Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anna Katherine Green >

Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel.

Am nächsten Morgen in aller Frühe pochte ich Sam Underbill aus dem Schlaf. Sam Underbill ist mein bester Freund; er ist zugleich auch mein nächster Nachbar, denn seine Zimmer liegen unmittelbar unter den meinigen.

Er ist ein Faulpelz, und ich fand ihn natürlich noch zu Bett. Auch war er durchaus nicht entzückt darüber, daß ich ihn seinem süßen Schlummer entriß, und er empfing mich mit der liebenswürdigen Begrüßung:

Was zum Kuckuck bringt denn dich zu dieser nachtschlafenden Zeit zu mir?!

Ich wartete, bis er sich wieder beruhigt hatte und etwas gemütlicher geworden war. Dann wandte ich mich kühn mit der Frage an ihn:

Du bist ein Klubmann, Sam, und weißt daher mit allen Tagesneuigkeiten der sogenannten Gesellschaft gut Bescheid. Was kannst du mir über die Gillespies sagen? Ich meine über die drei jungen Leute, die Söhne von Archibald Gillespie?

George, Alfred und Leighton? Aber inwiefern können denn die dich interessieren? Es sind reiche Jungens, Tagediebe – einer wie der andere. Was ist denn mit ihnen los, daß du so früh am Tage mich aus dem Schlafe rüttelst?

Er wollte noch weiter knurren; zur Antwort öffnete ich aber die Morgenzeitung, die ich mir besorgt und selbst noch nicht gelesen hatte.

Hör mal zu! rief ich und begann ihm vorzulesen. »Archibald Gillespie, der bekannte Börsenfürst, starb heute nacht eines plötzlichen Todes, infolge eines auf geheimnisvolle Weise ihm beigebrachten Trankes. Vor einigen Wochen war er längere Zeit krank gewesen, schien aber jetzt wieder völlig gesund zu sein. Gestern abend um halb zehn sank er plötzlich um, ohne daß man vorher ein Unwohlsein an ihm bemerkt hätte, und verstarb in dem kleinen Hinterzimmer, das er als Kontor benutzte. Auf dem Kaminsims ist ein Fläschchen Chloral gefunden worden, doch sprechen die Umstände nicht dafür, daß er von dessen Inhalt überhaupt etwas zu sich genommen hat. Nach den Symptomen muß vielmehr angenommen werden, daß der Verdacht auf ein viel heftiger wirkendes Gift zu richten ist. Seine kleine Enkelin war in seinen letzten Augenblicken bei ihm.«

Ich bemerkte mit einer gewissen Erleichterung, daß mein Name in dem Zeitungsartikel nicht erwähnt war. Um meinen Freund zu eingehenderen Mitteilungen zu verlocken, warf ich in möglichst gleichgültigem Ton die Bemerkung hin:

George, Alfred und Leighton sind jetzt etwas mehr als »reiche Jungens«. Sie sind reiche Leute geworden!

Höchste Zeit für sie! lautete die kurze Antwort. Zum mindesten einer von ihnen war in großen Geldschwierigkeiten.

Welcher? fragte ich, während ein eigentümliches Gefühl mir die Kehle zuschnürte.

George. Meiner Meinung nach pfeift er so ziemlich auf dem letzten Loch. Wie ich ganz bestimmt weiß, hat er seit Beginn dieses Sommers in unglücklichen Wetten dreißigtausend Dollars verloren. Er hat eine wahre Leidenschaft für Wetten und Kartenspielen, und da sein Vater über derartige Laster nicht gerade milde denkt, so waren in letzter Zeit ihre Beziehungen überaus gespannt. Trotz alldem aber hat er wirklich ein goldenes Herz und ist riesig beliebt auch bei denen, die nicht mit ihm zechen und spielen. Ich hörte, er wolle sich verheiraten. Dieses und die unverhoffte Erbschaft bringen ihn vielleicht wieder auf die Beine. Er ist ein hübscher Junge. Hast du ihn niemals persönlich gesehen?

Ein einziges Mal.

Dann, mit einer Selbstüberwindung, deren ich mich eigentlich schämte, fragte ich, wie das Mädchen hieße, das einen nicht gerade im allerbesten Rufe stehenden Lebemann heiraten wollte.

Hierüber schien Sam jedoch weniger gut unterrichtet zu sein.

