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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Vierzehntes Kapitel.

Der Ausruf, womit Sam Underbill unsere Unterredung beschloß, war kennzeichnend für das Urteil, das die öffentliche Meinung sich damals sofort gebildet hatte. Ich selbst jedoch ließ mich von dem allgemeinen Vorurteil nicht beeinflussen, und ebensowenig war dies, allem Anschein nach, bei der Polizei der Fall. Allerdings war in des alten Gillespies Körper so viel Gift gefunden worden, daß binnen fünfzehn Minuten der Tod eines Menschen dadurch verursacht sein mußte. Trotzdem wurde aber keine Verhaftung vorgenommen, ja, der Lieblingssohn des ermordeten Krösus wurde nicht einmal schärfer überwacht als die anderen Mitglieder dieser früher so hochangesehenen Familie.

Die Zeitungen brachten ein endloses Geschwätz über den Mord – denn daß nur Mord vorliegen konnte, wurde jetzt allgemein offen ausgesprochen. Unter anderem las ich einen halb ernst- halb scherzhaft gehaltenen Artikel über eine merkwürdige Wette, die George Gillespie einmal in unglaublichem Leichtsinn eingegangen war und gewonnen hatte – zum größten Aerger seiner Widerpartner, die sich hauptsächlich auf sein sprichwörtlich gewordenes Pech verlassen hatten. Ein anderer Zeitungsschreiber beschäftigte sich lang und breit mit Leighton. Er wußte zu berichten, wie dem alten Herrn Gillespie schließlich die Geduld gerissen sei, seinen Sohn fortwährend mit der Hefe der Großstadtbevölkerung verkehren und dabei die größten Torheiten begehen zu sehen. Seine Extravaganzen waren ganz anderer Art wie die seines älteren Bruders George. So hatte er zum Beispiel eines Tages in einem vornehmen Restaurant ein Frühstück bestellt. Im Augenblick, wo dieses aufgetragen wurde, marschierte auf der Straße eine Abteilung der Heilsarmee mit dem üblichen Spektakel vorbei. Leighton ließ sein Frühstück im Stich, stürzte hinaus und schloß sich der Abteilung an. Im Gillespieschen Hause wußte man niemals, wann er heimkommen würde; wenn er mit der Familie zusammensaß, sprang er oft plötzlich auf, lief hinaus, und kein Mensch wußte, wohin er ging. Er war so ruhelos, daß er höchst selten einmal einen ganzen Abend an einem und demselben Orte verbrachte. Ohne daß sich irgend ein Grund dafür erkennen ließ, ging er plötzlich mitten aus einem Konzert, einer Predigt oder einem Vortrag fort. Mehr als einmal hatte man ihn aus einem Theatersaal hinausstürzen sehen, wie wenn sein Leben davon abhinge, daß er möglichst schnell auf die Straße käme. Bemerkungen über dieses auffällige Benehmen oder Fragen nach den Gründen dafür nahm er sehr übel auf. Wenn ihn irgend jemand trotzdem fragte, so brachte er eine leidlich passende Ausrede vor, aber er ließ merken, daß es nur eine Ausrede sei, und der Betreffende wagte es wohl kaum, ihn zum zweitenmal mit seiner Neugier zu behelligen.

Ueber Alfred fand ich in den Zeitungen nur eine einzige kleine Notiz. Diese betraf seine nach kurzer Dauer wieder aufgehobene Verlobung mit Fräulein Saxton von Baltimore. Es wurde nicht eben sanft mit ihm umgegangen wegen der Art und Weise, wie er bald nach seiner Rückkehr nach New York der jungen Dame den Laufpaß gegeben hatte. Da dies gerade zu der Zeit geschehen war, wo Hope Aufnahme im Hause ihres Oheims gefunden hatte, so bedurfte es keiner weiteren Erklärung für seine Unbeständigkeit.

All dieses Geschwätz über die Angelegenheiten von Leuten, für die ich ein tiefes Interesse gefaßt hatte, regte mich auf und betrübte mich. Mit gemischten Gefühlen von Furcht und Hoffnung sah ich daher dem Tage entgegen, an welchem die Leichenschaubehörde ihr vorläufiges Urteil über den geheimnisvollen Todesfall abgeben sollte.

