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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Elftes Kapitel.

Vorsichtig und langsam stellte Sweetwater die Uhr wieder auf ihren Platz; es war eine von jenen schweren Stutzuhren, die mit dem Kaminsims, worauf sie stehen, aus einem Stück zu sein scheinen. Als sie wieder vollkommen richtig stand, deutete er schweigend mit dem Finger auf das Zifferblatt. Die beiden Zeiger standen auf halb neun – die Uhr war also genau zehn Minuten vor dem Augenblick, wo ich das Haus betrat, stehen geblieben.

Um wieviel Uhr ging Herr Leighton Gillespie heute abend aus? fragte der Coroner.

Niemand antwortete.

Vor halb neun oder später? wiederholte der Beamte in dringendem Ton; dabei sah er prüfend alle Anwesenden der Reihe nach an, als wolle er in den Augen die Antwort lesen, die er von unseren Lippen zu vernehmen kaum erwarten konnte.

Leighton kommt gar nicht in Frage! rief eine Stimme aus dem Lesezimmer. Seine puritanischen Manieren sind mir verhaßt, aber er ist gänzlich harmlos!

Dem Klange nach zu urteilen, war es Alfreds Stimme, aber sein Zwischenruf machte keinen guten Eindruck.

Wenn Sie erlauben, möchte ich Sie auf etwas aufmerksam machen, rief Hope Meredith, indem sie in ihrer Aufregung unwillkürlich einen Schritt vortrat. Wenn Sie annehmen, nach dem Stande der Uhrzeiger auf Schuld oder Unschuld eines der Hausgenossen schließen zu können, so sind Sie im Irrtum. Die Uhr ist schon seit mehreren Tagen in Unordnung. Gestern blieb sie gänzlich stehen. Ich hörte meinen Oheim sagen, sie müßte zu Tiffany zur Reparatur geschickt werden.

Lassen Sie den Diener hereinkommen, der dies Zimmer in Ordnung zu halten hat, befahl der Coroner. Niemand spreche in seiner Gegenwart ein Wort! Ich will ihn selbst befragen und dulde keine Unterbrechungen.

Wir traten alle zurück, und tiefes Schweigen herrschte in dem geräumigen Gemach. Alle Lichter waren angezündet, wie zu einem Festmahl, dabei aber herrschte ein wirres Durcheinander in dem Saal, so daß der ordnungsliebende alte Diener laut aufstöhnte, als sein Blick auf das Chaos fiel: die Teppiche zusammengerollt, die Stühle umgedreht, der große Tisch völlig bedeckt mit dem feinen Porzellan- und Kristallgeschirr, das aus Buffet und Schränken herausgenommen war.

O, was will man denn hier von mir? rief er halblaut aus. Was würde der Herr ...

Er hielt plötzlich inne, aber wir alle verstanden seinen Gedanken. Der Coroner wies auf das Zifferblatt der Uhr und fragte:

Wann ist sie zuletzt aufgezogen worden?

Der alte Hatson starrte auf die Uhr, brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schüttelte den Kopf. Dann sah er Fräulein Meredith an und erklärte in bestimmtem Tone:

Das weiß ich nicht mehr. Sie geht schon seit Tagen nicht ordentlich. Nicht wahr, Fräulein Meredith? Ich mußte mich nach meiner Taschenuhr richten, um mit den Mahlzeiten pünktlich zu sein. Warum wollen Sie denn das wissen, Herr?

Er erhielt keine Antwort. Ich bemerkte, daß die Herren von der Polizei nachgerade in Aufregung gerieten, da sie bei ihren Nachforschungen jeden Weg versperrt fanden.

Herr Gillespie machte wirklich ein trauriges Gesicht, ein sehr trauriges Gesicht, als er bei Tisch sah, daß er seinen Wein allein trinken mußte, fuhr der alte Diener fort. In seinem Ton lag eine solche Trauer, daß man ihm anmerkte, einen wie tiefen Eindruck der Vorfall bei der Familienmahlzeit auf ihn gemacht haben mußte. Offenbar wollte er unsere Aufmerksamkeit noch einmal auf diese Szene lenken, denn er fuhr fort: Er erhob sein Glas und sah es lange an, ehe er es leer trank. Ich glaube, er sah unsere jungen Herren alle drei, einen nach dem anderen, an, aber ich mochte doch auch nicht so scharf hinsehen, denn er hatte in dem Augenblick so etwas Feierliches an sich, daß mir ganz seltsam zumute wurde. Ich bin ja doch schon so lange Jahre hier in der Familie gewesen und habe unsere jungen Herren alle drei als kleine Bübchen auf meinen Armen getragen, als ich ins Haus kam. Schließlich trank er das Glas leer – im Stehen. Aber in diesem Glas Wein ist nichts Schlimmes gewesen, meine Herrschaften, denn ich trank nachher den Rest der Flasche aus, und ich bin ganz gesund, wie Sie sehen. Um so trauriger ist meines armen alten Herrn plötzlicher Tod!

Halten Sie jetzt den Mund! rief eine ärgerliche Stimme von dem Vorplatz her. Sie machen ja aus der ganzen Geschichte einen lächerlichen Hokuspokus mit Ihrem verdammten Gequatsche!

Der Coroner winkte dem Diener, er könne abtreten.

