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Einen Sommer lang

Georg Hermann: Einen Sommer lang - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleEinen Sommer lang
publisherVerlag Ullstein & Co.
printrun16.-20. Tausend
year1917
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectidb34d0e96
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Da für Fritz Eisner aber Geld immer noch, wenn er es auch nicht gern eingestehen wollte, ein sehr unregelmäßiges, schwer abzuwandelndes Zeitwort war mit Aoristen und heimtückischen Konjunktiven, wie »würde gehabt haben«, so konnte er doch keineswegs so viel zu Annchen nach Potsdam hinüberfahren, wie er es gern mochte. Und wenn schon einmal ihm ein paar Goldstücke in den Beutel geflogen waren, so wußte er immer noch nicht, aus welcher Ecke Berlins oder Deutschlands die nächsten heranfliegen würden. Und in letzter Zeit hatten sie gerade sich in ihrer Flugtätigkeit außerordentlich schwerfällig gezeigt.

So also kam es, daß Fritz Eisner nicht dabei war, als Lucie das Zeitliche segnete, weil sie einem ihrer Freunde, nachdem er sich vorzeitig oben bei Lindenbergs verabschiedet hatte, noch ein Plauderstündchen bis halb Drei nachts in ihrem Gartenhause gewährt hatte, von wo er dann – ungeschickt genug – unter vergnügtem Klingeln und Absingung eines derben Wanderliedes auf seinem Rade davonfuhr.

Frau Lindenberg meinte: früher wäre so etwas unmöglich gewesen; aber die Menschen wären eben heute sehr frei in solchen Dingen, – ohne sich dabei etwas zu denken. Ihrer Meinung nach wäre ja sicher nichts Schlechtes vorgekommen, aber man könnte es doch vermuten, und es schickte sich eben nicht, wenn Lucie bei ihr als Logierbesuch wäre, wo sie sogar zwei Bräute im Hause hätte. Und unter dem Vorwand, daß Tante Trautchen jede Stunde eintreffen könne – dabei war das Sängerfest in Melsungen erst am Zehnten –, erklärte Frau Luise Lindenberg kategorisch, daß es ihr unendlich leid täte, daß sie aber das Gartenzimmer jetzt unbedingt benötige. Was Lucie – es war ihr wohl schon Ähnliches begegnet – verstand und alsbald samt Augen und Löckchen unter Küssen von Frau Luise Lindenberg, Annchen, Hannchen und Mohrchen Abschied nahm.

Ja – und was gab es noch? Richtig: Als dann Fritz Eisner das nächstemal herauskam, da war der Witwenkongreß, der da in dem Schaufenster der Putzmacherin stand, um ein ganz bescheidenes kleines Hüttchen, das billigste wohl von allen – es hatte kaum eine Krepprüsche und ein ganz kurzes Tüllschleierchen – ärmer geworden. Keines, das mit dreifach wehenden schwarzen Fahnen in der Mitte des Fensters prangte und prunkte, schwer wie ein Beethovenscher Trauermarsch, fehlte; keins, das etwa ein Loch in die Auslage gerissen hätte. Nein, nur so ein ganz bescheidenes aus der Peripherie war verschwunden. Und es war zu der Frau Baumeister gewandert, die doch bei der Beerdigung des Kindes wenigstens einen Trauerhut aufhaben mußte. Gerade an dem sammetblauen Morgen, da vor dem Fenster die rote Kastanie aufbrach mit den glühenden Kerzen im dunklen lackigen Laub – dieser wundervolle Baum, den der Maler Renoir so liebt –, gerade an dem Morgen war der dünne zitternde Lebensfaden gerissen, und die großen dunkeln Augen dieses altdeutschen Christkindchens, das so früh schon um allen Kummer der Welt wußte – hatten sich, vor der Zeit vom Leben ermüdet, geschlossen ... vom Leben ermüdet, das ohne sie weiterglühte und sie sehr, sehr schnell vergaß.

Wahrlich, es wurde nicht sehr viel Aufhebens davon gemacht.

Der Baumeister hätte nicht einmal einen Trauerflor am Arm getragen, meinte Annchen, Verwandte wären gar nicht zur Beerdigung gekommen, und nur drei Kränze hätte es gegeben. Einer von den Eltern. Einer von ihnen. Und ein sehr schöner mit großen Veilchen- und Maiglöckchentuffs vom Doktor Fischer. Der Baumeister wäre jetzt wenig draußen, und die junge Frau wäre sehr unglücklich und weine viel. Sie, Annchen, könne deshalb nicht einmal Klavier spielen. Denn das müsse ihr doch schrecklich sein. Sie selbst möchte einmal kein Kind haben, wenn sie es doch wieder hergeben müsse.

Egi Meyer meinte etwas roh, daß auch bei den Deutschen die paternité incerte wäre, denn man sage doch: er ist zu seinen Vätern versammelt worden.

Aber das sind so juristische Witze fortgeschrittener Semester.

Mit dem wilden, lockenschüttelnden Abgang des hechtgrauen Fremden Johannes Hansen war nebenbei eine schöne Ruhe in Hannchens Leben gekommen, die nur gestört wurde durch die Phasen der hoffnungslosen Verzweiflung und des weltbewegenden Jubels, die sie mit ihres Bräutigams Eginhard Meyer Doktorarbeit zu durchleben hatte. Sonst ging ihr alles nach Wunsch.

Das heißt: mit den kleinen Mädchen der Kapitänswitwe aber hatte Hannchen keine guten Erfahrungen gemacht. Der Südseetyp – er spielte jetzt mit Vorliebe taubstumm, denn er war in einer Kindergesellschaft mit einem taubstummen Kind zusammengewesen, und das hatte ihm sehr gefallen – der Südseetyp entzog sich Hannchen durch eilige Flucht und erklärte ihr rund heraus: sie wolle nichts lernen. Nachher stürbe man, und dann könne man es doch nicht mehr brauchen.

Eine Erkenntnis, die dem Südseetyp anscheinend durch den Tod des kleinen Baumeisterkindes (die Kapitänswitwe hatte es ihr gezeigt) gekommen war, und der man eigentlich kaum mit Vernunftgründen widersprechen konnte.

Lottchen aber mit der mongoloiden Augenfalte war unter Hannchens Nachhilfe in der Schule, in der es ihr bisher doch ganz gut gegangen war, bedenklich heruntergekommen, so daß sie auf alle Fragen, wo sie säße, nur noch »ans Fenster« antwortete. Was die Kapitänswitwe darin bestärkte, von der neumodischen Theorie des Fräuleins Hannchen wieder zur altmodischen Ohrfeigenmethode zurückzukehren, mit der sie auch schon bei den beiden Älteren (Wikingertyp und Mittelmeerrasse) vorzügliche Resultate erzielt hatte. Die Mittelmeerrasse behauptete nebenbei, daß man die Bücher, die ihr Hannchen aufgeschrieben, in der Leihbibliothek bei Schnabel nicht bekäme, und daß ihr der Mann statt dessen »Yvette« von Guy de Maupassant gegeben hätte – und das wäre himmlisch!

Und so kam es wie von selbst, daß sich Hannchen mehr Blanche und Anatole näherte, den vermickerten » va vite«-Kindern der Frau Direktor Liebenthal. Der Herr Direktor selbst war leider immer noch im Sanatorium, und es war gar nicht abzusehen, wann seine Gesundheit sich so weit gestärkt haben würde, daß ihn der dirigierende Arzt mit gutem Gewissen entlassen könnte.

Die Frau Direktor schien oftmals darüber recht verstimmt zu sein. Denn man hörte sie ziemlich lange und erregte Gespräche mit ihrer Mutter, einer gleichgültigen Dame, deren Gesicht nur aus Falten bestand, führen.

Frau Direktor Liebenthal und Frau Luise Lindenberg gingen zwar höflich grüßend vorerst noch umeinander herum, beschnüffelten sich vorerst noch nur aus der Ferne; aber es war klar, daß sie binnen kurzem sich in die Arme fliegen mußten, um die Saison über durch rücksichtsvolle Freundschaft verbunden zu bleiben, da sie doch beide eigentlich den gleichen Kreisen angehörten (sicherlich hatten sie sogar gemeinsame Bekannte, denn den Namen Direktor Liebenthal erinnerte sich Frau Lindenberg irgendwo schon gehört zu haben). Und da sie beide hier unter Menschen lebten, von denen sie doch fühlten, daß sie gesellschaftlich ihnen nicht ganz ebenbürtig wären, so war das, was sich zwischen ihnen vollziehen mußte, einfach das Experiment mit den beiden magnetischen Nähnadeln, die man ganz vorsichtig auf eine Wasserfläche legt, allwo sie so lange umhertreiben, bis sie plötzlich aufeinander zustreben, sich Seite an Seite legen und untrennbar scheinen. Nur dieses letzte geheimnisvolle movens fehlte noch, aber es mußte jeden Augenblick kommen. Das fühlte jedes von ihnen.

Und dieses letzte geheimnisvolle movens kam eines Tages sozusagen eruptiv – mit Naturnotwendigkeit. Man hätte Tag und Stunde vorherbestimmen können. Nur vollkommene biologische Unkenntnis nämlich konnte auf die Dauer annehmen, daß einzig das überreichliche Futter – Frauen verstehen ja Hunde nie zu behandeln – daß einzig das verantwortlich zu machen sei dafür, daß das Mohrchen so zusehends von Woche zu Woche an Körperfülle zunahm und an Schlankheit der Figur – sie aber war das hübscheste an ihm gewesen – einbüßte. Mal mußte die Erkenntnis jedem kommen, daß es sich hier doch um höchst geheimnisvolle und ungeklärte, stets von neuem wundersame Lebensvorgänge handelte, deren Gefäß das Mohrchen geworden war.