Die Verhandlung war auf den Donnerstag angesetzt, und ich begab mich als einer von den allerersten auf den Schauplatz der Tat. Kein Wort, kein Zeichen, kein Blick entging meiner gespannten Aufmerksamkeit.

Fräulein Meredith erschien am Arme ihres Vetters Leighton; sie trug einen so dichten Schleier, daß ihre Gesichtszüge nicht zu erkennen waren. Aber meine Augen brauchten nicht erst die schwarze Hülle zu durchdringen; ich wußte ganz genau, wie ängstlich und traurig ihr Gesicht war, das sie den neugierigen Blicken der Zuschauer zu verbergen suchte. George hatte seine volle Sicherheit wiedergefunden und saß, hochmütig und schön wie immer, mitten unter einer Gruppe von Zeugen, die mir zum Teil unbekannt waren. Doktor Bennett saß unmittelbar neben mir; er war so wortkarg, daß ich ihn in seinen traurigen Betrachtungen über das vorzeitige Ende seines langjährigen Freundes und Patienten nicht stören wollte.

Als erster Zeuge wurde ich selber aufgerufen.

Da meine Aussage nichts enthalten konnte, was ich nicht bereits ausführlich in diesen Blättern berichtet habe, so kann ich über dieses lange und sehr eingehende Verhör kurz hinweggehen. Nur soviel möchte ich sagen, daß ich in meinen Bekundungen mich sorgfältig in acht nahm, um durch kein vorschnelles Wort einen Verdacht gegen einen der jungen Gillespies zu bestärken. Ich merkte nämlich schon in den ersten zehn Minuten, daß es darauf abgesehen war, die Anschuldigung auf Alfred zu konzentrieren. Und wäre dies gelungen, so konnte ja eine solche Anklage wie ein Widerhakenpfeil die Brust des jungen Mädchens durchbohren, die meine Phantasie bereits mit einem magischen Kreise umgab! Als ich mich hinsetzte, warf ich einen Blick auf sie. Sie grüßte mich mit einem Winken ihrer kleinen Hand, von der sie den Handschuh abgezogen hatte. Es kam mir vor, als hätte dieser Gruß eine besondere Bedeutung. Aber was bedeutete er?

Meine Aussagen erregten großes Aufsehen und viel Neugierde. Alle fragten sich, warum wohl der alte Gillespie einen Fremden von der Straße habe hereinrufen lassen; in einem Augenblick, wo er mit dem Tode rang, war es jedenfalls auffällig, daß er nicht seine geliebten nächsten Angehörigen hatte sehen wollen! Nach mir traten als Sachverständige mehrere Aerzte auf, um zu bekunden, daß sein Tod nicht durch Krankheit verursacht war, sondern daß der alte Herr, der sich einer ziemlich guten Gesundheit erfreute, durch Vergiftung mit Blausäure ein plötzliches Ende gefunden hatte. Mit diesen Zeugenvernehmungen ging der ganze Morgen hin; und die Verhandlung wurde vertagt.

Da aller Voraussicht nach Fräulein Meredith als erste Zeugin in der Nachmittagssitzung vortreten mußte, so hielt ich mich als ihr Rechtsbeistand für verpflichtet, sie anzureden und ihr einen Rat zu geben, der unter den obwaltenden Verhältnissen eigentlich ganz selbstverständlich war.

Fräulein Meredith, sagte ich zu ihr, Sie werden wahrscheinlich bald vom Coroner ins Kreuzverhör genommen werden. Darf ich mir die Frage erlauben, ob Sie über den einen oder den anderen Punkt vielleicht lieber die Aussage verweigern möchten? Sie sind dazu berechtigt und brauchen mich nur beauftragen, dieses Recht für Sie geltend zu machen.

Sie sah mich voll Ueberraschung und zugleich voll Entrüstung an. Ihr Blick sprach so deutlich, daß eine besondere Antwort gar nicht mehr nötig war. Indessen sagte sie nach kurzem Besinnen in kühlem Tone:

Ich habe nichts zu verheimlichen. Der Herr Coroner kann keine Frage stellen, die ich nicht bereitwillig beantworten würde.

