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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
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Fünfzehntes Kapitel.

Doktor Frisbie hatte mit seinen Fragen seinen Zweck erreicht. Als wir am Abend das Haus verließen, ging die allgemein ausgesprochene Ueberzeugung dahin, daß dieses junge Mädchen, trotz seiner Schönheit und seiner anziehenden Eigenschaften, der Zankapfel im Hause Gillespie gewesen, und daß der Ursprung des zur Untersuchung stehenden unnatürlichen Verbrechens nicht in einer ungeduldigen Begier nach dem Vermögen des alten Herrn, der ja niemals gegen seine Söhne karg gewesen war, sondern daß er in der Liebe zu diesem anmutigen Kinde zu suchen sei.

Die erste Zeugenaussage, die wir am nächsten Morgen vernahmen, schien diese Mutmaßung zu unterstützen.

Nellie Stryker, ein altes Inventarstück des Hauses Gillespie, beantwortete die Fragen des Coroners mit sichtlichem Widerstreben. Sie war Kammerjungfer der Frau Gillespie gewesen, hatte dann alle Kinder großgezogen und war, als die Knaben schließlich ihrer Pflege entwuchsen, als vertraute Dienerin im Haushalt verblieben. Von den gegen das Leben ihres Herrn unternommenen Versuchen – deren letzter ja nur zu erfolgreich gewesen war – wußte sie nicht viel und dieses Wenige nur vom Hörensagen; aber sie hatte etwas anderes, weit Wichtigeres auszusagen. Diese Aussage betraf nämlich eine Unterredung, die eines Morgens in Herrn Gillespies Schlafzimmer zwischen diesem und seinem jüngsten Sohn stattgefunden. Sie hatte, mit einer Näharbeit beschäftigt, im anstoßenden Ankleidezimmer gesessen. Wahrscheinlich hatte ihr Herr ihre Anwesenheit gar nicht bemerkt oder sie wieder vergessen – genug, Vater und Sohn sprachen ganz laut, und sie hatte jedes Wort gehört.

Der Coroner bestand darauf, daß sie die Unterredung so genau wie nur möglich wiederholen müsse. Darob geriet die gute alte Seele in einen Widerstreit der Gefühle, der ihrer Treue und ihrer Verschwiegenheit alle Ehre machte. Aber es gab für sie kein Entrinnen vor den mit unendlicher Geduld stets von neuem wiederholten Fragen des Coroners. So gestand sie denn schließlich, daß das Gespräch sich um des jungen Herrn Alfreds Herzensangelegenheiten gedreht habe. Alfred hatte sich, wie allgemein bekannt war, kurz vorher mit einer in den Südstaaten ansässigen sehr stolzen und vornehmen jungen Dame verlobt; es herrschte nun zwischen ihm und seinem Vater eine Meinungsverschiedenheit, weil er das Verlöbnis wieder aufzuheben wünschte. Solche Unbeständigkeit war durchaus nicht nach seines Vaters Sinn, und sie gerieten mit harten Worten aneinander. Schließlich drohte Alfred seinem Vater, er würde lediglich nach seinem eigenen Belieben handeln, ob man dies nun in der Gesellschaft billige oder nicht; er wäre ein Narr gewesen, sich an ein Mädchen zu binden, aus dem er sich nichts machte; er würde aber ein noch größerer Narr sein, wenn er durch den Irrtum eines Augenblicks sich sein ganzes Lebensglück zugrunde richten ließe. Aber der alte Herr hatte ein sehr feines Ehrgefühl und war dabei geblieben, die junge Dame in Schutz zu nehmen. Plötzlich rief sein Sohn ungeduldig aus:

»Ich glaubte, du wünschtest, daß einer von uns Hope heiraten sollte!«

»Hast du denn Hope gern?« fragte der alte Herr nach einem kurzen Besinnen. »Ich glaubte, es könnte in unserem Hause kein Zweifel darüber bestehen, daß nicht dir, sondern George zuerst die Möglichkeit geboten werden sollte, Hopes Hand zu gewinnen.«

