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Einen Sommer lang

Georg Hermann: Einen Sommer lang - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleEinen Sommer lang
publisherVerlag Ullstein & Co.
printrun16.-20. Tausend
year1917
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectidb34d0e96
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Aber wenn Frau Luise Lindenberg sagte, sie wollten mal nächstens eine schöne Dampferfahrt machen, so bedeutete dieses »nächstens« noch lange nicht »nächstens«. Was nebenbei durchaus keinen Schatten auf sie als Mensch werfen soll, sondern im Gegenteil ihr Menschentum in reicherem Lichte erstrahlen läßt. Denn es ist echt menschlich, daß, wenn jemand volltönend verkündet: »Ich werde nächstens meinen Onkel besuchen, meinen Schneider bezahlen, zum Arzt gehen,« daß man dann versichert sein kann, daß er keins von alledem in den folgenden vier Wochen tun wird.

Immerhin bot die Dampferfahrt für alle einen schönen Gesprächsstoff. Aber einmal klappte es mit dem Wetter nicht so. Dann mußte Frau Luise Lindenberg bei einer befreundeten Familie (siehe Kasten mit der kunstvollen Laubsägearbeit) Kondolenzbesuch machen – wozu eigentlich? Den Leuten war auch wohl, daß sie die Sorge um den gelähmten Mann los waren –. Oder Tante Trautchen war bei irgendwelchen Verwandten (siehe Album zwei mit dem Spielwerk, das nicht ging) eingeladen, die schon beleidigt waren, weil sie sich gar nicht mehr bei ihnen hatte blicken lassen. In Wahrheit hatten sie gesagt: »Man muß die Person doch mal zu Tisch bitten. Aber wen dazu? Rosenthals können wir das nicht zumuten. Wißt ihr was: Grete kann sich vielleicht ihre beiden Freundinnen aus dem Seminar einladen.« Und Tante Trautchen erzählte dann acht Tage lang von hochbegabten jungen Mädchen, die etwas lernten, obwohl sie es gar nicht nötig hätten.

Ja, und dann war ja Egis Doktorarbeit – er hatte sich den Termin schon einmal verlängern lassen – in ein kritisches Stadium getreten, so daß er ihr ungern einen Tag entziehen wollte. Gegen seine Überzeugung, nur unter schweren Seelenkämpfen hatte er sich nach langen Beratungen mit Hannchen entschlossen, sie doch vorerst nicht auf jene breite Basis zu stellen, die die Würde und Wichtigkeit des Themas beanspruchte; denn dann hätte er sie nach genauester Berechnung nicht unter zwei Jahren vier Monaten zweiundzwanzig Tagen vollenden können. Sondern er hatte darin eingewilligt, ein Kompromiß zu schließen und das Thema zunächst nur dilatorisch zu behandeln, sich weitere Ausführungen für die Buchausgabe vorbehaltend; da ihm ja dann nach dem Gesetze der wissenschaftlichen Republik das Thema als gesichert galt und er kaum fürchten brauchte, daß ihm jemand hierin zuvorkommen würde. Und wenn wirklich, so würde seine Arbeit doch nur die Unzulänglichkeit der anderen beweisen können. Jetzt aber einen Tag sich und der Arbeit rauben, wäre leichtfertig von Egi Meyer gewesen. Er ginge nicht einmal zum Prozeß Liebenthal, ... doch würde er nach dem 20. Juli mit tausend Freuden ... Nachmittag hingegen käme er gern einmal hinaus ... um aufzuatmen.

Und Tante Trautchen, die zuerst sich immerhin etwas Zwang auferlegt hatte, solange sie sich noch als Besuch fühlte, begann langsam sich bei Lindenbergs zu Hause zu fühlen und sagte sich: Warum soll ich nicht Herrin bei mir zu Hause sein? Kurz, sie wurde unausstehlich: stand um zehn Uhr auf, rannte bis zwölf in Nachtjacke und mit Lockenwickeln umher und meinte dann enttäuscht des Abends: »Der Tag hält gar nichts mehr.« Sie hetzte Annchen und Hannchen durch die Wohnung und treppauf, treppab, wollte alles hören, alles wissen, guckte in jeden Topf und bekrittelte jede Maßnahme, ließ keine Unterhaltung über irgend etwas aufkommen, sondern unterbrach sie sofort und überschwemmte alles mit ihrem gleichgültigen Gesabber über Menschen und Dinge, die auf die Dauer nicht einmal mehr Frau Luise Lindenberg interessierten. Und außerdem verstand sie jedes Wort falsch, bezog es auf sich und nahm es übel, so daß Annchen und Hannchen sie nicht mehr das »Unglück«, sondern in Erinnerung an ihre Kochtätigkeit, den »Milchreis« nannten. Wie man es nämlich auch anstellte, immer war sie zum Schluß angebrannt.