Beschämt, daß sie meinen Worten einen derartigen Sinn untergelegt hatte, und zugleich verletzt durch ihre abweisende Kälte, machte ich ihr meine Verbeugung und entfernte mich. Offenbar hatte sie meinen Wink so aufgefaßt, als ob ich einen Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit hegte. Sie glaubte, sie brauche nur die Wahrheit auszusagen, um in meinen Augen und vor der Jury und allen Zuhörern unantastbar dazustehen.

Solches Selbstgefühl findet man bei vielen Zeugen, besonders bei solchen, die sich ihrer Ehrenhaftigkeit bewußt sind und daher leicht die Schlingen übersehen, die ihnen mit einer scheinbar sehr harmlosen Frage gelegt werden können. So sehr ich nun auch ihre Kurzsichtigkeit bedauerte und so sehr ich gewünscht hätte, sie möchte meine und ihre Lage besser verstehen, so war es mir doch klar, daß nach dem soeben Vorgefallenen jeder neue Versuch, ihr meine Dienste anzubieten, von ihr als eine Beleidigung würde aufgefaßt werden. Ich mußte also unter allen Umständen schweigen – ohne Rücksicht auf die Folgen, die dies möglicherweise haben konnte.

Dies war nun freilich weder für den Rechtsbeistand noch für den Verliebten angenehm; so war es denn kein Wunder, daß ich ihrem Verhör in einer Aufregung folgte, von der sie in ihrer Unerfahrenheit sich wohl keinen Begriff machte!

Wie ich's erwartet hatte, wurde ihr Name aufgerufen, sobald die Geschworenen nach der Pause ihre Plätze wieder eingenommen hatten.

Als sie dann aufstand und den Schleier zurückschob, da fühlte ich zum erstenmal so recht, daß ich mit Leib und Seele ihrem Bann verfallen war. Die neugierige Menge starrte ohne alle Rücksichtnahme das schöne Mädchen an, und wie ein Rauschen bewundernder Ausrufe ging es durch die Versammlung; ich selber aber errötete so tief, daß ich befürchtete, mein Herzensgeheimnis der Menge preisgegeben zu haben. Doch die Wirkung ihrer Schönheit war so machtvoll, daß alle Blicke nur auf ihr hafteten.

Nun begann sie zu sprechen, und die Sympathie, die bereits ihr Antlitz erweckt hatte, wurde durch den Klang ihrer Stimme noch erhöht. Sie sprach in jenem schönen volltönenden Alt, der in allen gefühlvollen Herzen ein Echo findet und selbst kalte Menschen nicht ganz gleichgültig läßt.

Hope selbst bemerkte nichts von dem tiefen Eindruck, den ihre Erscheinung machte. Sie hörte mit gespannter Aufmerksamkeit die an sie gerichteten Fragen an und war offenbar bestrebt, gemäß dem Zeugeneid, den sie geschworen, gewissenhaft und so ausführlich wie möglich alles zu berichten, was sie selbst von ihres Oheims plötzlichem Tode wußte.

Ich machte meinem Onkel seine Schreibmaschinenarbeiten, so begann sie. Ich half ihm oft bei seiner Korrespondenz, und so kam es mit der Zeit dahin, daß ich in seinem Kontor aus und ein ging wie in meinem eigenen Zimmer. An dem verhängnisvollen Abend hatte ich mehrere Briefe für ihn geschrieben; da ich mich abgespannt fühlte, so ging ich nach oben, um mich einen Augenblick auszuruhen. Es ließ mir aber auf meinem Zimmer keine Ruhe – gerade an jenem Tage waren ungewöhnlich viele Briefe da, die noch der Erledigung harrten; ich wußte, daß er allein kaum damit fertig werden konnte, und ging deshalb kurz nach zehn Uhr wieder hinunter. Ein paar Minuten vorher hatte ich Schritte im Treppenhaus gehört, auch hatte Claire irgendwo im Hause laut gerufen, aber ich begegnete keinem Menschen. Uebrigens ging ich auch die Hintertreppe hinunter, wie ich oft zu tun pflegte, wenn ich Eile hatte. O, wie wenig hatt' ich eine Ahnung von dem, was mir bevorstand! Als ich die Tür zu meines Onkels Arbeitszimmer öffnete – aber Sie wissen ja, welch fürchterlicher Anblick sich mir bot. Da lag mein herzensguter, mein lieber ...

