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Einen Sommer lang

Georg Hermann: Einen Sommer lang - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleEinen Sommer lang
publisherVerlag Ullstein & Co.
printrun16.-20. Tausend
year1917
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectidb34d0e96
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. So – – – nachdem ich nun diese fünf Menschen wortreich und ausführlich in diese Geschichte, die keine Geschichte ist, eingeführt habe, möchte ich bemerken, daß sie mit ihr gar nichts zu tun haben. Was hat der rote Faden mit der französischen Revolution zu tun? Nichts. Und doch erzählt uns jeder Geschichtslehrer, daß er durch die französische Revolution hindurchgeht. Verändert er sich? Wird er grün, gelb, hellblau? Reißt er? Nein – er geht hindurch, an einem Ende hinein und am anderen hinaus. Genau so werden diese Menschen durch diese Erzählung gehen. Am Anfang hinein und am Ende wieder hinaus. Unverändert. Annchen Lindenberg wird mit dem Schriftsteller, wie er sich nennt, Fritz Eisner zum Schluß genau so öffentlich heimlich verlobt sein wie Hannchen Lindenberg mit dem Cand. jur. Eginhard Meyer, der zum Schlusse aber Doktor Eginhard Meyer heißt. Was soll man groß von ihnen sagen?! Und außerdem sind ja Brautpaare über die Maßen langweilig. Frau Luise Lindenberg wird sich vorerst nur wenig nach der Seite der Schwiegermutter hin entwickelt haben, wohin sie später doch mit der ganzen ihr innewohnenden Tatkraft ihrer früh selbständigen Persönlichkeit drängte. Keiner wird wankend werden; trotzdem Annchen wie Hannchen dieses mehr als einmal nahegelegt wird – Mütter gönnen ihren Töchtern gern das Beste! – aber nichts derart wird sich mit ihnen ereignen.

Also rekapitulieren wir noch einmal: Frau Luise Lindenberg – eine Dame zu Beginn der Vierziger – wohnte im Westen Berlins in einer altmodisch behaglich eingerichteten Vier-Zimmer-Wohnung, deren Vorzüge sie, wie alles, was sie besaß, nicht genug preisen konnte. Da die Erzählung im April 1899 anhebt und das Haus wohl schon an die zehn Jahre damals stand, so stammte es aus der übelsten Bauzeit, die Berlin je durchgemacht hat. Und es ist erstaunlich, warum es Professor Schultze-Naumburg als eines seiner beliebten Gegenbeispiele bisher entgangen ist. Trotzdem bildete es die Quelle ständigen Entzückens für Frau Luise Lindenberg. Es war die schönste Wohnung im elegantesten Hause Berlins und nur noch durch die übertroffen, die sie einst in der Steinmetzstraße gehabt hatte. Diese Steinmetzstraße war ein Stichwort, auf das sich Mutter und Töchter in für sie reizende, für andere sterbenslangweilige Jugenderinnerungen viertelstundenlang vertieften. Das einzig Nette für den Außenstehenden war, daß sie fluktuierten und zu verschiedenen Zeiten von den verschiedenen Familienmitgliedern verschieden erzählt wurden. Nur das eine war von vornherein bestimmt: daß die, die sie erzählte, stets als Heldin im Mittelpunkt stand.

Und wiederholen wir weiter: Annchen Lindenberg hatte sich um die Iden des Märzes – sie sind schon seit dem Jahre 44 vor Christo stets verhängnisvoll – mit Fritz Eisner; und Hannchen Lindenberg – wunderbare Doppelheit der Fälle! Oder war es eitel Konkurrenzneid?! – mit dem Cand. jur. Eginhard Meyer heimlich verlobt.

Und da ja solch eine heimliche Verlobung nicht Fleisch und nicht Fisch ist und gesellschaftlich allerhand Peinlichkeiten mit sich bringt – (soll man die jungen Leute einladen oder nicht? einzeln? oder zusammen? soll man ihnen eine Vase auf den Platz stellen mit Seerosenmuster oder nicht? soll man sie zusammen mit dem anderen offiziellen Brautpaar – Ernst Heymann und Elli Grummach – bei dem Toast hochleben lassen oder nicht? sollen die gleichen jungen Leute, die bisher in dem Hause verkehrten und den Töchtern den Hof machten, fürder dort verkehren oder nicht? da es eigentlich doch in seinem Endzweck nunmehr illusorisch geworden ist? lauter ernste Fragen!) – da es aber ferner Frau Luise Lindenberg nicht über sich brachte, mit rauher Hand in diese jungen Glücke einzugreifen; und da sie endlich doch wiederum etwas Distanz zwischen die Parteien zu legen – manches pflegt sich dann von selbst zu erledigen – für gut und heilsam hielt ... so also beschloß Frau Luise Lindenberg, keine Badereise zu machen, sondern schlichtweg den ganzen Sommer über, vom 1. April bis in den Oktober hinein, in die Nähe von Berlin in eine Sommerwohnung zu ziehen.