Frau Luise Lindenberg sagte zwar: »die Ärmste«, und: »Laßt sie doch, Kinder, sie hat nicht viel Gutes im Leben gehabt,« aber ganz im geheimen begann sie sich sogar wieder nach Hannchens Selmas und Lucies zu sehnen. Und wenn nicht eine neue Freundin, die Hannchen einmal angeschleppt brachte, eine Lehrerin, ihr – ich glaube, man nennt so etwas heutzutage: männliche Betonung; damals war man noch nicht so weit in der Psychologie – ihr doch gar zu spitznasig, vertrocknet, arrogant und bestimmt gewesen wäre, so hätte sie schon Tante Trautchen erklärt, daß sie leider die Zimmer jetzt notwendig brauche für einen Besuch, der sich schon seit Monaten bei ihr angemeldet hätte. So aber – als man die beiden gegeneinander abwog – beschloß man doch, bei Tante Trautchen, eben der gewichtigeren, zu bleiben. Da wußte man wenigstens genau, was man hatte; bei der anderen aber war gar nicht vorauszusehen, was man bekam. Und außerdem: mochte Tante Trautchen auch etwas merkwürdig sein – wer wird das nicht, wenn er älter wird?! – zum Schluß war sie doch (darüber waren sich Frau Lindenberg und ihre Töchter einig) ein gutes Tier.

Mit den Baumeistersleuten konnte man nun leider, nach dem, was vorgefallen, nicht mehr verkehren, und deshalb ging man nur noch stumm grüßend aneinander vorüber. Frau Luise Lindenberg wußte auch nicht, wie man ihm gegenüber einen unbefangenen Ton noch finden sollte; und vor allem ihr gegenüber, dieser unglücklichen Frau. Der Baumeister, nebenbei, der mit der Zwitscherschwalbe so weich, rücksichtsvoll und zuvorkommend gewesen war, wie man es diesem Herkules Farnese gar nicht zugetraut hätte – die beiden zusammen hatten Fritz Eisner immer an das Bild erinnert, das Lovis Corinth gerade in der Sezession hatte: ein junges Mädchen, das einen wilden, schnaubenden Stier gebändigt hat und ihn nun wie ein Lämmchen an einem rosenroten Band führt ... der Baumeister lebte mit seiner keifenden Madame Spätzin in einer sehr angeregten Ehe, so daß zeitweise das Haus dröhnte. »König Lear« war ein Lustspiel dagegen.

Auch die Kapitänswitwe war zwar immer gleich zuvorkommend, schloß sich aber nicht an. Sie sagte einmal: sie könne das nicht tun; denn wenn sie das bei einem ihrer Mieter täte, so müßte sie es bei allen tun, – und das würde zu weit führen. Auch schien schon ohnedem die Kapitänswitwe sehr viel Umgang zu haben, denn sie war nicht allzuviel daheim, und Frau Luise Lindenberg sagte von ihr nicht ohne Stolz – denn endlich war es doch ihre Wirtin, und etwas von dem Glanz blieb doch auch an ihr haften –, daß sie Beziehungen zu den besten Kreisen Potsdams hätte.