Sie konnte nicht weiter. Atemlos, in tiefem Schweigen lauschte die ganze Versammlung. Doch mit einer gewaltsamen Anstrengung kämpfte Hope die Tränen nieder, die ihre Stimme erstickten, und fuhr fort:

Er war tot. Ich wußte es auf den ersten Blick. Und doch stieß ich keinen Schrei aus. Ich konnte nicht. Es schien, als wäre ich in dem kurzen Augenblick starr und unbeweglich geworden wie Marmor. Ich sah ihn zu meinen Füßen liegen und weinte doch keine Träne. Ich beugte mich nicht einmal zu ihm nieder. Halb bewußtlos schwankte ich an den Schreibtisch, vor welchem er ausgestreckt auf dem Fußboden lag, und mechanisch, obwohl mir vor Entsetzen beinahe das Herz stillstand, klappte ich den Wagen der Schreibmaschine hoch, an der er offenbar gearbeitet hatte, als der Tod ihn niederschmetterte. Ich wollte die letzten Worte sehen, die er geschrieben hatte. Ich hatte Grund zur Vermutung, daß diese Worte einen letzten Auftrag an mich enthalten oder doch wenigstens einen Anhalt geben würden, was die Ursache seines plötzlichen Todes sei. Und so war es auch – oder wenigstens erklärte ich mir so den kurzen Satz, der am Ende des mitten in der Zeile unterbrochenen Briefes stand. Gott allein weiß, ob ich vielleicht den Sinn dieser vier Worte mißverstanden habe, aber ich war des festen Glaubens, daß sie mir gälten. Ich wußte kaum, was ich tat, und hastig, fast wie eine schuldbeladene Verbrecherin, riß ich den Streifen ab, auf dem diese Worte standen. Dann eilte ich hinaus, um mich selbst und den Streifen vor jedem menschlichen Auge zu verbergen. Es war eine wahnsinnige Handlung, die ich da beging, und ich bereute sehr bald die Gefühlsaufwallung, die mich dazu hingerissen hatte, denn es dauerte nicht lange, so wurde ich in dem Versteck entdeckt, in welches ich mich geflüchtet hatte, der Papierstreifen wurde gefunden, und ... und ...

Sie vermochte kein Wort mehr hervorzubringen. Der Coroner hatte Mitleid mit ihr und fragte den Protokollführer:

Haben wir den Papierstreifen nicht hier?

Der Zettel wurde dem Mädchen gezeigt, von ihr als echt erklärt und darauf der Jury zur Besichtigung übergeben. Mit atemloser Spannung verfolgte ich auf den Gesichtern der Geschworenen den Ausdruck des Erstaunens, der Ratlosigkeit, ja sogar Feindseligkeit, der je nach der Charakteranlage des einzelnen durch den Anblick des verhängnisvollen Streifens hervorgerufen wurde.

Es war gewiß kein Wunder, wenn auf die zwölf Geschworenen, einfache Geschäftsleute und Handwerker, der kleine Satz »einer meiner Söhne hat« eine mächtige Wirkung übte: klang es doch unter den obwaltenden Umständen geradezu wie eine Anklage des Vaters gegen einen seiner Söhne!

Indessen ließ es sich andererseits auch nicht verkennen, daß die vier Worte an sich einfach und unverfänglich waren, und daß sie ihre verhängnisvolle Bedeutung eigentlich nur durch Hopes mißlungenen Versuch, sie auf die Seite zu schaffen, erlangt hatten. Auch den Geschworenen konnte es nicht entgehen, daß die Worte sich auf hunderterlei verschiedene Arten auslegen ließen, die nicht zu Ungunsten der verdächtigen Söhne sprachen. Ich sah mit innerer Freude solche Gedanken auf den Gesichtern verschiedener Geschworener sich widerspiegeln. Leider waren durch Fräulein Merediths Aufregung noch andere Tatsachen zum Vorschein gekommen, die für die drei jungen Gillespies viel gefährlicher waren als jene letzten Worte ihres Vaters.

