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Einen Jux will er sich machen

Johann Nestroy: Einen Jux will er sich machen - Kapitel 10
Quellenangabe
typecomedy
booktitleNestroy Komödien
authorJohann Nepomuk Nestroy
year1995
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-33442-4
titleEinen Jux will er sich machen
pages227-311
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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Dritter Aufzug

Elegantes Zimmer im Hause des Fräuleins von Blumenblatt mit zwei Mitteltüren, rechts und links eine Seitentüre. Es ist Abend, Lichter stehen auf dem Tisch.

Erster Auftritt

Lisette, Sonders

Sonders Es war also ein guter Genius, der mir den Gedanken zuflüsterte, ganz unbekannterweise das Stubenmädchen des alten Fräuleins zur Vertrauten zu wählen. Nimm einstweilen diese Börse, mehr noch wird folgen.

Lisette Sehr verbunden! Übrigens hätte ich auch aus gutem Herzen zwei Liebende in meine Provision genommen, denn wenn es herzlose Väter, Mütter, Tanten, sogar herzlose Liebhaber in Menge gibt, von herzlosen Stubenmädln, glaub' ich, kommt kein Beispiel vor.

Sonders Wenn nur deine Gebieterin –

Lisette Hoffen Sie das beste! Sie ist durchaus nicht das, was man sich gewöhnlich unter dem Ausdruck »alte Jungfer« vorstellt. Wo ist aber jetzt Ihre Geliebte?

Sonders In den Krallen ihres Vormunds, der sie mir auf eine impertinente Weise entrissen und sie vielleicht heute noch hieher bringen wird. – Doch nein, selbst bringen wird er sie kaum, der alte Narr ist, wie ich gesehen, in eine grimmige Eifersuchtsgeschichte mit seiner Braut verwickelt, hat geschworen, ihr nie mehr von der Seite zu gehen. Darum vermut' ich, er wird sein Mündel bloß in sicherer Begleitung euch übersenden.

Lisette Sei dem, wie ihm wolle, entfernen Sie sich nicht weit vom Hause und überlegen Sie, auf welche Weise Sie sich, wenn Ihre Marie einmal hier ist, bei meiner Gebieterin introduzieren wollen.

Sonders Ich werde mich sogleich in ein Hotel in der Nähe einlogieren und von dort aus die nötigen Erkundigungen einziehn.

Lisette (nach der Türe rechts horchend) Ich glaube – ja, ja, meine Gebieterin kommt – gehen Sie jetzt!

Sonders Auf baldiges Wiedersehn, du liebes, dienstfertiges Wesen! (Zur Mitte links ab.)

Zweiter Auftritt

Fräulein von Blumenblatt, Lisette

Fräulein von Blumenblatt (aus der Seitentüre rechts kommend) Wer war denn hier, Lisette?

Lisette Niemand, Euer Gnaden.

Fräulein von Blumenblatt (Tabakschnupfend) Niemand? Und ich hätte darauf geschworen, es war jemand. Wie doch unser ganzes Leben aus Täuschungen besteht! So glaubte ich auch nach dem gestrigen Brief meines Schwagers, das Mädchen würde sicher heute ankommen, ich freute mich, das liebe Kind nach zehn Jahren wiederzusehen – Täuschung, nichts als Täuschung. (Schnupft.)

Lisette Nun, es ist ja noch nicht so spät, wer weiß –

Fräulein von Blumenblatt Die Arme! Mein Schwager Zangler irrt sich, wenn er glaubt, ich werde sie mit Strenge behandeln. Sie hat ja ganz mein Schicksal: ihr Herz ist schwach, ihre Liebe stark, die Hoffnung klein, die Hindernisse groß – ganz mein Schicksal! (Schnupft.)

Lisette Bei Ihrer Liebe, Euer Gnaden, war es aber doch ganz anders.

Fräulein von Blumenblatt Weshalb schickt man sie? Aus keinem andern Grunde, als daß sie ferne vom Gegenstand ihrer Neigung schmachten soll. Ist das nicht ganz mein Schicksal? (Schnupft.)

Lisette Bei Ihnen, Euer Gnaden, ist ja, wie Sie mir erzählt, der Gegenstand Ihrer Neigung von Ihnen geflohn.

Fräulein von Blumenblatt Das ist wahr, aber es kam doch auf eins hinaus, wir waren getrennt, und drum will ich das Mädchen sanft und mit Nachsicht behandeln, wenn auch, wie in dem Briefe steht, ihr Liebhaber sie mit dem obstinatesten Eifer verfolgt, denn das erinnert mich ja wieder an mein Schicksal. (Schnupft.)