Je nach dem Temperament nahm jeder anders dazu Stellung.

Frau Luise Lindenberg und Egi Meyer waren für Entfernung Mohrchens durch den Milchmann. Fritz Eisner begnügte sich damit, Mohrchen eine jener Reden zu halten, deren szenische Wiedergabe wir oft in den holländischen Gemälden des siebzehnten Jahrhunderts finden, die in den Museumskatalogen schamhaft unter der Spitzmarke »Väterliche Ermahnung« geführt werden. Hannchen und Annchen erklärten aber, daß sie sich gerade jetzt um keinen Preis von Mohrchen trennen würden; und Hannchen begann schon im Konversations-Lexikon nachzulesen und sich nach der Adresse eines Tierarztes zu erkundigen.

Nur der zunächst Beteiligte, das Mohrchen, war ganz ruhig, ließ es sich nicht anfechten und tat, als ginge es die Sache gar nichts an. Es hüpfte, sprang, wedelte, gab Pfote wie stets, war vielleicht einmal etwas weniger munter als sonst, lag auch am Tage mal faul in seinem Korb herum; aber es beklagte sich auch nicht mit dem kleinsten Mauzen und Winseln über sein Schicksal. Nein, Mohrchen benahm sich vorbildlich anständig; und eines schönen Morgens – keiner hatte etwas davon gemerkt – lagen neben ihm fünf kleine Hunde im Korb, die Mohrchen sorgsam von Kopf bis Fuß ableckte mit Ernst und Gewissenhaftigkeit, wie jemand, der sich voll bewußt ist, daß er nun vor neuen Lebensaufgaben steht.

Die Kinder der Kapitänswitwe hatten schon öfters junge Hunde gesehen. Außerdem sagten sie: die wären nicht rasserein. Und damit hatten sie recht. Sie waren geradezu in sich ein Merkblatt für Hundezüchter. Keins war wie das andere, und jedes trug die Spezimina von mindestens drei Gattungen.

Es müßte das irgendwie am Hause liegen, meinte Fritz Eisner, denn auch die Kinder des Kapitäns waren ja so seltsam rasseverschieben.

Die Kinder der Frau Direktor Liebenthal jedoch hatten noch nie junge Hunde gesehen; und so hockten Blanche und Anatole mit runden schwarzen Augen stundenlang oben vor dem Korb, in dem die Kleinen, mit Gummibeinen, krabbelnd, übereinanderpurzelten, liefen immer wieder hinauf und waren gar nicht fortzubekommen. Worauf sich Frau Direktor Liebenthal genötigt sah, zu Frau Luise Lindenberg zu bemerken: sie möchte nur ruhig die Kinder hinausjagen, wenn sie störten. Worauf Frau Luise Lindenberg sich genötigt sah zu bemerken: sie störten gar nicht; im Gegenteil, es mache ihr Freude, wie die Kinder sich freuten; sie wären reizend. Worauf Frau Direktor Liebenthal erwiderte: die Kinder könnten vor Aufregung kaum einschlafen des Abends, und sie spielten abwechselnd Tante Annchen und Tante Hannchen und Mohrchen und Pussy. Blanche wollte immer Mohrchen sein; aber Anatole weigere sich, das Gesicht sich von Blanche ablecken zu lassen. Sie habe es ihr auch verboten. Worauf das Gespräch, sich in angenehmsten Bahnen bewegend – wenn es auch etwas sprunghaft von jungem Gänsebraten zum Zoologischen Garten ... vom Zoo zum Justizrat Sommerfeld, der auch aus Crossen stamme, und den sie doch kennen müsse ... und von dem zum »Johannes« von Sudermann, über den man sich – das heißt über den erstgenannten – einigte, daß er pervers wäre, irrlichterierte – das Gespräch nun ein und eine Viertelstunde lang auf dem Treppenabsatz weiterging und noch fürder viele gleichanregende Fortsetzungen in der Laube Lindenberg und Liebenthal oder auf den Balkons fand.

Da man aber doch unmöglich die Wohnung auf die Dauer in einen Hundezwinger, in ein Jahna, in ein » aut Cæsar aut Minka« verwandeln konnte, so beschloß man, Mohrchen mit drei Jungen an einen apostolischen Schuster – seine Mutter kam zu Lindenbergs für die grobe Arbeit als Aufwartung – zu geben, der mit Christuskopf, Wollhemd, Knickerbocker und Wadenstrümpfen inmitten von Hunden, Hühnern und Katzen ein sehr seltsames Anachoretenleben führte; Pussy aber – er war einfach süß, sah aus wie ein Bastard zwischen einer Ratte und einer Stiefelbürste – zu behalten und den kleinen Spielzeughund mit den braunen, wie angenähten Ohren, der immer mucksmäuschenstill stand, daß man glaubte, er hätte Räder unter den Füßen oder wäre auf ein Brett aufgenagelt, an Blanche und Anatole zu geben, um den Kindern eine Freude zu machen. Allwo er jedoch keine bleibende Stätte fand: denn Blanche und Anatole hatten trotz der Französin und » va vite« über die Frage, wer den Spielzeughund ins Bett nehmen sollte, ein solches Gebrüll erhoben, das in eine wilde Keilerei ausartete, daß Frau Direktor am nächsten Morgen den Spielzeughund samt einem harten Taler dem Milchmann aushändigte.

Von Pussy ist zu bemerken, daß er trotz Schwefelblüten, die Hannchen reichlich seinem Futter zusetzte (oder vielleicht gerade durch sie) der Staupe nicht entging und in ihr verblieb. In seiner kurzen Lebenszeit aber konnte er sich mit dem ausgestopften Äffchen von der Konsole ebenso wenig anfreunden wie seine Mutter, trotzdem ihm Annchen oft genug damit auf die Nase stubste und ihm unter verstecktem, bauchrednerischem Gebläff und Gewinsel einzureden versuchte, daß der Lar, der da mit Engländerzähnen an der Haselnuß herumknackte, ein lebender Konkurrent von ihm wäre.

So war zwar die Familie Mohrchen nach allen Seiten alsbald verweht und in die Brüche gegangen; aber gleichsam über ihren Grabstein fort hatten sich Frau Direktor Liebenthal und Frau Luise Lindenberg in Freundschaft die Hände gereicht.

Und sie waren wirklich aufeinander angewiesen. Denn es regnete ziemlich viel in diesem Frühling. Das Land war mit seinem Regen wie ein Kind, das Ball spielte. Alle zwölf Stunden einmal warf es das Wasser in Form von Nebel in die Luft, und alle zwölf Stunden fing es das Wasser wieder auf mit den geöffneten Händen der Felder, Wälder und des breiten Flusses. Und wie ein Kind nicht müde wird sein Spiel zu wiederholen, so wurde das Land dieses Spiels nicht müde. Ja es zählte ordentlich, wie oft es das Wasser hochwerfen und wieder fangen könnte, ohne auch nur einmal zu pausieren und sich zu verschnaufen ... eine, zweie, dreie, viere und so fort. Es setzte scheinbar seinen Stolz darein.

Aber die Natur ließ sich dadurch nicht stören. Sie blühte weiter, sie wuchs weiter, sie reifte weiter.

Es kamen Spargel, und es gab die ersten Werderschen Erdbeeren und die ersten Werderschen Frühkirschen. Und Frau Luise Lindenberg, die sich wieder nur allein der Küche widmete – sie sei gesegnet dafür – kaufte sie auf dem Markt drinnen in Potsdam unter dem Obelisken und vor dem Rathaus, wo sie alte Frauen mit Wachstuchhüten feilboten, fein säuberlich, immer abwechselnd eine Kirsche und eine junge Schote an weiße Stöckchen gebunden: ein eßbarer Wedel aus Saftgrün und Hellrot.

Und Fritz Eisner und Annchen Lindenberg ließen sich auch nicht stören durch den Regen. Es war so schön, wenn sie gingen, und die Wolken kamen aus der Erde herauf, stiegen schwer hoch aus den Wäldern und zogen ohne Verweilen weiter. Und sie hingen noch herab wie das graue Schultertuch einer Riesin, das halb herabgefallen über den Boden schleift, mit den Fransen die Felder und Wiesen streift, das mit tänzelnden Bändern enteilenden Schritten nachgezogen wird, während es drüben doch schon wieder blau wurde, blauweiß wie Phlox in den Sommergärten der Bauern. Und während dann die paar letzten grauen, tanzenden Fransen hinweghuschten, jauchzten schon alle Fernen unter der neuen Sonne, und der ganze Wald grünte wieder aus in Hunderttausenden von smaragdenen Flecken.

Fritz Eisner und Annchen Lindenberg kamen dann beide erhitzt und unmöglich aussehend zum Mittagessen mit einem ununterdrückbaren Glanz in den Augen, der selbst unter den strengen Blicken der Frau Luise Lindenberg aus dem scheinbar gebändigten Ernst ihrer Gesichter immer wieder in gleichen Abständen hervorquoll mit dem plötzlichen Aufblitzen eines Blinkfeuers.