Hierauf hatte Alfred mit einem so furchtbaren Fluch geantwortet, daß Nellie vor Entsetzen eine ganze Weile nichts mehr hören konnte. Endlich verstand sie wieder die folgenden Worte, die von Alfred in leidenschaftlichem Tone gesprochen wurden:

»George hat alles, was er braucht: jede Laune, die in ihm aufsteigt, wird ihm erfüllt; alle Männer haben ihn gern, alle Frauen lieben ihn. Ich bin nicht so vom Glück begünstigt. Ich werde nicht von meinen Freunden verzogen und von deren Schwestern verhätschelt. Ich liebe meine Bequemlichkeit; aber gern würde ich diese dahingeben um Hopes willen. Sie ist das einzige Weib, das jemals Eindruck auf mich machen könnte. Seitdem sie ins Haus kam, bin ich ein ganz anderer geworden. Wenn das Liebe ist, so ist es eine sehr starke Liebe – eine Liebe, die aus einem Nichts einen Mann macht! Vater, gib mir dies Prachtmädchen zum Weibe! George hat sie nicht lieb – nicht so wie ich! Wenn er sie lieb hätte, könnte er nicht einen solchen Lebenswandel führen.«

Herr Gillespie schien höchst aufgebracht zu sein. Er liebte gerade diesen Sohn wie seinen Augapfel, und es wäre ihm wahrscheinlich eine Herzensfreude gewesen, wenn dieser Hope hätte heimführen können; aber er gab etwas auf das Urteil der Welt, und dieses würde für seine Söhne nicht günstig lauten. Herr Gillespie gab dieser Meinung in starken Worten Ausdruck.

Erinnern Sie sich dieser Worte noch? fragte der Coroner dazwischen.

Nellie versuchte dem Beamten – und wahrscheinlich auch sich selber – einzureden, solche Zumutungen könne sie an ihr Gedächtnis nicht mehr stellen; zuletzt aber trug doch ihre Ehrenhaftigkeit den Sieg über ihre Dienstbotenanhänglichkeit davon, und sie gestand, die Unterredung zwischen dem alten Herrn und seinem Sohn habe etwa in folgender Art stattgefunden:

»Solange ich lebe«, sagte Herr Gillespie, »dulde ich zwischen meinen Söhnen keine Nebenbuhlerschaft irgendwelcher Art. George liebt Hope, und ich habe ihm schon vor langer Zeit die Erlaubnis erteilt, um sie zu werben und sie zu heiraten. Daß du mein Herzensliebling bist, kann mich nicht blind machen gegen die Rechte eines anderen Sohnes, den ich schon geliebt habe, als du noch gar nicht auf der Welt warst. Wenn ich solche Verhältnisse in meiner Familie duldete, so würde ja George mir mit Recht vorwerfen können, ich hätte sein Lebensglück zerstört. Nein! Mein Einfluß, von dem du meinst, er falle so schwer ins Gewicht, darf nur zu seinen Gunsten aufgeboten werden. Er braucht ihn, Alfred, mindestens ebenso sehr, wenn nicht mehr als du! Deine Verlobung magst du meinetwegen aufheben, oder du magst bei deinem Wort verharren, aber erwarte nicht von mir, daß ich dich in deinem Liebeswerben um deines Bruders Auserkorene auch nur im geringsten unterstütze, solange nicht Hope seine Bewerbung offen zurückgewiesen hat. Ich glaube aber nicht, daß sie dies tun wird – George besitzt zu viele glänzende Vorzüge!«

»Sie hat schon einmal seinen Antrag ausgeschlagen!«

»Aber nicht, weil ihre Neigung sich Georges jüngerem Bruder zugewandt hatte, sondern weil sie erst eine gründliche Aenderung seiner Lebensgewohnheiten wünschte. Und darin hatte sie vollkommen recht! George wird sich sehr ernstlich um einen neuen Wandel bemühen müssen, ehe er eines solchen Weibes würdig erscheinen kann.«

»Dasselbe könnte man von mir sagen, aber ich bin nicht wie George. Mich drängt ein tiefes Sehnen zu solcher Besserung. Aber du ermutigst mich ja nicht in diesem Streben, du weigerst mir sogar die Möglichkeit, ihre Zuneigung zu gewinnen.«