Lisette Der Liebhaber von Ihnen, Euer Gnaden, scheint aber sehr eifrig gerade die entgegengesetzte Richtung verfolgt zu haben.

Fräulein von Blumenblatt Wenn auch, Verfolgung war es doch! – Wie gesagt, ganz mein Schicksal. (Schnupft.)

Lisette Euer Gnaden, ich glaube – ich höre Leute im Vorzimmer – am Ende bringt man sie.

Fräulein von Blumenblatt Sieh doch nach!

(Lisette will zur Mitteltüre links.)

Dritter Auftritt

Weinberl, Christopherl, Kutscher, Wachter; Die Vorigen

(Christopherl hat von Frau Fischer den Burnus um und den Hut auf dem Kopfe.)

Wachter (von außen) Nur keine Umständ', ich weiß schon, was ich zu tun hab'! (Öffnet die Türe und läßt Weinberl und Christopherl vor sich eintreten.)

Weinberl Aber erlauben Sie –

Wachter Hier hat niemand was zu erlauben!

Fräulein von Blumenblatt Ausgenommen ich, drum frag' ich, was der Herr sich hier erlaubt?

Wachter Da sind zwei Leut', die müssen dableiben.

Kutscher Bald hätten wir nicht herg'funden! Was wir umg'fahr'n sein!

Fräulein von Blumenblatt Mit Wache und in männlicher Begleitung – das kann doch nicht – Freund, das ist offenbar ein Irrtum in der Wohnung.

Weinberl Ich sag', es is auch ein Irrtum in die Personen.

Christopherl Ich will den Herrn Wachter nicht beleidigen, aber es scheint hier ein Rausch im Spiel zu sein.

Weinberl Gewiß, man hält uns für ein Menschenpaar, welches wir nicht sind.

Wachter (zu Weinberl) Das wird sich zeigen, in dem Briefe steht alles drin. (Gibt Fräulein von Blumenblatt einen Brief.)

Fräulein von Blumenblatt Ein Brief – (die Adresse besehend) an mich –? (Erbricht den Brief und sieht nach der Unterschrift.) Von meinem Schwager –? (Liest still.)

Christopherl Na, also, jetzt wird sich alles aufklären.

Weinberl Man wird uns freien Abzug bewilligen.

Christopherl Auf d' Letzt' krieg'n wir noch eine Entschädigung, daß wir nach Haus fahren können.

Weinberl Die klettenartige Anhänglichkeit der Damen, die Größe der Zech', die Nähe des Prinzipals, das waren Gefahren! Das hier is eine Kinderei, das hab' ich ja gleich g'sagt, ein wachterischer Balawatsch. (Zum Wachter.) Freund, Sie haben uns mit Bedeckung hieher gebracht und sich selbst eine bedeutende Blöße gegeben.

Kutscher (zum Wachter) Wann das nicht der rechte Ort is, wo krieg' ich dann meine fünf Gulden?

Fräulein von Blumenblatt (nachdem sie gelesen) Ah, jetzt bin ich im klaren.

Weinberl Na also –

Kutscher (zu Fräulein von Blumenblatt) Euer Gnaden, ich soll fünf Gulden kriegen.

Fräulein von Blumenblatt Lisette, bezahle den Mann!

Kutscher (zum Wachter) Jetzt is es halt doch der rechte Ort! (Mit Lisetten links ab.)

Weinberl (zu Fräulein von Blumenblatt) Nehmen's Euer Gnaden nicht ungütig.

Christopherl Wir können nix davor. (Wollen beide ab.)

Wachter (ihnen entgegentretend) Halt!

Fräulein von Blumenblatt (zu Christopherl und Weinberl) Sie bleiben, beide!

Weinberl (erstaunt) Was –?!

Fräulein von Blumenblatt (zu Weinberl) Sie, mein Herr, sind eigentlich der Schuldige, doch auch das Mädchen (auf Christopherl zeigend) ist nicht minder strafbar.

Christopherl (verblüfft zu Weinberl) Ich bin ein strafbares Mädchen?!

Weinberl (verblüfft zu Christopherl) Und ich ein schuldiger Herr?

Fräulein von Blumenblatt (zum Wachter) Für das Mädchen steh' ich –

Wachter Und für den Herrn steh' ich Schildwacht vor der Haustür auf der Stiegen draußt. (Im Abgehen zu Weinberl.) Gibt sich so leider keine Blöße, der Wachter! (Geht zur Mitteltüre links ab.)