Hannchen meinte, sie solle sich lieber mehr um ihre Kinder kümmern. Sie verwahrlosten, und sie behandle sie schlecht. Das war nicht wahr. Schlecht behandeln tat sie eigentlich nur die Kleinste, den Südseetyp. Sie hätte ererbte Ungezogenheiten, die man ihr abgewöhnen müsse, meinte sie. Bei der zweiten, bei Lottchen mit der mongoloiden Augenfalte, hatte sie wieder mit dem Ohrfeigenprinzip für die Schule glänzende Erfolge erzielt. Das Wikingermädchen erstickte sie mit ihrer Zärtlichkeit, und Mieze gegenüber (Mittelmeerrasse) – sie blühte auf von Tag zu Tag, wurde geradezu eine Schönheit – Mieze gegenüber war sie ohne Zweifel (aber die Ältesten werden ja stets vorgezogen) fast zu nachsichtig und gewährte ihr zu viel Freiheiten. Jedenfalls machte Mieze jetzt fast jeden Abend mit ihrer Freundin, Else von Tresckow, eine Mondscheinpartie, trotzdem der Mond doch schon längst nicht mehr schien, sondern es im Gegenteil stichdunkel war, daß man, wie es heißt, kaum die Hand vor den Augen sehen konnte.

Die Frau Direktor Liebenthal war oft recht mißgestimmt. Sie hätte Sorge um ihren Mann, dem es leider immer noch nicht nach Wunsch ginge, so daß es noch gar nicht abzusehen wäre, wann man ihn aus dem Sanatorium entlassen würde. Als aber eines Tages der Prozeß gegen den Direktor Max Liebenthal begann und die Zeitungen voll davon waren, wurde Frau Luise Lindenberg doch kopfscheu, und sie fragte die Kapitänswitwe, ob das nicht etwa die Liebenthals wären, weil doch der Mann usw. usw.

»O,« rief die Kapitänswitwe, »soviel ich weiß, ist das ein Vetter von ihnen.«

»Siehst du,« sagte Frau Luise Lindenberg am nächsten Sonntag zu Fritz Eisner, »was habe ich euch gleich gesagt? Es ist natürlich ein Vetter, dieser feine Herr Direktor Max Liebenthal. So etwas in der Familie durchzumachen, muß doch sehr unangenehm sein. Aber was können sie dafür? In der schönsten Wohnung gibt's eben 'ne Rumpelkammer.«

Der Prozeß war nebenbei sehr amüsant. Wie schon bemerkt, die Zeitungen waren voll davon. Besonders priesen sie die Elastizität und Ungebrochenheit des Angeklagten, der sich trotz der langen Untersuchungshaft benähme, als wäre er nicht vor Gericht, sondern leite die Vorstandssitzung einer Aktiengesellschaft. Tadellos gekleidet, mit Bügelfalten in den gestreiften Beinkleidern, Cutaway letzten Schicks, amerikanisch gestutztem Bärtchen in dem rosigen Gesicht – man hielt damals sonst noch allgemein bei Haby – goldenem Kneifer auf dem Nasenrücken, hörte er mit leicht spöttisch geschürzten Lippen den Ausführungen des Staatsanwaltes und der Zeugen zu, als beträfen sie irgend jemand anders. Und trotzdem er die besten und geschicktesten Verteidiger hätte – sie wären Waisenknaben, unmündige Kinder gegen ihn, er stecke sie alle in die Tasche. Die winzigste Lücke des Gesetzes, wo kaum eine Nähnadel durchfallen könne, er bohrte so lange, bis da ein Riesenloch wäre. Dreihundertundzwanzig Zeugen hätte der Staatsanwalt zur Belastung gegen ihn ins Feld führen wollen, und merkwürdig: die sichersten waren plötzlich erkrankt, verreist, unbekannt wohin ins Ausland verschwunden, man solle sie kommissarisch vernehmen, wenn man nicht auf sie verzichten könne.

Die besten Leute des Staatsanwalts fielen um wie Heuschober vor seinen Zwischenfragen, und diejenigen, die vom Staatsanwalt als die armen, braven, geschonten Lämmer dargestellt wurden, die, verlockt durch betrügerische Anpreisungen, ihre mühsam erarbeiteten Spargroschen sich von diesem dämonischen Betrüger hatten abnehmen lassen, entpuppten sich in seiner Beleuchtung als ganz schwere Jungen und ausgekochte Berufsspekulanten, die ihn geschädigt hätten, und deren Geschäftsgebaren der Herr Staatsanwalt, wenn er sein Amt wirklich ernst nähme, endlich einmal die Aufmerksamkeit schenken könne, die sie verdiente.

