Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Hermann >

Einen Sommer lang

Georg Hermann: Einen Sommer lang - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleEinen Sommer lang
publisherVerlag Ullstein & Co.
printrun16.-20. Tausend
year1917
firstpub1917
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectidb34d0e96
Schließen

Navigation:

. Und in den Nächten darauf begann Tau wieder zu fallen. Und der Nebel von der Havel zog weit herüber in das Land hinein an den Abenden. Es kamen die ersten Nachmittage mit ganz feinem sprühigem Regen. Nicht mehr das Tropfengepladder des Sommers auf den Blättern, nein, das Rascheln im Laub und das Prickeln und Knistern und Stäuben, und die Stämme wurden ganz feucht und grünschleimig davon.

Die Sonne hatte dann schon wieder Mühe, es aufzutrocknen, und im Wald kam sie überhaupt nicht damit zuwege. Das aber war den gelben und braunen und rotgepunkteten Köpfen der Pilze gerade so recht.

Es gab ja noch sehr schöne, ganz klare, weißklare Tage draußen, aber sie wurden von den anderen überstimmt, wie stets in der Welt die überstimmt werden, die Recht haben und Gutes wollen. Und deshalb waren sie wohl auch schon so ganz leicht traurig, diese Tage, und wurden wie von einem melancholischen Schauer geschüttelt, wenn sie des Abends – früh genug schon – Abschied nahmen.

Das Haus war auch sehr still geworden. Die Baumeistersleute ließen sich gar nicht mehr sehen. Die älteste der Kapitänswitwe (Mittelmeerrasse) war mit einer adeligen Freundin in Binz. Liebenthals waren alsbald nach Sankt Moritz verschwunden, samt Blanche und Anatole; – sie hatten blaue Seidenröckchen bekommen, bleu-blau, bleu électrique, und sahen, wenn sie darin herumhüpften und jubelten, daß es fortginge, wie die Erdflöhe aus, die bekanntlich keine Flöhe, sondern Käfer sind, und nicht braun sind, wie ein ehrlicher Floh sein muß, sondern stahlblau, bleu-blau, bleu électrique. Aber sie hüpfen genau so, und wenn sie auch nicht beißen, sie sind doch jeder Kultur sehr schädlich. Und daß es ohne »Mademoiselle« und » va vite« fortgegangen war, hatte sie noch besonders froh gestimmt.

Mademoiselle aber hatte eine neue schöne Stelle gefunden. Und es kostete sie gar kein Geld, ihren Korb zu spedieren. Ja, sie konnte ihn sogar einfach in der Wohnung stehen lassen. Sie kam nämlich zur Kapitänswitwe, vor allem vorerst zu Lieschen, dem Südseetyp. Es wäre Zeit, daß man dem Kind eine Französin gäbe. Die anderen würden ja auch von ihr profitieren. Ja, sie hoffe selbst, ihre französischen Kenntnisse wieder mal aufzufrischen. Da die aber nicht über » nong musjeh« bisher hinausgegangen waren, so brauchte man von vornherein die Hoffnung nicht aufzugeben, daß das der Kapitänswitwe gelingen würde. Jetzt wäre es ja etwas beschränkt mit dem Raum, aber in ihrer neuen Wohnung in dem schönen Viertel am Jungfernsee – wo anders kann man doch nicht wohnen in Potsdam, die Häuser mögen von außen ja gehen, von innen wären sie aber zu primitiv – da hätten sie ja mehr Raum. Denn die Mädchen müßten doch zum mindesten jedes ihr Zimmer haben – nicht wahr?

Und langsam bekam ein Baum nach dem andern buntes Laub, Kastanien, Ahorn, Linden, Rüstern. Eichen und Buchen fingen nun auch schon an. Es fiel noch nicht stark, das Laub, aber jeden Morgen waren die Wege von seiner roten und braunen und gelben Buntheit neu gesprenkelt. Auch die Blumen schwanden draußen. Man mußte ordentlich suchen, um noch einen Blumenstrauß zusammenzukriegen.

Und morgen sollte der Möbelwagen kommen. Fritz Eisner fuhr hinaus, um zu helfen: männlicher Schutz, drei Damen. Doktor Eginhard Meyer konnte leider nicht, da bekanntlich die Morgenstunden doch seine beste Arbeitszeit waren und jetzt ihn die Drucklegung seiner Promotion voll in Anspruch nahm.

Es sah wüst aus, recht wüst. Und Fritz Eisner, der von seiner Mutter her bescheidene, aber streng saubere Hausführung gewöhnt war, bekam einen ziemlichen Schreck: er sah Perspektiven. Die beiden Alben, das einfache und jenes mit dem Musikwerk, das nicht ging, und der Kasten voll Photographien mit der kunstvollen Laubsägearbeit wurden auch verstaut. Auch die Berliner Vase mit dem Loch im Königlichen Schloß.

Frau Luise Lindenberg zählte das Silber und jammerte: eine Gabel fehle. Aber sie hatte sich nur verzählt. Hannchen plättete noch draußen ihre Röcke auf, und Annchen stubste ihre Blusen einfach wie sie kamen in den Karton: nun wäre sie fertig.

Was mit den Blumen werden sollte.

Ach, die müsse man wegwerfen.

Auf dem Tisch stand in einer Vase ein Strauß von Margeriten, den letzten Kornblumen – sie hatten sich irgendwo auf einen Wegstreifen gerettet und waren so der Sense entgangen – und dazwischen glühten ein paar Flecken grellen Mohns. Und als Fritz Eisner auf sie hinunterstarrte, da hatte er noch einmal die Suggestion von Wiesen, Feldern, Wegen am Rande der Büsche und von einem Sommerhimmel, so strahlend blau, daß er wußte, so würde er ihn nie mehr sehen.

