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Einer meiner Söhne

Anna Katherine Green: Einer meiner Söhne - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAnna Katherine Green
titleEiner meiner Söhne
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierzehnte Auflage
illustratorG. Mühlberg
yearo.J.
translatorGeorg Rummler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160809
projectida668c1b3
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Neuntes Kapitel.

Des alten Gillespie Brief an seine Söhne lautete folgendermaßen:

George, Leighton und Alfred!

Ich bin euch vielleicht kein guter Vater gewesen, aber stets war ich gerecht gegen euch. Obwohl ihr alle drei, seitdem ihr erwachsen seid, mir manchen Anlaß zur Beschwerde gegeben habt, so bin ich doch niemals unfreundlich gegen euch gewesen und habe euch niemals aus reiner Laune oder um mir in selbstsüchtiger Weise eine Mühe zu ersparen, die Erfüllung eines Wunsches verweigert. Und doch ist einer unter euch, der den Wert meines Lebens so gering anschlägt, daß er selbst vor einem Verbrechen nicht zurückscheut, um mich aus der Welt zu schaffen! Geht euch dies nicht zu Herzen, Leighton, George, Alfred?!

Wir sind eine christliche Familie, sind Mitglieder einer ehrenwerten Gemeinschaft, wir alle sind in der Befolgung religiöser Grundsätze großgezogen, ihr habt die beste, die liebendste Mutter gehabt – nun? greift euch nicht der Gedanke ans Herz, daß einer von euch Vatermord planen, ja sogar zur Ausführung eines solchen Verbrechens schreiten konnte? Mich bewegt dieser Gedanke aufs tiefste, und zwei von euch muß er mit Grauen erfüllen, dessen bin ich gewiß, und das ist auch der einzige und letzte Trost, der mir in meinem vernichteten, elenden Leben noch bleibt. Denn niemals werde ich glauben, daß der Anschlag zwischen euch verabredet war, oder daß der soeben gemachte Versuch, mich ums Leben zu bringen, mehr als einen verruchten Urheber hatte. Eine schuldige Seele ist unter euch, aber nur eine. Den beiden anderen mag jedoch vielleicht die von mir erhobene Anklage als Nachwirkung eines Alpdrucks, eines Fiebertraumes erscheinen; darum will ich euch berichten, was sich diese Nacht in meinem Schlafzimmer zugetragen hat – will es euch in derselben Weise erzählen wie eurer Cousine Hope, als sie mich heute morgen fragte, warum ich euch nicht sehen wolle, wie ich's sonst immer tue, ehe ihr zu eurem müßiggängerischen Tagewerk das Haus verlaßt.

Ich lag im Halbschlummer. Die Lampe, die während meiner ganzen Krankheit ununterbrochen in meinem Zimmer gebrannt hat, warf große Schatten auf Wände und Decke. Obwohl ich nur halbwach war, beschäftigten sich doch meine Gedanken mit diesen Schatten und mit jenem anderen Lichtschein, den die auf dem Treppenabsatz brennende Gasflamme durch die über meiner Tür befindlichen Glasscheiben warf. Dieser Lichtschein war mir stets wie ein guter Kamerad, besonders in schlaflosen Nächten oder wenn unruhige Träume oder körperliche Schmerzen mich gequält hatten. Durch diesen Lichtschein stand ich gewissermaßen mit meinem ganzen Hause in Verbindung und – es mag euch seltsam erscheinen, aber es ist Wahrheit – weil dieses Licht in mein Zimmer fiel, konnte ich so fröhlich euer Anerbieten ablehnen, als ihr mich batet, abwechselnd nachts bei mir wachen zu dürfen. Ich bedurfte eurer Gesellschaft nicht, solange dieses Licht brannte, und meine Schmerzen – nun die muß ja jeder Mensch früher oder später einmal aushalten.

Ich ruhte also in diesem sanft in mein Zimmer fallenden Lichtschein, als er plötzlich erlosch. Davon erwachte ich, denn es ist der strenge Befehl erlassen, daß diese Gasflamme brennen bleiben soll, bis am frühen Morgen die Dienstboten herunterkommen. Aber ich rührte mich nicht in meinem Bett. Ich lag nur still und horchte. Anfangs war ich etwas ärgerlich über diese offenkundige Verletzung meiner Anordnung; bald aber strengte ich alle meine Sinne an, um den Schritt zu erkennen, den ich jetzt leise auf meine Tür zukommen hörte. Aber diese Schritte waren sehr behutsam, und mein Ohr vermochte sie nicht zu erkennen. Dies gefiel mir nicht, und ich horchte deshalb noch schärfer hin. Auf einmal öffnete sich meine Tür, und ein Mensch kam in mein Zimmer herein – sachte, mit langen Pausen zwischen jedem Schritt. So pflegte kein Angehöriger meines Hauses zu mir zu kommen. Ich überlegte mir, ob ich Lärm schlagen oder mir ruhig das Geld sollte stehlen lassen, das ich am Tage vorher von der Bank erhalten hatte. Auf einmal hörte ich ein geflüstertes »Vater«! Es war genau jener Flüsterton, womit ihr alle mich anzurufen pflegt, wenn ihr nachts mein Zimmer betreten und euch zuvor vergewissern wolltet, ob ich schlafe oder wache.