»Du warst eben nicht der erste auf dem Plan! Dein ältester Bruder hat ein früheres Recht, und nach meiner Ansicht überhaupt das einzige Recht, Hope als Freier zu nahen.«

Ein kalter Schauer überlief die alte Dienerin, als sie die Flüche hörte, zu denen Alfred sich durch diese Eröffnung hinreißen ließ. Er könnte durchaus nicht einsehen, rief er, was für ein Recht seinem Bruder zustände, und vor allem wäre eine solche Auffassung vielleicht unbillig gegen das junge Mädchen selber, die möglicherweise die Sache in einem ganz anderen Lichte sehe wie ihr Onkel und George!

»Dann hast du dich wohl hinterrücks mit deinen Liebesanträgen an sie herangemacht!« donnerte der alte Herr in höchster Aufregung.

Dies bestritt Alfred jedoch. Wenn er ihr Wesen besser verstehe als andere, so liege der Grund darin, daß er sie mehr liebe als andere. Er wisse ganz bestimmt, daß sie sich aus seinem Bruder nichts mache, und er sei seiner Sache fast sicher, daß sie ihn selber lieb habe. Jedenfalls lebe er in dieser Hoffnung.

Diese Erklärung wurde vom Vater mit bitteren Worten aufgenommen; dann ging Alfred hinaus und warf die Tür hinter sich zu.

Und bemerkten Sie, fragte der Coroner, an Herrn Gillespies Benehmen irgend eine Veränderung, nachdem er diesen Auftritt mit Alfred gehabt?

Die Zeugin schwieg; doch geschah dies wohl nur, um jedes Wort ihrer Aussage sich ganz genau zu überlegen, denn sie erklärte mit voller Bestimmtheit:

Es kam mir vor, als ob Herr Gillespie nach dieser Unterredung weniger mit Herrn Alfred gesprochen, ihn aber schärfer beobachtet hätte. Und die jungen Herrn schienen die Veränderung in seinem Benehmen sehr wohl zu bemerken, denn sie nahmen sich sorgfältig in acht, in seiner Gegenwart ihre Gefühle nicht zu deutlich kundzugeben.

Aber ein Mißtrauen stand offenbar zwischen den beiden Nebenbuhlern? fragte der Coroner weiter.

Ich fürchte, ja.

Ging dieses Mißtrauen etwa bis zu erklärter Feindseligkeit?

Darüber kann ich nichts sagen; ich habe niemals einen Wortwechsel gehört; nur soviel merkte ich, daß keiner von den beiden dem anderen das Feld räumen wollte. Blieb Herr George zu Hause, so fand auch Herr Alfred irgend einen Vorwand, es ebenso zu machen; und wenn Herr Alfred sich im Salon aufhielt, so brachte Herr George seine Freunde herein und veranstaltete eine kleine Abendgesellschaft.

Und ist dies alles, was Sie uns sagen können?

Sonst weiß ich nichts mehr!

Sie haben niemals gesehen, daß Fräulein Meredith im geheimen mit einem von den beiden jungen Leuten sprach?

Nein, Herr Coroner, antwortete die Dienerin. Sie schien im Gegenteil jeder Unterhaltung unter vier Augen absichtlich aus dem Wege zu gehen.

Sie hörten auch nicht einen von den jungen Männern schwören, Fräulein Meredith solle sein Weib werden, einerlei, wer dagegen wäre, und was es für Mittel koste, das Hindernis zu beseitigen?

O, ich hörte wohl einmal heftige Ausdrücke von Herrn Alfred, als ich an seinem Zimmer vorüberkam, aber ich kann nicht behaupten, daß er sich gerade der von Ihnen angeführten Worte bediente. Er hat manchmal heftige Zornausbrüche, und dann kommt es vor, daß er sich völlig vergißt. Aber diese Stimmung ist nicht von Dauer. Es ist ganz und gar nicht seine Art, längere Zeit hindurch unfreundlich zu sein.

Nach diesem so überaus peinlichen Zeugenverhör wurden die drei Söhne des ermordeten Gillespie aufgerufen und einer nach dem anderen befragt.

