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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Zehntes Kapitel.

In der allgemeinen Verwirrung, die diesem Ausbruch von Heftigkeit folgte, bemerkte ich zweierlei: erstens, daß Leighton weder dem einen Bruder beisprang, noch dem anderen seine Gewalttat verwies, sondern sich zurückzog. Zweitens, daß Alfreds Wut sich sofort beruhigte, nachdem seine Gefühle sich einen Ausweg verschafft hatten. Er dachte jetzt nur noch an Hope.

Aber er durfte sich ihr nicht mehr nähern. Der Coroner schritt jetzt ein und gebot Schweigen, bis die Polizei mit einer Nachsuchung zu Ende komme, die für die Aufhellung des Verbrechens von der größten Wichtigkeit sei.

Es galt, das Fläschchen zu finden, worin die Blausäure gewesen war, und uns allen wurde mitgeteilt, daß die Polizei so lange danach suchen würde, bis sie Erfolg hätte. Hope Meredith, die sich jetzt dicht bei mir hielt, da sie mich als ihren einzigen Beschützer betrachtete, fragte mich aufgeregt, ob ich wohl glaubte, daß ihre Vettern sich einer Leibesvisitation würden unterziehen müssen. Da der Polizei nichts anderes übrig blieb, nachdem Alfred in seiner Leidenschaft eine positive Anschuldigung erhoben hatte, so bejahte ich diese Frage. Dies brachte sie in die höchste Erregung; sie eilte auf die Tür zu, nachdem sie mir gesagt hatte, sie könnte es nicht mitansehen, daß die drei Brüder sich einer solchen Erniedrigung unterwürfen.

Aber als hätte er ihre Gedanken erraten, bot sich in diesem Augenblick Alfred selber dem alten Detektiv Gryce an, indem er sagte:

Ich habe nichts zu verheimlichen. Untersuchen Sie meine Taschen, wenn Sie wollen. Sie werden aber nichts finden, was Ihre Mühe belohnen könnte. Ich bin nicht der Schurke!

Ein zorniges Knurren, halb unterdrückt, aber deutlich, kam von dem anderen Ende des großen Zimmers, und ich bemerkte dort George, den der Doktor Bennett und Sweetwater kaum zurückhalten konnten, sich auf seinen Bruder zu stürzen. Dann hörte ich die Worte:

»Wenn Sie ihn durchsuchen, so verlange ich dasselbe auch für meine Person. Sie werden bei mir nicht mehr Belastendes finden als bei ihm; wahrscheinlich weniger, denn meine Taschen sind immer offen, während die seinigen ...«

Ein Zähneknirschen, und er schwieg; er konnte vor Wut kein Wort mehr hervorbringen. Seine Leidenschaft war nicht so leicht aufgestachelt wie die seines Bruders Alfred, aber wenn er einmal in Wut geraten war, so hielt diese länger vor.

Ruhe jetzt! Sie werden alle beide Ihren Willen haben! erklärte der Coroner in kaltem Ton. Da die beiden Brüder sich gegenseitig offen beschuldigten, so befreite dies den Beamten von einer Verlegenheit, in der er sich bis dahin befunden hatte: er brauchte sich keinen Zwang mehr aufzuerlegen und konnte ebenfalls offen seinen Verdacht zeigen.

Leighton hatte sich nicht wie seine beiden Brüder freiwillig angeboten, durchsucht zu werden, aber er ließ es ohne Protest geschehen, als auch an ihn die Reihe kam, den Inhalt seiner Taschen vorzuweisen. Doch war ihm anzusehen, daß er dabei mehr litt als die beiden anderen. War vielleicht seine geistige Natur feiner und empfindsamer organisiert, oder verletzte es seinen Stolz, daß auf diese Weise der seltsame Inhalt seiner Taschen an die Oeffentlichkeit gezerrt wurde? Als ich mir einige Minuten später diese Gegenstände ansah, die auf dem großen Tische des Bibliothekzimmers aufgehäuft lagen, da fragte ich mich unwillkürlich, wie rätselhaft doch der Charakter eines Mannes sein müsse, in dessen Taschen unter anderem folgende Gegenstände vereinigt gewesen waren: ein kleines Gebetbuch, eine Frauenlocke, das Musikprogramm eines gewöhnlichen Tingeltangels und eine Photographie, die ich sofort umdrehte, damit nicht das junge Mädchen sie sähe und durch den Anblick in ihrem Schamgefühl verletzt würde.

Die Phiole war bei keinem der drei Brüder gefunden worden.

Hope hatte die Augen mit den Händen bedeckt, um die Durchsuchung ihrer Vettern nicht mit ansehen zu müssen; als diese vorüber war, ließ sie die Hände sinken und begab sich schnellen Schrittes in den Salon. Ich folgte ihr nicht, sondern blieb in der Tür stehen und sah den Polizeibeamten zu, die, mit ihrer jetzt auf das ganze Gebäude ausgedehnten Haussuchung beschäftigt, von Zimmer zu Zimmer gingen. Als ich diese Leute so ruhig, aber mit so selbstbewußten Mienen die Prunkzimmer durchsuchen sah, die einige Stunden vorher selbst auf freundliche Einladung des Hausherrn ihr Fuß nur zögernd würde betreten haben, da kam es mir zum vollen Bewußtsein, in was für einen Abgrund diese bisher so hochangesehene Familie gestürzt war.