Frau Luise Lindenberg aber gefiel das durchaus nicht, und sie sagte ihnen, daß jetzt Tante Trautchen käme, und daß sie in Rücksicht darauf ein mehr gesittetes Benehmen zur Schau tragen müßten, denn sie wünsche nicht, daß einer ihrer Töchter etwa in ganz Melsungen Übles nachgeredet würde. Annchen und Fritz Eisner könnte das ziemlich gleichgültig sein, aber es würde in Melsungen auf sie zurückfallen. Ihr jedoch wäre das nicht gleichgültig.

Und Fritz Eisner und Egi Meyer wurden beordert, beim Empfang Tante Trautchens vorhanden zu sein, damit sie ihr sofort vorgestellt werden könnten. Und außerdem schicke sich das. Denn sie käme vorzüglich ihretwegen, um sie kennenzulernen. Eine diplomatische Bemerkung, die sich wie die meisten ihrer Art nicht mit den historischen Tatsachen deckte.

Fritz Eisner kam ziemlich früh, an einem Montagmorgen, denn Tante Trautchen war wie bei einer Durchquerung Afrikas in Etappen gereist, und sie hatte vorher noch einmal bei Verwandten in Kreiensen und einmal bei Verwandten in Magdeburg übernachtet.

Es war ein schöner blauer Junimorgen, und die noch ungekehrten Stufen der Bahnhofstreppe zeigten das gleiche Stilleben wie an jedem Montag früh hier draußen: – einen Kiefernzweig, eine Haarnadel und einen Blusenknopf in traulichem Beieinander.

Annchen, die – das lag hier so in der Luft – ihr königstreues Herz entdeckt hatte, strahlte: sie hätte Glück gehabt. Sie wäre vorher drüben mit anderen auf das flache Dach eines Hauses geklettert, und sie hätte von da ganz genau beobachten können, wie der Kaiser, der fortreiste, von seiner Familie Abschied nahm. Es wäre hochinteressant gewesen. Und das Reizendste dabei, daß weder er, noch seine Frau, die Kaiserin, noch die Prinzen sich hierbei anders benommen hätten, als es bürgerliche Menschen in der gleichen Lage auch tun würden. Das aber wäre gerade das überraschende gewesen.

Egi Meyer, der den Zug versäumt hatte, war noch zu erwarten, und Hannchen verteidigte ihn: er käme sicher mit dem nächsten Zug, der ja auch gleich eintreffen würde. Ihre Mutter müsse doch wirklich einsehen, daß die Morgenstunden seine beste Arbeitszeit wären, und jetzt, da außerdem mit seiner Doktorarbeit seine ganze zukünftige Existenz auf dem Spiele stände usw. usw. ... Innerlich aber weinte Hannchen fast: so war das nun immer!

Und der Zug kam wieder mit Sirenengeheul durch den Waldstreifen (und ganz von fern hörte man auch schon den von der anderen Richtung kommen). Und als er hielt, entstieg ihm als einziger Fahrgast eine kleine Dame in einem spinatgrünen Sammetrock und in einer fliederfarbenen, straffen Musselinbluse mit mächtigen Schinkenärmeln, Um den Hals aber, über dem gewölbten Rücken hatte sie ein helles kurzes, seltsam gezacktes und bekurbeltes Cape mit Stuartkragen – solche Art von Halsschild irgendeines vorweltlichen Reptils. Auf dem Kopf jedoch hatte Tante Trautchen einen schrägen, großkrempigen Rembrandt-Hut, gleichfalls aus grünem Samt mit einer leuchtenden weißen Straußenfeder.

Aber Annchen, Hannchen und Frau Luise Lindenberg hatten sich noch nicht von den Quadratküssen von Tante Trautchen erholt – Fritz Eisner war bisher nur mit einer bestickten Reisetasche belastet, aber noch keiner Ansprache gewürdigt worden – als auch schon der Zug von der anderen Richtung kam und Egi Meyer entließ. Egi Meyer war auf besondere Karte Hannchens hin in strahlend gestärkter Wäsche und so glatt rasiert wie ein neugeborenes Kind. Er trainierte damit sich wohl schon auf das Examen. Aber es gelang ihm noch nicht so recht, denn in den Rillen zwischen Ohr und Kirnt war ihm der Seifenschaum vom Rasieren noch stehengeblieben und hob sich in amüsanter Linie ab, so wie ein Streifen Schnee in einer Ackerfurche, wenn alles sonst schon abgetaut ist.

»Sage mal, kennst du die eigentlich?« sagte Fritz Eisner nachdenklich.

»Gott sei Dank noch nicht,« versetzte Egi Meyer.

»Aber ich,« meinte Fritz Eisner wieder, »ich muß sie schon irgendwo früher gesehen haben. Ach ja, jetzt weiß ich, jetzt erinnere ich mich deutlich. Das ist ja die Königin von Hawaï aus dem Schaubeckschen Briefmarkenalbum. Zwei Cents weinrot, 1869.«

»Wirklich,« rief Egi Meyer, der als Junge auch Marken gesammelt hatte, »natürlich, das ist sie. Ich glaube, sie heißt die Königin Likataua oder so ähnlich.«

Für Egi Meyer, der demnächst seinen Doktor machte und Jurist war, wie Frau Luise Lindenberg erklärte, schien die Königin Likataua sogleich viel übrig zu haben. Denn Tante Trautchen hatte des öfteren bei kleinen Beleidigungsprozessen (jede Freundschaft artete zum Schluß bei ihr in eine nicht zu bändigende Klatscherei aus ... die Prozesse endeten nebenbei alle – bis auf eine Geldstrafe – mit Vergleich) in Melsungen mit Juristen zu tun gehabt. Und ein wichtiger Abschnitt ihres Lebens, ihre Ehe, hatte sich zum größten Teil unter der Assistenz von Juristen abgespielt.

Tante Trautchens verflossener Mann war nämlich nach kurzer, aber sehr bewegter Zeit mit ihrer Mitgift und einem einfachen Mädchen aus dem Volke nach Amerika durchgegangen – der Lump. Das heißt, wenn man Tante Trautchen sah, mußte man zugeben, daß das zweite immerhin entschuldbar war, während man das erste kaum verteidigen kann. Nebenbei hatte er später die Mitgift, die er wohl nur als ein unfreiwilliges Darlehn ansah, gutwillig wieder herausgegeben, und – er war überhaupt und von je ein anständiger Kerl – das einfache Mädchen aus dem Volke als braver Handschuhfabrikant auf dem Broadway in Neuyork noch geheiratet, nachdem längst Verjährung eingetreten war. Tante Trautchen aber war der festen Meinung, daß sie ihre paar tausend Taler nur den vorzüglichen Melsunger Juristen verdanke, sah Juristen deshalb als sehr notwendig im Staat an und ließ auf Juristen durchaus nichts kommen.

Für Fritz Eisner hatte sie weniger übrig. Für romantische Berufe war sie nicht. »Hören Sie mal,« sagte sie, »bei mir werden Sie nicht viel Glück haben. In mein Haus kommt's ganze Jahr kein Buch.«

Aber Annchen behauptete, daß die Bücher ihres Bräutigams sehr »schön« wären (ihre schmückenden Beiworte waren stets ziemlich undifferenziert), und daß Tante Trautchen sie unbedingt lesen müsse, sie nähme es sonst übel.

Tante Trautchen aber versprach gar nichts derart; sondern begab sich (sie hätte Hunger!) im schnellsten Schritt nach Hause. Sie zog Frau Luise Lindenberg ordentlich nach sich. Denn Tante Trautchen hatte, so klein und bucklig sie auch war, einen überraschend schnellen Gang am Leibe.

»Herrgott, rennt die aber,« meinte Fritz Eisner, der mit der gestickten Tasche – sie steckte wohl voll von Geschenken – kaum folgen konnte.

»Ja,« entgegnete Annchen, »das tut sie immer. Sie wird deshalb in ganz Melsungen nur das ›Unglück‹ genannt, weil doch schon Schiller sagt: ›nur das Unglück schreitet schnell‹.«

Fritz Eisner und Egi Meyer begannen Sympathien für Melsungen zu fassen.

Als man zu Hause ankam, stand schon die Frau Direktor Liebenthal am Fenster und nickte verbindlich, denn sie war nicht nur in Kenntnis gesetzt, sondern auch für den Nachmittag zum Kaffee gebeten worden.

Die Kapitänswitwe kam sogar auch auf den Treppenabsatz in einem sandfarbenen Reitkleid und machte die Honneurs als Wirtin und Besitzerin. Tante Trautchen aber bat sich oben gleich die Reisetasche aus – ihr Koffer schwamm noch, mußte aber auch bald eintreffen – und packte die Geschenke aus, um sie gut wegzulegen: gestickte Deckchen, Filetarbeiten, Pulswärmer, Schlüsseltaschen, Briefpapier mit Ansichten vom Unterharz, ja sogar einen kleinen Schinken und ein paar Würste, die schon alle mit kleinen Zettelchen versehen waren, damit keine Verwechslung statthätte, und von denen jedes für einen anderen Verwandten in Berlin bestimmt war. Der angenehmen homerischen Sitte der Gastgeschenke schien sie aber nicht zu frönen. Hannchen äußerte, sie hätte sie wohl noch im großen Koffer.