Den besten Eindruck machte Leighton. Da die zarte Herzensangelegenheit, die soeben zur Sprache gebracht war, ihn persönlich nicht berührte, so brauchte er keine Befangenheit zu verhehlen und keinen geheimen Groll gewaltsam niederzukämpfen. George dagegen schien in eine solche Aufregung geraten zu sein, daß er kaum noch seine Selbstbeherrschung bewahren konnte. Als er sprechen sollte, vermochte er nur zu stottern, und er sah ganz danach aus, als ob er lieber Leib an Leib mit seinem Bruder den Streit ausmachen möchte, anstatt sich einer Untersuchung zu unterwerfen, die darauf abzielte, gegen einen von ihnen oder gar gegen alle beide eine Anklage wegen Mordes zu erheben. Alfred schien weniger erbittert zu sein; vielleicht deshalb, weil er sich dem Weibe gegenüber, dessen Schönheit an diesem Bruderstreit schuld war, sicherer fühlte. Ueber das wenige Tatsächliche, was sich aus den Aussagen der Brüder ergab, kann ich kurz hinweggehen. Es ergab sich nichts wesentlich Neues daraus. Die Untersuchung wurde hierauf abermals vertagt; allgemein wurde die Erwartung ausgesprochen, daß der nächste Tag wichtige Aufschlüsse bringen werde.

Bis dahin hatte die Untersuchung einen doppelten Zweck verfolgt: einmal, nachzuweisen, daß ein Verbrechen begangen worden sei, zweitens darzutun, daß zwischen Alfred Gillespie und seinem Vater ein Verhältnis obgewaltet hatte, das es dem jungen Mann wünschenswert machen konnte, sich von der Ueberwachung eines zwischen ihm und dem mit heißer Leidenschaft angebeteten Mädchen stehenden Mannes zu befreien. Am nächsten Morgen ging die Untersuchung einen Schritt weiter und suchte nachzuweisen, daß zwischen Alfred und dem Gift, das seinen Vater getötet, tatsächlich eine Verbindung bestand, daß eine solche Verbindung zum mindesten als wahrscheinlich angenommen werden mußte. Es wurde ihm vorgehalten, daß er in der verhängnisvollen Stunde unmittelbar vor seines Vaters Ende den Speisesaal betreten hatte, und er gestand, daß er dort gewesen sei, um seinen verlorenen Bleistift zu suchen.

Hierauf wurden die Detektivbeamten vorgerufen; sie hätten zu bekunden, unter welchen Umständen ein kleiner Korkpfropfen unter dem Saum des Teppichs und ein Glasfläschchen in der auf dem Kaminsims stehenden Uhr aufgefunden worden seien. Die genannten Gegenstände wurden zum Vorschein gebracht, und es wurde auf das bestimmteste bezeugt, daß der Stöpsel das Fläschchen nicht mehr berührt hatte, nachdem diese beiden Beweisstücke der Polizei in die Hände gefallen waren. Hierauf wurden sie den Geschworenen übergeben, und diese überzeugten sich, daß der Geruch von bitteren Mandeln an beiden fast mit gleicher Deutlichkeit wahrzunehmen war. Nachdem diese Formalität erfüllt war, erregte Sweetwater allgemeine Spannung, indem er dem Coroner einen anderen Gegenstand übergab, wobei er sagte:

In diese Schachtel, die so luftdicht schließt wie nur möglich, habe ich sofort nach der Auffindung den Bleistift getan, der auf dem Fußboden des Speisezimmers gelegen hatte. Wie das Fläschchen und der Kork, so wurde auch der Bleistift in einem vollkommen reinen Glase für sich aufbewahrt, bis wir uns die Schachtel besorgen konnten. Darf ich Sie nunmehr bitten, die Schachtel zu öffnen und den Bleistift von den Geschworenen untersuchen zu lassen?