Vierter Auftritt

Fräulein von Blumenblatt, Weinberl, Christopherl

Christopherl Euer Gnaden!

Weinberl Wollen Euer Gnaden nicht die Gewogenheit haben –

Christopherl Uns mitzuteilen –

Weinberl Was eigentlich in dem Briefe steht.

Fräulein von Blumenblatt Das können Sie sich wohl denken, was ein Onkel schreibt, dem man die Nichte entführt.

Weinberl Ja, warum hat der Mann nicht besser acht geben, aber ich seh' nicht ein, warum wir –

Christopherl So ein alter Schliffl ist halt meistens sekkant, bis es einem Mädl z'viel wird.

Fräulein von Blumenblatt Mamsell, in welchem Tone sprechen Sie von Ihrem Onkel? Nachdem Sie sein Haus auf eine Weise verließen –

Christopherl Ja so, ich bin also die Nichte, die durch'gangen is?

Weinberl Und ich bin der, der dieses Frauenzimmer (auf Christopherl deutend) auf Abwege gebracht hat?

Fräulein von Blumenblatt Wollen Sie mich mit dieser Frage zum besten halten?

Weinberl Kein Gedanke, aber wir sind einmal hier in einer Art Gefangenschaft, und da möcht' man halt doch gern wissen, warum. (Leise zu Christopherl.) Soll'n wir ihr sagen, wer wir sind?

Christopherl (leise zu Weinberl) Das wär' riskiert, der Teufel könnt' sein Spiel hab'n, daß der Prinzipal durch die dritte Hand was erfahret. (Laut zu Fräulein von Blumenblatt.) Der Onkel wird wohl nicht lang ausbleiben?

Fräulein von Blumenblatt Er soll jeden Augenblick hier sein.

Weinberl (leise zu Christopherl) So lang können wir warten.

Christopherl (leise zu Weinberl) Da kommt dann die Konfusion von selbst ins reine.

Weinberl (zu Christopherl) Freilich, wie dieser Onkel uns sieht, hat die G'schicht' ein End'.

Fräulein von Blumenblatt (welche die letzten Worte gehört hat) Und ich sag' Ihnen: nein, sie soll kein Ende haben! Ich kann ja nicht grausam sein, wenn ich Liebende sehe, das Bündnis Ihrer Herzen soll nicht zerrissen werden! (Schnupft.)

Weinberl Es kann eigentlich nichts zerreißen, weil –

Fräulein von Blumenblatt Weil ich, obschon Ihr hartnäckiges Leugnen meine Güte nicht verdient, alles vermitteln und den Zorn meines Schwagers besänftigen will.

Weinberl Also haben Sie einen Schwager, der zornig is?

Fräulein von Blumenblatt Wie können Sie fragen? Doch fassen Sie Mut, junger Mann!

Weinberl Wenn Sie erlauben –

Fräulein von Blumenblatt Hoffen Sie, liebes Mädchen!

Christopherl Was soll ich denn eigentlich hoffen?

Fräulein von Blumenblatt Das Beste! Ihr seid Flüchtlinge, euer Schicksal rührt mich, denn es ist ja ganz wie mein Schicksal. (Schnupft.) Auch ich hab' einst geliebt.

Christopherl Das kann ich mir denken.

Fräulein von Blumenblatt Und der Mann, der mich liebte –

Weinberl (beiseite) Das kann ich mir nicht denken.

Fräulein von Blumenblatt War auch fürs Entfliehen eingenommen wie Sie, nur mit dem Unterschied, daß er allein geflohen ist. (Schnupft.)

Weinberl (für sich) Ah, jetzt kann ich mir's denken.

Fräulein von Blumenblatt Flucht war es einmal, das ist gewiß. Und wie gesagt, ich will nicht ruhen, bis ich so mit euch (nimmt beider Hände) vor den versöhnten Oheim eintreten, eure Hände ineinanderfügen (tut es) und ein glückliches Paar segnen kann. (Macht eine segnende Attitüde.)

Weinberl Christopherl!

(Christopherl kichert laut.)

Fräulein von Blumenblatt (zu Weinberl) Was für ein Scherz? Wie können Sie in einem so ernsten Augenblick zu Ihrer Braut Christopherl sagen?

(Christopherl platzt in lautes Gelächter aus.)

Fräulein von Blumenblatt (sehr ernst zu Christopherl) Lachen Sie nicht, Mamsell!

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