Frau Luise meinte, daß sie doch manches mit Tante Trautchen zu besprechen hätte, was die Kinder nicht interessiere, und die sollten nur den schönen Tag – es war ein Himmel wie eine blaue Sammetdecke, die gegen den Strich gebürstet war – benützen und bis Mittag spazierengehen. Nachmittag bliebe man zu Haus, und des Abends wollte man einmal ins Theater gehen. Man verkomme ja hier ganz!

Egi Meyer protestierte. In ein historisches Stück brächten ihn nicht zehn Pferde. Er hasse »Wämser«. Aber Frau Luise Lindenberg versicherte, daß sie ein reizendes Lustspiel gäben, das gewiß auch den Beifall ihrer literarisch so verwöhnten Herren Schwiegersöhne finden würde. Denn sie hätte es von ganz anderen Menschen noch loben hören.

Und Fritz Eisner und Egi Meyer faßten ihre Mädchen unter und zogen los durch die blühenden, gepflegten, vormittäglich stillen Parkwege. Gerade an hellen Vormittagen haben Parks etwas so Unwahrscheinliches, Nutzloses, Theaterhaftes. Was wollen sie eigentlich, und wozu sind sie da, die grünen verlogenen Lebenskulissen des Reichtums? Aber für Brautpaare, die spazierengehen wollen, sind sie ein reizender Hintergrund. Sie können sich nichts Besseres ersinnen. Denn im letzten Grunde sind ja beide einander so ähnlich mit ihren theaterhaft verspielten, angenehm verlogenen Kulissen eines vor der Wirklichkeit nur allzu schnell zerstiebenden, nur für kurze Dauer erliehenen Reichtums der Seele.

Egi Meyer hatte nicht viel Natursinn. Er sah die Welt nur und ausschließlich durch das Medium der Bücher, solange er sich erinnern konnte. Und trotzdem er zwischen Grün und Bäumen im Landhaus seiner Eltern aufgewachsen war, war er doch so ganz und durchaus Großstädter und geistiger Arbeiter, daß er Einzelheiten in der Natur keinerlei Beachtung schenkte. Über die gröbsten Unterscheidungen von Baum, Busch, Gras, Blume, Morgen, Mittag, Abend war er kaum je hinausgekommen und wünschte es auch nicht. Und es ist fraglich, ob er den sommerlichen Anstrich der Welt nicht als eine Naturnotwendigkeit nahm, über die es sich erübrigte, mit seinen Empfindungen in irgendwelche Debatte zu treten.

Hannchen stand hingegen der Natur deklamatorisch gegenüber, mit großzügigem Pathos, da ja die Liebe zur Natur auch als ein Moment der Pädagogik nicht zu unterschätzen sei.

Fritz Eisner hatte eine Puschel für Botanik und ließ andere gern in dem Glauben, er verstände etwas von ihr, was in Wahrheit keineswegs der Fall war. Er sah Einzelheiten, wurde aber lästig dadurch, daß er sie anderen zeigte, die sie doch in fünf Minuten wieder vergessen hatten und für die komplizierten Vorgänge der Blütenbiologie an Sauerdorn, Salbei oder Orchideen vollendete Gleichgültigkeit hatten.

Annchen hingegen liebte die Natur mit einer aufrichtigen Zuneigung und konnte sich ihr lachend und liederträllernd ganz hingeben, gleichsam angenehm und völlig gedankenlos in ihr ruhend wie in den Tönen und Rhythmen eines Musikstücks, das sie gefangennahm. Denn endlich steht trotz allen Geredes von verfeinerten Nerven und verfeinertem Empfinden des Mannes die Frau doch der Natur näher, eben weil sie ein Radius ist, während der Mann nur eine Tangente zum Kreis des Lebens darstellt.

Und Fritz Eisner und Annchen Lindenberg freuten sich, den anderen alles zeigen zu können, führten sie zu den geheimsten Winkeln, versteckten Ecken mit alten Denkmälern und Grabsteinen von Pferden, die einst den Alten Fritz durch den Kugelregen getragen, zu vergessenen Tempelchen und Lauben, zum Römischen Haus und zu kleinen, ganz vermoosten und verwunschenen Wasserarmen voller Seerosen, auf deren Blättern kleine Libellen wie Smaragdnadeln saßen. Sie zeigten ihnen Gartenhäuser, die ganz in Rankenwerk eingesponnen waren, und alte Sonnenuhren, die längst ihren Beruf verfehlt hatten, denn es kümmerte sich niemand mehr um sie. Sie führten sie neben den Terrassen des Schlosses hinauf und machten sie aufmerksam auf echte Kastanien, die eben blühten. Und sie gingen mit ihnen die schönen Gartenrampen der Galerie entlang, die schon mit ihrem Schnörkelwerk und ihren Sandsteingruppen von Negerkindern Menzel entzückt hatten; um sie dann besonders auf die Muschelgrotte fern am Eingang hinzuweisen, auf dem stets die blendenden Marmorgötter so wundervoll und köstlich von den grüngoldenen Sonnenlichtern überfunkelt und gefärbt werden.

Aber die Doktorarbeit war auch bis hier heraus hinter dem Cand. jur. Eginhard Meyer hergelaufen, und die ganze Zeit setzte er Hannchen auseinander, weshalb und warum er Abschnitt drei und Abschnitt vier austauschen möchte, welches zwar scheinbar der Disposition der Arbeit widerspräche ... aber auch nur scheinbar.

Und Hannchen, die im letzten Sinne kein Wort von alledem verstand, hatte sich fest bei Egi Meyer eingehakt und himmelte mit ihren großen Augen elegisch von der Seite zu ihrem Bräutigam hinüber, denn die Mitarbeit an den Werken ihres zukünftigen Mannes sollte ja – wie sie sich ausmalte – mit den schönsten Teil ihres späteren ehelichen Lebens bilden. Und damit kann man nicht früh genug beginnen. Hannchen wollte eben keine »Frau« sein, sondern ein »denkender Mensch«. Und so etwas ist immer ein Unheil.

Als die vier heimkamen, zitterte Frau Luise Lindenberg schon, daß die Suppe etwa zu lange auf dem Feuer gestanden haben könnte. Denn das darf sie wieder auch nicht.

Tante Trautchen hatte es sich – der Koffer war inzwischen eingetroffen – bequem gemacht, ganz als ob sie zu Hause wäre. Und sie hatte ihre kleine, breite, ein wenig verwachsene Gestalt in eine Matinee gehüllt, die aus einem alten türkischen Longshawl mit tellergroßem Granatäpfelmuster entstanden und reichlich und überreichlich mit unechten Spitzen besetzt war. Ihre Kehrseite zeigte durch diese Umhüllung eine solch erstaunliche Breite, daß Fritz Eisner Egi Meyer verwundert fragte: ob er es für möglich hielte, daß das wirklich nur vier Buchstaben wären.

Tante Trautchen hatte schon ein Programm für die nächsten Tage ausgearbeitet, was sie alles in Berlin und Potsdam sehen müsse; denn ihre Nerven waren so beschaffen, daß sie zwar unter einem Minimum von Arbeit zusammenbrachen, aber ein Maximum von Vergnügungen, dem selbst ein Herkules erlegen wäre, mit spielender Grazie bewältigten.

»Weißt du, Tante Trautchen, du solltest überhaupt nach Berlin ziehen,« meinte Hannchen nicht ohne Doppelsinn, als die Königin Likataua ihren Feldzugsplan eröffnete.

»Nein, Dummchen,« entgegnete Tante Trautchen – auf Ironie war ihr immerhin einfacher Geist nicht eingestellt – »in Berlin sind mir doch zu viel Menschen. Ich wundere mich überhaupt immer, daß jeder weiß, wo er hin will. Und dann, so schön es ist: nach Berlin möchte ich doch nicht hinziehen, da würde ich zu ungern sterben. Und ich sage mir immer: was man versäumt, ist gewonnen.« (Ohne Zweifel ein nettes und tiefes Wort – auch wenn man nicht danach handelt.)

Wie es aber manchmal vorkommt, daß ein Dichter ein Gedicht schreibt, ein Maler eine Studie macht, die eigentlich für ihn zu gut ist, einer höheren Klasse angehört, außerhalb der Grenze seines Könnens liegt, und über die er eigentlich sich keine Rechenschaft ablegen kann, so hatte auch die Kochkunst der Frau Luise Lindenberg Stunden und Tage einer geheimnisvollen Weihe, in denen vielleicht der durch die Zeiten irrende Geist eines Vatel, eines Lavarenne, Maître Close oder eines Jean Carême über sie kam und ihre Kochinspirationen über sich selbst hinaustrug. Und solch ein Glückstag war heute für sie gewesen. Eine Krebssuppe hatte sie komponiert, die vor Schönheit einfach nicht aus den Augen gucken konnte. Und während Fritz Eisner und Egi Meyer sozusagen, in stille Andacht versunken, sich dahinein knieten (man darf dieses Bild schon wegen der Fettflecke in den Beinkleidern nicht wörtlich nehmen, so ungefähr wie die irischen Mönche des zehnten Säkulums, die Vergleiche und Metaphern der Bibel gegenständlich versinnbildlichten und, sagen wir, den brüllenden Löwen zeichneten, der umherirrt, während ihm die halbe Seele des verschlungenen Gottlosen zum Maule heraushängt) ... also sich andachtsvoll dahinein knieten, und Annchen und Hannchen des Lobes voll waren: so würden sie das nie lernen! stand doch Tante Trautchen der Krebssuppe kritisch gegenüber, sagte, es fehlte etwas daran, jedenfalls mache man sie in Melsungen anders. Melsungen war nämlich für Tante Trautchen der Maßstab für die Welt.