Weshalb antwortete ich nicht, als ich mich anrufen hörte? Hatte ich in letzter Zeit etwas Auffälliges in eurem Benehmen entdeckt? Oder was war sonst in meinem Herzen, daß ich mit geschlossenen Augen und vollkommen wach ruhig liegen blieb? Ich hatte keinen bestimmten Grund, gegen einen von euch mißtrauisch zu sein. Ich wußte, daß ihr Schulden habt, und daß mindestens zwei von euch geradezu in peinlichen Geldverlegenheiten sind, aber so weit gingen meine Gedanken doch nicht, daß ich befürchtete, eins von meinen leiblichen Kindern könnte einen Angriff auf meine Kassette machen. Aber doch – dieser leise, vorsichtige Schritt! Dieser verhaltene Atem! Der Schatten, der langsam, langsam an der Wand in die Höhe stieg! Alle diese Anzeichen deuteten nicht auf einen Sohn hin, den liebevolle Sorge nächtlicherweile in das Krankenzimmer seines Vaters treibt, um über dessen Schlummer zu wachen. Meine Kassette stand in der Nähe des Fensters, dem meine jetzt weit offenen Augen zugekehrt waren, und ich hoffte, wenn ich still liegen bliebe, so würde es mir gelingen, des Eindringlings Gestalt zu erkennen, denn er mußte zwischen mir und dem von der Straßenlaterne schwach erhellten Vorhang hindurch. Aber er ging nicht in dieser Richtung, sondern schlich zu dem kleinen Schrank über dem Waschtisch. Dort stehen, wie ihr alle wißt, meine Arzneifläschchen. Daß er in diesem Schränkchen etwas suchte, erkannte ich an einem leisen Klirren der Fläschchen. »George ist unwohl nach Hause gekommen, oder Leighton hat wieder einen Anfall von seinem furchtbaren Kopfweh« – so dachte ich, und dieser Gedanke war Labsal für mich. Es drängte mich, zu sprechen und mich zu erkundigen, wer von euch krank sei, und welches Medizinalglas gesucht werde. Aber das eigentümliche Gefühl, das mich veranlaßt hatte, ganz still liegen zu bleiben, es wirkte fortwährend noch auf mich, und ich verhielt mich stumm, während die tastende Hand sich immer noch zwischen den Fläschchen und Gläsern zu tun machte.

Plötzlich durchzuckte mich eine Befürchtung – eine Befürchtung, wie sie mir nie vorher in den Sinn gekommen war, eine so entsetzliche Befürchtung, daß in einem Nu mein ganzes seelisches Verhältnis zu meinen Söhnen über den Haufen geworfen wurde – daß eine weite Kluft sich öffnete, wo einen Augenblick zuvor noch Vertrauen und Liebe geblüht hatten. In jenem Schränkchen wurde ja die Arznei aufbewahrt, aus der mein Nachttrunk bereitet wurde – eine Arznei, die, wie ihr alle von unserem Hausarzt gehört habt, ein tödlich wirkendes Gift ist und daher nur in den von ihm vorgeschriebenen Gaben verabfolgt werden darf. Konnte es ein Sohn von mir sein, der nach diesem Giftfläschchen tastete? Hatte George sich wieder einmal auf dem Rennplatz in eine jener Wetten eingelassen, die ihn noch ruinieren werden? Oder hatte Leighton gefunden, daß der Mantel der Religion doch nicht weit genug ist, um Ausschweifungen zu decken, die das Tageslicht scheuen? Oder Alfred – mein Liebling, mein Schmerzenskind, von seiner sterbenden Mutter als letztes Pfand ihrer Liebe mir auf den Arm gelegt – hatte der Müßiggang, dieser Fluch reicher Söhne, ihn lebensüberdrüssig gemacht? Ich weiß, was für verzweifelte Stimmungen über einen Jüngling kommen können, und der Gedanke machte mich erzittern. Aber der Mann, der in dem Schränkchen herumtastete, dachte nicht an Selbstmord. Ein Beben durchlief alle meine Glieder, und das Herz stand mir still in unbeschreiblicher Verzweiflung, als der Eindringling leise, Schritt vor Schritt und mit großen Pausen an das Fußende meines Bettes schlich und von dort an der Wand entlang bis zum Schrank, der, wie ihr wißt, dem Kopfende meines Bettes gegenübersteht. Hinter diesen Schrank stellte er sich, er war in Griffweite von dem Nachttischchen, worauf mein Trank stand, der mir bei Schmerzen und Schlaflosigkeit Linderung und Ruhe verschaffen sollte.

