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Gutenberg > Georg Hermann >

Einen Sommer lang

Georg Hermann: Einen Sommer lang - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleEinen Sommer lang
publisherVerlag Ullstein & Co.
printrun16.-20. Tausend
year1917
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectidb34d0e96
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Einer der mir liebsten Schriftsteller, der Ire George Moore – er war erst Maler und ein Freund Manets, und dadurch hat er im Sehen einen großen Vorsprung vor den Nurschriftstellern, und er ist als Sohn einer blonden Rasse durch das romanische Frankreich des Impressionismus hindurchgegangen und hat dadurch einen großen Vorsprung vor beiden Kulturen – er ist übrigens kein Schriftsteller für den Leser, er ist ganz Detail, er ist mehr ein Schriftsteller für den Schriftsteller – dieser George Moore sagt einmal irgendwo, daß er sich aus dem August unter allen Monaten des Jahres am wenigsten mache, weil er keine Bewegung, kein Vorwärtsschreiten, keine Entwicklung habe, sondern einen Stillstand bedeute. Das ist nicht ganz richtig. Die Bäume, gewiß die Bäume sind im August etwas langweilig und gleichförmig. Das Laub ist blaugrün und schwer. Auch das Licht ist weniger amüsant als sonst, als ob es nicht von der Sonne käme, sondern erst noch einmal von einem großen Blechschild zurückgeworfen würde. Die Natur ist auch ein wenig müde des Gebärens. Sie sagt: Wachst heran, vollendet euch, geht euren Weg! Ich kann nichts mehr für euch tun. So, Kinder: bis hierher habe ich euch gebracht, nun helft euch selber weiter!

Aber da sie alle eine gute Kinderstube haben und tüchtig von Haus her sind, so besinnen sie sich nicht lange und machen allein ihren Weg weiter. Die Apfelbäume senken von Tag zu Tag ihre Zweige mehr unter der Fruchtlast, die Pflaumenbäumchen werden blauschimmernd. Die vergilbten Kornfelder rascheln deutlich: Wir sind müde, bringt uns zur Ruhe. Die Astern, die Dahlien, die Georginen, die Sonnenblumen rufen den Rosen zu: Platz da, abdanken, jetzt kommen wir, und sie recken sich immer höher in Rot, Blau, Gelb und Lila!

Die Vögel haben jetzt mehr zu tun als zu singen. Die ersten Kinder sind schon in die Welt entlassen. Mit denen hatte man's leicht. Da gab's Raupen, grüne Raupen und alles mögliche – die Hülle und Fülle. Man brauchte nur einfach sie aufzupicken und sie ihnen in die Schnäbel zu stopfen, und die Kinder, sie gediehen wie von allein. Aber jetzt haben diese Raupen lange schnelle Beine und schwirrende Flügel bekommen, müssen gejagt werden, und für unzählige von ihnen hat sich schon das Rad ihres kurzen Daseins einmal um sich selbst gedreht, um auf ein Jahr still in sich wieder zu ruhen. Nein, es ist wirklich nicht so leicht mehr, die Kinder großzukriegen, und wenn es etwa vorzeitig Herbst wird – und das ist möglich, denn das Heidekraut fängt schon an zu blühen – dann muß man einfach fort und sie hier in Hunger und Kälte im Stich lassen. Der große gelbe Vogel, der immer »Bülow, Bülow« schrie – er war ein politischer Vogel und machte allenthalben von früh an Propaganda für den kommenden Kanzler – war schon seit einer Woche fort. Und der andere, der immer »Kuckuck« schrie – man war in Vogelkreisen nicht gut auf ihn zu sprechen, es gab da so gewisse dunkle, jedenfalls nicht ganz geklärte Punkte im Leben dieses Kavaliers – ging auch demnächst. Und die Raubritter und Wegelagerer, von denen es erst nur ein paar gegeben hatte, hatten sich erschrecklich vermehrt. Täglich berichteten die Schwalben – die waren schneller als sie, die fürchteten sie nicht – von erschlagenen Finken und Drosseln und von ganzen Nestern, die zerstört und auseinandergerissen waren, und von deren friedfertigen Bewohnern keiner mit dem Leben davongekommen war.

Man hatte schon seine Sorgen. Wie sollte man da singen!

Annchen und Fritz Eisner aber hatten keine Sorgen oder wollten keine haben. Sie nahmen ihre Wege wieder auf und vergaßen auch nicht den mit den Bänken aus Birkenästen, in dem nicht mehr die Leuchtkäfer über die runden weißen Teller der Holunderblüten flogen, sondern an deren reifenden Beeren des Abends noch einmal, ehe sie ihren Schlafplatz suchte, die Drossel zupfte, um sich zu überzeugen, wie weit sie wären, und wann sie denn mit der Ernte beginnen könnte ... so wie ein Landmann, der des Abends vom Feld heimkommt, im Vorbeigehen eine Rübe aus dem Boden zupft, sie durchbricht, ansieht und fallen läßt.

Nun ja, Doktor Fischer war gestorben, und er hatte, wie er es vorausgesagt hatte, seine letzte Reise nach Hamburg angetreten, um den Rest seines Daseins in einer Art Konservenbüchse zu verbringen, nicht viel größer als eine solide Zweipfundpackung von Stangenspargel. »Sein Herz ist wohl so nicht das beste gewesen, und da hatte er es an dem heißen Sonntag durch die weite Wanderung noch überanstrengt. Ich habe ihn immer beschworen, es nicht zu tun, aber er hat nicht auf mich hören wollen,« sagte die Kapitänswitwe zu Frau Luise Lindenberg. »Ich verliere in ihm einen väterlichen Freund, um den ich nicht nur mit der Kleidung, sondern mit dem Herzen traure. Aber meinen Kindern war er beinahe mehr als das.«

Etwas, das die Kapitänswitwe in dieser allgemeinen Form und so weitgehend keineswegs behaupten konnte.

Und dann ging die Kapitänswitwe mit Lieschen, dem Südseetyp – es sah in seinem Trauerkleidchen und mit dem dunklen Gesicht wie eine junge Dohle aus – an der Hand fort, weil sie drin in Potsdam etwas bei einem Notar zu tun hätte und nicht zu spät dort sein wollte. Von ihrem großen wundervollen – er war das Mittelstück, die Hauptzierde, der Stolz des ganzen Witwenkongresses gewesen –, von ihrem Trauermarsch von Witwenhut aber flatterte lang und breit der schwarze wehende Schleier hinter ihr her. Und er bewies oder richtiger demonstrierte – denn Grundsätze sind ja nicht beweisbar –, also er demonstrierte wieder einmal den unumstößlichen mathematischen Grundsatz: »Die Tiefe der Trauer einer Frau verhält sich umgekehrt proportional zur Länge ihres Schleiers.«

Frau Lindenberg aber stand und sah den beiden nach und sagte: »Ach Gott, es ist wohl für den armen Irren so das Beste gewesen. Wer weiß, was ihm noch alles bevor gestanden hätte! Von der Frau aber finde ich es geradezu ergreifend.«

Immerhin hoffte Frau Luise Lindenberg, daß die Kapitänswitwe mit der Zeit – und sie heilt ja jede Wunde – darüber hinwegkommen würde. Denn so ist ja doch einmal das Leben des einzelnen beschaffen, daß es, durch Fremdes noch so sehr aus dem Gleichgewicht gestoßen, immer wieder zu sich und zu seinem eigenen Schwerpunkt zurück muß. Das heißt, mit diesen Worten sagte sich Frau Luise Lindenberg das nicht. Aber dem Sinn nach empfand sie das Gleiche. Und es war sicher ein ganz richtiger Schluß. Nur die Voraussetzungen waren hier unzutreffend.

Annchen aber war recht traurig. Sie hatte doch so wundervolle Blumen durch Fritz Eisner aus Doktor Fischers Gärtnerei bekommen. Und damit war es jetzt aus. Denn die Gewächshäuser wurden ausgeräumt, in ganzen Karren und Wagen fuhren die Leute Töpfe und Kübel mit Kamelien, Azaleen und Rhododendren weg; und die schönen Rosenstöcke wurden auch fortgenommen. Es sah wüst und traurig aus. Ein paar Beete mit Nelken hatte man gelassen und ein paar Georginen, die am Zaun wuchsen. Aber da sie niemand mehr zusammenband, fielen sie nach allen Seiten zu einem wirren Gestrüpp auseinander.

Annchen hätte noch gern davon ein paar Blumen gehabt, denn sie liebte Blumen sehr. Es lag tief in der musikalischen Grundbetonung ihres Wesens, daß sie an den hübschen, kleinen, bunten Liedern der Natur so hing. Nun ja, draußen gab es ja auch noch immer genug, und sie mußte dann eben sich Feldsträuße binden, an Wegrainen irgendein paar Gräser und Margeriten und Glockenblumen zusammensuchen, um die Vasen irgendwie zu füllen. Das war ja auch nett genug, aber es glühte, leuchtete, prunkte und duftete doch nicht so wie die Sträuße von vordem.

Wenn aber Annchen und Fritz Eisner, wie oben bemerkt, sich keine Sorgen machten, so kann man es von Hannchen und Egi Meyer nicht behaupten. Im Gegenteil, trotzdem Egi sich jetzt sehr rar machte, brachte ihnen jeder Tag, ob sie sich sahen oder nicht, neue Hoffnungen, Kämpfe und neue grausame Schwierigkeiten.

Es gibt Leute, die gern Examina bauen. Sie müssen Examina machen. Und wenn sie eins fertig haben, dann machen sie schnell noch zwei, drei hinterher. Sie sind dann über und über abgestempelt zum Schluß, wie Briefe, die einen Adressaten vier Wochen lang gesucht haben, und deren Umschläge man sich aufhebt, weil da Kötzschenbroda, Neustrelitz, Pillkallen, Kaufbeuren, Neckargerach, Schliersee, Danzig, Waldenburg in Schlesien und sonst noch ein paar Orte, die weit getrennt sind, dicht nebeneinander und halb übereinander stehen. Der Inhalt war genau wie hier, meist gleichgültig und alltäglich, aber der Umschlag bildet ein Postkuriosum.

Dann gibt's Leute, die jedes Examen erst ins Unreine machen müssen. Das zweitemal geht's glatt. Und andere, die überhaupt am Examen scheitern. Es sind nicht immer die Unbefähigtsten.

Es gibt Leute, die vor einem Examen verschwunden sind, sich einschließen und büffeln Tag und Nacht. Andere, die scheinbar leichtsinnig sind und weiterbummeln und nach durchschwärmter Nacht sich in den Frack werfen, um, ohne daß einer davon vorher etwas ahnte, summa cum laude zu promovieren. Sie lassen sich beglückwünschen und bummeln weiter.