Das verstimmte jedoch Frau Luise Lindenberg. Denn jeder Künstler will, daß man sein Werk lobt. Und außerdem fühlte sie sich mit ihrem Kochen als Märtyrerin, die sich für die Ihrigen aufopferte. Denn Frauen sehen stets ihre Arbeit als Aufopferung an und die der Männer als Selbstverständlichkeit.

Und als dann eine junge Gans auf den Tisch flog, zart, nußbraun und knusprig, von Fett träufelnd, deliziös – aber doch von der Größe einer Gans, die nicht das Vollgewicht gesetzteren Alters erreicht hatte (sie glich die fehlenden Pfunde durch wirkliche Gemütsvorzüge aus), da begann Tante Trautchen statt allen Urteils von einer Pute zu erzählen, die sie noch vor sechs Wochen gehabt hätte, und die unersinnbar ausgiebig gewesen sei: je mehr man davon abgeschnitten hätte, desto größer wäre sie geworden.

Frau Luise Lindenberg liebte es aber durchaus nicht, daß man in Gegenwart ihrer jungen Gans von den ehemaligen Vorzügen einer verflossenen Pute sprach, und wenn sie auch noch so märchenhaft gewesen sein mochte. Und ihre verwandtschaftlichen Gefühle begannen sich merklich abzukühlen. Denn daß die Verwandtschaft unser Essen lobt, ist doch die simpelste Voraussetzung; irgendeine angenehme Seite muß sie doch auch haben.

Und erst als Tante Trautchen dem Zitronenauflauf – das heißt, sein Name deckte noch fünfzig geheime Ingredienzien – Gerechtigkeit widerfahren ließ, denn er war wirklich in der Bratröhre prächtig aufgegangen, und als man mit dem Löffel in ihn hineinstach, sank er langsam mit leisem Klageton in sich zusammen, wie das aufgeblasene Gummischweinchen vom Weihnachtsmarkt, wenn es seinen Geist aufgibt ... erst dann glätteten sich allmählich die verärgerten Züge von Frau Luise Lindenberg wieder. Denn – man mag es eingestehen oder nicht – endlich wärmt uns doch nichts so innerlich wie das Lob unserer Familie. Vor den anderen ist es sehr leicht, den großen Mann zu spielen; aber die Familie durchschaut einen und hat außerdem, da sie einen von den Windeln an kennt, äußerst selten die nötige Achtung vor uns. Nach dem Essen aber begann Tante Trautchen die Chronique scandaleuse der weiteren Verwandtschaft vor den Tischgenossen auszubreiten. Als Tante Pauline eben gestorben, wäre Tante Klara hingekommen und hätte zum Dienstmädchen gesagt, es müßten doch noch die Mandarinen da sein, die sie ihrer armen Schwester gestern mitgebracht hätte. Sie möchte sie wieder mitnehmen. Und der Tod von Onkel Oskar hätte sich auch besonders tragisch gestaltet. Er hätte doch so schlecht mit seiner Frau gelebt, die seiner unwürdig gewesen wäre. Und er hätte deshalb dem Arzt im Krankenhaus eine Photographie überreicht mit dem Bemerken: »Wenn diese Dame kommen sollte, so lassen Sie sie bitte nicht zu mir.« Eine tief ergreifende Geschichte, die leider das mit vielen historischen Geschichten gemeinsam hatte, daß sie ein Treppenwitz war und auf freier Erfindung beruhte.

Da Fritz Eisner jedoch einsah, daß Tante Trautchen, wie man sagt, Generationen mit ihrer Langenweile ersäufen könnte, so bat er Annchen, etwas Musik zu machen.

Er hätte es nicht tun sollen. Denn das war Wasser auf die Mühle von Tante Trautchen, die sich des öfteren noch in Wohltätigkeitskonzerten in Melsungen vernehmen ließ und irgendwelche geheimnisvollen Beziehungen zu einer privaten Operngesellschaft unterhielt. Dank einer merkwürdigen Verschiebung ihres Organs konnte Tante Trautchen auch die männlichen Tenorpartien zur Geltung bringen, und so forderte sie sogleich Annchen zu Duetten heraus, nahm in ihrer Matinee aus dem Türkenshawl mit dem Granatapfelmuster neben dem geöffneten Klavier Aufstellung und tremolierte mit offenem Munde, daß ihr Haarbeutel – sie trug einen Chignon – wackelte, aus der Oper »Romeo und Julia«.

»Vor Romeos Rächerarmen soll kein Good, kein Good, dich schüützen.«

Und sie hielt nur inne, um zum »Täubchen, das entflattert ist« sich zu wenden; und scheinbar zusammenhanglos von ihm auf das süße Lied überzugehen, das verhallt, während sie zum erstenmal allein sind.

»Ich weiß mit der mexikanischen Göttersage nicht genau Bescheid,« meinte plötzlich nachdenksam Egi Meyer, der, wie schon bemerkt, gern in allen möglichen Wissensgebieten sich umtat. »Aber ich erinnere mich so dunkel, daß die alten Mexikaner – oder waren es die Inkas – eine Göttin der Kuppelei hatten. Ich muß doch mal im Völkerkunde-Museum anfragen, ob von ihr Bildnisse existieren.«

Wer weiß, was noch Tante Trautchen alles vom Stapel gelassen hätte, denn sie wandte sich eben zu »Figaros Hochzeit«: »So lang' hab' ich geschmachtet, ohn' Hoffnung dich geliebt«, und Annchen antwortete: »Die wird gar oft verachtet, die sich zu früh ergibt«, wenn nicht Frau Luise Lindenberg geschickt eingegriffen und sie in die Flucht geschlagen hätte.

Um Himmels willen, Tante Trautchen müsse sich ja noch umziehen. Die Frau Direktor Liebenthal käme gleich zum Kaffee; und so sie zu empfangen wäre ebenso unehrerbietig wie etwa zu spät zu kommen. Beim Kaffee finge man sofort an.

Und als Frau Direktor Liebenthal klingelte, erschien mit ihr zugleich Tante Trautchen, wieder in grünem Samt und violettem Musselin. Nur daß jetzt ein schwarzer Kantenshawl, den sie über den gewölbten Rücken gezogen hatte, ihre Absicht kundgab, daß sie nachher noch ins Theater gehen wollte.

Frau Luise Lindenberg ließ raten, welcher Napfkuchen vom Konditor Weiß wäre und welcher der selbstgebackene. Und sie war stolz, daß man es nicht herausfand. Frau Direktor Liebenthal war sehr gut angezogen, lächelnd, reserviert wie jemand, der doch immerhin einen anderen Zuschnitt der Geselligkeit gewöhnt ist, aber hier, sich bescheidend, vorlieb nimmt.

Und da in einer Gesellschaft immer der Neue das Wort führt, so sprach und erzählte sie unausgesetzt. Die Aufführung von Rostands »Cyrano« könnten hier nur die gut finden, die eben die Aufführung in Paris nicht gesehen hätten. Es wäre ja schwer, dort Billetts dazu zu bekommen, es würden Tausende von Francs dafür geboten; aber sie hätten durch ihren Freund, den Direktor des Grand Hotel, für verhältnismäßig billiges Geld – das heißt, sie haben noch genug gekostet! – ein paar wundervolle Logenplätze bekommen, direkt neben der Loge der Comtesse de Noailles. Es wäre das aber nicht zu viel von dem Mann gewesen, denn sie wohnten jedes Jahr noch aus alter Anhänglichkeit bei ihm, bevor sie nach Monte gingen, trotzdem das Grand Hotel keineswegs mehr aller-, allerersten Ranges wäre. Ob sie nebenbei dieses Jahr noch den Sommer reisen könne, wisse sie nicht bestimmt, hoffe es aber. Jedenfalls wolle sie mit ihrem Mann, sobald er aus dem Sanatorium käme, noch zur Nachkur nach Sankt Moritz gehen. Dort oben wäre gerade die vorgeschrittene Saison die schönste, und dann wäre da auch das gewöhnliche Publikum schon fort. Bucher-Durer hielte ihnen immer ein paar Südzimmer reserviert, und wenn er sie gerade vergeben hätte, mache er sie für sie frei.

Vor solcher Vornehmheit verstummte selbst Tante Trautchen aus Melsungen, und Frau Luise Lindenberg, die so etwas auch nur als Zaungast kannte, fühlte sich innerlich erhoben, daß ein Besuch aus solchen ihr doch geldlich weit überlegenen Gesellschaftsschichten an ihrer einfachen Kaffeetafel sich niedergelassen hätte. Das heißt, so einfach, sagte sich Frau Luise Lindenberg, war doch die Kaffeetafel gar nicht, und auch vor der Frau Direktor konnte sie sich wohl blicken lassen und in Ehren bestehen.

Annchen und Hannchen, Fritz Eisner und Egi Meyer aber fanden an der ein wenig materiell gefärbten Unterhaltung der Frau Direktor keine Freude. Denn die Jugend ist ja im allgemeinen mehr dem Ideellen zugewandt. Fritz Eisner aber, der als kaum geheilter Bohémien noch den Bourgeois instinktiv als den Feind empfand, schlug wütend eine Sezession auf den Balkon vor. Im Zimmer wäre es so heiß, und draußen wehe doch ein Lüftchen. Frau Luise Lindenberg hatte nichts dagegen, denn sie fand, daß die Kinder überhaupt störten.