Den meisten wäre es nun in solcher Lage als das natürlichste erschienen, sich umzudrehen und die hinter dem Schrank kauernde Gestalt bei ihrem Tun zu überraschen. So hätte ich allerdings mit Bestimmtheit erfahren, wer von euch sich an meinem Arzneischrank zu schaffen gemacht, ehe er sich an mein Bett schlich. Aber ich dachte anders. Mir genügte es nicht, den Täter zu unterbrechen. Ich wollte den vollen Umfang der mir drohenden Gefahr kennen lernen. Zudem fiel mir eine Bemerkung ein, die Doktor Bennett einmal mir gegenüber hatte fallen lassen, als er mich zu Anfang meiner Krankheit genau untersuchte. »Wären Sie nicht ein so vorsichtiger Mann,« sagte er, »so möchte ich behaupten, Sie hätten etwas Gefährliches zu sich genommen; etwas, was nicht in Ihren Körper hineingehört, etwas, was ich unter anderen Umständen, und wenn ich's bei einem anderen Patienten vorfände, als Gift bezeichnen würde.«

Ich hatte diese Bemerkung damals für Unsinn gehalten und hatte darüber gelacht, und geglaubt, der gute alte Doktor wollte sich damit nur wichtig machen. Aber jetzt war ja wirklich Gift im Hause, und mein eigen Fleisch und Blut stand eine Fußbreite von meinem Arzneiglas hinter dem Schrank. Ich mußte mir Gewalt antun, um den Aufschrei zu ersticken, der aus meiner Kehle hervorbrechen wollte. Aber ich bezwang mich und lauschte und wartete auf das Kommende. O Gott – es war fürchterlich, nicht nur meine Ohren, sondern auch meine Augen sollten die nächste Bewegung des unbekannten Besuchers wahrnehmen! War es Gottes Wille oder geschah es durch Zufall – genug, gerade in diesem Augenblick wurde die Gasflamme auf dem Flur wieder angezündet, und ich sah auf der Wand nicht nur die gewohnten Schattenbilder, sondern noch ein neues dazu – das Schattenbild einer Hand, die ein Fläschchen hielt. Sie kam hinter dem Schrank hervor und bewegte sich dann langsam, aber sicher auf das Tischchen zu, worauf mein Glas stand. Kein Stöhnen, kein Aufschrei kam über meine Lippen. Jeder Gedanke, jedes Gefühl, sogar das Bewußtsein meines unermeßlich tiefen Unglücks trat zurück vor einem einzigen Drang: die Bewegung dieser Hand zu beobachten. Würde sie zittern? Würde ich sie beben oder zaudern sehen auf ihrem kurzen Wege über den schwach beleuchteten Streifen der Wand? Ja – irgend eine Regung des Gewissens, eine geheime Angst oder ein Erwachen kindlichen Gefühles ließ sie einen Augenblick innehalten. Schon wollte mein Herz erleichtert froher schlagen, meine gepreßte Brust sich wieder weiten – da plötzlich setzte die Hand langsam ihren Weg fort. Sie verschwand im Schatten, ich sah nicht mehr als nur noch den Schatten eines Armes, aber ich hörte! Ein – zwei – drei – ein Dutzend Tropfen fielen in meinen Trank. Und dieser Klang, so schwach er, war, er machte doch das verbrecherische Herz des Menschen hinter dem Schrank erbeben. Denn die Hand zitterte, als sie sich zurückzog.

Deutlich bemerkte ich jetzt auf dem beleuchteten Streifen Wand vor mir den mit dem Wort »GIFT« in großen Buchstaben bedruckten Zettel, der sich halb von der Flasche abgelöst hatte, und dessen Umriß sich daher scharf abhob.

Kein Zweifel konnte mehr obwalten. Die Medizin in meinem Glase war verstärkt worden, und zwar von der Hand eines meiner Söhne.

Aber wessen?

Ich fühlte mich in jenem Augenblick so unglücklich, daß diese Frage mir beinahe gleichgültig war. Daß überhaupt einer von euch meinen Tod plante – dieser Gedanke war so furchtbar schmerzhaft, daß er mich vollkommen niederdrückte. Aber als ich nach der ersten Betäubung wieder imstande war, zu denken, da bemächtigte sich meiner eine wilde Begier, sofort zu wissen, was und wen ich zu fürchten hätte. Und damit mischte sich ein anderes Gefühl, das ich nicht leicht genau beschreiben kann. Am besten schildere ich es vielleicht, wenn ich sage: es war eine Art Furcht, meinen Verdacht zu verraten und dadurch zwischen meinen Kindern und mir eine unübersteigbare Schranke aufzurichten.

Meine Erregung niederkämpfend und die ganze Verstellungskunst aufbietend, womit die Natur mich begabt hat, richtete ich mich plötzlich im Bette auf, wie wenn ein unruhiger Traum mich aufgeschreckt hätte, und rief mit noch halb schlaftrunkener Stimme:

Wer ist da? Bist du's, George? Wenn du's bist, so reiche mir, bitte, meine Medizin!

Aber kein George trat vor.

Leighton? rief ich jetzt laut. Ganz bestimmt höre ich doch einen von euch im Zimmer!

Aber mein Sohn Leighton antwortete nicht!