Eine allgemeine Aufregung entstand unter den Anwesenden; man reckte die Hälse, um besser sehen zu können und steckte die Köpfe zusammen, um sich seine Bemerkungen mitzuteilen; und ein summendes Geräusch ging durch die Versammlung, als nun der Coroner das Kästchen öffnete, den Bleistift herausnahm und an seine Nase führte und darauf dem ihm zunächst sitzenden Geschworenen reichte. Aller Augen hingen voll Spannung an dieser Szene – nur einer sah nicht hin: der unglückliche junge Mann, der den Finger des Verdachtes unerbittlich auf seine Person gerichtet sah. Bleich und in sich zusammengesunken saß Alfred Gillespie da, als sei er von einem furchtbaren Brandmal gezeichnet.

Die Geschworenen besprachen sich leise und warfen sich sehr bezeichnende Blicke zu, als der kleine Bleistift von Hand zu Hand ging. Dann entstand wieder eine lautlose Stille. Der Coroner winkte und befahl mit völlig veränderter Stimme, deren Klang dem Verdächtigten nichts Gutes verhieß, einen Sachverständigen für Gifte vor die Schranken zu laden.

Durch seine Aussage wurde dreierlei festgestellt: daß der Geruch von Blausäure unverkennbar ist und zu keinen Irrtümern Anlaß geben kann; daß dieses Gift, obwohl es seiner Natur nach flüchtig ist, seinen charakteristischen Geruch ziemlich lange Zeit bewahrt, wenn es nicht allzusehr der Luft ausgesetzt wird; endlich, daß, wenn der Bleistift vom Fläschchen einen Blausäuregeruch angenommen hätte, auch die Tasche, worin Fläschchen und Bleistift sich zusammen befunden hätten, einen Geruch von bitteren Mandeln aufweisen müßte.

Nachdem der Sachverständige sich gesetzt hatte, wurde Sweetwater abermals vorgerufen. Ich bemerkte jetzt erst ein umfangreiches Bündel, das auf dem Tisch des Coroners lag. Sweetwater öffnete dieses Bündel, und ich machte voll Ueberraschung die Wahrnehmung, daß die Gesichtszüge eines sehr häßlichen Menschen unter Umständen geradezu etwas Anziehendes haben können.

Ich habe vielleicht bisher noch nicht erwähnt, daß der junge Detektiv auffällig häßlich war. Seine schlotterige Gestalt und seine unregelmäßigen Gesichtszüge konnte man nicht vergessen, wenn man sie ein einzigesmal gesehen hatte.

Aber als er so in vollkommener Ruhe inmitten all der aufgeregten Menschen dastand, da funkelte aus seinen Augen eine so überlegene Intelligenz, daß mir für den Jüngling bangte, gegen den er als Zeuge auftreten sollte. Dieser Eindruck wurde offenbar auch von den neben mir Sitzenden geteilt.

Unterdessen war das Paket geöffnet worden, und ich sah in des Coroners Hand drei Herrenwesten, die er eine nach der anderen vor den Geschworenen ausbreitete.

Was ist das? fragte der Coroner mit einem ernsten Blick, der die allzu lebhaft kundgegebene Neugier der Zuhörer in ihre Schranken zurückwies.

Westen, antwortete Sweetwater; sie gehören den drei jungen Herren Gillespie. Und zwar sind es die Westen, die von den Herren George, Leighton und Alfred Gillespie an jenem Abend getragen wurden, als der Vater starb.

Woher wissen Sie, daß es gerade diese Westen sind, die an jenem Abend getragen wurden?

Ich erkenne sie an Stoff und Schnitt, denn ich habe damals ganz besonders auf diese Umstände geachtet.

Andere Erkennungszeichen vermögen Sie nicht anzugeben?

Doch! Ich sah schon damals voraus, daß es vielleicht nötig sein würde, die Identität dieser Westen ganz besonders zu erhärten. Außerdem dachte ich mir, daß wir zweifellos in dem reichausgestatteten Kleiderschrank eines jeden der drei Herren mindestens ein halbes Dutzend andere Westen finden würden. Ich hatte den Auftrag erhalten, die Leibesvisitation an den drei Herren vorzunehmen.