Aber Hannchen war für Ordnung. Sie nahm die Blumen und beförderte sie in den Mülleimer.

»Komm', Annchen, wir gehen noch ein bißchen spazieren, der Möbelwagen ist doch unpünktlich.«

Und Fritz Eisner und Annchen gingen bekannte Wege. Aber der kommende Herbst hatte sie schon verändert. Es waren nicht mehr die Wege ihres Frühlings und Sommers. Doch der Leuchtkäferweg mit den Bänken aus Birkenästen, der würde ganz der alte sein.

Aber wie sie hinkamen, war da eine Latte vorgenagelt, und es stand groß und breit auf einer Tafel: »Verboten!« und darunter ein langer Sums: Fünfzehn Jahre Zuchthaus, wenn nach der ganzen Sachlage keine schlimmere Strafe verwirkt war, oder so ähnlich hieß es.

Die Anlieger, glaube ich, hatten eine Eingabe gemacht. Sie sagten: man merke sonst gar nicht, daß man in Preußen ist.

Und Fritz und Annchen gingen deshalb außen herum, am Waldrand entlang, legten sich noch einmal vor Brombeergestrüpp in die Sonne, sahen den Wolkenschatten zu, die über die Landschaft zogen, und hörten von drüben aus den Gattern das Röhren der Hirsche dumpf und in Abständen. Ein großes, welkes Blatt löste sich über ihnen vom Baum, hüpfte von Ast zu Ast wie ein Eichhörnchen, immer wieder einen kurzen Augenblick rastend, ehe es sich zu neuem Sprung sammelte, und blieb endlich vor ihren Füßen liegen.

»Komm', Annchen, wir wollen gehen.«

Der Möbelwagen stand schon vor der Tür, groß und grün.

»Jott, haben Sie 'ne schöne neue Glocke jekauft for det Stück,« meinte der baumlange Möbelmann. Ob das letzte aber auf die alte Glocke oder auf die Kapitänswitwe ging, war nicht ersichtlich. Und er nahm mit einem Ruck die schwere Notenkiste auf den Rücken: »Jetzt werde ich mir aber mit sie in acht nehmen.«

Die Kapitänswitwe kam heraufgerauscht, visitierte die Wohnung und sagte, daß ein Ofenschlüssel nicht da wäre. Der müsse ersetzt werden.

Lindenbergs hätten nie geheizt.

Das mache nichts, er fehle, sie hätte ihn mit übergeben, und er müsse ersetzt werden. Und dann bekäme sie noch etwas für die Abnutzung der Möbel.

»Schön,« sagte Frau Luise Lindenberg.

Lehmann arbeitete wieder mal vorzüglich. »Ich sage immer, man kann mit niemand anderem ziehen als mit Friedrich Lehmann.«

Und in einer halben Stunde rückte der Wagen ab.

Der Spielzeughund stand mitten auf der Straße mit seinen wie angenähten Ohren, mucksmäuschenstill. Man glaubte, er hätte Räder unter den Füßen oder wäre auf ein Brett genagelt.

Der letzte Blick seines Lebens aber, den Fritz Eisner in die Wohnung zurückwarf, der fiel gerade auf den Lar, auf das ausgestopfte Äffchen, das da immer noch oben auf der Konsole stand und mit seinen Engländerzähnen an der Haselnuß herumknackte, die doch sicher hohl war.

Wie dumm der Affe war ... fast wie ein Mensch.

Am Abend setzte wieder der sprühige Regen ein; und der ist in der Stadt weit häßlicher als da draußen. Er macht alles, Häuser, Pflaster, Bürgersteige, Menschen, Pferde, Bahnen und Schirme, blank und glitschig, prickelt einem mit Nadelstichen in das Gesicht. Und als Fritz Eisner nach Elf von Lindenbergs kam – er mußte doch fragen, wie ihnen der Umzug bekommen war – und nach Hause strebte durch all diese schuddrige Nässe, da ging plötzlich eine große, schlanke Frauensperson mit einem Federhut an ihm vorbei, solch einem Federhut, wie ihn seinerzeit die richtige Baumeistersfrau getragen hatte.

Aber es war nicht die richtige Baumeistersfrau, es war die falsche, die erste, die kleine mit dem Boucherköpfchen, die Madonna, das Seerosenblatt. Sie sah noch fast so aus wie vorher, nicht sehr verändert, immer noch scheu und zaghaft.

Fritz Eisner sprach sie an: wie es ihr ginge.

So gut wie draußen, sagte sie, hätte sie es nicht mehr. Auch nicht mehr gehabt. Der Baumeister hätte sich schlecht gegen sie benommen und auf ihre Briefe nicht geantwortet. Aber die Männer wären ja wohl nun mal nicht anders.

Und damit nahm sie Abschied von Fritz Eisner, sagte, sie müsse noch weiter und ging ganz langsamen Schrittes nach dem Innern der Stadt zu.

Ein Mädchen aber, das um zwölf Uhr nachts allein nach dem Innern der Stadt geht, mit dem ist nicht mehr viel los.

Schade, sagte sich Fritz Eisner nach einer ganzen Weile nachdenklich, ich hätte sie doch fragen sollen, wie der richtige Text zu dem Lied hieß, das sie da immer sang. Schade! Wer weiß, ob man sie in diesem Leben noch einmal wiedersieht?

.
 << Kapitel 9 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.