Ich habe ihren Namen mal gehört, sagte er nach kurzem Nachdenken, kann mich aber jetzt im Augenblick nicht darauf besinnen. Es ist 'ne Verwandte, die im Gillespieschen Hause lebt. Der alte Herr hielt große Stücke auf sie und hatte versprochen, demjenigen seiner Söhne, der sie heiraten würde, ein großes Vermögen mit in die Ehe zu geben. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird George das Glück haben und die Braut heimführen. Es geht in manchen Familien wirklich recht sonderbar her!

Es ist ja noch ein anderer Bruder da – Alfred heißt er, wenn ich nicht irre, warf ich ein.

Oh ... Alph. Ja, das ist ebenfalls ein ganz verflixt schmucker Junge. Er ist aber nicht so allgemein beliebt wie George. Moralisch steht er entschieden höher. Sein einziges Laster ist, glaube ich, eine ganz unmäßige Vorliebe fürs Faulenzen. Ich habe ihn im Klub manchmal 'ne halbe Nacht auf einem Diwan liegen sehen, ohne ein Wort zu sprechen, ohne eine Bewegung zu machen, ja ohne auch nur zu rauchen. Manchmal habe ich bei mir gedacht, er müsse heimlich dem Opiumgenuß frönen. Ein solches Leben, wie er es führt, wäre ja der Inbegriff des Stumpfsinns, wenn nicht wenigstens Träume ihn für die von ihm verschmähten Freuden der Wirklichkeit entschädigten. –

Ich riß vor Erstaunen ganz weit die Augen auf. Das war nicht der Alfred Gillespie, wie ich ihn in der vorigen Nacht gesehen hatte! –

Ich habe gehört, fuhr Sam fort, es sei nicht alles mit ihm in Ordnung. Soviel steht fest, daß ich ihn in letzter Zeit nicht mehr auf einem Haufen Diwankissen wie die verkörperte Gleichgültigkeit habe thronen sehen. Ich bin wirklich neugierig, was er mit den drei oder vier Millionen anfangen wird, die auf seinen Anteil entfallen müssen.

Heiraten wahrscheinlich, sagte ich, indem ich mit möglichst gleichgültigem Gesicht eine Fliege wegscheuchte, die auf meinem Rockärmel saß.

Der? Alph? Nee – ich glaube nicht, daß er sich so lange aufrecht halten könnte, um die kirchliche Trauung durchzumachen. Außerdem würde er ja denken: Heiraten muß gräßlich langweilig sein. Wenigstens mache ich mir von Alphs Gedanken diese Vorstellung. –

Ich hatte eine andere Vorstellung von ihm! Entweder mußte er sich ganz gewaltig geändert haben, oder Sam Underbills Kenntnis seines Charakters war sehr oberflächlicher Art. Ich gestehe, mir war unbehaglich zumute, ich konnte mich gewisser Befürchtungen nicht erwehren. Wenn die Liebe einen so überaus gleichgültigen und kalten Menschen derartig umwandeln konnte, was vermochte sie dann aus einer heißen und leidenschaftlichen Natur zu machen, wie die meinige ist? –

Hastig gab ich dem Gespräch eine andere Wendung, indem ich fragte:

Der dritte Bruder ist ja wohl bereits verheiratet, wenn ich mich nicht irre?

Leighton? Der ist Witwer – schon seit Jahren. Er war unglücklich in seiner Ehe. Nach Ablauf des ersten Jahres hat niemand mehr die junge Frau Gillespie in Gesellschaft oder an öffentlichen Orten gesehen. Ich glaube, sein alter Vater hat ihm den dummen Streich, den er mit dieser Heirat machte, niemals verziehen.

Worin bestand denn das Unglück? Er scheint doch ein süßes kleines Mädchen zu haben. Ich sah sie mit ihrem Onkel George zusammen.

Nun ja, das Kind ... das ist hübsch und gut; dagegen läßt sich nichts sagen. Aber die Mutter – na, wir wollen milde sein, sagen wir also, sie war exzentrisch. Von geringer Herkunft, wie ich hörte. Jedenfalls ganz und gar keine Frau für einen Leighton Gillespie. Damit will ich durchaus nicht sagen, daß er ein Mustermensch ist. Er ist ein Duckmäuser – ich persönlich mag ihn ganz und gar nicht. Sogenannte Menschenfreunde, die man alle Augenblicke mal in der Gosse findet, die sind mir ein Greuel! Leighton ist ein Schleicher, das steht fest, und dabei fällt er fortwährend von einem Extrem ins andere. Den einen Tag leitet er als Vorsitzender eine Betstube in irgend einem Wohltätigkeitsverein; den Abend darauf findest du ihn hinter den Kulissen eines Variététheaters. Dabei gibt er ein Geld aus – nicht einmal seine beiden Brüder können's in diesem Punkt mit ihm aufnehmen. Gerade in diesen Tagen soll er wieder seines Vaters Börse ganz gehörig geschröpft haben. Fragt der alte Herr ihn, wozu er all das viele Geld braucht, so kommt er mit 'ner ellenlangen Liste von allen möglichen Wohltätigkeitseinrichtungen, zu denen er beisteuert. Dabei weiß ja jedes Kind, daß der alte Herr selber Tausende und Abertausende genau für die gleichen Zwecke hergibt!