Zur Vorsicht machte ich mir daher an meinem Füllfederhalter, ohne daß es jemand sah, die Fingerspitze mit Tinte naß. Wenn die Spitzen meines Fingers auf dem weißen Westenfutter zu finden sind, so können Sie sicher sein, daß es dieselben Westen sind, die ich an jenem Abend zu durchsuchen hatte. Denn ich habe von meiner Vorsichtsmaßregel keinem Menschen etwas gesagt.

Der Coroner drehte die Westen um. Auf dem Rückenfutter einer jeden war ein schwarzer Fleck selbst von der entlegensten Ecke des großen Saales aus deutlich erkennbar. Ein Gemurmel, in welchem sich teils Bewunderung, teils Spannung auf den weiteren Verlauf der Dinge kundgab, folgte dieser Enthüllung. Der Coroner aber wandte sich wiederum an Sweetwater und fragte diesen:

Können Sie uns vielleicht von jeder einzelnen Weste angeben, wem von den Herren sie gehört?

Man kann den Herren Gillespie das Vertrauen schenken, daß jeder von ihnen sich freiwillig zu seinem Eigentum bekennt, lautete die Antwort. Aber ich möchte bezweifeln, daß diese Förmlichkeit überhaupt notwendig ist. An keiner von den Taschen ist ein Bittermandelgeruch wahrzunehmen. Es war auch an jenem Abend kein solcher Geruch vorhanden. Dieses Umstandes habe ich mich mit ganz besonderer Sorgfalt sofort vergewissert.

Damit warf er auf Alfred einen Blick, wie wenn er sagen wollte: Du kannst mir dankbar sein für die Gerechtigkeit, mit der ich gegen dich vorgehe.

Die Ueberraschung, die diese unerwartete Erklärung des Detektivs hervorrief, war ganz außerordentlich. Man war auf etwas ganz anderes gefaßt gewesen. Hope schob ihren Schleier in die Höhe und warf einen schnellen Blick auf Sweetwater; die drei Brüder aber blickten gleichzeitig empor; man sah ihnen an, daß allen dreien ein Stein vom Herzen fiel.

Aber ihre Mienen verfinsterten sich sogleich wieder, als der Zeuge nicht abtrat, sondern stehen blieb und – wartete.

Auch ich wurde von neuen Befürchtungen ergriffen, und mein Herz begann heftig zu schlagen, als ich jetzt aus einer Wandnische den Detektiv Gryce vortreten sah. Ich suchte aus seiner Haltung mir einen Begriff zu bilden, was sein plötzliches Erscheinen wohl bedeuten möchte. Aber er verwandte kein Auge von seinem Regenschirm, den er fort und fort zwischen den Händen drehte.

Inzwischen hatte der Coroner wiederum das Wort ergriffen und fragte Sweetwater:

Was taten Sie denn, als Sie an den Kleidungsstücken der von Ihnen durchsuchten jungen Herren den eigentümlichen Geruch der Blausäure nicht fanden?

Sobald die Gelegenheit sich bot, das heißt, sobald ich mich unbeobachtet sah, durchsuchte ich die Kleidungsstücke der jungen Herren Gillespie nach anderen Westen und richtete mein Augenmerk besonders auf die Taschen derselben.

Ah! Und fanden Sie an irgend einem Kleidungsstück ein Merkmal, das darauf hindeutete, daß es mit diesem Fläschchen oder mit diesem Bleistift in Berührung gekommen sei?

Ich fand dies da! antwortete Sweetwater. Und damit deutete er auf ein anderes Paket, das der Coroner hastig öffnete.

Auch dieses Paket enthielt eine Weste – eine Weste wie die anderen, von einem einfachen, völlig unauffälligen Muster. Aber als der Coroner diese Weste in die Höhe hob, da wurde ein Stöhnen laut, das anscheinend von den drei jungen Gillespies gleichzeitig voll Verzweiflung ausgestoßen wurde. Dann sprang einer von ihnen auf und rief: Das ist meine Weste! Was für ein verdammter Schurke will behaupten, daß bei dieser Weste irgend etwas nicht in Ordnung sei?!

Es war George.

Die beiden anderen Brüder waren zurückgesunken und verbargen ihr Antlitz zwischen den Händen.

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