Alfred rief ich nicht. Ich konnte es nicht! Er war der letzte Sohn, den sie mir schenkte. –

Tat ich den beiden anderen unrecht, indem ich nicht auch seinen Namen rief?

Hinter dem Schrank rührte sich nichts; aber plötzlich hörte ich eine schnelle Bewegung, eine Tür wurde geschlossen, und ich merkte, daß der Eindringling auf einem Wege, an den ich nicht gedacht, seine Flucht bewerkstelligt hatte. Er war durch das Ankleidezimmer entwischt, das mit meinem Schlafzimmer in Verbindung steht und eine Ausgangstür nach dem Flur hat.

Ich hatte mich bis dahin sehr krank und schwach gefühlt, aber als ich die Tür sich schließen hörte, da sprang ich mit einem Satz aus dem Bett und versuchte, den Flur schneller zu erreichen als mein Mörder. Aber ich muß fast augenblicklich in Ohnmacht gefallen sein, denn als ich wieder zu mir kam, fand ich mich beim Fußende meines Bettes am Boden liegen, und der Zeiger der Uhr wies genau auf zwei.

Ich richtete mich mit Mühe auf und wankte zu meinem Bett zurück. Ich hatte weder den Mut noch die Kraft, die Sache sofort weiter zu verfolgen. Ich war wirklich geradezu von einer körperlichen Angst ergriffen – wahrscheinlich eine Folge meiner Krankheit – die es mir völlig unmöglich machte, alle Zimmer meines Hauses zu durchschleichen, und in Augen, die es bis zu dieser unseligen Stunde doch nur an Ehrerbietung gegenüber meinen Wünschen hatten fehlen lassen, nunmehr nach Zeichen der Schuld zu spähen.

Aber was für eine unsägliche Qual war es, in einer Ungewißheit, die mit ihrem dunklen Schatten alle meine drei Söhne mir verdächtigte, so daliegen zu müssen! Stunde auf Stunde erklangen in meinen Gedanken immer nur die drei Namen George, Leighton, Alfred. An jeden dieser geliebten Namen klammerte meine Hoffnung sich an, um jedoch bald wieder zu quälendem Zweifel zu werden, wenn ich daran dachte, daß keiner von euch sich stark gegen die Versuchungen der Welt gezeigt hat, sondern daß ihr alle denselben stets unterlaget. Keiner von euch hat einen so unantastbaren Charakter, daß ich in dieser fürchterlichen Zwiesprache, die ich mit meinen Gedanken hielt, mit Bestimmtheit hätte sagen können: »Dieser wenigstens ist unschuldig!« Wenn ich mir zurief: »George ist eine edelmütige, gutherzige Natur!« – so vergegenwärtigte ich mir doch sofort seine wilde Verschwendungssucht und sein leichtsinniges Schuldenmachen. Tröstend kam mir der Gedanke an Leightons strenge Rechtlichkeit und innige Frömmigkeit – aber dann fiel mir wieder ein, was man mir alles über gewisse geheime Neigungen meines Sohnes hinterbracht hatte – Neigungen, die ihn zu Kreisen hinzogen, in denen man ein Verbrechen leicht nimmt, wo bei jedem Zechgelage Mord und Todschlag sich ereignen kann. Dann Alfred – der jüngste, aber in seinem Wesen von einem Ernst, der über seine Jahre hinausgeht, hatte er je ein Streben gezeigt, woraus ich in meiner verzweifelten Herzensangst hätte Trost schöpfen können? Konnte ich einen Verdacht, der seinen Namen mit dem fluchwürdigsten Verbrechen in Verbindung brachte, ohne weiteres als eine beschimpfende Unmöglichkeit zurückweisen?

Dann stiegen in meiner Phantasie euere Kindergesichter auf. Ich sah vor mir George, wie er seine erste Schulprämie nach Hause brachte; Leighton, wie er sich ein neues Paar Schlittschuhe versagte, um das Geld einem weinenden kleinen Betteljungen auf der Straße geben zu können; Alfred, wie nach überstandener Fieberkrankheit seine Wangen von neuem den rosigen Schimmer der Gesundheit annahmen. Diese jungen, unschuldigen Gesichter sah ich um mich her, und um so stechender fühlte ich den Schmerz über die Veränderung, die ein paar kurze Jahre hervorgebracht hatten. Damals – drei frische, helläugige Knaben; jetzt – diese entsetzliche Frage: »Wer ist es?«