Der Coroner hatte schon längere Zeit in einem Bündel von Papieren geblättert, das er in der Hand hielt. Hope erriet, was es für Papiere waren, und ich merkte ihr an, daß sie der nächsten Frage des Beamten mit großer Angst entgegensah. Alfred mochte gehofft haben, daß der Brief seines Vaters nicht schon sofort zu Anfang der Verhandlung vorgelegt werden würde; er verlor für einen Augenblick die Selbstbeherrschung und warf seinen Brüdern einen Blick zu, den sie jedoch absichtlich nicht zu bemerken schienen – vielleicht weil es ihnen selber Mühe kostete, angesichts der bevorstehenden peinlichen Verlesung dieses Briefes ihre Ruhe zu bewahren.

Doktor Frisbie hatte allem Anschein nach von Alfreds unbeantwortet gebliebener stummer Frage nichts bemerkt; er dachte offenbar darüber nach, wie er am besten seine nächste Frage in Worte kleiden sollte.

Fräulein Meredith, sagte er endlich, wollen Sie gütig diesen Brief in Ihre Hand nehmen. Haben Sie ihn jemals vorher gesehen?

Jawohl, dieser Brief wurde mir von meinem Onkel anvertraut mit dem ausdrücklichen Auftrag, ihn geheimzuhalten, solange der Schreiber selbst noch gesund und am Leben sei.

Die Aufschrift lautet, wie ein jeder sehen kann: »An meine drei Söhne, George, Leighton und Alfred Gillespie«. Fräulein Meredith, faßten Sie den Wortlaut dieser Adresse so auf, daß der Inhalt des Briefes für die drei Brüder gemeinsam bestimmt sei?

Ja, mein Onkel Archibald hat mir das ausdrücklich gesagt, als er mir den Brief zur Aufbewahrung übergab. Für den Fall, daß er plötzlich oder unter rätselhaften Umständen stürbe, sollten seine drei Söhne diesen Brief gemeinsam lesen.

Wie ich sehe, ist der Brief geöffnet worden. Ist das ein Zeichen, daß er bestellt und gelesen wurde?

Ja. In jener Nacht, als ich den unüberlegten Versuch machte, den soeben der Jury vorgelegten Papierstreifen mit den vier Worten verschwinden zu lassen, warf einer meiner Vettern mir vor, ich hätte aus dem Geschriebenen irrtümliche und unhaltbare Schlüsse gezogen. Zu meiner Rechtfertigung händigte ich den Brief aus. Ich hatte zwar dessen Inhalt niemals gesehen, aber ich wußte nur zu gut, unter welchen Umständen mein Oheim ihn geschrieben hatte, und ... und ich war überzeugt, der Brief enthielte die beste Entschuldigung für meine Handlungsweise, die sonst ungeheuerlich erscheinen müßte von seiten eines jungen Mädchens, das ...

Vor Erregung versagte ihre Stimme, und es war ihr unmöglich, auch nur ein einziges Wort noch hervorzubringen.

Der Coroner sah sie freundlich an, aber die Pflicht seines Amtes erheischte von ihm, sein persönliches Mitgefühl für die Zeugin zu unterdrücken. Er hatte die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Er bat sie daher nach einer kurzen Pause, sie möchte die Umstände, unter denen Herr Gillespie jenen Brief geschrieben, näher bezeichnen und zu erklären suchen, warum er ihn geschrieben und warum er in der Adresse alle drei Söhne genannt hätte.

Ihre Verlegenheit und Aufregung wurde noch größer, und sie rief:

Erklärt denn der Brief sich nicht selber? Bitte, schonen Sie mich! Meines Onkels Söhne waren zu mir wie Brüder. Verlangen Sie nicht von mir, daß ich noch einmal erzähle, was an dem Morgen nach jener entsetzlichen Entdeckung zwischen meinem Oheim und mir gesprochen wurde.

Es tut mir leid, ich kann Ihnen dieses nicht ersparen, erwiderte der Coroner. Aber ich will Ihnen gestatten, sich ein wenig zu erholen, während dieser Brief oder die auf Herr Gillespies Tod bezüglichen Stellen desselben den Geschworenen vorgelesen werden. – Meine Herren; der Brief ist von Herrn Archibald Gillespie eigenhändig geschrieben; er ist genau einen Monat vor seinem traurigen Ende datiert. – Fräulein Meredith, Sie können Platz nehmen.