Es gibt auch Leute, die Angst, Zuversicht oder Gleichgültigkeit zur Schau tragen.

Aber endlich, endlich gibt's welche, deren ganze nähere und fernere Umgebung, bis hinab zur Schwester der Waschfrau, sämtliche Phasen, sämtliche Hebungen und Senkungen ihrer geprüften Seelen in vergrößerter Form mitmachen muß. Sie werden zur Landplage. Sie denken nichts anderes, sie reden nichts anderes. Sie wissen nichts anderes. Sie belästigen jeden und ziehen alles in den weltbewegenden Strudel ihrer Doktorprüfung mit hinein.

Und zu dieser letzten Sorte gehörte Eginhard Meyer. An jedem Abend schrieb er noch vier Seiten voll Überschwang und Verzweiflungsausbrüchen an Hannchen.

Man wird sagen, daß da Hannchen wirklich tief zu bedauern war. Aber man vergißt ganz, daß so etwas ja Hannchens Element war, daß das eine neue Märtyrerkrone war, die sie sich wortreich auf ihre schönen kastanienbraunen Flechten stülpen konnte (die letzte war sowieso schon etwas verbraucht), die sie vier Wochen lang mal nach rechts und mal nach links drehen konnte, die sie schief oder gerade setzen konnte, so daß sie jedem ins Auge fallen mußte – im Gegenteil, Hannchen war froh darüber. Sie konnte jetzt jedem sagen: nicht mein Bräutigam macht das Examen, wir machen das Examen. Ich mache es mit ihm. Oder wenigstens, es ist fast so gut, als ob ich es mache. Ja, wenn ich es recht und genau betrachte, so mache ich es eigentlich.

Kurz und rund: es war noch nie ein Doktorexamen unter so schwierigen Umständen und von solcher Bedeutung für die Wissenschaft Deutschlands gemacht worden. Und wenn zum Schluß die Prüfenden sich nur auf eine bescheidenere Gesamtnote einigten, so war das einfach die Notwehr der verbrieften und verjährten Unfähigkeit, dem empordrängenden und sie gefährdenden Genie gegenüber. Na ja, mit dem Schriftlichen, da hatte was nicht geklappt. Der Beurteilende, die Mumie mit dementia senilis, tadelte besonders, daß von Eginhard Meyer seine grundlegenden Ausführungen über die gleiche Materie nicht genügend berücksichtigt worden wären; während der Doktorand auf den phantastischen Belanglosigkeiten des wirklich frenetisch unbegabten jüngeren Kollegen Adolf Kochenheimer-Tübingen (nicht der bedeutende Ernst Kochenheimer-Greifswald!) weitergebaut hatte, die ja schon seinerzeit durch ihr Erscheinen im A. f. a. R. (Archiv für Allgemeine Rechtswissenschaft), diesem Tummelplatz aufgeblähter Talentlosigkeit, dem allgemeinen Gelächter anheimgefallen wären. Immerhin wären großer Fleiß und eine vielversprechende Eigenart der Arbeit nicht abzusprechen usw. usw., und so könne man dem Prüfling usw. usw.

Ungefähr, ja eigentlich um die gleiche Zeit stand jedoch Direktor Max Liebenthal vor dem schwersten Examen seines Lebens – das heißt, er hatte unten in Johannisburg vor zwölf Jahren als Mister Lovelace schon einmal eine ziemlich ähnliche Prüfung zu bestehen gehabt.

Aber Direktor Max Liebenthal gehörte zu einer anderen Art, zu denen, die oben beschrieben. Er war einer, dem kein Mensch, kaum die nächsten, anmerken, daß er ins Examen steigen will, die sich in den Frack werfen und summa cum laude promovieren.

Es war eine Weile recht still um Direktor Max Liebenthal geworden. Die Presse behandelte ihn kurz. Prozeß Liebenthal langweilt, war von den Verlegern dekretiert worden. Nicht mehr bringen als nötig. Dreißig bis vierzig Zeilen täglich genügen vollkommen. Wenn's mal wegen Raummangel ausbleibt, macht's nichts. Sport ist wichtiger. Denn die Presse ist undankbar und lebt nur von Aktualitäten und vergißt ihre Helden schnell. Außerdem jedoch begann in ihrer Peripherie gerade ein sehr amüsanter Lustmörder aufzutauchen, und das schädigte Direktor Max Liebenthal.

Als aber jetzt die Plaidoyers begannen, horchte die Presse doch wieder sehr auf. Also sie waren glänzend: die Richter, der Staatsanwalt wurden einfach so von oben herunter behandelt. Aber das Publikum und die Geschworenen wurden dafür in rosa Kantenpapier eingewickelt von Kopf bis Fuß, ehe sie's auch nur merkten.

Wenn der Direktor Max Liebenthal sie nicht schon gehabt hätte, er hätte geradezu vor sich selbst Hochachtung bekommen müssen, so vorteilhaft fiel sein Bild aus: Leute von solchem geschäftlichem Weitblick fehlen hier. Deutschland ist ihm zu Dank verpflichtet. In dem Spiegel des Staatsanwalts sah er ja ein ganz klein wenig anders aus ... aber das war ein Zerrspiegel, und der Staatsanwalt vertrat einfach seine geschäftlichen Interessen. Wenn er einmal ein Verfahren eröffnen läßt, so will er auch, daß der Mann verurteilt wird, und mag er noch so unschuldig sein.

Und dann hatte Direktor Max Liebenthal das Schlußwort. Der Angeklagte hat das Schlußwort. Die anderen, die Verteidiger, hatten klug, fein, sarkastisch, sophistisch, logisch, beharrlich, überzeugsam gesprochen. Er sprach schlicht, rührend, einfach, in Herzenstönen! Unser Mann war nicht nur unschuldig, er mußte es einfach sein, weil ein Mensch wie er der ihm zur Last gelegten Wandlungen überhaupt nicht fähig war ... Als in einer großen Versammlung einmal Turgenjew sprach, da jubelte das Volk und war begeistert, als aber nach ihm Dostojewski sprach, da weinte es. Waren seine Verteidiger Turgenjews gewesen, er, Direktor Max Liebenthal, war Dostojewski.

Es gab einen Riesenreinfall für den Gerichtshof. Die Geschworenen verneinten fast alles. Irgendein Eckchen blieb. Lumpige drei Monate sprangen 'raus. Und die mußte man ihm auf die Untersuchungshaft anrechnen. Der Vorsitzende donnerte ins Publikum – es war kaum zu bändigen. Es fehlte nur noch, daß es dem Direktor Max Liebenthal Triumphpforten baute und die Pferde ausspannte.

Also der Cand. jur. Eginhard Meyer war Dr. jur. Eginhard Meyer geworden und damit seinen Zielen ein bedeutendes Stück nähergerückt. Und der Direktor Max Liebenthal war nach eingehendster Untersuchung und nach endgültigem Konsilium der Herren Ärzte als vorerst geheilt aus dem Sanatorium entlassen worden. Immerhin, ganz sicher war es nicht, ob er nicht durch einen Rückfall seiner Krankheit gezwungen würde, dieses Sanatorium noch einmal aufzusuchen.

Egi Meyer hatte sofort den Erfolg seines Examens an Hannchen telephoniert, so lange, bis das Fräulein vom Amt mit mitleidloser Hand die Verbindung unterbrochen hatte. Endlich wollte im Laufe des Tages doch mal ein anderer Mensch nach Potsdam sprechen. So viel war aber doch festgestellt worden, daß man morgen ein Glas Bowle draußen trinken wollte. Er sollte Fritz benachrichtigen, und sie sollten schon etwas früher kommen. Und Hannchen würde noch ein paar Bekannte bitten; welche, war durch die Rücksichtslosigkeit des Telephonfräuleins – alle Welt beklagt sich ja darüber – nicht mehr festzustellen gewesen.

Fritz Eisner und Egi Meyer trafen sich auf dem Bahnhof.

»Hör' mal, lieber Doktor. Ich sehe, du hast dir ein Billett dritter Klasse gekauft. Das geht nicht mehr. Das ist nicht mehr standesgemäß für dich.«

Und Fritz Eisner nahm eines zweiter Klasse und eine Zuschlagkarte. Eigentlich hatte Fritz Eisner ja zwei Billetts erster Klasse nehmen wollen, denn er hatte schon ganz in der Frühe aus Essen eine Postanweisung über zweiundzwanzig Mark und fünfundneunzig Pfennige (hundertdreiundfünfzig Zeilen à fünfzehn Pfennig) bekommen. Auch führte der Zug, trotzdem er ein Vorortzug war, zwei Abteile erster Klasse; denn er war ein Zug, der bekanntlich in ein sehr vornehmes Gelände fährt.

In einem Wagen zweiter Klasse waren zwei Abteile nebeneinander mit einem breiten goldenen Strich umrandet, und da stand: »I. Klasse« dran. Und da stiegen dann entweder ein paar Offiziere ein, die sich mit dem »Simplicissimus« sagten: »Wir werden doch nicht zweiter Klasse fahren, da kriegt man ja Lause«, oder eine ältere dürre Hofdame; irgend etwas exotisch Aussehendes an Diplomat; oder ein spießiger Herr in einem schlechtsitzenden Gehrock mit einer Aktenmappe, der zu einem Vortrag befohlen war. In diesen beiden Abteilen fing schon das Königliche Potsdam an. Nebenbei, die wenigsten wußten, daß der Zug sie führte. Fritz Eisner hätte ja zu gern sich das Vergnügen gemacht, den Doktor Eginhard Meyer standesgemäß zu befördern. Aber das hätte ihm doch ein gar zu großes Loch in die zweiundzwanzig Mark fünfundneunzig gerissen – sie waren ihm gerade wie gerufen gekommen, denn er war ganz blank gewesen –, und außerdem hatte er schon für Annchen Blumen gekauft. Derartige Dinge, beiläufig, hielt der Doktor Egi Meyer für seiner unwürdig. Ihm genügte es, eine Frau mit seiner Gegenwart und der Fülle seines Geistes zu beschenken.