Die Atmosphäre des Hauses war jetzt wirklich schwül und beängstigend geworden: zum erstenmal empfand ich den Wunsch, wieder draußen zu sein, und ich wäre auch sicherlich gegangen, wenn es mir nicht leid getan hätte, Hope Meredith mit ihren furchtbaren Gedanken allein zu lassen.

Inzwischen beschäftigte der Coroner sich damit, neue Anordnungen zu treffen:

Dakin, ersuchen Sie die Herren, die oben sind, sie möchten noch einmal auf ein paar Minuten herunterkommen. Herr Doktor, der Leichnam Ihres Patienten kann jetzt fortgeschafft werden ... Ah, da sind ja die Herren, rief er einen Augenblick später aus, als wir Leighton die Treppe herunterkommen hörten. Ich bitte jetzt auch die beiden anderen Söhne des Verstorbenen heranzutreten und aufmerksam auf meine Worte zu hören. Ich erkläre hiermit, daß ich unter den obwaltenden Umständen es für meine Pflicht erachte, eine Jury einzuberufen und über den verstorbenen Herrn Gillespie eine Totenschau abzuhalten. Da die Phiole, die den Geruch der Blausäure unverkennbar an sich trägt, im Speisezimmer gefunden worden ist, so verlange ich jetzt weiter nichts, als daß die beiden Söhne des Verstorbenen, von denen es feststeht, daß sie während der Todesstunde diesen Raum betreten haben, auf ihrem Zimmer unter Bewachung bleiben. Alfred Gillespie ist erwiesenermaßen oben geblieben und steht deshalb für den Augenblick nicht unter Verdacht. Ich würde mich freuen, wenn ich auch den beiden anderen gegenüber die gleiche Rücksicht dürfte walten lassen, aber die vorliegenden Tatsachen erheischen eine Strenge, von der ich nur hoffen will, daß wir sie recht bald nur gegen den wirklich Schuldigen anzuwenden brauchen. Herr Cleveland, ich muß Sie ersuchen, meiner Vorladung gewärtig zu bleiben, und Ihnen, Fräulein Meredith, gebe ich den Rat, keinen Verkehr mit Ihren Vettern zu unterhalten, so lange wir keinen klareren Ueberblick über diesen Fall haben.

Der Coroner wandte sich dem Ausgange zu, als plötzlich Alfred, der bisher vor Georges Augen verlegen seine Blicke abgewandt hatte, auf ihn zutrat und ausrief:

Ich wünsche nicht, daß zwischen meinen Brüdern und mir ein Unterschied gemacht wird. Ich bin mir sicherlich meiner völligen Unschuld bewußt, aber ich kann nicht zugeben, daß mir irgendwelche scheinbaren Vergünstigungen gewährt werden, die zudem nur auf einem Irrtum beruhen würden. Wenn George und Leighton unter Bewachung gestellt werden müssen, weil sie heute abend diesen Speisesaal betreten haben, so verlange ich, daß man mir ebenfalls Zimmerarrest gibt. Denn ich war ebensogut wie sie in diesem Raum; ich suchte nach einem kleinen, goldenen Bleistift, den ich beim Essen aus der Tasche verloren hatte.

Dieses Geständnis, das unter solchen Umständen ohne Furcht vor einem gefährlichen Verdacht gemacht wurde, mußte wohl Sympathie erwecken, und ich fühlte wärmere Gefühle gegenüber diesem Jüngling, der wohl in einer Aufwallung seines heißen Blutes den leiblichen Bruder zu Boden schlagen konnte, es aber verschmähte, von einem Mißverständnis zu Ungunsten dieses selben Bruders Vorteil zu ziehen.

Merkwürdigerweise ließ aber der alte Detektiv sich von der edelmütigen Regung des jüngsten Gillespie nicht im geringsten rühren; es fiel mir auf, daß er mit außerordentlichem Interesse seine ganze Aufmerksamkeit einem an der Wand hängenden chinesischen Gong zuwandte. Plötzlich drehte er sich um und ging auf Alfred zu; in seiner Hand bemerkte ich einen Gegenstand, den ich für ein leeres Trinkglas hielt.

Ist das der Gegenstand, von dem Sie eben sprachen? fragte er den jungen Mann.

Und jetzt sahen wir, daß das Glas nicht leer war; ein kleiner Gegenstand befand sich darin – ein goldener Schreibstift.

Ja, das ist mein Bleistift! rief Alfred. Aber ...

O, in das Glas habe ich ihn selber hineingestellt! unterbrach ihn der alte Herr. Das Glas war vollkommen sauber, Herr Gillespie. Ich versichere Ihnen, daß ich es aufs genaueste untersucht habe, ehe ich den Bleistift hineinlegte. Aber dieser Stift selbst – wenn ich Sie bitten darf, Herr Gillespie – riechen Sie einmal daran!

Eine solche Aufforderung war nur einer Auslegung fähig. Alfred fuhr zurück, seine Augen öffneten sich weit vor Entsetzen, seine Züge verzerrten sich krampfhaft. Dann trat er mit einem plötzlichen Entschluß ganz nahe an Gryce heran und beugte sich über den Stift nieder, den dieser ihm entgegenhielt. Er sprach kein Wort, aber das bedurfte es für uns nicht: schwere Schweißtropfen rieselten über seine bleiche Stirne herab.

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