So lag ich nun mindestens eine Stunde; dann erst fiel mir ein, daß der Täter die Phiole nicht wieder in den Schrank gestellt hatte. In wessen Besitz würde ich sie finden? Würde ich das Haus danach durchsuchen müssen? Ein kalter Schauer durchrann mich bei dem unerträglichen Gedanken, in meinem eigenen Hause als Detektiv auftreten zu sollen. Dann das Glas mit dem vergifteten Trank! Noch immer stand es an meiner Seite; wenn ich ihn unberührt ließ, konnte man glauben, ich hätte Verdacht geschöpft, und das konnte möglicherweise mein Verderben nur noch beschleunigen. Es galt also, das Gift zu beseitigen, ohne daß der Täter auf den Gedanken kommen konnte, ich hätte seinen Anschlag entdeckt. Nur ein einziger Plan bot sich meinem fieberhaft arbeitenden Hirn dar, und diesen führte ich sofort aus. Ich streckte meinen Arm aus und fegte damit das Glas vom Tischchen herunter. Mit seltsamen Empfindungen hörte ich es fallen und über den Fußboden rollen. Dann erwartete ich den Anbruch des Tages in einem Seelenzustand – nun, ich glaube, viel anders ist dem Mann nicht zumute, der sein letztes Stündlein erwartet. Denn mein Herz hing noch immer an meinen Söhnen, obgleich es wußte, daß einer von ihnen ein Ungeheuer an Undankbarkeit und Verruchtheit war.

Als Hatson und die Mägde herunterkamen und mit ihnen das Leben im Hause zu erwachen begann, klingelte ich und ließ Hope rufen. Sie kam herein mit ihrem strahlenden Antlitz und einem glückseligen Lächeln. Sie hatte sich von einem erquickenden Schlaf erhoben, und niemals vorher war sie mir so schmuck und lieblich erschienen – vielleicht kam das davon, daß meine eigenen Gedanken so düster gewesen waren. Aber ihre Wangen erbleichten, als sie an mein Lager herantrat und bemerkte, wie elend ich aussah. Und in plötzlicher Angst rief sie aus:

Was für eine böse Nacht müssen Sie gehabt haben, Onkel, Sie sehen ja heute morgen ganz jämmerlich aus; Sie hätten mich früher sollen rufen lassen!

Ich bot alle meine Verstellungskunst auf und antwortete möglichst heiter:

Ich habe heute nacht im Schlaf mein Medizinglas umgestoßen. Vielleicht sehe ich deshalb so angegriffen aus, ich habe nämlich seit vier Uhr nicht mehr schlafen können. Sage das auch meinen Söhnen, wenn einer von ihnen beim Frühstück nach mir fragen sollte.

Mit ihrer zarten Mädchenhand, die sich so gut auf Krankenpflege versteht, schob sie meine Kissen zurecht; dann ging sie um das Bett herum, um es auch auf der anderen Seite in Ordnung zu bringen; dabei stieß sie mit dem Fuß an einen kleinen Gegenstand, bückte sich danach und rief verwundert aus:

Aber was ist denn das?

Ich dachte, sie würde mir das Medizinglas zeigen, statt dessen hob sie das Fläschchen auf. Der Eindringling hatte es neben dem Schrank auf den Fußboden gestellt und es nicht mit sich hinausgenommen, wie ich natürlich vermutet hatte.

Ich bemühte mich, möglichst unbefangen dreinzusehen und sagte, ich hätte wohl das Fläschchen zugleich mit dem Glase heruntergeworfen. Aber dieses kleine Manöver mißlang mir kläglich. Als ich ihr in das liebe Mädchenantlitz sah, das aus jedem Blick mir Liebe entgegenstrahlte, verlor ich alle Selbstbeherrschung, streckte flehend meine Arme nach ihr aus und rief:

Komm an mein Herz! Lass' mich ein treues Haupt an meiner Brust fühlen!

Sofort kam es mir zum Bewußtsein, daß ich ein Wort zu viel gesagt hatte. Sie ließ sich von mir liebkosen und umarmte mich zärtlich, aber ihr Blick, den ihr ja alle kennt und liebt, trübte sich, und ich las eine zweifelnde Frage darin, eine so bange Frage, daß ich mich verwünschte, Unruhe in ihre unschuldige Brust geworfen zu haben.

Wie? ein treues Haupt? wiederholte sie. Sind nicht noch andere in diesem Hause? George und Alfred lieben Sie ehrerbietig, und dann Claire – gewiß, kein Kind kann mit innigerer Zärtlichkeit an seinem Großvater hängen als unsere liebe Kleine!

Warum hatte sie nicht auch Leightons Namen genannt?

Ich versuchte mich mit ein paar gestammelten Sätzen herauszureden, aber der Versuch war nicht eben erfolgreich. Als sie aus dem Zimmer ging, machte sie ein ganz verstörtes Gesicht, und deshalb rief ich sie schnell zurück und sagte zu ihr in ernstem Tone:

Ich möchte, daß du dein Lächeln wiederfindest. Georges Verschwendungssucht und Alfreds Launen sind dir nichts Neues. Ich habe heute nacht darüber nachdenken müssen – das ist das Ganze. Aber es wäre mir lieb, wenn meine Söhne nichts davon erführen.

Auch ich konnte es nicht übers Herz bringen, Leightons Namen auszusprechen.

Hope hielt immer noch das Giftfläschchen in der Hand. Ich konnte es nicht mehr vor meinen Augen sehen und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, sie solle es wieder in den kleinen Schrank hineinstellen. Ich sah, wie sie die Lippen öffnete, als ob sie eine Frage an mich stellen wollte. Aber sie schien sich das Herz dazu nicht fassen zu können, denn sie ging, ohne ein Wort zu sagen, an das Schränkchen und stellte die Flasche hinein. Aber beinahe augenblicklich nahm sie sie wieder heraus und rief:

O, Onkel! Es ist ja nicht mehr so viel darin wie gestern abend! Ich weiß ganz bestimmt, daß sie da noch halb voll war.