Die erste Klasse, die improvisierte, goldumzogene erste Klasse, war nebenbei fast ganz leer. Nur ein Herr ging vor ihr langsam, vornehm und gelangweilt auf und nieder mit gestreiften, sehr wohlgebügelten Beinkleidern, einem sehr köstlichen Cutaway, einem Zylinder ... tadellose, unauffällige, gediegene Eleganz. Er hatte ein kleines, amerikanisch zugestutztes Schnurrbärtchen in dem rosigen Gesicht und einen goldumrandeten Kneifer auf dem Nasenrücken, hinter dem er das linke Auge ab und zu sarkastisch blinzelnd etwas einkniff. Er trug eine sehr elegante Aktenmappe von rotem Saffianleder unter dem Arm und kaufte noch kurz vor Abgang des Zuges ein paar größere deutsche und englische Blätter. An der Geschäftigkeit, mit der der Zeitungsverkäufer versuchte, ihm noch mehr aufzuhängen, sah man, daß er sie generös überzahlt hatte. Er ließ sich von dem Stationsbeamten, der gewohnt war, die Herren der ersten Klasse dieses Vorortzuges sehr höflich zu behandeln – mußte der Zug doch oft genug eigens auf sie warten – noch einmal ersuchen, doch Platz zu nehmen, ehe er ganz langsam einstieg und es dem Stationsvorsteher überließ, die Tür hinter ihm zu schließen.

»Höre mal, Doktor Eginhard Meyer,« sagte Fritz Eisner. »Hier habe ich zehn Zigaretten. Davon rauche ich fünf und du fünf. Alle acht Minuten eine, dann reichen sie. Ich übernehme die Verwaltung. Und jedesmal, wenn du das Wort Examen aussprichst oder auch nur umschreibst oder andeutungsweise irgend etwas, was damit zusammenhängt, erwähnst, konfisziere ich eine von deinen Zigaretten wieder. Richte dich bitte danach. Sind die fünf Zigaretten konfisziert, so gehe ich zu Handgreiflichkeiten über. Denn mit Verlaub zu bemerken: dein Examen wächst mir zum Halse heraus.«

Und der Zug sauste wieder an Hinterhäusern und Vororten vorbei.

»Der Geheimrat Viereck, dieser Trottel,« sagte Egi Meyer, »war der Meinung, daß der Absatz 3b –«

» Eine Zigarette,« sagte Fritz Eisner und tat sie in seinem Etui von links nach rechts hinüber.

»Was war das wohl für ein Herr, der dort in die erste Klasse stieg?« meinte Doktor Eginhard Meyer. »Er sah ganz gut aus. Wie ein Handelsattaché. Einer, der zur Wahrung und Beurteilung kaufmännischer Interessen irgendeiner Gesandtschaft beigegeben ist. Da war zum Beispiel der Geheimrat Schneckenburger, der mich im Privatrecht –«

» Zwei Zigaretten,« sagte Fritz Eisner und tat die zweite in seinem Etui von links nach rechts hinüber.

»Hör' mal,« sagte Doktor Eginhard Meyer, »ich kenne den Mann. Ich muß sein Bild schon in irgendeinem illustrierten Blatt gesehen haben. Ich glaube, es war ein großes Massenbild, wo er in der Mitte war. Vielleicht – halt – ja – warte mal, vielleicht von einem Wohltätigkeitsfest im Garten des Reichskanzlerpalais. Oder war es auf dem nächsten Blatt bei dem Prozeß ... Da haben Sie zum Beispiel neulich auch den Professor Kohler ...«

» Drei Zigaretten,« sagte Fritz Eisner und griff nach seinem Etui.

»Bitte,« rief Doktor Eginhard Meyer lachend, »höchstens zwei und eine halbe Zigarette. Ich habe ja noch gar nichts gesagt.«

Und er ging auf Hannchen über und kam auf seine Zukunftspläne zu sprechen. Und da hatte er genug zu reden. Bis über Neubabelsberg hinaus war er voll beschäftigt.

Fritz Eisner war so insgeheim doch ein wenig neidisch auf diesen Glücksjungen da ihm gegenüber. Nicht auf den Titel, den er so früh schon sich erworben. Denn Egi Meyer war ja noch beschämlich jung. Aber er dachte an die ganze wilde Ungewißheit seines Lebens jenseits der von Welt und Staat geebneten Lebenschausseen und sah so die glatte, sichere Heerstraße des Lebens hinab, die vor dem anderen nunmehr lag. Ruhiger Weg; erst die Absicht, Ungewöhnliches zu leisten, wie bei fast allen; langsames Sichbescheiden; reiche Eltern; eigene angenehme Wohlhabenheit; Eheglück; ein Dasein ohne übergroße Erfolge, aber eine angenehme Wald- und Wiesen-Sache in still-selbstzufriedener, selbstsicherer Behaglichkeit, ohne viel Probleme. Nach Alterserscheinungen mit Professor oder Justizrat, doppelte Anzeige in der dritten Beilage und vielleicht noch Nekrolog in der ersten Beilage: Der hier in weiten Kreisen beliebte ... Auch seine wissenschaftliche Bedeutung als Mitarbeiter der »Deutschen Juristenzeitung« ...

Und als dann später alles so anders, so ganz und gar anders kam, als er, Fritz Eisner, es damals vor sich gesehen hatte, und als das Schicksal nach reichen Enttäuschungen, verdienten und unverdienten, den Doktor Eginhard Meyer durch sehr viel Schmutz und durch sehr viel kranke Verbitterung lange Jahre willenlos hinter sich herschleifte – alles brach natürlich dabei zusammen, nicht nur er selbst – bis es ihm endlich wieder, als schon jede Hoffnung geschwunden, plötzlich irgendwie auf die Beine half ... oft, sehr oft in späteren Jahren mußte Fritz Eisner an den schönen Augusttag denken, da er in den ihm damals so ungewohnten weichen und behaglichen Polstern eines Abteils zweiter Klasse dem neugebackenen Doctor utriusque juris Eginhard Meyer gegenübersaß, der so selbstsicher sprach und so zukunftsfroh in die Welt sah.

Annchen und Hannchen waren nicht auf dem Bahnhof. Sie dachten wohl, Fritz und Egi kämen erst mit dem nächsten Zug. Aber der Herr aus der ersten Klasse, der Handelsattaché, war bis hier mit herausgefahren. Er hatte vielleicht hier irgendein Referat zu halten. Und langsam, die Saffianmappe unter dem Arm, ging er durch die Sperre und warf dem Knipsmann mit kurzer Bewegung das rote Fahrkärtchen zu. Aber das fiel dem nicht weiter auf; denn er war gewohnt, von Leuten mit roten Fahrkarten übersehen und geringschätzig behandelt zu werden.

»Donnerwetter,« rief Doktor Eginhard Meyer, »ich habe mir doch die ganze Zeit überlegt, wer das ist. Das ist ja der Direktor Max Liebenthal. Das Bild in der ›Illustrirten‹ war sogar sehr ähnlich.«

Und unter anregendem Gespräch über den Prozeß Liebenthal – Doktor Eginhard Meyer wußte juristische Intima – gingen die beiden langsam zum Bahnhof hinaus. Und weder Fritz Eisner noch Egi Meyer achteten dabei auf den blonden jungen Menschen, der dort vor den Stufen – sie waren stets so ominös – auf und nieder ging und jedem, der heraustrat, wie ein Detektiv ins Gesicht blickte und versuchte, unbefangen dabei zu erscheinen. Aber er benahm sich genau wie jene sehr auffallend und ungeschickt.

Er sah aus, als ob er aus einem schlechten Roman mit oder ohne Erdgeruch entsprungen wäre: also groß, etwas schlaksig, aber der blonde Lockenschüttler mit dem strahlenden Blauauge, dem geleimten Plastron, der Kavaliersuhr und dem verschnittenen braunen Massenkonfektionsanzug. Trotz seiner Schmisse mußte er im Studentenalmanach »Neue Jugend« fast melancholische, aber sehr zarte Gedichte gemacht haben:

»Mädchen, Mädchen, still am Söller,
Sonnengolden überglüht,
Warum schlägt mein Kerze schneller« usw.

Der Reim »Söller« – »schneller« war zwar nicht ganz sauber, aber Goethe reimte doch sogar »Mensch« und »ist«. Er mußte eine Arbeit über Schillers Ästhetik planen; und einem in vorgeschrittener Stunde erklären, daß er Idealist wäre. Er mußte chronisch Hände schütteln, – man konnte sogar annehmen, daß das eine der Hauptbeschäftigungen von ihm wäre; er mußte das Glas erheben und dem Freund in das treue Auge schauen. Er war geschaffen dazu, daß ein blondes Mädchen still auf ihn wartete, während er einem Tugendbund angehörte und den Versuchungen einer sündigen Welt, die gerade ihm allenthalben nachstellte und ihn umgarnen wollte, trotzte oder zu trotzen vorgab.

In drei Jahren mußte er als Hilfslehrer die Jungen verprügeln, aber mit ihnen Turnfahrten machen. In zwölf Jahren hatte er einen Stammtisch, einen Bauch und einen Gesangverein sich zugelegt und begann langsam einzusinken in den Stumpfsinn des Berufs und des Philistertums. Jetzt glaubte er noch an Schiller, hielt sich für einen Feuerkopf, einen Dichter, eine Kraftnatur, die einfach durch die Wände ging. Es gab keine Dummheit, deren er nicht fähig gewesen wäre. Nietzsche war noch nicht bis zu ihm vorgedrungen, hätte aber Verheerungen in ihm anrichten können.

Das alles sagte sich Fritz Eisner, das heißt, er sagte es sich nicht, er empfand es, als dieser junge Herr plötzlich vor ihnen stand.

»Herr Eginhard Meyer?« sagte er.

»Doktor Meyer,« gab Egi bescheiden zurück und nahm den Kneifer ab.

»Klein, Wilhelm Klein.« Der Nachname paßte nicht recht, der Vorname schon eher.

»Ich war heute vormittag schon in Ihrer Wohnung, Herr Doktor.«

»Oh,« sagte Egi Meyer freundlich und setzte den Kneifer wieder auf. »Ich bedauere, daß Sie mich nicht getroffen haben.« Denn Eginhard Meyer galt in Studentenkreisen als ein gelehrtes Haus und als eine Hoffnung, und jüngere Semester kamen öfter zu ihm, um sich Rats zu holen.

»Ja, wir hätten das dort ruhiger besprechen können, was wir beide miteinander abzumachen haben,« sagte Wilhelm Klein mit tiefem, aber etwas öligem Ernst und wilder Entschlossenheit in den blitzenden Blauaugen.

»Ach,« meinte Doktor Eginhard Meyer, der gar nicht ahnte, wo der andere hinauswollte, »es ist wohl ein Irrtum ... aber wir können es auch hier besprechen.«

»Nicht in Gegenwart Dritter,« sagte Wilhelm Klein mit dem Streben zu faszinieren.