Halb ohnmächtig sank sie auf den ihr angebotenen Stuhl, und eine grenzenlose Entrüstung packte mich, als ich sah, mit welcher Gefühllosigkeit die drei jungen Männer, die sie doch bis dahin mit brüderlicher, ja zum Teil mit leidenschaftlicher Liebe geliebt hatten, sich jetzt nicht einmal mit einem Blick um sie bekümmerten. Und doch hätte nach meiner Meinung der innere Kampf, den sie durchzufechten hatte, sie ihren Vettern ganz besonders sympathisch machen sollen. Ihr Heroismus war der Heroismus eines liebenden Weibes, das sich selber und ihr Liebstes dem, was sie für Recht und Gesetz hält, zum Opfer bringt. Ein solches Opfer mag einem Manne leicht fallen, einer Frau aber wird es unbeschreiblich schwer, denn sie ist gewöhnt, nur der Stimme ihres Herzens zu folgen, und hat nicht viel Sinn für abstrakte Theorien der Rechtswissenschaft. Und trotzdem saßen ihre leiblichen Verwandten da und gönnten ihr kaum einen Blick, obwohl sie mit einem bittenden Ausdruck, der einen Stein hätte rühren können, zu ihnen herübersah.

Ich will indessen gern zugeben, daß ich in meiner Voreingenommenheit für das junge Mädchen nicht ganz gerecht gegen die jungen Gillespies war. Wäre ich nicht selbst unter dem Bann meiner plötzlich entbrannten Leidenschaft gestanden, so hätte ich fühlen müssen, daß Alfred auf dasselbe Mitgefühl Anspruch hatte wie Hope. Denn für Alfred vor allem war der Inhalt des Briefes gefährlich, der jetzt zur Verlesung kommen sollte; und gewiß wußte er das ebensowohl wie sie.

Der Leser kennt diesen Brief; ich brauche daher kaum zu sagen, welch einen tiefen Eindruck er auf die Geschworenen und auf die anderen Zuhörer machte. Unwillkürlich hefteten sich alle Augen immer wieder auf die leichenblassen Gesichter der drei Jünglinge, die nebeneinander auf der Zeugenbank saßen, und unwillkürlich fuhren wir alle zusammen, als plötzlich Doktor Frisbies Stimme das drückende Schweigen unterbrach, das der Verlesung des Briefes gefolgt war. Er fuhr in Hope Merediths Verhör fort, und gleich seine erste Frage zeigte uns, daß er jetzt dem Kernpunkt der Sache nahetrat:

Hat Herr Gillespie nach jenem Morgen, als er Sie in sein Vertrauen zog, jemals wieder Andeutungen gemacht, die sich auf den Mordanschlag bezogen? fragte er.

Nein, niemals! erwiderte das Mädchen. Mein Oheim konnte mir zwar nicht verbergen, daß er sich tief unglücklich fühlte, aber er hat mit mir niemals wieder über die Erlebnisse jener Nacht gesprochen, und das Leben in dem großen Hause ging nach wie vor seinen gewöhnlichen Gang.

Aber er sprach doch von Giften und nahm auch die Medizin nicht mehr, die ihm beinahe das Leben gekostet hätte?

Das ist richtig, die Medizin nahm mein Onkel nicht mehr. Wenigstens habe ich diese Arznei nicht mehr im Hause gesehen. Aber von Giften hat er nie gesprochen, zum mindesten nicht bei Tisch oder sonst in meiner Gegenwart.

Wirklich auch bei Tische nicht?

Nach jener Nacht niemals.

Aber vorher?

Höchstens beiläufig einmal. Er amüsierte sich über gewisse Warnungen, die Doktor Bennett ihm gab, daß er von jener Arznei, die ihm so gut bekäme, ja nicht zu viel nehmen möchte. Mein Onkel scherzte mit mir darüber, daß ich durchaus keinem anderen erlauben wollte, ihm die Mischung zurecht zu machen.

Dies gehörte also zu Ihren Aufgaben?

Gewiß.

Machten Sie ihm sein Glas nur zurecht, wenn Sie allein waren, oder taten Sie es gelegentlich auch in Gegenwart seiner Söhne?