So weit ist alles klar; und Frau Luise Lindenberg hatte, nachdem sie genugsam sich umgetan, einer alten Liebe folgend – sie hatte, als die Kinder Annchen und Hannchen noch klein waren (ja, ja, Kinder wachsen heran, eh man sich's versieht!) einmal einen Sommer in Potsdam gewohnt – hatte wieder sich zu Potsdam entschlossen. Und bei »Potsdam«, im Hause der Witwe eines Kapitäns – ein gefährliches Handwerk! – hatte sie eine kleine möblierte Wohnung gefunden, die sie noch mit eigenen Möbeln und Küchenstücken etwas behaglicher gestalten wollte.

Potsdam, oder richtiger »bei Potsdam«, war für ihre Zwecke überaus geeignet. Es war nicht so nah, daß die beiden jungen Herren Fritz Eisner und Egi Meyer tagtäglich herauskommen konnten. Auch hätte ihr das bedenkliche Löcher in ihr Jahresbudget gerissen, da Verlobung und Freitisch bekanntlich Synonyma sind. Und es war doch nicht so weit, daß sie etwa allzu selten kämen. Für all ihre übrigen Bekannten und Freunde – denn Frau Luise Lindenberg lebte seit Jahren von Bekanntschaften und Verabredungen; sie nannte das einen »entzückenden Kreis« – war es gerade recht.

Resolut also, wie Frau Luise Lindenberg war, hatte sie ihre beiden Töchter Annchen und Hannchen bei befreundeten Familien für einen bis zwei Tage eingestellt, sich selbst am frühen Morgen aber schon mit drei Ziehleuten, die – der beginnenden Tageszeit entsprechend – noch leidlich nüchtern waren, herumgeschlagen (weil sie anscheinend dem großen Spiegel mit der Goldkonsole und dem Früchtekranz in Stuck nicht die nötige Schonung angedeihen ließen, die einem Spiegel, der noch aus der Einrichtung ihrer seligen Mutter stammte, entgegenzubringen ihr Pflicht der Pietät und der Denkmalspflege schien). Sie hatte dann, nachdem das letzte Küchenbord aus der Tür geschafft, die Wohnung verschlossen; dem Portier und dem Briefträger Verhaltungsmaßregeln für alle Eventualitäten gegeben; das Mädchen, das mit dem Staublappen hinter dem Mahagonikleiderschrank hergerannt war, endgültig entlohnt und mit Reisegeld unter Segenswünschen den Sommer über zu den Eltern in ihre Heimat nach Nakel an der Netze gesandt; und war langsam zum Bahnhof gepilgert, um nach Potsdam oder besser »bei Potsdam« hinauszufahren. Dorthin hatte sie auch Fritz Eisner bestellt. Denn als alleinstehende Frau fühlte sie sich Möbelleuten in etwas fortgeschrittener Tagesstunde nicht mehr gewachsen.

Man hätte ja auch Egi Meyers Hilfe hierbei in Anspruch nehmen können. Aber erstens hätte Hannchen nie geduldet, daß man ihren Bräutigam seiner wissenschaftlichen Arbeit – was für seltsame Bezeichnungen doch manche Leute für Schlafen haben – in der Vormittagszeit, die bekanntlich seine hierfür ergiebigste Zeit war, um eitler Nichtigkeiten willen entzogen hätte.

Zweitens jedoch pflegte Egi Meyer nicht einen Zug, sondern in der Regel drei Züge nacheinander zu versäumen. Und drittens war anzunehmen, daß er im Fall irgendwelcher Konflikte mit den Ziehleuten sich wortreich auf den Rechtsstandpunkt gestellt und den Ziehleuten auseinandergesetzt hätte, daß und warum ihre Ansichten und Forderungen selbst mit den unentwickelten Rechtsbegriffen der Ureinwohner Nordpatagoniens (siehe: Wilhelm Giesecke, Die Wiege des Rechts, pagina 373-392) nicht in Einklang zu bringen wären.

Da war Fritz Eisner schon eher für solche Dinge zu gebrauchen. Er war Schriftsteller und hatte deshalb nach der Meinung aller Leute überhaupt keinen Beruf und immer für sie Zeit. Daß er mehr Nächte in seinem Leben durchgearbeitet hatte als mancher Tage, zählte nicht. Zweitens war er schon älter, also männlicher von Erscheinung als Egi Meyer, der noch reichlich jungenhaft erschien. Und drittens und letztens war er von seinen Kaufmannsjahren her gewohnt, sich mit den Wirklichkeiten des Lebens auf einfache Weise auseinanderzusetzen. Und so war er beordert worden, gegen Mittag (eher konnte der Möbelwagen nicht draußen sein) »bei Potsdam« sich einzufinden und zu erscheinen.

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