»An meinem Schwert gemessen, kaum größer als ein Salm,
Der Schmoller, der Groller, der Willehalm«

zitierte Fritz Eisner gerade laut genug vor sich hin. Er war in jüngeren Tagen ein berüchtigtes Rauhbein gewesen; aber nach Fünfundzwanzig gibt sich so etwas.

»Einer von uns beiden ist zu viel auf dieser Welt.« Das klang ja recht hübsch, war aber weder neu noch originell. »Für einen von uns beiden ist zu wenig Raum auf dieser Erde, entweder für mich oder für Sie!« rief Wilhelm Klein erregt und zog seine Kavalieruhr, als ob er sagen wollte: In fünf Minuten ist einer von uns eine Leiche.

»Oh,« sagte Eginhard Meyer mit mehr Ruhe und Gelassenheit, als ihm Fritz Eisner zugetraut hätte – er benahm sich überhaupt tadellos in dieser Affäre – »meinethalben können Sie ruhig drauf bleiben auf dieser Erde. Ich lege so wenig Gewicht darauf, daß Sie weggehen, wie ich Gewicht darauf lege, daß Sie da sind. Von mir aus ist es Ihnen also durchaus unbenommen, zu tun und zu lassen, was Sie wünschen. Mir haben Sie nichts getan ...«

»Aber Sie mir,« rief Wilhelm Klein mit Ritterstiefelpathos. »Persönlich habe ich ja nichts gegen Sie, außer daß ich Sie hasse.«

Und nun kam es heraus: Er war ein Jugendfreund von Hannchen. Das sagte alles. Rektorssohn von geradeüber. Und sie hatte ihm versprochen, als er mit dem Stipendium nach Marburg ... auf die Universität nach Marburg ging, auf ihn zu warten. Und er glaubte sich dadurch besonders bevorzugt und besonders ... Und er ahnte gar nicht, daß dieses Versprechen Hannchens doch nur so eine Art allgemeines Ehrenzeichen war, das zum Schluß jeder ihrer Freunde einfach bekommen mußte. Sie hatte ihm fleißig geschrieben, denn Hannchen schrieb ja unentwegt Briefe. Liselotte von der Pfalz, die Sévigné und Rahel waren unproduktiv gegen sie. Es stand zwar nie viel in ihren Briefen drin, aber sie sagte sich: Die Menge muß es bringen. Und eines schönen Tages zu Anfang des Semesters hatte Hannchen ihm ganz glücklich geschrieben, daß sie sich nun richtig verlobt hätte, und hatte noch geglaubt, daß ihn das besonders erfreue. Also: er hatte furchtbar gelitten. Und nun wäre er gekommen, um von Eginhard Meyer das zurückzufordern, was ihm gehöre. Er könnte nicht leben, wenn ein anderer Hannchen Lindenberg »besitze«.

»Verzeihen Sie,« sagte Fritz Eisner, »daß ich mich in Ihr Gespräch mische. Dieser junge Herr hier ist verlobt und wird es voraussichtlich noch die nächsten Jahre sein. Sie sollten solche Worte wie ›besitzen‹ nicht vor seinen keuschen Ohren brauchen. Es wirft auch ein übles Licht auf die Dame.«

Wilhelm Klein blitzte Fritz Eisner mit strahlenden Blauaugen an, als ob er sagen wollte: Erst treff' ich den, dann kommst du! Und dann sprach er etwas von »Gottesurteil«. Er hielt anscheinend noch von Marburg und von der Zeit der Heiligen Elisabeth her am altfränkischen Recht fest.

»Verzeihen Sie,« sagte Fritz Eisner, »daß ich mich schon wieder in Ihr Gespräch mische; aber wenn die Probleme des Lebens, der Liebe und der Gesellschaft so einfach wären, daß man sie endgültig mit einer Pistolenkugel regulieren könnte, würde man Ohrenschmerzen von der Knallerei ringsum bekommen.«

Wilhelm Klein warf wieder einen Wotansblick aus seinen Stahlaugen auf Fritz Eisner: dieser Mann war ein Zyniker ohne Ideale, der ihn anscheinend nicht ernst nahm und nur zu verwirren suchte. Doch er sollte ihn nicht von seinem Vorsatz abbringen.

Bisher hatte man sich ja nur in akademischen Erörterungen bewegt, um dem anderen Zeit zu geben, freiwillig zurückzutreten und »sein Mädchen« wieder freizugeben. Jetzt war der Moment gekommen, sich mit einem gutgebrüllten: »Sie werden noch von mir hören, Herr Doktor!« stolz umzudrehen und die beiden verdutzt stehen zu lassen.

Aber dieser Augenblick kam nicht. Denn plötzlich ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Etwas, mit dem Wilhelm Klein gar nicht gerechnet hatte.

Man kennt ja aus der Geschichte die Sache mit dem Raub der Sabinerinnen. Sie ist, wie noch manches, ja das meiste der Geschichtsüberlieferung, viel angezweifelt worden, und zwar mit Recht. Denn die alten Römer waren ein viel zu nüchtern denkendes Volk, um mit so romantischen Angelegenheiten ihre Energien zu verzetteln. Aber daß die Frauen die Kämpfenden nachher getrennt und geschieden haben, das ist durchaus nicht unmöglich und sehr glaubhaft. Die Sache wird sich ungefähr so verhalten wie das bekannte Urteil, das der Sachverständige für altes Porzellan in einem Fälscherprozeß über ein Meißner Figürchen abgab. Die Porzellanmasse, sagte er, wäre ganz neu, geradezu noch warm. Man verbrenne sich beinahe die Finger, wenn man sie anfasse. Aber die Bemalung wäre sicher alt und aus der Zeit.

Annchen und Hannchen hatten nämlich über die Vorbereitungen zur Bowle zwar den Zug versäumt, aber sie waren schnell heruntergelaufen, um Fritz und Egi wenigstens entgegenzugehen. Und als Hannchen die drei da stehen sah, schwante ihr nichts Gutes. Und resolut wie sie war, hatte sie sich, ohne daß sie es merkten, plötzlich zwischen sie gedrängt, und zuerst fiel sie ohne jegliche Vorrede Doktor Eginhard Meyer um den Hals und küßte ihn rechts und links ab, daß es nur so schallte. Sie freue sich so über sein Examen, über ihr Examen, und nun würde sie doch wohl bald Frau Doktor werden. Sie wand damit Wilhelm Klein die Pistole aus der Hand, ehe er sie überhaupt in die Hand genommen hatte. Sie war einfach demonstrativ glücklich. Diese Küsse sprachen ohne Kommentare. Denn Hannchen war zum Schluß doch wie alle Frauen eine raffinierte Kanaille (aber das ist ja gerade das Spaßhafte; es wäre zum Sterben öde, wenn sie auch so langweilig wie die Männer wären).

Dann erst schien Hannchen Wilhelm Klein zu sehen. »Ach, Wilhelm,« rief sie, »das ist ja reizend, daß du zu uns hier herausgekommen bist.« Und schüttelte ihm lange die Hand. Aber für Händeschütteln war Wilhelm Klein sehr empfänglich. »Wilhelm Klein ist nämlich ein Jugendfreund von mir, Egi.«

»Das habe ich bemerkt,« sagte Doktor Eginhard Meyer.

»Steinmetzstraße,« sagte Fritz Eisner zu Annchen. Kein Wort sonst. In diesen vier Silben lag alles, aber auch alles, was über die Sache zu sagen war: Romantik, Spießertum, sich abnutzende Vergoldung, Inselleben, selbstzufriedene, kleinbürgerliche Behaglichkeit und fünfundsiebzig Prozent falscher Sentimentalität.

Auch Annchen freute sich überaus, auffallend und ausgiebig mit Wilhelm Klein (er war immer so ein guter, treuer Junge gewesen, und sein Vater war nun auch gestorben; und sein Mütterlein deckte schon lange der grüne Rasen. Genau wie in einem schlechten Roman mit oder ohne Erdgeruch!). Und er solle nur heraufkommen. Ihre Mutter würde sich sehr freuen: sie hätte noch gestern von ihm gesprochen.

»Also kommen Sie mit herauf?« sagte Fritz Eisner, und dann leiser: »Und ich denke, unser kleiner Zwischenfall hat sich indes von selbst erledigt.«

»Also kommen Sie,« sagte Doktor Eginhard Meyer. »Bei wem haben Sie eigentlich in Marburg gehört? Waren Sie einmal bei dem neuen Privatdozenten Stresemeier?«

Wilhelm Klein überlegte noch einen kurzen Augenblick, ob er weiter den Trotzigen spielen sollte; dann ergriff er Egis Hand, schüttelte sie und sah ihm treu in die Augen. »Ich hoffe, Sie werden sich Ihres Glückes wert zeigen,« sagte er mit männlich verhaltener Rührung.

»Also gehen wir, Herr Klein,« sagte Fritz Eisner. »Frau Lindenberg wird sonst ungnädig, wenn der Kaffee zu lange auf dem Herd steht.«

In seinem Herzen aber dachte Fritz Eisner mit den Chinesen: In welchem Lande bist du geboren oder erzogen, daß du, wenn ich so höflich bin, dich einzuladen, so unhöflich bist, es anzunehmen?

»Ach,« rief Egi Meyer fast gerührt und kniff seine Augen zu ganz winzigen Spalten hinter den Kneifergläsern zusammen, »das ist ja entzückend von euch. Aber Kinder, ihr tut doch gerade, als ob noch nie einer zum Doktor promoviert hätte!«

Die ganze Haustür, ja oben sogar die Umrandung des Glasdachs waren nämlich mit einer köstlichen Girlande umzogen und umrahmt, einer dicken Eichengirlande, mit Dahlien durchflochten, und rechts und links standen in Kübeln je drei Lorbeerbäume vor den Treppenstufen, auf die sogar noch Kästen mit Hortensien gesetzt waren. Es war geradezu eine kleine gärtnerische Anlage geschaffen worden.

»Ja,« sagte Hannchen und kicherte mit den Augenwinkeln, »wie sind wir zu dir?«

Als Doktor Eginhard Meyer aber ein paar Schritte weiter war, da sah er, daß es doch nicht für ihn sein konnte. Denn das Treppenhaus war ebenso in einen Garten verwandelt. Selbst der Gasarm war mit einer grünen Ranke umwickelt worden. Und über Liebenthals umrahmter Tür prangten in Streifchen aus blauen und roten Astern die Worte »Herzlich willkommen«.

»Ich glaube,« sagte Hannchen, »er ist jetzt aus dem Sanatorium entlassen worden. Er muß doch wohl recht krank gewesen sein.«

»Sie hätten ihn sogar gern noch länger dabehalten,« meinte Fritz Eisner.