Ich erinnerte mich, daß sie mir mein Medizinglas zurecht gemacht hatte.

Und ich hatte die Flasche wieder in den Schrank hineingestellt! fuhr sie fort. Onkel – wie kommt es, daß sie jetzt neben Ihrem Bett auf dem Fußboden lag? Sie haben doch nicht versucht, die Dosis stärker zu machen? Sie wissen doch, daß Sie das nicht dürfen! Dr. Bennett sagte ja, drei Tropfen in einem halben Glas Wasser – das sei das höchste, was Sie nehmen dürften!

Mir fiel kein Wort der Erwiderung ein. Mein Kopf war mir öde und schmerzte und vermochte keinen Entschuldigungsgrund auszudenken. Ich protestierte nur mit einem langsamen Kopfschütteln und einem gezwungenen Lächeln, dessen Bedeutung sie nicht verstand.

Ich will doch lieber bei Ihnen bleiben, sagte sie sanft. Wenn Nellie Ihr Frühstück heraufträgt, kann sie für mich gleich etwas mitbringen; es wird ein Tischchen an Ihr Bett herangeschoben und dann essen wir tête-à-tête.

Aber dies paßte mir nicht in meine Pläne; ich sagte daher:

Nein; wenn du es wünschest, kann Nellie mich beim Frühstück bedienen; aber ich möchte, daß du hinuntergehst. Deine Vettern werden dich schmerzlich vermissen, wenn du nicht da bist, um den Kaffee einzuschenken. Alfred ist neuerdings von einer ganz erstaunlichen Pünktlichkeit und George wetteifert darin mit seinem jüngeren Bruder. Leighton kam ja auch früher schon niemals zu spät.

Ihre Wangen wurden rot wie dunkle Rosen. Niemals hatte ich vorher auch nur eine Andeutung auf die Liebe gemacht, die ihr Hope entgegengebracht habt, von dem Augenblick an, wo ihre Schönheit und Fröhlichkeit Sonnenschein in unser kaltes Haus brachte.

Ich sah ihr Erröten mit Freuden, und zugleich gab es mir einen Stich in das Herz. Denn wenn Hope einen meiner Söhne liebte – und wenn etwa gerade dieser es wäre, der ... ich vermochte den furchtbaren Gedanken nicht auszudenken. Ich durfte nicht an mich allein denken – ich mußte auch auf einen anderen Menschen noch Rücksicht nehmen. Eure Mutter ist tot und im Paradiese, aber Hope ist jung, und ich durfte ihr nicht zumuten, auf ihre Seele eine so schwere Last zu nehmen, unter welcher ich selbst zusammenbrach. Nicht bloß um meinet-, sondern eher noch um ihretwillen mußte ich wissen, wer von euch mit dem Brandmal verruchter Sünde gezeichnet ist. Ich mußte wissen, wem von euch ich trauen könnte und wen ich zu fürchten hätte. Und damit mir diese Pläne nicht durchkreuzt würden, mußte ich vor allen Dingen verhindern, daß der Schuldige durch eine Veränderung in Hopes Wesen gewarnt würde. Ich sagte ihr also noch einmal:

Ich möchte dich erst lächeln sehen, Hope! Sonst muß ich ja denken, du siehst mich für kränker an, als ich bin. Ich bin wirklich beinahe wieder ganz gesund, Hope. Meine Krankheit ist, dank Dr. Bennetts Behandlung, vorüber, und wenn ich nur erst auch diese Anfälle von krankhafter Beängstigung nicht mehr habe, die ohne Zweifel nur eine Nachwirkung der von mir eingenommenen starken Arzneien sind, so bin ich wahrhaftig wieder ganz der Alte. Nach dem Frühstück komm, bitte, wieder zu mir. Es sind vielleicht ein paar Briefe da, die sofort beantwortet werden müssen.

Da ich in ganz natürlichem Ton zu ihr sprach, so beruhigte sie sich. Meine Aufregung hatte mir die Wangen gerötet, und so sah ich wahrscheinlich nicht mehr so krank aus. Mit einem Lächeln ging sie hinaus.

Nellie brachte mir mein Frühstück, und ich zwang mich, etwas zu essen. Meine Denkkraft fand allmählich ihr Gleichgewicht wieder, mein Wille erstarkte. Im Augenblick, als ich meine Serviette zusammenfaltete, kam Hatson in mein Zimmer und brachte mir einen ganz besonderen Leckerbissen, den Hope eigenhändig auf Spiritus für mich bereitet hatte. Aber ich konnte nicht davon essen. Ich mußte unwillkürlich denken, sie hätte etwas von meinen Gedanken erraten und schickte mir deshalb etwas, was ich ohne jede Furcht essen könnte. Als Hatson wieder hinausgehen wollte, fragte ich ihn, ob ihr auch alle wohl wäret. Ein erstauntes »Ja!« war seine Antwort, und ich setzte daher, meine erste Frage erläuternd, hinzu, ich hätte während der Nacht jemanden auf dem Flur gehen hören.