Wie ein Stutzer und Lebemann sieht aber Leighton eigentlich nicht aus, warf ich ein.

Da hast du recht. Seiner äußerlichen Erscheinung kann man nichts nachsagen. Aber irgend etwas ist bei dem Mann nicht in Ordnung! Das geben selbst seine besten Freunde zu; er hat etwas Verstohlenes, Heimliches an sich, etwas, was das helle Tageslicht nicht verträgt. Die jungen Gillespies sind alle drei keine Späne vom alten Stamm. Zeig' mir doch mal die Zeitung! Nanu, warum willst du sie mir nicht geben? Steht sonst noch was über des alten Gillespies Tod drin? Meint man, daß Selbstmord vorliege? Das wäre doch ein trauriges Ende für ein an Erfolgen so reiches Leben!

Erst noch eine Frage! bemerkte ich. War Herr Gillespie ein guter Mensch?

Er war reich – und hatte trotzdem wenig oder gar keine Verleumder.

Ich reichte ihm die Zeitung, indem ich auf eine Stelle unmittelbar nach dem von mir vorgelesenen Absatz hinwies und bemerkte:

Man glaubt nicht, daß nur Selbstmord vorliegt. Der Verdacht lautet auf Mord! Das Gift war nicht von seiner eigenen Hand in den Trank gemischt!

Sam fuhr in die Höhe, nachdem er einen Blick auf die Zeilen geworfen hatte, die an jenem Morgen ganz New York in Aufregung versetzten, und rief:

Oho! Das geht zu weit! Zu einer solchen Schurkentat ist keiner von den drei jungen Gillespies fähig, auch Leighton nicht!

Du hast eine Abneigung gegen Leighton!

Er antwortete nicht; aber er hatte inzwischen weiter gelesen, und sein Auge war auf meinen Namen gefallen.

Ei, sieh da! rief er. Was du für ein Geheimtuer bist! Wie kommst denn du in diese Mordgeschichte hinein? Da steht ja dein Name gedruckt!

Lies nur weiter! versetzte ich.

Er las, sah mich dann, als er fertig war, mit einem langen, prüfenden Blick an und sagte mit einer nicht eben eleganten Redewendung:

Ich bin einfach paff! Niemals hätte ich von den Dreien so etwas gedacht – niemals!

Plötzlich verfiel er mit der für ihn bezeichnenden Lebhaftigkeit in einen ganz anderen Ton und rief:

Aber du hast ja wirklich einen ganz großartigen Dusel, daß du so was miterlebst, Arthur! Wie gefiel dir denn deine Rolle?

In solchem Tone mochte ich über die Angelegenheit nicht sprechen; ich antwortete daher nicht. Ich schwieg auch schon aus Vorsicht, denn ich war nicht sicher, daß nicht vielleicht ein unbedachtes Wort das innerste Geheimnis meines Herzens enthüllen könnte.

Sam Underbill tat übrigens, als beachtete er es gar nicht, daß ich seine Frage unbeantwortet ließ. Das war seine Art so. Ohne Zweifel ging das traurige Ereignis auch ihm zu Herzen, denn er sagte nach einer Pause kopfschüttelnd:

Die Umstände scheinen besonders Alph schwer zu belasten. Der arme Alph! Das wäre also sein Erwachen aus dem endlosen Schweigen seiner Träume! Ich werde mir das übrigens merken. Ein Faulenzer soll mich nicht mehr hinters Licht führen. Denn wenn so einer mal aus seinem Dämmern aufwacht ...

Der ist bis jetzt noch gar nicht mal verhaftet, unterbrach ich ihn in kurzem Ton. Solange nicht die Polizei erklärt, daß ein genügender Verdacht vorliegt, werde ich für meinen Teil ganz gewiß den Mund halten.

Sam Underbill antwortete mir nicht. Er seufzte nur und wiederholte:

Armer Alph!

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.