Und so nahmen sich die vier Stühle heraus und verteilten sich so gut es ging, auf das halbierte eiserne Vogelnest. Der Tag war immer noch wunderbar blau, ohne eine Wolke, eitel blau und Sonne; und die Straße und alle Wege unten im Park waren mit hellgekleideten Mädchen garniert. Aus den Lauben hörte man die Kinder der Frau Direktor und die beiden Jüngsten der Kapitänswitwe, den Südseetyp und Lottchen mit der mongoloiden Augenfalte, die ihren Puppen ein Kaffeekränzchen gaben und dazu mit verstellten Stimmen wie die Großen sich gegenseitig becourten. Sie machten es aber mit ihren Puppen wie die Priester mit ihrem Gott. Sie gaben ihnen scheinbar etwas zu essen und steckten dann die Brocken selber in den Mund. Da sie sich aber – ähnlich wie die Priester – über die Verteilung nicht einig werden konnten, so kamen die verschiedenen Parteien und Bekenntnisse – genau wie diese – hierbei des öfteren lärmend aneinander.

Unten am Zaun aber suchte eine Dame mit einem großen Federhut nach dem Eingang und rüttelte mit ringbesetzten, dicken Fingern, von denen die Diamanten blitzten, unwillig an der verschlossenen Gartentür. Daß da nie jemand sogleich den Eingang finden konnte!

»Höre mal,« sagte Egi Meyer, »was ist das eigentlich für eine Frau Direktor Liebenthal?«

»Ich weiß auch nicht,« meinte Fritz Eisner, »jedenfalls sehr unangenehme Protzen. Der Mann ist, glaube ich, Direktor irgendwelcher großer kaufmännischer Gründungen, die irgendwie mit der Börse zusammenhängen. Aber er soll sehr überarbeitet und nervös sein und in einem Sanatorium stecken. Das ist alles, was ich gehört habe – hier beim Einzug von der Kapitänswitwe.«

»So?« meinte Egi Meyer, »so – Liebenthal? – Direktor Max Liebenthal? Da fängt doch jetzt der Prozeß in der nächsten Schwurgerichtssession an, in vierzehn Tagen. Eine ganz große Sache, ein Millionenschwindel. Ein Bucketshop-Manöver mit südafrikanischen Goldshares, die überhaupt nicht existieren sollen. Jedenfalls sind sie an der Londoner Börse nicht zugelassen. Wir haben hier so etwas noch gar nicht. Das ist neuester englischer Schwindelimport. Ich will sogar zusehen, ob ich zur Verhandlung mal Karten bekommen kann. Das muß sehr interessant werden. Der Mann hat die ersten Verteidiger Deutschlands. Er hatte ja eine Riesenkaution gestellt, ich glaube dreimalhunderttausend Mark, damit sie ihn aus der Untersuchungshaft lassen. Aber wenn ich der Staatsanwalt wäre, würde ich mich auch hüten. Der Mann ginge ihm glatt durch die Lappen. Das gibt einen Monsterprozeß, sage ich dir. Dreihundertzwanzig Zeugen sind geladen. Ich bin fest überzeugt, die Sache wird 'ne Sensation ersten Ranges.«

»Glaubst du wirklich, daß das die sind?« meinte Fritz Eisner. »Na ja, Sanatorium und überarbeitet ist schon oberfaul.«

Während der letzten Worte hatte man aus der Nebenwohnung, deren Fenster offenstanden, einen ziemlich erregten Disput gehört, der vorerst doch so leise geführt wurde, daß man nicht recht verstehen konnte, um was es sich drehte. Was war denn da? Zankte sich da etwa der Baumeister mit seiner Frau? Aber nein, – das waren ja zwei Frauenstimmen: eine leise, weich und schluchzend, die kannte Fritz Eisner; und eine grell, schrill und unangenehm, eine Hökerinnenstimme oder eher die Stimme einer Schlächtermamsell – (sie war fettiger). Und je leiser die eine Stimme wurde, desto lauter, schriller und durchdringender wurde die andere, bis sie sich in der Höhe beinahe überschlug. Die aber kannte Fritz Eisner nicht. Es mußte zweifelsohne eine etwas robuste und vierschrötige Dame sein.

»Was, Sie glauben nich, daß das meine Wohnung ist? Na denn, Fräuleinken, kieken Sie mal hierhin, wenn Sie lesen können! Auf wessen Name ist denn der Mietsvertrag ausgestellt? Na, Fräuleinken, auf meinen oder auf den von meinem Mann; – auch wenn den mein Mann unterschrieben hat? Des darf er, des hat er gerichtlich.« Sie schnappte nach Luft. »Und nun will ick Ihnen nochmal eins sagen: Nun reden Sie mal keinen Muck mehr, und packen Sie Ihre Siebensachen; sonst schmeiß' ick se Ihnen nach und mache Sie noch wegen Hausfriedensbruch haftbar. Wissen Se, Se sind mir ja viel zu ordinär, sonst würde ick janz anders mit Ihnen reden. So so, Sie dachten, daß mein Mann nich verheiratet is? Ach so, Sie wußten das jar nich?«

Herrgott im Himmel, die Szene wurde sehr peinlich. Die Dame mit den Brillantringen, die wirkliche Baumeistersfrau, war wohl doch keine sehr feine Dame, denn sie brauchte sehr unfeine Worte, seelisch und materiell unfeine. Wahrhaftig, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Sie ließ sich gehen. Sie gab sich ganz aus bis zu dem letzten Winkel ihres brutalen Wesens. Sie war die Stärkere, die Rohere. Sie war als Tochter eines Großschlächters aus einer sehr lebenskräftigen Familie, während die andere mit ihrem süßen Rokokoköpfchen als Kind eines armen, kleinen, frühverstorbenen Provinzschauspielers einer vielleicht weicheren und feinnervigeren, aber keineswegs einer besonders zähen und widerstandsfähigen Rasse angehörte. Die Schlächterstochter war die Siegerin, und da wollte sie doch ihren Triumph wenigstens auskosten. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte das arme Ding noch geschlagen, das, ganz still vor sich hinschluchzend, aus ein paar Schüben und Schränken ihre Blusen und Röcke und ihr bißchen Wäsche zusammensuchte und heimlich ein Kinderjäckchen dazwischenwarf. Denn sie wußte doch nicht, ob es ihr eigentlich gehörte. Von ihrem Geld hatte sie es nicht gekauft.

»Nun mal dalli, dalli, dalli, aber rechnen Se nich bei der Anjelegenheit auf meinen Mann mehr! Reden Se sich das nur nich in! Der is Brot gewöhnt. Wenn ick nur pfeife, denn kann der morgen wieder als Polier auf den Bau gehn. Des weiß er janz jenau.«

Es war wirklich eine sehr peinliche Szene. Sogar die Kapitänswitwe ging hinauf und bat die Dame mit den drei Pleureusen auf dem Hut, sie möchte, wenn sie hier etwas zu ordnen hätte, es in aller Stille tun. Denn das störe die anderen Mieter. In ihrem Hause wäre so etwas nicht Mode.

Und alle waren froh, als die kleine Baumeistersfrau (die erste) wie ein abgelohnter Dienstbote mit einem Schächtelchen unter dem Arm und ihrem bescheidenen schwarzen Trauerhut – dem aus der Peripherie des Witwenkongresses – abgezogen war. Es war doch sehr, sehr häßlich gewesen und paßte gar nicht zu einem so wundervollen blauen Tag mit Spaziergängen, Krebssuppe, junger Gans und sogar dem Theater noch in der Perspektive.

Die richtige Baumeistersfrau aber setzte sich auf den Balkon und fächelte sich, – immer noch erregt, aber doch schon etwas ruhiger, – mit einem Spitzentuch, wie jemand, der sagt: Es war zwar ein hartes Stück Arbeit; – aber nun ist es geschafft.

Die drei Damen, Frau Direktor Liebenthal, Frau Luise Lindenberg und Tante Trautchen, waren auch auf den Balkon herausgekommen, um zu hören, was es da eigentlich gäbe. Und sie urteilten verschieden, aber im ganzen eigentlich ziemlich gleich darüber.

Die Frau Direktor Liebenthal sagte: sie hätte dieses Mädchen nie beachtet; – denn mit solchem Volk gäbe man sich doch nicht ab.

Frau Luise Lindenberg meinte: sie hätte das leider seit langem kommen sehen. Sie bedaure, daß ihre armen unschuldigen Töchter das hätten mitanhören müssen; aber die sogenannte Frau Baumeister wäre – das hätte sie gleich bemerkt – eine ganz gewöhnliche Person gewesen. Männer aber lieben ja merkwürdigerweise so etwas.

Tante Trautchen – sie hatte vielleicht persönliche Erinnerungen – aber rief: sie wäre an Stelle der Dame noch ganz anders mit diesem elenden Geschöpf umgesprungen (Fritz Eisner glaubte ihr das ohne weiteres), und solche Geschöpfe, die sich in gemeiner Weise in eine glückliche Ehe hineindrängen und nur ihren Vorteil suchen, verdienen es auch nicht anders.