Wie sich's gerade traf. Ich hatte dabei nur eine einzige Sorge: daß ich mich beim Abmessen nicht verzählen möchte!

Und nach jener Nacht nahm er die Arznei nicht mehr zu sich?

Nein. Er bat Herrn Doktor Bennett um ein weniger gefährliches Schlafmittel, und dieser verschrieb ihm Chloral.

Hörten Sie, daß über diesen Wechsel seiner Arznei irgendwelche Bemerkungen gemacht wurden?

Nein.

Was wurde aus dem Fläschchen, worin der Rest der ersten, als »Gift« bezeichneten Medizin sich befand?

Ich goß diesen Rest auf meines Onkels ausdrückliches Verlangen fort.

Sie waren also Ihres Oheims Krankenpflegerin, Sekretärin und Freundin?

Ich genoß sein Vertrauen in allen diesen drei Eigenschaften.

Auch in Geschäftsangelegenheiten?

Nein; von denen erfuhr ich gar nichts. Ich schrieb lediglich die Briefe, die er mir diktierte.

Kannten Sie die Höhe seines Vermögens, oder haben Sie darüber jemals etwas gehört?

Ich habe mir niemals auch nur die Frage vorgelegt, ob sein Vermögen nach Tausenden oder nach Millionen zählte.

Die Würde, die Einfachheit, womit Hope diese Worte sprach, gaben dem peinlichen Verhör einen Abschluß, der tiefen Eindruck machte. Ich hegte bei mir selber die Hoffnung, sie würde jetzt entlassen und für diesen Tag nicht wieder vorgerufen werden. Aber der Coroner dachte anders darüber. Mit einem Zaudern, das mich schon auf etwas Unangenehmes vorbereitete, wandte er sich abermals an das junge Mädchen und fragte:

Aus Rücksicht gegen Sie habe ich gewisse Stellen aus Ihres Onkels Brief, die sich auf Sie und auf die von ihm hinsichtlich Ihrer Zukunft gehegten Wünsche bezogen, nicht verlesen lassen. Wollen Sie mir dafür jetzt Auskunft geben, ob Sie mit einem dieser drei jungen Herren verlobt sind?

Die drei Brüder auf der Zeugenbank fuhren empor, wie von einem elektrischen Schlage getroffen. Leighton nahm sofort wieder seine gleichmütige Haltung an, aber Georges heiße Röte und Alfreds plötzliches Erbleichen zeugten von einer Erregung, die unwillkürlich auch den Zuhörern, den Geschworenen und sogar dem Coroner sich mitteilte. Waren wirklich die Gefühle, die Hope in ihrem Mädchenherzen barg, den beiden Brüdern ein ebenso tiefes Geheimnis wie mir, dem Unbeteiligten? Fürchtete etwa George, aus ihrem Munde zu hören, daß sie an Alfred gebunden sei? Fürchtete Alfred zu vernehmen, daß sie ihr Geschick unwiderruflich an das seines Bruders George geknüpft habe? Man mußte sich eingestehen, daß der würdige Polizeibeamte mit seiner Frage eine sehr heikle Sachlage geschaffen hatte. Und kein Wunder war es, daß das junge Mädchen die Augen niederschlug, bevor sie es über sich gewann, die Frage zu beantworten.

Aber in der Selbstbeherrschung sind ja Frauen stets viel stärker als Männer, sobald ihre Herzensgeheimnisse in Frage kommen. So fand denn auch Hope sehr bald den Mut, mit ungetrübter Unbefangenheit sich über das Peinliche ihrer Lage hinwegzusetzen. Sie schlug ihre Augenlider auf und sagte mit einem holden Lächeln, das ihr alle Herzen gewann:

Von einem solchen Verlöbnis ist nicht die Rede. Ich habe wie eine Schwester in ihrem Hause gelebt. Ihr Vater war meiner Mutter Bruder.

Jeder andere Coroner würde sich mit dieser Antwort begnügt haben; aber Doktor Frisbie war wohl ein freundlicher und gutmeinender Mann, aber dabei von einer ganz eigentümlichen Hartnäckigkeit, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. Unter ihrem Blick, den sie unverwandt auf seine Augen geheftet hielt, errötete er zwar, trotzdem aber wiederholte er ernst:

Wollen Sie damit sagen, daß niemals Worte der Liebe zwischen Ihnen und einem dieser drei Herren gewechselt worden sind?