»Wir haben ihn schon gesehen,« meinte Doktor Eginhard Meyer.

»Ach, wie sieht er aus?« rief Annchen, die sich für alle etwas ungewöhnlichen Menschen aus weiblichem Instinkt heraus – und wenn auch nur der Nimbus des Sanatoriums um sie schwebte – interessierte.

»Vorzüglich,« sagte Doktor Eginhard Meyer.

»Meinst du denn wirklich, daß das der ist?« rief Hannchen.

»Wie sollte er!« sagte Fritz Eisner.

Also Frau Luise Lindenberg freute sich sehr mit Wilhelm Klein. Wollte Gott, daß sie zu Fritz Eisner oder Doktor Eginhard Meyer je so freundlich gewesen wäre. Und Annchen und Hannchen tuschelten, lachten und erzählten: »Weißt du noch?« und »Erinnerst du dich?« Er war Kahn im Korbe, und die anderen waren ausgeschaltet. Denn Wilhelm Klein war eben »Steinmetzstraße«; aber die beiden da waren so ein paar spätere Eindringlinge, die man vielleicht ganz gern hatte, die man auch wohl heiraten würde – denn es sähe jetzt doch schon sehr schlecht aus, wenn man es nicht täte – aber die doch aus einer ganz anderen Welt kamen und einem eigentlich durchaus fremd waren.

»Nett finde ich das, wie die sich unten freut, die Frau Direktor, daß sie ihren Mann endlich gesund wiederhat,« sagte Frau Luise Lindenberg, »man kann es der Frau ja nachfühlen. Ich habe ihn vorhin sogar kommen sehen. Ein schöner, eleganter Mensch. Ich hätte ihn mir so nicht vorgestellt.«

»Ich schon,« sagte Doktor Eginhard Meyer, »denn er sieht genau wie sein Bild in der ›Illustrirten‹ aus.«

»Nun ja, das ist immerhin möglich,« rief Frau Luise Lindenberg pathetisch. »Meine Wirtin sagte mir noch gestern wieder, daß dieser andere Liebenthal ein Vetter von ihm wäre. Das ist eben Familienähnlichkeit. Da hatte ich zum Beispiel zwei Vettern ...«

»Wer kommt denn alles?« fragte Fritz Eisner.

»Ach, nur ein paar Leute,« meinte Hannchen. »Weißt du, Lucie und Selma. Ich habe ihr doch geschrieben« – (denn Selma gegenüber hatte Hannchen ein böses Gewissen, da sie doch – und sie wußte gar nicht mehr, wo überall – das Märchen mit den Strümpfen verbreitet hatte, die nachher in Berlin ruhig in der Schublade gelegen hatten) – »und Johannes Hansen, der ist doch jetzt wieder hier. Und dann haben wir noch – die mußten wir sowieso bald mal einladen – es Paul Gumpert mit seiner Braut gesagt.«

»Wer ist Paul Gumpert?« fragte Fritz Eisner erstaunt.

»Ein Jugendfreund von uns,« sagte Hannchen.

»Jugendfreund,« wiederholte Fritz Eisner.

»Steinmetzstraße,« sagte Doktor Eginhard Meyer.

»Na, ich erzählte dir doch,« meinte Annchen, »er hat sich neulich mit Emmchen Liebmann verlobt.«

»Ach so,« sagte Fritz Eisner, »der ... Heinrich Heine redivivus. Jetzt bin ich im Bilde.«

»Und denkt mal,« rief Hannchen, »Mutter schwankte sogar, ob nicht Tante Trautchen auch kommen sollte.«

Denn Tante Trautchen hatte einen de- und wehmütigen Brief geschrieben (es gefiel ihr bei der Freundin nicht).

Und Frau Luise Lindenberg hatte, wie sie sagte, ihr daraufhin vergeben, aber nicht vergessen. Aber als Frau Luise Lindenberg sie heute wieder bitten wollte, gleichsam zu einem Versöhnungstrunk, da hatten Annchen und Hannchen doch gegen ihre Art – denn die Mutter beherrschte sie unter dem Vorgeben, daß sie sich für sie geopfert habe, opfere und opfern werde, ziemlich rücksichtslos –, gegen ihre Art doch so lärmend Einspruch erhoben, daß es unterblieb.

»Schade, daß ihr Mohrchen nicht mehr einladen könnt,« sagte Doktor Eginhard Meyer.

»Aber nun erzähle doch von deinem Examen, Herr Doktor,« sagte Frau Luise Lindenberg. »Nebenbei, Kinder, der Kuchen ist heute vorzüglich.«

Das fand Wilhelm Klein auch. Er strahlte ihn mit Wotansaugen an und griff mit beiden Händen danach.

»Ich gehe etwas auf den Balkon,« sagte Fritz Eisner. Denn er konnte nicht zum achtzehntenmal hören, daß Egi Meyer eigentlich recht gehabt habe und diese Mumie mit dementia senilis unrecht. Es war nämlich auch ziemlich gleichgültig, letzten Endes.

Annchen folgte ihm.

»Du bist so eigentümlich gegen Wilhelm Klein,« sagte sie.

»Ich finde ihn überaus schätzenswert.«

»Ja, ein hübscher Junge und so ein guter treuer Mensch.«

»Gewiß, aber ich wollte ihn nicht im Kuchenessen stören.«

»Du bist häßlich,« sagte Annchen. (Auf ihre alten Freunde ließ sie nichts kommen.)

Aber Fritz Eisners Züge hellten sich auf.

»Höre mal, das finde ich aber sehr überflüssig von euch.« (Und das sagt man bekanntlich stets, wenn man eine Sache nicht überflüssig findet.) Unten hielt nämlich das Geschäftsauto eines großen Berliner Delikatessenhauses, schön rot angemalt. Und die Führer waren herabgesprungen, hatten es aufgerissen, und der eine hatte vorsichtig eine mächtige Schüssel mit Hummern genommen, eine Prunkschüssel in Dimensionen wie auf einem Stilleben Makarts. Eine ganze Hummernkolonie, ein roter Berg, kunstvoll getürmt. Und der andere zog einen Korb Sekt heraus. »Donnerwetter, da hat aber deine Mutter sich angestrengt!«

Annchen sah auch herunter.

»Nein,« sagte sie mit langem Gesicht, »zu uns kommt das nicht, Fritz. Das wird wohl zu Liebenthals kommen.«

Für die Schüsseln mit kaltem Geflügel und kaltem Braten, bunt dekoriert wie eine Blumenwiese mit Kompotten und Gemüsen, die folgten, zeigte Fritz Eisner lange nicht mehr die gleiche Anteilnahme. Und er sah in die Laubwand des Parks drüben. Was gingen ihn eigentlich diese Dinerjobbers da an? Überhaupt diese ganze saturierte und selbstzufriedene Welt. Zum Schluß war es doch gleich, ob das im ersten oder zweiten Stock wohnte, Frau Direktor Liebenthal oder Frau Luise Lindenberg hieß. Das waren nur Gradunterschiede. Was hatte er denn damit zu tun? Er haßte alle Gesicherten, die nichts vor sich hatten und morgen das gleiche sein werden, wie sie gestern waren ... Ja, sie war noch ganz grün, die Laubwand, aber ein Ast eines Ahorns war schon gelb geworden, ein erstes graues Haar.

»Hallo,« rief es von unten, »hallo, Annchen.« Das war Lucie in hellem Tüllkleid mit einem schönen, flatternden Shawl, und Augen und Löckchen von einer Art von Schute umrahmt. Anziehen konnte sie sich. Und neben ihr wandelte Johannes Hansen, einen Stock drehend, in einem zimmetbraunen Seidenanzug und von Strümpfen über Wäsche bis zum Hutband auf gelbbraun mit lila Streifen gestimmt.

»Herrgott,« sagte sich Fritz Eisner, wie er so die beiden nebeneinander hergehen sah, den kleinen, quecksilbrigen Johannes Hansen und die kleine Lucie samt Augen und Löckchen und ihren Gesprächen Nummer I bis VI, »Herrgott, wenn Lucie ein Mann wäre, hieße er aliasJohannes Hansen, und wenn alias Johannes Hansen eine Frau wäre, hieße sie Lucie.« Sie waren einfach Urbild und Spiegelbild, Kupferplatte und Druck, Schrift und Gegenschrift. Was hier rechts war, war dort links. Aber sonst waren sie vollkommen gleich, geradezu ein Naturspiel an Ähnlichkeit.

Und in kleinem Abstand folgte – sie wußten wohl noch gar nicht, daß sie dasselbe Ziel hatten – Selma mit ihrem Sandalenschritt in einem violetten Hänger, einem Reformkleid, das um die Schultern und um die Arme mit gelben Rosenblüten bestickt war. Sie hatte lange geschwankt, ob sie nicht die Rosen durch schlichte gelbe Vierecke ersetzen sollte, aber indes hatte sie wieder sich von dem reinen mathematischen Puritanismus des Ornaments zur Naturform, wie sie es nannte, halb zurückgefunden. Und so war es bei den Christiansenschen Rosen geblieben, in denen nebenbei niemand auch nur annähernd die Form der Blume entdecken konnte. Deshalb nannte man sie ja »stilisiert«.

Auf dem Kopf trug Selma – anderes verschmähte sie – nur ihr Haar oder richtiger: auf den Ohren ... in Schneckenform. Und da Selmas Kopf an sich schon breit war, so sah er darin wie der einer Wildkatze aus. Sie winkte aber mit großer Geste, denn all ihre Bewegungen waren groß, ungezügelt und kraftvoll.

Donnerwetter, sagte sich Fritz Eisner, an wen erinnert mich denn diese Selma? Ganz einfach an Wilhelm Klein. Das ist Wilhelm Klein ins Weibliche übersetzt. Genau. Und wenn man wieder Selma ins Männliche übersetzen würde, dann könnte sie auch nicht anders heißen als Wilhelm Klein. Die zwei beide passen zusammen.

Und hinter Selma kam noch – wieder nichts ahnend, daß die andern den gleichen Weg hatten – ein Brautpaar, sehr würdig und sehr untergefaßt. Ganz offiziell. Eins, das man sich nicht anders vorstellen konnte als Möbel aussuchend: »Moderne Schlafzimmer in Vogelahorn, gnädiges Fräulein, sind augenblicklich das Letzte. Oder wünschen Sie lieber Empire? Auch sehr zu empfehlen. Wird heute viel und gern genommen.« »Was meinst du, Schatz? Röschen Pinkus, die Donnerstag heiratet, hat auch ein Empireschlafzimmer genommen.«

Schon wie sie nebeneinander hergingen, ohne nach rechts und links zu schauen, – nach zweimonatlicher Brautzeit, – das war der selbstbewußte Stumpfsinn einer zehnjährigen Ehe – sie brauchten ja gar nicht zu heiraten.