Immerhin hatte die Stimmung des sonst so ausgeglichenen Tages durch diesen Zwischenfall gelitten, und alle atmeten auf, als sich die Frau Direktor Liebenthal verabschiedete und man gleich mitging, um ganz langsam und gemächlich in die Stadt hinein, in das Theater zu pilgern. Ja, es wäre sogar kein großer Umweg und sicher kühler und weniger staubig, wenn man noch einmal durch den Park ginge.

Es war ein herrlicher Spätnachmittag, und der Park duftete in jedem Winkel anders.

Frau Luise Lindenberg und Tante Trautchen schritten voran, untergefaßt; Fritz Eisner und Annchen und Egi Meyer und Hannchen folgten gleichfalls paarweise und untergefaßt in geringem Abstand. Alle waren sehr würdig, und es sah ganz nach verlobt und öffentlich aus. Nicht Liebespaare waren das mehr wie am Vormittag, sondern zwei richtige Brautpaare mit Konzession unter Führung strahlender, einverstandener Anverwandter.

Die Gärten waren reich belebt von den alltäglichen Potsdamer Spaziergängern und von Fremden, denen polyglotte Führer mit Blechschildern am Rock allerhand erstaunliche Märchen erzählten. Ihr Gebiet war nicht die Kunst, nicht die Architektur, nicht die Geschichte, sondern die unverbürgte Anekdote, die die Großen dieser Welt dem Volk menschlich näher bringt.

Tante Trautchen zeigte für nichts sonderliche Anteilnahme. Sie kannte zwar das Wort nil admirari nicht, aber sie handelte danach; sie hatte wohl auch das Gefühl, daß sie sich eine Blöße gäbe, wenn sie irgend etwas ungewöhnlich fände. Nur eine Marmorwanne, die irgendwo im Garten stand, erregte ihre geheimnisvolle Neugier; und als Egi Meyer ihr aufband, daß der Alte Fritz jeden Sonnabend um halb Sieben hier in dieser Marmorwanne öffentlich in Champagner gebadet hätte, sperrte sie Mund und Nase auf.

Und dann kam mit ihren schon abendlich bestrahlten köstlichen Häuserreihen und grünen Laubwänden an trägen, schwanenbeschwommenen Kanälen die Stadt, die Tante Trautchen nebenbei arg enttäuschte. Sie hätte nach dem, was die Leute immer reden, eine großartige Sache sich vorgestellt. Aber das wäre doch ein ganz altmodisches Nest. Da wäre Melsungen mindestens ebenso schön.

Das Theater war wundervoll. Die Restauration bestand aus einem Holzlädchen, das aufgeklappt wurde und zwei Gläser mit sauersüßen Bonbons zur Schau stellte. In den Parkettreihen und in den Logen saßen alte Damen in schwarzen Moireekleidern und mit Pompadours und häkelten in den Pausen Streifen für den Wäscheschrank. Und die jungen Mädchen saßen dabei, häkelten zwar noch nicht, aber kicherten und sahen lieb, blond und neckisch aus ..., wie aus Ottilie Wildermuth.

Mitten im Stück flog ein halbes Dutzend Schmetterlinge, die irgendwie ohne Billett in das Theater Einlaß gefunden, die in Regentagen hier irgendwo Zuflucht gesucht hatten ... flogen, aufgescheucht durch Licht und Lärm, Füchse, Admiräle und Pfauenaugen, über den Rahmen der Bühne hin, flatterten über die Papierrosen der öligen, zittrigen Kulissen und kreisten unstet und ziellos hin und her über der Versenkung des Orchesters.

Im ersten Akt gab es ein fürstliches Zimmer mit gerafften Gardinen und mit vergoldeten Stühlchen, die voll Troddeln hingen. Und der Gutspark im zweiten Akt war ein tropischer Urwald mit dem Manzanillabaum aus der »Afrikanerin« und mit armdicken, braunen, großblumigen Lianen, die wie eine Boa Constrictor sich herabzusenken schienen auf jedes Liebespaar des Stücks, das da auf der weißen Gartenbank Platz nahm.

Und nun erst das Stück selbst. Man spielte irgendein ganz verschollenes Lustspiel aus einer besseren Zeit, in der noch alle Menschen genau so waren, wie sie sein mußten. Die Väter scheinbar hart, unbeugsam und verfluchend, aber doch im Innersten gut und mit Herzen weich wie Wachs. Die Mütter aber – man sprach sie damals anscheinend nur mit »lieb Mütterlein« an, arbeit- und tugendsam und von Sentenzen überfließend. Die Onkel jedoch gingen im Schlafrock, rauchten lange Pfeife und waren sehr komisch – in der Rolle mußte man Herrn Stolzenberg sehen! –, hatten sich aber trotzdem noch durchaus in den Kopf gesetzt, die Nichte zu heiraten. Was sie nebenbei nachher schön bleiben ließen, aber ihr erklärten, daß sie mal alles erben würde. Eine dürre Engländerin gab's sogar, die nicht Deutsch sprechen konnte, aber es trotzdem tat und deshalb in aller Harmlosigkeit Dinge sagte, die recht shocking und doppeldeutig waren. Ein Leutnant kam natürlich auch vor. Ganz genau der Natur abgelauscht, wie eben Leutnants sind. Also: sehr adlig, sehr scharmant, sehr näselnd, sehr leichtsinnig, sehr sporenklirrend, mit sehr viel Schulden und stets bei köstlichem Humor. Und dabei Herzensbrecher nach allen Windrichtungen. Das heißt: später würde er treu sein. Und sein Bursche. Also direkt abkonterfeit, wie Offiziersburschen sind: gut und dumm. Und das junge Mädchen erst. Genau so, wie junge Mädchen sind. Blond und blöd mit flächsernem Hängezopf (die Perücke saß schief), neckisch und verliebt wie ein Bettschatz, und dabei keusch und züchtig wie eine Pensionsvorsteherin. Also, wenn sie dem Leutnant, der ihr den ersten Kuß raubte, schämig mit dem Finger drohte und »ei, ei« sagte, da wurde einem ordentlich warm ums Herz. Aber die jugendliche Naive war auch eine zu süße Person in dieser Rolle. Sie sprach wie ein Papagei jede Silbe einzeln. Auch ein biederer Handwerker konnte nicht umgangen werden, der die Kammerzofe liebte, der der Offizier »in die Backen gekniffen« hatte: arm, aber ehrlich!

Und zum Schluß war alles restlos glücklich. Die Figuren des Dichters, daß sie sich trotzdem alle richtig bekommen halten; die Schauspieler, daß sie sich abschminken konnten; das Publikum, das mit kaum zu überbietender Begeisterung klatschend für den genußreichen Abend dankte; unsere Brautpaare, die sich noch vor Lachen schüttelten; und selbst Tante Trautchen, die meinte, eine so vollendete Aufführung bekäme man doch nur in der Großstadt zu sehen.

Nur ein Mann, ein Familienvater, den Frau und sechs Kinder vergebens zu beruhigen versuchten, war nicht glücklich. Denn sein Hut war in der Garderobe vertauscht worden. Und während das kleine Hütchen, das er dafür erworben, auf seinem mächtigen Schädel hin und her tanzte wie ein Fischerboot bei Windstärke sieben, hieb er mit der Faust auf den Holztisch der Garderobiere und schrie einmal über das andere, er würde nicht eher weggehen, bis er seinen neuen Hut wiederhätte. Das wäre ja noch schöner. Da aber kein Männerhut mehr da war, so war es mehr als fraglich, ob die Garderobenfrau den Wünschen des Herrn entsprechen konnte.

Fritz Eisner hätte zu gern das Ende der anregenden Szene noch abgewartet, aber die anderen drängten zum Aufbruch.

Und langsam – der klare Junitag hatte sich in eine noch klarere silberfarbige Mondnacht gewandelt, die immer noch von hellgekleideten Mädchen garniert und voll von Lachen, Gesang und Geflüster war – ging man heim. Nein, Egi Meyer und Fritz Eisner wollten noch nicht von hier fahren; sie wollten wenigstens ihre Mädchen nach Hause bringen.

»Höre mal,« sagte Fritz Eisner zu Frau Luise Lindenberg, »was ist denn das eigentlich für eine Frau Direktor Liebenthal? Da erzählt doch Egi, daß nächstens ein großer Prozeß vor den Geschworenen beginnen soll gegen einen Direktor Max Liebenthal, der Riesenschwindeleien mit falschen südafrikanischen Goldshares gemacht hat. Ob das nicht etwa die Liebenthals sind?«

»Das ist unmöglich,« rief Frau Luise Lindenberg mit Überzeugung, »der Mann ist ja seit langer Zeit krank und im Sanatorium.«

»Na ja,« meinte Fritz Eisner nachdenklich, »deshalb dachte ich es nämlich.«

Aber da kam er bei Frau Luise Lindenberg schief an. Ihre Art wäre es Gott sei Dank nicht, von allen Menschen gleich das Schlechteste zu denken. Die armen Leute aber täten ihr leid, die jetzt durch eine peinliche Namensverwechslung gewiß viel Unannehmlichkeiten haben würden. Was könnten sie denn dafür, daß irgendein Betrüger ebenso hieße wie sie?