Das war zu viel! Ich fürchtete, sie könnte durch eine derartige unzarte Frage vielleicht völlig aus der Fassung gebracht werden, und sah sie fragend an, in der Erwartung, daß sie mir jetzt einen Wink geben werde, als ihr Rechtsbeistand zu ihren Gunsten einzuschreiten. Aber sie war selber der Lage völlig gewachsen; stolz erhob sie das Haupt und gab einfach und ohne Umschweife die einzige Antwort, die ihrer Würde entsprechen konnte:

Ich will die reine Wahrheit sagen: Herr George Gillespie hat mir mehr als einmal die Ehre erwiesen, mir seine Hand anzubieten. Ich glaubte aber nicht in der Lage zu sein, seinen Antrag annehmen zu dürfen.

Aber der Coroner kannte noch immer kein Mitleid mit ihr, sondern fragte weiter:

Und Ihr Vetter Alfred?

Alfred? wiederholte sie fragend.

Sie wandte die Augen von dem rücksichtslosen Beamten ab und verbarg ihren Blick vor der neugierigen Menge.

Alfred, sagte sie stolz, aber mit einem Zittern in der Stimme, Alfred hat niemals die Rechte angetastet, die sein Bruder vielleicht auf meine Gunst erheben zu dürfen geglaubt hat.

Diese Erklärung war freilich wohl danach angetan, in den Beteiligten Unruhe zu erwecken. George sprang auf, doch setzte er sich sofort wieder. Vielleicht schämte er sich, etwas von seinen Gefühlen verraten zu haben, vielleicht fürchtete er die Wirkung, die es auf seinen Bruder ausüben konnte. Alfred dagegen blieb still sitzen, aber sein bitteres Lächeln sprach deutlich genug, und eine Tatsache, von der ich selbst schon längst überzeugt gewesen war, lag jetzt klar zutage: daß die beiden Brüder Nebenbuhler waren in der Liebe zu diesem Mädchen, und daß Hope durch den Wunsch, den einen von ihr wiedergeliebten zu schützen, sich zu der unbesonnenen Handlung hatte verleiten lassen, durch die der Verdacht der Polizei überhaupt erst auf des ermordeten alten Gillespies Söhne gefallen war.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte ihre Wahl dem Jüngling gegolten, der seines Bruders vermeintliche Rechte nicht angetastet hatte; ich erwartete daher, daß der Coroner ihr auch noch dieses Geständnis abzwingen würde. Er schien sich aber plötzlich anders zu besinnen und fragte nur, ob Herr Gillespie von den Wünschen seines ältesten Sohnes Kenntnis gehabt hätte.

Diese Wünsche waren im Gillespieschen Hause kein Geheimnis, erwiderte Hope mit einem um Schonung flehenden Blick.

Aber der Beamte war unerbittlich:

Und war er mit der Wahl einverstanden? fragte er.

Ja.

Trotzdem aber haben Sie sich mit George Gillespie nicht verlobt?

Diese Frage würdigte sie keiner Antwort.

Glauben Sie, daß Ihr Onkel eine Nebenbuhlerschaft seiner beiden Söhne würde geduldet haben, wenn der jüngere seine Bewerbungen um Ihre Hand fortgesetzt hätte?

Diese Frage konnte sie vielleicht nicht beantworten. Jedenfalls verharrte sie in ihrem Schweigen.

Fräulein Meredith, fuhr ihr Folterer fort, ohne ihren leidenden Zustand zu bemerken oder vielleicht ihn absichtlich übersehend, Fräulein Meredith, wissen Sie, ob Ihr Oheim und sein jüngster Sohn diese Angelegenheit jemals miteinander besprochen haben?

Unwillkürlich streckte sie mit einer flehenden Gebärde dem Coroner die Hände entgegen und rief:

Richten Sie diese Frage an den einzigen Menschen, der sie beantworten kann! Ich weiß nur soviel, daß ich in meines Oheims Hause mit der größten Ehrerbietung behandelt worden bin.

Mit dieser Szene fanden die Verhandlungen des ersten Tages ihren Abschluß.

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