Das war Fräulein Meredith, erklärte er mir. Ich hörte vorhin, wie sie beim Frühstück Herrn George erzählte, sie sei gegen ein Uhr hinuntergegangen und habe an Ihrer Tür gehorcht, ob Sie auch ruhig schliefen. Sie sagte, die Gasflamme auf dem Flur sei ausgeblasen gewesen, und sie habe sie wieder angezündet. Ich hatte das Glasdach oben offen gelassen, wie Sie befohlen; das ist in diesen stürmischen Nächten nicht gut, Herr!

Diese Mitteilung regte mich auf. Wie wunderbar, daß sie in jenem gefahrdrohenden Augenblick, der mich tief unglücklich machte, an meiner Tür war. Hatte sie nicht vielleicht gar einen Blick von dem Mann erhascht, der unmittelbar darauf sich aus meinem Ankleidezimmer herausgeschlichen haben mußte? Vielleicht konnte ich auf diese Weise im Nu eine Lösung des Rätsels erhalten. Ich winkte Hatson, daß er gehen könne, und als gleich darauf Hope zurückkam, zog ich sie sanft, aber entschlossen an meine Seite, so daß sie auf den Bettrand zu sitzen kam, und sagte lächelnd zu ihr:

Ich habe soeben erfahren, wie mein liebes Mädchen ihres Onkels Schlummer bewacht. Du machst dir zu viel Mühe um mich; mir wäre es lieber, wenn du deinen ungestörten Schlaf hättest. George hat ja sein Zimmer auf diesem Flur; wenn du dich so um mich sorgst, so laß lieber ihn in der Nacht aufstehen und nach meinem Befinden sehen.

George wacht nicht auf, wenn er nicht geweckt wird! antwortete sie. So gut er's auch meint, so kann ich mich doch nicht auf ihn verlassen.

Nun, dann Leighton. Er hat einen leisen Schlaf. Du hast ja oft gesagt, du habest ihn bis um drei Uhr in der Frühe in seinem Zimmer auf- und abschreiten hören!

Aber jetzt schläft er besser. Alfred könnte ja vielleicht mal hineinsehen, wenn er nach Hause kommt; aber in letzter Zeit kommt er nicht mehr so spät heim als früher. In dieser Hinsicht lebt er ganz regelmäßig, seitdem Sie krank sind.

Waren ihre Augen wirklich ganz ehrlich? Ja, sie waren so klar wie der Himmel, dessen Farbe sie widerspiegelten. Ich ergriff ihre Hand; jetzt galt es die Frage, von deren Beantwortung alles abhing!

Wer war heute nacht gleichzeitig mit dir auf? Ich habe ganz deutlich eines Mannes Schritte auf dem Flur gehört, und das war gerade um die Zeit, als du die Gasflamme wieder anzündetest.

Wußten Sie etwas von dem Gas? fragte sie. Ich fand die Flamme ausgeblasen, aber den Hahn nicht abgedreht; es roch furchtbar. Auf dem Flur bin ich jedoch niemandem begegnet. Das müssen Sie wohl nur geträumt haben, Onkel!

Das kann sein, murmelte ich. Ich war im Zweifel, welche Fassung ich meiner nächsten Frage geben sollte. Wann gingst du wieder nach oben? fragte ich schließlich.

O, sofort. Ich hielt mich keine Minute auf, als bei Ihnen alles ruhig war. Es war kalt im Treppenhaus; Hatson hatte das Fenster im Glasdach offen gelassen. Ich mußte ein Streichholz holen; dabei war mir ganz kalt geworden und ich ging deshalb sehr schnell wieder in mein Zimmer.

Stand Leightons Tür offen? fragte ich weiter. Oder hörtest du, daß eine Tür zugemacht wurde, nachdem du wieder nach oben gegangen warst?

Sie beugte sich über mich und sah mir mit ängstlichem Ausdruck ins Gesicht. Nach einer kurzen Pause rief sie:

Warum stellen Sie mir so viele Fragen, Onkel, und in einem so harten Ton? Wäre denn etwas Schlimmes dabei, wenn meine Vettern aufgewesen wären, oder wenn ich einem von ihnen auf dem Flur oder der Treppe begegnet wäre?

Unter gewöhnlichen Umständen nicht. Aber heute nacht ...

In meiner Schwachheit hatte ich mich verraten! Aber es war gut; ich mußte mein Geheimnis einer Menschenseele mitteilen, schon um meiner Sicherheit willen. Die Ungewißheit lastete zudem auf mir mit Zentnerschwere, sie benahm mir fast den Atem. Und Hope wußte, daß ich ihr etwas Furchtbares mitzuteilen hatte. Ich sah das an dem weißen Zug, der ihre Lippen umgab, und spürte es an dem krampfhaften Druck ihrer Hand, die ich in der meinigen hielt.