Fritz Eisner kehrte langsam zu Annchen zurück, die sich in Ermangelung ganz fidel auf der anderen Seite von Egi Meyer miteingehängt hatte; wodurch sie zwei Menschen ärgerte: nämlich Fritz Eisner und ihre Schwester Hannchen; und einen erfreute: nämlich Eginhard Meyer, dem eigentlich seine lebensfrohe Schwägerin nicht übel gefiel, wenn er auch überzeugt war, daß eben die geistig bedeutendere von beiden Hannchen wäre. Und erst nachdem sich Fritz Eisner auf der anderen Seite eingehakelt hatte – jetzt am Abend konnte man schon mal zu vieren in einer Reihe gehen – und als sie nun gleichsam eine von Gemeinsamkeiten durchströmte Kette bildeten, glich sich das Unharmonische wieder aus. Den ganzen Abend hatte Fritz Eisner nicht mehr an die Szene von vorhin und an die arme, kleine, falsche Baumeistersfrau mit ihrem Trauerhut gedacht. Und nun stand sie greifbar vor ihm mit ihren großen Augen und dem Boucherkopf. Was mochte sie jetzt machen? Na, hoffentlich würde sich der Baumeister ihrer annehmen. Und ehe er es sich versah, sang Fritz Eisner schon zum Takt seiner Schritte vor sich hin:

»Fliegenschmalz, Fliegenschmalz lülüü, lalaa, Fliegenschmalz lülüü, Fliegenschmalz lala ... Sag' mal, Annchen, weißt du eigentlich, wie das Lied richtig heißt?«

»Keine Spur von einer blassen Ahnung,« rief Annchen lachend.

»Schade,« meinte Fritz Eisner, immer noch ganz in Gedanken, »jammerschade. Man hätte doch die Baumeistersfrau einmal danach fragen müssen. Nun ist es zu spät.«

Und damit kam das Gespräch auf die Baumeistersfrau. Egi Meyer beleuchtete den Fall juristisch. Sie könnte sogar an den Baumeister mit geldlichen Ansprüchen herantreten. Hannchen stand auf der Seite der älteren Generation, und außerdem, man müsse soweit Herrin seiner Gefühle sein; während Annchen jener recht gab und sagte, daß die richtige Baumeistersfrau doch ein Knallpöbel wäre, und die andere ein reizender Mensch, den man einfach stundenlang hätte ansehen können. Und wie sie mit dem armen Kind gewesen wäre, das wäre rührend gewesen.

Hannchen sprach sehr beredt dagegen und verteidigte ihre Ansicht. Und während des ziemlich erregten Disputes – die vorn, Frau Luise Lindenberg und Tante Trautchen, hörten nichts davon; sie waren bei den Mitgliedern der beiden Alben und des Kastens mit der Laubsägearbeit – merkten sie kaum, daß sie plötzlich schon vor Nummer achtzehn standen.

Da oben aber auf der Hälfte ihres eisernen Vogelnestes saßen im Mondlicht und bei einer Windkerze die richtige Baumeistersfrau und der Baumeister. Und da es warm war, hatte er es sich bequem gemacht und saß in Hemdsärmeln. Und vor ihnen standen mächtige Gläser mit gutgekühltem Weißbier.

Der Baumeister war nämlich – seine Frau, die den Mietsvertrag in seinem Schreibtisch gefunden hatte, hatte ihm von ihrem Feldzugsplan nichts vorher verraten – war nämlich ganz harmlos, voller Sehnsucht und glücklich über den freien Nachmittag, herausgekommen und hatte, als er aufschloß, in dem Nest statt seiner süßen, zwitschernden Schwalbe seine dicke, keifende Madame Spätzin gefunden. Es war zu einer robusten ehelichen Auseinandersetzung gekommen, die naturgemäß (wie die meisten ihrer Art) mit Rührung, Verzeihung und Versöhnung geendet hatte ... und die nunmehr mit gutgekühltem Weißbier noch gefestigt wurde.

Man denke aber, bitte, nun deswegen nicht etwa schlecht von dem Baumeister. Er war durchaus ein guter Kerl; vielleicht nur ein bißchen schwach, ... und er liebte seine Ruhe. Er war jedoch keinesfalls auch nur um einen Deut schlechter als die anderen Leute auch, als die meisten von uns Männern. Er hatte die kleine Zwitscherschwalbe wirklich und aufrichtig gern gehabt; vielleicht nicht so, nicht ganz so lieb wie sie ihn, aber sie war die Freude seines durch Ehe und Sorgen zerquälten Lebens gewesen, von der Stunde an, da sie das erstemal in dem Eckladen beim Bau ihm die Zigaretten über den Ladentisch gereicht hatte, bis zum heutigen Tage. Sie war seine letzte, seine allerletzte Jugend gewesen. Aber nun war es Zeit, daß mal aufgehört wurde. Ewig konnte doch die Sache nicht so weitergehen. Und da das Kind ja gestorben war, band ihn doch eigentlich nichts mehr an dieses Mädchen.

Ja, wenn es anders, wenn es gerade umgekehrt gelegen hätte, wenn die arme Schwalbe seine richtige Frau gewesen wäre und die dicke, alte, keifende Madame Spätzin mit ihrer gefüllten Scheuer, wenn die sich ihm an den Hals geworfen hätte, da wären vielleicht seine Gefühle so unüberwindlich stark gewesen, daß er ihrer nicht Herr geworden wäre, und daß er alle Schranken der bürgerlichen Konvention hätte durchbrechen müssen und die kleine Schwalbe hätte sitzen lassen. Aber so war – ich habe das hundertmal im Leben mitangesehen! – war er als Mann, als Gatte sich, wenn auch schweren Herzens, seiner Pflichten bewußt und kehrte, reuig, nach harten Seelenkämpfen, in die Arme jener Frau zurück, die ihm vor Gott und Menschen angetraut war, und der einzig und allein er angehören durfte.

»Also, Tante Trautchen,« sagte Annchen, »ich gebe dir dann noch das Buch von Fritz.«

»Nee, nee,« versetzte Tante Trautchen tief erschrocken, »ich bin gerade bei einem sehr schönen Buch, und das belese ich mich ganz langsam.« (Etwas, was nebenbei nicht mit ihrer Aussage vom Morgen übereinstimmte; aber zwischen Morgen und Abend liegt bekanntlich viel Zeit.)

»Nein, wir wollen lieber mal nächstens,« rief Frau Luise Lindenberg einlenkend, »alle zusammen eine hübsche Tour machen, vielleicht eine Dampferfahrt, denn wir müssen doch Tante Trautchen etwas von der Umgebung zeigen.« Das jedoch war das Pflaster auf die Wunde, die nun geschlagen wurde. »Aber um jetzt noch einmal herauszugehen, ist es doch für alle zu spät geworden, und die Mädchen sollen auch mal zeitiger ins Bett kommen und nicht noch nach dem Bahnhof mit vorgehen. Man kann auch hier Abschied nehmen.«

Gewiß, das konnte man ebenso gut wie auf dem Bahnsteig. Das heißt, wenn da drüben nicht immer irgendso ein junger geschniegelter Herr von Fähnrich auf und ab stolziert wäre, der anscheinend die Blicke nicht vom Haus ließ. So etwas ist für Brautpaare störend und lästig, die gern beim Abschied unbeachtet bleiben.

»Na, Mieze,« rief Hannchen – es war die Mittelmeerrasse, die an ihnen vorbeihuschte, die Älteste, die wieder mal die ihr empfohlenen Bücher bei Schnabel nicht bekommen hatte – »na, Mieze, wo willst du denn jetzt noch hin?«

»Ach, Fräulein Hannchen, ich mache mit einer Freundin, einem Fräulein von Tresckow, heute abend noch eine Mondscheinpartie. Mutti hat's erlaubt,« sagte Mieze und trendelte die Straße hinab.

Fritz Eisner sah zu dem Fähnrich hinüber, ob der sie immer noch beobachtete. Aber der war fort, als hätte er wie das Elfenmädchen in Andersens »Elfenhügel« einen weißen Holzspan in den Mund genommen und sich damit unsichtbar gemacht. Und so stand dem richtigen Abschiednehmen allseits nichts mehr im Wege.

Aber Frau Luise Lindenberg rief schon von oben: »Annchen – Hannchen!« und das hieß, daß es wieder mal ein Privatissimum über Schicklichkeit und Unschicklichkeit bei Brautpaaren setzen würde, wenn sie nicht bald kämen. Und so entwanden sich Annchen und Hannchen, wenn auch schweren Herzens, ihren Freunden und liefen hinauf; – denn dem wollten sie sich doch nicht aussetzen.

Egi Meyer und Fritz Eisner gingen aber, nun wieder als Männer ernsteren geistigen Dingen zugewandt, langsam, in anregendem Gespräch zum Bahnhof vor; und wenn sie nicht noch hastig zur Seite gesprungen wären, dann wären sie um ein Haar von einem Dogcart umgerissen worden, der in scharfem, elegantem Trab mit stolz kurbettierendem Gaul um die Ecke der Allee kam und nach dem Waldweg herüberbog. Tack, tack, tack, tack gingen die Hufe, und der Wagen wippte und federte nur so auf seinen beiden hohen Rädern.

»Teufel auch, Idiot,« brüllte Fritz Eisner, der leicht aufbrauste, »nächstens werden sie einen hier noch kurz und klein fahren.«

Aber der schmale Offizier, der da stocksteif auf seinem Sitz saß, die Zügel in den weißen Lederfäusten und die Ellbogen fest an den Leib gezogen, drehte sich nicht mal nach ihm um. Und die Dame neben ihm, – eine Dame in einem sandfarbenen Reitkleid, erst recht nicht.

Und schon kam der Zug mit Sirenengeheul durch den letzten dünnen Waldstreifen herangebraust.

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