»O, das ist Paul Gumpert und Emmchen Liebmann,« rief Annchen und machte, daß sie hereinkam, um die anderen in Kenntnis zu setzen, daß alle anrückten.

Oben das Zimmer füllte sich mit Menschen, und von unten summte es auch herauf. Da war gleichfalls Besuch.

Ja, erst wollte man hier noch Kaffee trinken und dann hinunter in den Garten gehen.

Wilhelm Klein wurde vorgestellt. Frau Luise Lindenberg hatte ihn besonders unter ihre Fittiche genommen, und auch Hannchen war sehr um ihn herum. Egi hatte man zum Schluß alle Tage und in Zukunft noch lange genug.

Aber wie Wilhelm Klein Selmas ansichtig wurde, erstrahlten seine Züge in blauer Jugendlichkeit. Sein blondes Haupthaar sträubte sich zur Mähne. Sein Plastron wurde ordentlich noch glänzender. Sein idealistischer Geist schlug ein Pfauenrad und zeigte alle seine Spiegel. Wilhelm Klein sah nichts auf der Welt mehr als Selma. Und Hannchen war kaltgestellt, soviel sie auch mit ihren großen Augen angab und stets von neuem versuchte, das Gespräch an sich zu reißen und Selma auszuschalten.

Fritz Eisner, der die Eigenheit hatte, unter vielen Menschen sehr still zu werden, belustigte das höchlichst. Und er dachte: Wie wundervoll die Natur es eingerichtet hat, daß das Männchen von Saturnia piri, dem Wiener Nachtpfauenauge, dem Riesen unter den Schmetterlingen Europas, über meilenweite Strecken, selbst mitten in Städten, das Weibchen wittert und in nicht zu hemmendem Flug zu ihm streben muß! Fritz Eisner sah schon die Wohnung; das Schlafzimmer in rot und grün, und im guten Zimmer die Decke auf dem Tisch: violett mit gelbem Karo.

Auch Lucie und Johannes Hansen waren miteinander vertraut geworden. Und da Johannes Hansen doch als Redakteur seines verflossenen Blattes in verschiedenen Sätteln gerecht sein mußte, so attackierte ihn Lucie nacheinander mit Gespräch I, III, IV, V (Literatur, Sezession, Frührenaissance: Pietro Lombardi; Terminhandel – denn eine Zeitschrift bringt, so sie etwas auf sich halten will, auch Handelsartikel). Und wie Fritz Eisner sich an Lucie heranmachte – sie hatte doch noch vor sechs, acht Wochen den überragenden männlichen Geist in ihm gesehen –, da fiel er glatt ab. Er existierte neben Johannes Hansen nicht für sie. Das aber war Fritz Eisner wieder durchaus nicht recht. Denn es läßt sich nicht leugnen: der Mann ist nun einmal, was Frauen anbetrifft, polyglott veranlagt; selbst wenn er gerade sein Annchen noch so gern hat. Und als Hannchen mit dem schönsten ihrer Seitenblicke sich nun an Johannes Hansen heranmachte, da behandelte Johannes sie mit jener freundlichen Förmlichkeit, die sagt: Aber siehst du denn nicht, daß ich gerade anders beschäftigt bin?

»O, Herr Eisner,« rief Johannes Hansen von einer Ecke des Zimmers zur anderen, »ich vergaß ganz, ich habe Ihnen etwas mitgebracht.« Und er überreichte Fritz Eisner mit kollegialer Geste eines seiner grünen Heftchen. Das letzte. Denn vorn stand ein rührender Abschied an den Leser, der mit einem »Auf Wiedersehen in stolzeren Tagen!« schloß. Wie nett! Da war eine lange Kritik über ihn. Sogar von Johannes Hansen selbst. Fritz Eisner setzte sich in einen der Sessel mit den Vergangenheiten. Ob da wohl schon einer Kritiken über seine Bücher drin gelesen hatte? – Und er las: es war keine Kritik, es war ein Hymnus. Es war kein Hymnus, es war ein Dithyrambus. Es war kein Dithyrambus, es war eine Bachsche Orgelfuge.

Und je weiter Fritz Eisner las, desto unglücklicher wurde er. In ihm weinte es beinahe. Denn es gibt lobende Kritiken, die so dumm sind, so überwältigend-verständnislos, daß man an sich verzweifeln möchte und den ganzen Krempel zusammenschmeißen und Schuster werden.

Einzig Paul Gumpert spielte immer noch den Heinrich Heine redivivus. Das heißt, das stimmt nicht ganz: er spielte im Gegenteil den Jüngling, der das erste beste Mädchen aus Ärger genommen hatte. Nur war das Mädchen weder das erste noch das beste; es war Durchschnitt, völliger Durchschnitt; behagliche Gleichgültigkeit. Und außerdem hieße es auch überaus schlecht von den kaufmännischen Fähigkeiten Paul Gumperts denken, wenn wir glauben wollten, er – Paul Gumpert – hätte wirklich die erste beste, die ihm in den Weg gelaufen war, einfach genommen. Durchaus nicht. Er hatte unter Beirat verschiedener, hierfür zuständiger, wohlunterrichteter Stellen über die Gemütsanlage der verschiedenen Damen, auf die er nach Familie und zukünftiger Lebensstellung Anspruch erheben konnte, sich erst einmal sehr, sehr genau und wohl informieren lassen. Und dann hatte er sich für die entschlossen, deren goldiges Gemüt ihm am meisten gepriesen wurde und außer allem Zweifel stand. Sein Herz und seine Seele aber gehörten, wie er glaubte, immer noch Hannchen.

Und trotzdem – wenn man Hannchen und Paul Gumpert sah und dann an Fräulein Liebmann und Paul Gumpert dachte, so war niemand im Zweifel, wo Paul Gumpert hingehörte. Er war einfach aus derselben Form gegossen, aus der gleichen Fabrik bezogen wie seine Braut. Man dachte schon an Kinder und Enkel, wenn man beide sah, erblickte Generationen vor sich von der gleichen kulturlosen Geschäftstüchtigkeit.

Und niemand war im Zweifel, wo Hannchen hingehörte: zu Egi, zu Doktor Eginhard Meyer. Alles andere waren bei ihr Vorbereitungen, Vorstufen gewesen, Etappen einer unvollkommenen Seelenwanderung.

Man hätte von ihnen beiden das Gleiche sagen können wie von Lucie und Johannes Hansen, von Selma und Wilhelm Klein. Sie waren Bild und Gegenbild, sie waren von Urbeginn füreinander bestimmt; vielleicht nur bestimmt, einander zu zerreiben – denn wer sagt, daß wir immer für unser Glück bestimmt sind? – aber bestimmt füreinander waren sie.

Und dann ging man paarweise hinunter in den Garten, feierlich durch das blumengeschmückte Haus. Es war ein wundervoller Tag draußen, gar nicht mehr so warm. Der Himmel glühte schon zwischen den Bäumen in vielen Farben, wie ein altes Kirchenfenster.

Man wollte eigentlich in Doktor Martinis Gartenhaus Butterbrote und Salate essen und pokulieren. Wozu? Das war ja weit schöner draußen. Man zog Tische aus den Lauben, schob sie zu einer Tafel zusammen, brachte die Stühle heraus. So – hier hinten unter den Kastanien. Da konnte man sie nicht von der Straße sehen und war ungestört. Und lärmen konnte man, soviel es einem behagte.

In der großen Laube von Direktor Liebenthal vorn hatte man auch gedeckt. Für acht Personen, nicht mehr. Frau Liebenthal kam sogar eigens herunter in einem blauseidenen Gesellschaftskleid und mit der Auslage eines Juwelengeschäftes der Rue de Rivoli an Hals, Ohren, Armen und Händen. Ob nicht Frau Luise Lindenberg mit ihnen speisen möchte? – sans façon, à la fortune du pot – und das junge Volk sich selbst überlassen wolle, das sich sicher wohler fühle, wenn es unbeaufsichtigt wäre. Und als Frau Luise Lindenberg meinte, das ginge nun doch nicht, sie müsse schon bei ihnen bleiben, es würde sonst übelgenommen, und sie möchte sie auch gern unter Augen haben, da bat Frau Direktor Liebenthal, sie möchte doch wenigstens diese zwei Flaschen Sekt den jungen Leuten für ihre Doktorbowle spenden dürfen, und sie hoffe, Frau Luise Lindenberg, die die ganze Zeit so überaus freundlich zu ihr gewesen sei, dann noch oft in Berlin zu sehen. Denn ihrem Mann könne sie es natürlich nicht zumuten, daß er hier draußen bliebe. Es wäre ihm doch etwas zu unkomfortabel – nicht einmal tägliche Badegelegenheit. Sie würden wohl in den nächsten Tagen schon nach Sankt Moritz gehen, sie hätten depeschiert, und ihre alten Zimmer würden ihnen freigemacht. Natürlich hätte sie in Berlin noch viel zu tun und auch die Garderobe nachsehen zu lassen. Die Französin entließe sie. Sie hätte immer gesagt, sie wäre eine Pariserin, und dabei wäre sie eine Vaudoiserin und spräche Bonnen-Französisch. Sie nähme sich lieber oben für Blanche und Anatole eine Governeß, denn ihr Mann meinte, es wäre nun Zeit, daß die Kinder eine Engländerin bekämen. Sie sehe sich hier gar nicht danach um; oben würde sie schon eine finden. Denn Sankt Moritz wäre ja so gut wie rein englisch.

Und auch Herr Direktor Liebenthal, der mit den Gästen – ein paar Herren im Smoking, ein paar Damen mit Diamantagraffen im Saar – herunterkam, begrüßte Frau Luise Lindenberg, stellte sich vor, schüttelte ihr die Hand, bat noch einmal pro forma und sprach etwas von der Jugend da drüben, die er beneide. Sein Haar war nebenbei doch ziemlich dünn schon und nach dem Defizitsystem geordnet: immer um ein Loch zuzumachen, war eins wo anders aufgerissen. Auch hier wieder bewies Direktor Max Liebenthal seine geniale geschäftliche Begabung.

Als Frau Luise Lindenberg mit den beiden Sektflaschen ankam, da erhob Fritz Eisner Einspruch. Aber er wurde überstimmt, und sein Protest war auch nur sehr unbedeutend. Denn bei Geld und Sekt fragt ja auf die Dauer doch keiner, wo es herkommt. Und die beiden derben Flaschen Pommery machten sich ganz gut neben dem Surius von Mosel und den Kopfschmerzen in Flaschenform, die sich da irgendwie mit stolzem Namen Sekt schimpfen (»wird gerade zu Bowle sehr gern genommen, gnädige Frau!«).