Doch ich will in meiner Erzählung fortfahren!

Ich sah Leighton die Treppe hinaufgehen, gefolgt von einem Geheimpolizisten, der wie durch Zauberschlag plötzlich auf der Bildfläche erschien. Dies fiel mir auf, und ich erkundigte mich deshalb, warum es ihm erlaubt werde, sich von seinen Brüdern zu trennen. Mit tiefer Rührung vernahm ich die Antwort: er habe Erlaubnis erhalten, sich ans Bett seines Kindes zu setzen – seines Kindes, das allein von allen Hausangehörigen den gewohnten Schlummer gefunden hatte. Leighton konnte sich also ruhig hinsetzen – unter den Augen eines Mannes, bei dem er nicht viel Verständnis für seine Gefühle voraussetzen konnte, mochten nun diese Gefühle aus beleidigter Unschuld oder aus der Qual eines schuldigen Gewissens entspringen. Wahrlich, dieser junge Mann mußte einen starken Geist und einen eisernen Willen haben!

Daß die Nachforschung nach dem Giftfläschchen wahrscheinlich sehr lange dauern würde, war uns allen sehr bald klar. Zwei Beamte hatten die Zimmer durchsucht, in denen die Dienerschaft schon seit Stunden eingeschlossen verweilte. Sie kamen zurück mit der Meldung, es sei nichts gefunden worden. Zugleich kamen zwei andere von oben und brachten einen gleichen Bescheid über die von ihnen durchsuchten Wohn- und Schlafzimmer der drei Brüder. Sweetwater und Gryce, die die letzte halbe Stunde der Durchstöberung des Speisesaals gewidmet hatten, konnten offenbar ebensowenig von einem Erfolge sprechen. Ich fragte mich bei mir selbst, was die Polizei jetzt wohl zunächst vornehmen würde, da erhaschte ich einen Blick, den der Coroner in der Richtung auf den Salon warf. – Ach! Das Gesetz kennt keine persönlichen Rücksichten; wie es schien, sollte auch sie den Beweis erbringen, daß sie den wichtigen Gegenstand nicht bei sich hatte!

Der Gedanke, daß einer von mir mit mehr als flüchtiger Bewunderung verehrten jungen Dame ein solcher Schimpf angetan werden sollte, empörte mich dermaßen, daß ich ganz außer mir war. In diesem Augenblick trat der Coroner auf mich zu und sagte:

Ich bedaure die Notwendigkeit, Herr Cleveland – aber bei der jetzigen Lage der Dinge müssen Sie sich denselben Anforderungen unterwerfen, die an die anderen am Tatort des Verbrechens anwesend gewesenen Herren gestellt worden sind. Selbstverständlich haben wir die vollste Ueberzeugung von Ihrer Unschuld; aber Sie waren dabei, als Herr Gillespie starb – Sie standen seitdem mehr als einmal in dichtester Nähe bei einem Mitglied der Familie – kurz und gut, es handelt sich um eine Formalität, deren Notwendigkeit Sie als Rechtsanwalt begreifen werden, und die ...

Keine Entschuldigungen! rief ich. Ich bin bereit. Dabei kam es mir unwillkürlich ins Gedächtnis, daß einer von Herrn Gillespies Söhnen im Augenblick des Todes nicht im Hause gewesen war, und ich erriet den Zweck von des Coroners Vorgehen: er schien hauptsächlich deshalb alle Anwesenden durchsuchen zu wollen, um die Beschuldigung mit Bestimmtheit auf Leighton zu lenken. Denn wenn die Phiole nirgends im Hause zu finden war, so mußte die notwendige Schlußfolgerung sich ergeben, daß sie hinausgeschafft war – und die einzige Person, die während der kritischen halben Stunde vor des alten Herrn Tode außer dem Hause gewesen war, hieß Leighton Gillespie!

Der Coroner mußte mir die Gedanken vom Gesicht abgelesen haben, denn er sagte:

Ich weiß, was Sie denken. Das Fläschchen kann draußen in eine Gosse geworfen sein. Aber das wäre das Törichtste, was der Schuldige hätte tun können. Denn der Geruch des Giftes ist unverkennbar, und wir würden es sofort bei Tagesanbruch finden – nun, was gibt's denn?

Sweetwater war an ihn herangetreten und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Das Kind? sagte der Coroner. Ob ich mich an Herrn Leightons Worte erinnere, das Kind solle lieber in seinen Kleidern zu Bette gebracht werden? Gewiß – aber ich kann Ihnen nicht erlauben, den Schlaf des Kindes zu stören. Verbrecher kommen zwar auf seltsame Kniffe, aber das kann ich doch nicht glauben, daß ein Vater zu einem solchen Zweck sein eigenes Kind mißbrauchen würde!

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