Ich dachte nicht mehr daran, daß Hope noch ein blutjunges Mädchen ist, ich vergaß alle Pläne, die ich in den schlaflosen Stunden der langen Nacht geschmiedet; und ich zog sie zu mir heran und flüsterte ihr in wenigen inhaltschweren Sätzen die Schmach ins Ohr, die unser Haus betroffen. Ein Zittern des Entsetzens durchrann ihre Glieder, als sie erfuhr, welch ein Angriff auf mein Leben gemacht worden war. Und nie werde ich den Ausdruck ihrer Augen vergessen, als sie sich zuletzt zurückbog und in schweigender, angstvoller Unruhe mich ansah, als erwartete sie von mir die Antwort auf die Frage: Wer war es?

Meine Söhne! Ich konnte ihr auf die Frage ihres Blickes keine Antwort geben, und kann es auch jetzt noch nicht. Bald darauf kamet ihr alle drei in mein Zimmer, und alle drei sagtet ihr ein paar Worte über die schlimme Nacht, die mich so furchtbar angegriffen hätte. Und ich wagte es nicht, in euren Augen zu lesen! Als ihr mir von Angesicht zu Angesicht gegenüberstandet, da schreckte ich zurück vor der so heiß ersehnten Lösung des furchtbaren Rätsels. Vielleicht weil ihr alle drei mir gleich lieb seid. Vielleicht weil vor meinem inneren Blick eurer toten Mutter Bild über euren Häuptern schwebte.

Und als ihr von mir ginget, da waren meine Zweifel so stark wie vorher; ich war wieder mit Hope allein, und wir sahen uns wieder dem Geheimnis gegenüber, das sich diese Nacht um meine Zukunft gewoben hatte. Hope freilich war voll Vertrauen, aber ich konnte dieses nicht teilen. Sie glaubte an die volle Unschuld des Mannes, der ihr der liebste ist, aber sie wollte mir nicht sagen, wen von euch sie so innig liebt. Ich sah mich lediglich auf Vermutungen angewiesen. Und selbst ihr starker Glaube geriet ein wenig ins Wanken, als wir den ganzen Fall im einzelnen durchsprachen; sie suchte Gegengründe vorzubringen, aber eben daran erkannte ich, daß sie nicht eher wieder Frieden und Sicherheit finden wird, als bis zweifellos festgestellt ist, wer von ihren Vettern der Verbrecher ist.

Für mich ist Ruhe und Glück auf ewig dahin. Ich werde heute abend jedem von euch tausend Dollars schenken – heute ist der Jahrestag meiner Hochzeit! – und vielleicht wird diese Gabe das Gewissen des einen rühren, dem mein Geld mehr wert ist als mein Leben. Mein Testament werde ich nicht ändern, aber ich werde das Gerücht verbreiten, ich hätte große Verluste gehabt, die nur durch eine glückliche Spekulation wieder gutgemacht werden könnten.

Vielleicht wirkt dies auf das habgierige Gemüt, das mir beinahe mein Leben geraubt hätte, und ich erhalte dadurch einen Aufschub, der es mir ermöglicht, selbst herauszufinden, wer von euch der Schurke ist.

Aber wenn diese Maßregeln sich als unzulänglich erweisen, wenn ich der Hand, die mörderisch über meinem Haupte schwebt, zum Opfer fallen soll, wenn meine Vorsicht und Hopes Wachsamkeit die Wiederholung des Verbrechens nicht abwenden können, – nun, dann soll dieser Brief, den ihr alle drei gemeinsam lesen müßt, die Strafe für den Schuldigen sein. Keiner von euch wird diese Zeilen lesen, außer wenn ich wirklich durch ein Verbrechen meinen Tod finde. Aber wenn es geschieht, so fordere ich hiermit den Schuldigen auf: Sprich! Bei meinem Fluch und bei dem Zorn des beleidigten Gottes, sprich! Gestehe dein Verbrechen in der Gegenwart deiner beiden schuldlosen Brüder!

Wenn der Schuldige dies getan hat, so mag er seinen Teil vom Erbe nehmen, oder er mag darauf verzichten. Mir soll es recht sein, und möge Gott, dessen Gebote er zwiefach übertreten hat, es vergessen, ein Verbrechen zu rächen, das von dem Opfer selbst bereits verziehen ist.

Zweien meiner Söhne, deren Kindesliebe niemals gewankt hat, hinterlasse ich meinen Segen. Mögen sie recht glücklich sein, und möge einer von ihnen die Liebe des teuren Mädchens sein eigen nennen dürfen. Möge es mir gelungen sein, durch diesen Brief von Hopes Zukunft die Wolken zu verjagen.

Archibald Gillespie.

Diesen Brief, dessen Inhalt wir erst später erfuhren, las Leighton mit totenblassen Lippen seinen Brüdern vor.

Kaum hatte er das letzte Wort gesprochen, so sprang Alfred in wilder Leidenschaft auf George zu, rief mit entsetzlicher Stimme: Du bist der Mann! und schlug ihn unbarmherzig zu Boden.

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