Und an der langen Tafel nahm man Platz. Genau so, wie es sich gehörte, wie es jedem zukam: Johannes Hansen – Lucie, Wilhelm Klein – Selma, Paul Gumpert und Braut, Fritz und Annchen, Egi und Hannchen. Und Frau Luise Lindenberg, die alle bemutterte.

Drüben trugen die Mädchen den Hummerberg heran. Und wenn in späteren Jahrtausenden einmal Geologen feststellen sollten, daß ungefähr um das Jahr 1900 herum ein vorübergehendes Vordringen des Meeres bis in die Potsdamer Gegend stattgefunden hat – man sehe das noch jetzt an den reichlichen Kalkablagerungen und an den häufigen Funden der Panzer großer, durchaus der Nordsee eigentümlicher Krustazeen – so werden wir, falls wir noch vorhanden sein sollten, diese Hypothese einfach belächeln, und uns des Tages erinnern, da Direktor Max Liebenthal aus dem Sanatorium entlassen wurde.

Am Tisch wurde man laut. Wilhelm Klein und Johannes Hansen gerieten mächtig zusammen über Schiller.

Johannes Hansen rief, er gehöre gottlob! nicht zu denen, die in Versammlungen brüllten: »Heute vor neunzig Jahren schloß Schiller seine strahlenden Dichteraugen.« Schiller! Ein Mensch, der solche Dummheiten geschrieben hätte, wie: »Wo sich die Völker selbst befrei'n, da kann die Wohlfahrt nicht gedeih'n,« oder: »Das Leben ist der Güter höchstes nicht!« Er, Johannes Hansen, bestreite es und erwarte den Gegenbeweis ... Dem geschehe es schon ganz recht, wenn er der Nationaldichter des deutschen Liberalismus wäre, und er hätte es nicht anders verdient.

Lucie stand ganz auf der Seite von Johannes Hansen.

Selma schlug sich auf die von Wilhelm Klein.

Paul Gumpert schwankte.

Fritz Eisner enthielt sich der Stimme. Ihm ging so allerhand durch den Kopf.

Egi war mit Hannchen bei seinen Aussichten: jetzt beginne erst die wirkliche Ausarbeitung des Themas, anderthalb Jahre rechne er noch.

Wer weiß, wo dieser Streit noch hingeführt hätte, wenn Wilhelm Klein nicht eine Schwäche für Eierbrötchen gehabt hätte? Und man kann sehr schwer zugleich reden und zugleich Eierbrötchen essen. Bei Schinkenbroten zum Beispiel geht es weit besser. Aber was konnte Wilhelm Klein dafür? Er hatte nun einmal eine vielleicht angeborene Schwäche für Eierbrötchen. Und außerdem hatte sich dank Direktor Liebenthals Pommery das Niveau der Pfirsichbowle wirklich gehoben. Die Mädchen wurden lustig, lachten, und es fehlte wenig, so hätte man hie und da am Tisch Küsse gewechselt. Die Nacht war indessen ganz hereingebrochen, die Windkerzen warfen nicht allzu große Kreise. Aus der Laubdämmerung schwirrte hin und wieder eine Motte heran, und ein schönes, großes, rotes Ordensband mit dem Karmin seiner Unterflügel setzte sich einen Augenblick auf das helle Tischtuch, angelockt wohl durch den Duft von Wein und Früchten, und schoß dann wieder in die Dunkelheit hinaus. Durch die schwarze Masse der Bäume sah der Himmel, der klare Augusthimmel mit seinen unzähligen Sternen und dem langen silberflirrigen Streifen der Milchstraße, der sich vom Zenit fast bis zum Horizont hinunterzog.

Doktor Eginhard Meyer klopfte ans Glas. Er war in Studentenkreisen kein gefürchteter, sondern ein berühmter Bierredner gewesen, der sehr langsam sprach, sehr ruhig, scheinbar die Worte suchend, aber reich an Einfällen war. Denn Witz hatte er.

Und Eginhard Meyer bewies wieder mal die Wahrheit des netten Wortes, daß nicht alle schlafen, die die Augen zuhaben. Er hatte alles gefühlt, geahnt, gewußt, was hier hinter den Kulissen spielte, ohne daß ihm jemand eine Silbe davon gesagt hätte. Und sein Witz schwebte nun, lustig und fast allzu abgeklärt für einen so jungen Menschen, darüber. Er senkte sich hin und wieder zu einem nabelfeinen Stich auf Hannchen, Johannes Hansen, Wilhelm Klein, Paul Gumpert herab, aber im nächsten Augenblick schwirrte er schon wieder oben, als ob er nur so für sich ganz allein einen kleinen Luftflug durch diese komische Welt mache, weil es ihm Spaß bereite.

Man mußte hören, wie er das Wort »Steinmetzstraße« aussprach, von einem ganzen Konzert kichernder Untertöne schwingend. Endlich war er schon ein Mensch von eigenen Gaben. Und zum Schluß kam er auf Frau Luise Lindenberg und sang ihr Lob hell in Dur. Diese Frau, die von nichts Bösem wußte, und für die alle Menschen so schön, edel und großzügig wären, wie sie sein könnten, wenn sie anders wären! Und mit einem Hoch auf ihren heutigen fünfzigsten Geburtstag – und dabei hatte sie fast noch acht Jahre bis zu ihm Zeit – klang die Rede lustig aus.

Frau Luise Lindenberg, trotzdem sie selbst für eine Frau ungewöhnlich wenig Sinn für Humor hatte, verwahrte sich lachend, und Hannchen himmelte von nun an für den Rest des Abends nur noch zu Egi hinüber. Erstens hatte es bei den andern heute gar keinen Sinn, und zweitens reichte Egi doch niemand von denen da das Wasser.

Und wieder wurden die Gläser gefüllt und die Bowle abgeschmeckt. Sie fand noch Beifall. Drüben in der Laube hörte man zwischendurch die Pistolenschüsse der knallenden Pfropfen.

Wilhelm Klein sprang auf. Es fehlte nur, daß er mit einem Schläger auf den Tisch schlug und » Silentium« rief. Er warf mit einer Bewegung des Kopfes sein Blondhaar aus der Stirn. In Wein und Begeisterung ließ er seine Augen funkeln. Johannes Hansen hatte richtig prophezeit: »Heute vor neunzig Jahren schloß Schiller seine strahlenden Dichteraugen.« Er war der Redner. Er sprach jetzt schon im Brustton der Überzeugung, als ob er die Sedanrede in der Aula des Henriettengymnasiums hielte. Er dröhnte, er war voll Überschwang, er hörte sich selbst, er strafte seinen Dichter Lügen, der da sagte: »Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort.« Er hatte nicht das Wort, das Wort hatte ihn. Die Stunde war vorgerückt genug, er sprach von »Idealen«; er sprach von blonden Jungfrauen mit Veilchenaugen – und Selma erstrahlte; – er sprach von der Liebe in falschen Geibeltönen, wie eine verstaubte Anthologie aus dem Jahre 1880 – und Selma errötete.

Und dann zog er all seine Truppen zusammen, um den letzten Schlag zu führen. Was wäre ihre Gegenwart? Nichts! Was wären sie heute? Nichts! Werdend, kommend, noch schwankend, unstet ihres Weges kaum bewußt, bekümmert, bedrückt, heute voll Hoffnung und morgen voll Hoffnungslosigkeit. Aber sie pochten an die Türe der Welt, und die Welt würde sich ihnen öffnen, sonst würden sie die Türen einschlagen. Ihnen gehörte die Zukunft, die Liebe der Frauen und das Glück der Ehe, alles, wonach sie sich sehnten, Ruhm, Reichtum, alles würde ihnen, den Siegern, zufallen. Auf die Zukunft, ihrer aller Zukunft leere er das Glas.

Man fand das sehr schön. Selbst drüben aus der Laube des Direktors Liebenthal wurde geklatscht. Direktor Max Liebenthal schätzte Idealisten. Das waren seine besten Kunden. Die Mädchen jubelten hell ein Hoch. Wirklich er hatte ergriffen, dieser blonde, lange, lockenschüttelnde Wilhelm Klein. Und die Nacht, der Duft des Laubs, des Weins, die warme, von rötlichem Licht erfüllte Dämmerung, all das gab den Worten mehr Resonanz, als sie es sonst gehabt hätten, wenn man sie in kühlerer Stimmung über sich hätte ergehen lassen müssen.

Und als draußen über den dunklen Nachthimmel noch ein paar Sternschnuppen herabschossen, wundervoll groß, Lichtstreifen nach sich ziehend, da war es einem ordentlich feierlich zumut.

»Die Zeit der Leonidenschwärme,« sagte Doktor Eginhard Meyer.

»Die Tränen des Heiligen Laurentius,« sagte Fritz Eisner.

»Hast du dir etwas gewünscht?« fragte Annchen. »Ich hab's getan. Aber hör' mal, du mußt nun auch reden.«

»Muß das sein?«

»Ja.«

»Nun gut. Annchen, aber es komme auf dein Haupt!«

Fritz Eisner wußte genau, er war das Gegenteil von dem, was man einen Redner nennt. Er würde ins Stottern kommen, sich verheddern, seinen eigenen Sätzen auf den Schwanz treten. Aber die Nacht ringsum in ihrer sternklaren Feierlichkeit, vielleicht auch die Wirkung des Weins liehen bessere Worte, als er sie sonst gerade fand. Denn das Wort stand ihm eigentlich nur zur Verfügung, wenn er sich mit dem weißen Blatt Papier, das vor ihm lag, unterhielt.

»Ich hebe mein Glas,« sagte Fritz Eisner, »und ich gedenke eines, der vielleicht doch heute bei uns gewesen wäre, der uns Rosen um den Wein hätte winden können, und der – schon wunderlich, ältlich und grau – doch zu uns gehörte. Er stahl sich aus dem Leben fort, weil er die grinsende Maske der Usume nicht mehr ertragen konnte.

Ich denke eines kleinen unflüggen Vogels, der aus dem Nest fiel und zertreten wurde. Der Faden riß von selbst, ehe Atropos auch nur Zeit gewonnen, einmal die Schere für ihn zu schleifen.

Ich denke einer, die von hier in Nacht, Schmach und Schmutz des Lebens hinausging.

Ich denke ihrer, die Abschied nahmen, während wir, die Jugend, lachten, und, Eros, der kleine, neckische Gott, uns Erde und Himmel mit bunten Farben malte.