Und was der Herr Staatsanwalt wollte? Diese Claims existierten nur auf dem Papier? Natürlich wären sie in Wirklichkeit vorhanden, sogar im Basutogebiet. Man möchte doch hinreisen. Sie wären ja auch auf den hier vorliegenden Situationsplänen verzeichnet, und wenn sie jetzt nichts mehr gebracht hätten trotz vorzüglicher Anfangserträgnisse, die plötzlich stockten, so läge das nur daran, daß die alten Maschinen sich abgenutzt hätten, und daß es mit sehr viel Schwierigkeiten verbunden sei, die neuen Maschinen – es müßten für die hier eigentümlichen Gesteinslagerungen ganz besondere sein – die neuen Maschinen dorthin zu bringen, da sie auf Ochsengespannen eine bergige, fast weglose Strecke von über zwölfhundert englischen Meilen ... und ebenso hätten leider die chinesischen Kulis, die aus der Jangtsekiang-Ebene stammten, das Höhenklima nicht vertragen. All jene Widerwärtigkeiten und Nackenschläge aber, mit denen jeder Kenner der Verhältnisse leider von vornherein rechnen müsse, hätten im Verein mit dem wie bekannt und gerichtsnotorisch nicht immer soliden Geschäftsgebaren der Börse in Johannisburg die Shares dieses Claims wider Erwarten plötzlich fast völlig entwertet. Was sich natürlich bei denen, die sie nicht, wie er stets geraten, als Anlage, sondern als Spekulationspapiere gekauft hätten, sehr fühlbar machen müsse.

Wer jedoch klug genug wäre, um durchzuhalten, müßte spätestens in ein bis zwei Jahren zum mindesten das Zwölffache des jetzt eingebüßten Betrages wieder eingebracht haben.

Kurz gesagt: noch niemals war ein preußischer Staatsanwalt derartig vermöbelt worden. Nun ja, er war etwas schneidig, ziemlich jung und nicht sonderlich geschickt. Die Materie war zudem wirklich sehr, sehr schwierig. In Deutschland kannte sie eigentlich noch niemand so recht, außer dem Angeklagten, der sie nur zu gut kannte. Und dann waren es vier gegen einen, eigentlich sechs gegen einen. Drei der gerissensten Verteidiger und der Angeklagte, der allein für drei zählte. So etwas von Reinfall hatte die Kammer noch nicht gesehen, und wenn es nicht zu beschämend gewesen wäre, hätte man die Sache einfach ad calendas graecas vertagt.

Nun ja, ein paar Fälle würden wohl hängenbleiben; aber was tat das?! Und das Schlimmste, daß dieser Angeklagte bei der Presse geradezu Sympathien hatte. Einige Skandalblätter ließen sogar durchblicken, daß ja die Manöver der Großbanken dann auch etwas reformbedürftig sein möchten ... Das Allerschlimmste aber war, daß das Publikum, in das Direktor Liebenthal des öfteren gewinnend hineinlächelte, den Kerl geradezu vergötterte. Man erzählte sich von ganzen Stapeln von rosenfarbigen, parfümierten Briefen, die ihm täglich zuflögen.

Na ja, am Ohr würde man ihn vielleicht ein bißchen zupfen können, aber mit dem Statuieren eines Exempels war die Geschichte Essig geworden. Das sahen selbst die jüngsten Richter – und beinahe der Staatsanwalt. Je länger sich die Sache hinschleppte, durch Wochen und Wochen, desto klarer wurde es. Und etwa Nerventaktik? Keine Spur. Ermüdeten die Herren hinter dem Tisch nicht, er, der Angeklagte hinter der Schranke, hielt es gewiß aus. So gute Nerven wie die hatte er lange.

Der Mann war nämlich weiter als die Gesetzesparagraphen, die sein täglich Brot waren; er war ihnen vorausgeschwommen und fraß dort behaglich die Scharen der Gründlinge, wo die Herren Richter mit ihren altmodisch-großmaschigen, allzukurzen Netzen eben noch nicht hinkonnten. Er hatte geschickt die Gesetze von heute umgangen, nur um ungestraft gegen die von übermorgen freveln zu können. Genial war er ja, das gab selbst der Staatsanwalt in einem unbewachten Augenblick zu, aber ein verdammt gemeingefährlicher Gauner.

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