. Da schlich ich mich in Onkels Zimmer hinein und schnitt – ritsch ratsch! – die kleine Tasche heraus. Es war kurz bevor Großpapa starb, und ich will es auch nie, niemals wieder tun!

Sie warf sich ihrem Vater in die Arme, und er preßte sie an die Brust, wie wenn er sie zerdrücken wollte. Niemals hat man sich über eine Kindesunart mehr gefreut. Der ganze große Saal hallte wieder von Lachen und fröhlichen Zurufen; die gepreßten Herzen mußten sich Luft machen, und selbst der Coroner vermochte keine Ruhe zu schaffen.

Vielleicht war er übrigens ebenso gerührt wie wir alle. Die Worte des Kindes und die kleine Untat, deren es sich selbst beschuldigte, trugen so sehr den Stempel des Natürlichen und Ungemachten an sich, daß niemand auf den Gedanken kommen konnte, an ihrer völligen Unschuld zu zweifeln.

Selbst der Detektiv Gryce bequemte sich der Sachlage an, obwohl damit das ganze so sorgfältig von ihm aufgebaute Gebäude der Anklage gegen Herrn Gillespies ältesten Sohn zusammenbrach. Er betrachtete sogar mit einem wohlwollenden milden Lächeln den Griff seines Regenschirms, ehe er sein Kinn darauf stützte, um den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten.

Hope hatte unwillkürlich eine stürmische Bewegung gemacht, als das Kind an ihr vorbeilief. Sie ließ ihr Auge eine kurze Weile auf dem Lockenkopf ruhen, der still sich an der väterlichen Brust barg. Hierauf fiel ein kurzer Blick auf George, nur gerade lang genug um zu bemerken, wie die von der kleinen Kinderhand gebrachte Hilfe sein Herz erleichtert hatte; und dann ließ sie ihren Blick langsam auf Alfred gleiten, aber dieser biß sich auf die Lippen, um die durch die letzte Wendung hervorgerufene Aufregung zu meistern. So bemerkte er denn ihren Blick nicht, den er ohne Zweifel sonst für eine köstliche Gunst würde gehalten haben.

Jetzt erst suchte ihr Auge das meinige.

Ich empfand dies als eine Belohnung für mein Interesse – eine Belohnung, auf die ich sehnsüchtig und geduldig gewartet hatte; aber ach! der Blick entsprang keinem tieferen Gefühl, sondern nur einem Wunsch, auf meinem Gesicht zu lesen, wie ich über die jetzige Lage und über die zu erwartenden nächsten Schritte der bisher in ihren Bemühungen erfolglosen Beamten dächte.

Sie mußte auf meinem Gesicht freudige Zuversicht lesen, und das war auch kein Wunder, denn ich teilte nur die allgemeine Stimmung, die im Saale herrschte.

George brachte seine Gründe vor, warum er eine andere Weste angezogen hatte, und seine Erklärungen wurden achtungsvoll, ja sogar wohlwollend angehört. Die Stimmung gegen ihn schlug, wie das in solchen Fällen meistens geschieht, völlig in das Gegenteil um, und die Begeisterung für den unschuldig Verdächtigten schwoll zu einer solchen Höhe an, daß es offenbar unmöglich war, mit dieser Jury den Fall noch näher zu untersuchen.

Die Behörde versuchte zwar noch mehrere neue Gesichtspunkte vorzubringen, aber die Aufregung war so stark geworden, daß schließlich auch der Coroner die Bemühungen als zwecklos aufgab und die Geschworenen ersuchte, ihr Urteil zu fällen.

Es lautete, wie zu erwarten stand:

»Tod durch Vergiftung mit Blausäure von unbekannter Hand.«

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