Noch lacht er uns, noch winkt er uns, noch grüßt er uns, Eros. Aber heimlich hält er schon die grinsende Maske auf dem Rücken, mit der er uns einst erschrecken wird, die Maske der Usume. Und dann wird nicht mehr Himmel und Erde mit bunten Farben gemalt sein, sondern ein brandiges Rot wird uns in die Augen beißen.

Wir sind jung, und wir haben uns noch nicht einmal am Start mitaufgestellt, wir Männer, zum großen Wettlauf um das bißchen Geld, um das bißchen Stellung, um das bißchen papiernen Zeitungsruhm und um den Trostpreis eines Nekrologs.

Wir sind noch nichts, bedeuten nichts, unsere Namen kennt niemand. Wir sind oft bange, wovon wir leben sollen, sind voll Sorgen und Ungewißheit – aber die Zukunft, aber die Zukunft!

Alle werden wir noch hin- und hergeworfen, kaum daß einer von uns schon weiß, wohin er wandern will. Oft, wie oft sind wir schon müde und verzweifelt gewesen, auch wenn wir noch so trotzig dareinsahen. Aber die Zukunft, aber die Zukunft!

Doch ich weiß es: ob sie hinauf- oder hinabführt, ganz gleich, sie wird uns hämmern und schmieden, über stürmische Höhen und durch schlammige Tiefen zerren, durch Glück und Unglück mit der Hetzpeitsche jagen.

Und die Liebe, von der wir glauben, daß sie fest wie ein Baum in unseren Herzen wurzle, sie wird kommen und gehen, gehen und kommen, als ob Vögel durch einen Dornstrauch flattern, und kaum ein Federchen wird dran hängen bleiben.

Heute werden wir eine Welt aus den Angeln heben wollen, und wir werden dann schon morgen vorzeitig verzweifelnd die Hände in den Schoß legen, bis wir immer leiser und bänglicher unsere Fragen stellen, uns bescheiden und die Dinge gehen lassen, wie sie gehen.

Vielleicht wird der von uns einmal zu Reichtum kommen, dieser zu Ruhm, jener zu Stellung, der andere zu Einfluß, – vielleicht?! Und man wird doch nichts anderes werden im besten Fall als ein alter Knurrhahn von Literat, eine professorale Mumie mit dementia senilis, ein bösartiger Greis von Schulleiter – es kommt gar nicht darauf an, daß er alt ist, er muß nur ein Greis und bösartig sein –, ein Verleger, der um jeden Preis verdienen will, wenn es nicht mit der Kunst geht, so gegen die Kunst, oder ein Kaufmann, der langsam, aber sicher zu der Überzeugung kommt, daß der gestreifte Kattun der Angelpunkt der Welt ist, unendlich viel wichtiger als Heines ›Buch der Lieder‹.

Und ihr, Annchen, Hannchen, Lucie, Selma, Emmchen, ihr, darf ich ein Wort zu euch sprechen?! Ich wohne an der Lisiere draußen in einem Vorort. Und wenn ich des Abends mit dem letzten Zug nach Haus komme, dann geht es erst eine Treppe herunter, und dann weiter durch eine lange, lange Unterführung. Und ich kenne schon fast alle Ehepaare, die mit diesem letzten Zug fahren. Sie kommen heim aus Gesellschaften, von Vergnügungen, aus Restaurants, aus Theatern, aus Konzerten, wohin sie zusammen vor sich selbst und voreinander geflohen sind. Es sind jüngere Ehepaare und ältere. Ich könnte eine Statistik über sie aufstellen. Achtzig von hundert reden nichts und gähnen; zehn von hundert reden Gleichgültiges; neun von hundert zanken sich in stummer Verbissenheit; – die anderen lassen das wohl bis nachher oder sie haben schon eingesehen, daß auch das sinnlos ist; – fünfzig von hundert gehen ganz getrennt; dreißig von hundert gehen nebeneinander; fünfzehn von hundert Männern fassen ihre Frauen unter; und fünf von hundert Frauen den Mann, sowie sie die letzte Stufe hinter sich haben. Nur ein Ehepaar plaudert und lacht immer und strahlt sich an ... Es ist der Skandal der Gegend, denn es ist unverheiratet.

Stellt es an, wie ihr wollt, Annchen, Hannchen, Lucie, Selma und Emmchen, ihr werdet dem gleichen Schicksal nicht entgehen. Und ihr werdet zusammen mit euern Mädchenkleidern alsbald von selbst tausend Dinge, ohne die ihr glaubt heute nicht leben zu können, in den Schrank hängen.

Vielleicht werdet ihr Kinder haben, und ihr werdet alles Glück und alle Angst durchkosten, die euch diese lebendige Zukunft geben wird, an die sich unser Herz mehr klammern soll als an irgend etwas in dieser Welt. Ihr werdet eure eigenen Herrinnen und eure eigenen Mägde sein. Ihr werdet langsam in tausend immer wiederkehrenden Mühseligkeiten zerrieben werden und endlich euch willig dem fügen.

Vielleicht wird euch das Leben auch dort hinaufführen, wo man dem Reichtum seine Hummerschüsseln aufträgt, und ihr werdet selbst euch mit zur Tafel setzen und« – (Fritz Eisner senkte seine Stimme) – »nicht fragen, mit wessen Geld man sie bezahlt. Ihr werdet hier euch niederlegen, um am nächsten Tage irgendwo zu erwachen, wo die Welt reicher in Farbe steht und man sich auf Liegestühlen flezt, um durch Palmen über das azurne Meer zu blinzeln.

Aber nichts, nichts, ihr Mädchen, nichts, nichts ihr Freunde, wird einen Tag, eine Stunde, eine Minute dieser Nacht hier unter dem Schein der Sterne uns wiedergeben, die wir lachen und küssen, trunken von Wein und Jugend, während ringsum die Schlacht des Lebens Opfer auf Opfer häuft.

Hier, ich habe achtzehn Mark dreißig in der Tasche« – (Fritz Eisner hob seinen Geldbeutel und warf ihn auf den Tisch nieder) – »das ist mein ganzer Reichtum. Ich ahne noch nicht, wo das nächste Goldstück herkommen soll. Und ich trinke auf das Heute, das mir keine Zukunft der Welt je ersetzen kann. Eingedenk des Wortes, das vor wenigen Wochen ein Mann zu mir sprach, der sich am gleichen Abend eine Kugel durch den Kopf jagte:

Es kann mir nie wieder so gut gehen wie heute, da es mir noch schlecht geht!«

Man rief: »Hoch, hoch, hoch!« Auch aus Liebenthals Laube klang es herüber.

Fritz Eisner fühlte, daß die Rede doch eigentlich etwas jungenhaft gewesen war, und schämte sich.

Annchen war ziemlich empört: »Was geht das die anderen Leute an, daß du kein Geld hast! Und immer machst du uns Frauen schlecht! Und manches habe ich gar nicht verstanden: Wer hat sich denn 'ne Kugel durch den Kopf gejagt? Und was war das für 'ne Sache mit der Maske?«

»Schade,« sagte Johannes Hansen, »daß ich die Zeitschrift nicht mehr habe. Die Rede hätten wir bringen müssen an erster Stelle.«

Doktor Eginhard Meyer war über die professorale Mumie mit dementia senilis etwas verschnupft.

Wilhelm Klein – ob des bösartigen Greises.

Aber das gab sich bald wieder, denn Wilhelm Klein hatte doch Selma. Und er sprach mit ihr über modernes Kunstgewerbe, das er auch dem alten vorzöge. Er hätte ebenso gut sagen können, daß er Borneo Java vorzöge, denn beides lag ihm gleich weltenfern.

Lucie und Johannes Hansen hatten anscheinend lebensentscheidende Dinge zu besprechen, denn sie zogen sich in eine der Lauben zurück, nicht ohne ihre Gläser fürsichtig mitzunehmen.

Paul Gumpert und Emmchen Liebmann gerieten über das Schlafzimmer aneinander. Er war jetzt für Empire und sie für Vogelahorn modern. Empire, sagte Paul Gumpert, wäre ein Muster, das immer geht. Er dachte eben kaufmännisch und weiter.

Selma sprang bei. Sie war für modern. Empire wäre kein Stil, sondern eine Krankheit. Was man zwar durchaus nicht so schroff und allgemein sagen kann, was aber auf das präsumptive Gumperrsche Schlafzimmer gar nicht so übel paßte.

Außerdem war Paul Gumpert noch sehr bei Heinrich Heine. Denn wenn er trank, wurde er melancholisch, und er sah zu Hannchen, die sich ganz Egi widmete, mit großen, halb stieren und halb tränenschimmernden Augen hinüber.

Lucie und Johannes Hansen kamen aus der Laube. Lucies Löckchen waren ein wenig ramponiert, aber ihre Augen hatten nicht gelitten: sie waren sehr munter.

»Ich habe lange mit mir gekämpft,« sagte Johannes Hansen, »ich kann es zu Hause nicht mehr aushalten. Gar nicht äußerlich, man nimmt ja alle Rücksicht; aber man ist seelisch zu sehr beengt ... Ich werde doch in eine Pension ziehen.«

Allmählich fing man an, den Grund des Bowlengefäßes zu sehen, und die letzten drei Eierbrötchen waren auch hinter dem Gehege der Zähne Wilhelm Kleins verschwunden. Ein Wind kam auf, fuhr durch die Bäume, riß ein Kastanienblatt ab, das langsam heruntersegelte und sich mit seinen breiten grünen Fingern flach auf die weiße Tischdecke legte.

Ja, nun wolle man gehen. Nein mit diesem Zug ... nicht mit dem letzten! Paul Gumpert müsse noch seine Braut nach Hause bringen, Johannes Hansen Lucie, Wilhelm Klein Selma, und wie sollten sie dann heimkommen? Frau Luise Lindenberg freue sich gewiß auch, wenn sie sie alle los wäre.

Man ging noch etwas im Garten auf und nieder, paarweise und zärtlich, setzte sich auch wohl einen Augenblick in die Laube, wo es nicht allzu hell war, und verharrte im Dämmer der Kastanien hinten an der Gärtnerei.

Annchen sagte zu Fritz Eisner: »Eigentlich bin ich noch böse auf dich wegen der Rede.«

Aber sie war es dann ganz und gar nicht.

Als man im Fortgehen an der Laube Liebenthal vorüberkam, hatten die Damen sich schon zurückgezogen. Aber die Herren saßen noch mit Augen wie Hyänen um den Tisch und pokerten, daß die Goldstücke nur so durch den Garten spritzten.

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