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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Teut beantwortete beide Briefe zugleich. Ange schrieb er:

»Auch von Carlos erhielt ich einige Zeilen. Der kurze formelle Inhalt läßt mich schließen, daß es sich um nichts Gutes handelt! Ich komme bestimmt heut abend. Dann sieht Sie
Ihr getreuer Teut.«

Dem Freunde aber sandte er nur seine Karte und schrieb:

»Ich besuche Sie kurz vor der Theestunde in Ihrem Zimmer.
v.T.«

Als aber der Nachmittag kam, änderte Teut seinen Entschluß. Es fiel ihm ein, daß er den Kameraden versprochen hatte, abends den Besuch eines Freundes im Kasino zu feiern. Er ging deshalb früher zu Claireforts. Als er die Wohnung erreichte, stieg er, in Gedanken verloren und ohne sich umzusehen, die Treppe empor. Er wünschte, obgleich er das Richtige zu vermuten glaubte, zunächst von Ange zu erfahren, was vorgefallen sei, und dann Clairefort aufzusuchen. Zu seiner Überraschung fand er alle Thüren offen und weder jemanden im Empfangssalon noch in Anges Gemächern, überall aber eine große Unordnung.

Hier stand das Schaukelpferd eines der Knaben, dort hing, neben fortgeworfenem Spielzeug, eine Puppe mit gesenktem Kopf und schlaffen Armen rückwärts über einem Stuhlpolster. Auf dem Tisch des Wohngemaches lagen Kinderhüte und der hastig abgestreifte Paletot eines der Kinder. In Anges Schreibtisch war eine Schublade aufgezogen, und eine Sammlung von zartgefärbten Handschuhen lag in wilder Unordnung durcheinander. Einer hing mit schlaffen Fingern über den Rand des Schubfaches hinaus.

Teut schritt weiter bis an die Kinderzimmer. Er fand auch hier niemanden, aber ein ähnliches Durcheinander.

Die Wohnung machte den Eindruck, als ob eine Familie in fliegender Hast, vor einer Gefahr flüchtend und alles im Stiche lassend, davongeeilt sei. Kopfschüttelnd ging Teut weiter und trat gegenüber in Claireforts Privatgemach. Er klopfte. Keine Antwort. Er öffnete behutsam. Hier fand er es wie stets: dieselbe peinlich-übertriebene Ordnung, derselbe düstere Ernst, derselbe Mangel an freundlichen, belebenden Eindrücken. Keine Blume, keine lebhaften Bilder! Ein Hauch von Schwermut lag über dem Gemach ausgebreitet und nur allzu deutlich drückte sich in den Räumen der Charakter seines Bewohners aus.

Natürlich that auch die Dienerschaft, unter solchem Beispiel und keine strenge Hand über sich fühlend, was sie wollte. Nirgends ein männliches oder ein weibliches Wesen, das nach dem Fortgang der Herrschaft die Thüren geschlossen und in den Zimmern Ordnung geschaffen hätte.

Teut wandte sich zurück, und während er noch überlegte, ob er nach Hause zurückkehren oder warten solle, bis die offenbar auf einer Ausfahrt begriffene Familie wiederkommen werde, hörte er Schritte. Er horchte auf und trat einen Augenblick beiseite. Es war Tibet, der geschäftig ausräumte, hier sich nach einem Spielzeug, dort nach einem Kleidungsstück bückte und ordnend die Hand an Tisch und Stühle legte. Ja, Tibet, Tibet! Er übernahm die Pflichten aller.

»Die Herrschaften sind aus gefahren?« fragte Teut, nun hervortretend und den Kammerdiener begrüßend.

»Jawohl, Herr Baron. Frau Gräfin macht Besuche mit den Kindern; der Herr Graf ist schon früher fortgeritten.« Er sprach in seiner gewohnten ehrerbietigen Weise und schob eine Puppe, die er gerade in der Hand hatte, verlegen hinter sich.

Teut nickte und ließ sich nieder. Es kam ihm sehr gelegen, den Vertrauten des Hauses einmal allein zu treffen, und er beschloß, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen.

»Wie lange sind Sie eigentlich schon in der gräflichen Familie, Tibet?«

»Seit meinem fünfundzwanzigsten Jahre,« erwiderte dieser mit einem melancholischen Anflug in der Stimme.

»Im Hause der Familie Butin oder bei Claireforts?«

»Bei Claireforts.«

»Und Sie hatten nie eine andere Beschäftigung oder Tätigkeit?«

»Doch, Herr Baron!«

»Und welche?«

»Ich wollte mich ursprünglich dem Kaufmannsstande widmen.«

»So so! Hatten Ihre Eltern schon Beziehungen zu der Familie?«

»Nein, Herr Baron.«

»Sie sind wohl schon ein guter Vierziger, Tibet?«

»Ja, Herr Baron.«

Nein – ja, Herr Baron! Auch im Verfolg des Gespräches gab er diese einsilbigen Antworten. Dieser Mensch sprach nur, wenn man ihn fragte, und dann lediglich das Notwendigste. Teut beschloß, es anders anzufangen, und indem er in bekannter Weise die Stiefelhacken zusammenschlug und den Schnurrbart drehte, sagte er mit starker Betonung.

»Tibet!«

»Herr Baron!«

»Ich weiß, daß Sie eine große Anhänglichkeit an den Herrn Grafen und besonders auch an die Frau Gräfin haben. Sie wissen zugleich, daß ich ein aufrichtiger Freund der Familie bin. Nicht wahr, Sie glauben das?«

Statt zu antworten, sah Tibet Teut einen Augenblick mit höchster Befremdung an. »Ja, ich verehre die Frau Gräfin wie niemand sonst.« Die zweite Frage überging er.

»Gut. So dachte ich. Aber zu mir haben Sie wenig Vertrauen, Tibet, nicht wahr?« lächelte Teut.

»Ich verstehe nicht, Herr Baron.« Tibet schlug verlegen die Augen zu Boden.

»Sie verstehen recht gut. Sprechen wir einmal offen miteinander.«

Tibet stand noch immer mit der Puppe in der Hand, die wie gelähmt Arme und Beine hängen ließ. Wenn man diesen großen, hageren, ernsthaft dreinschauenden Mann in der dunklen Kleidung so dastehen sah, mußte man unwillkürlich lächeln.

Als Teut die letzten Worte sprach, überfiel Tibet – man sah es deutlich – ein starkes Unbehagen. Zuletzt malten sich eine gewisse Abwehr, ja Trotz in seinen Mienen.

»Also, Tibet,« fuhr Teut unbekümmert fort, »ohne Umschweife! Hier im Hause ist nicht alles, wie es sein soll. Die Gräfin weiß keine Wirtschaft zu führen, der Graf leidet darunter – nicht nur in seiner Schatulle. Sie wissen das alles. – Das muß anders werden. Beide wünschen es auch, aber die Gräfin versteht es nicht zu ändern, und den Grafen halten andere Gründe zurück. Ich möchte bei Zeiten etwas verhindern, was sonst unabänderlich scheint. Wollen Sie mir helfen?«

»Ich?« fragte Tibet kurz, starrköpfig und fast aus der Rolle des Untergebenen fallend. »Ich bin ein Diener! Wie dürfte ich wagen, mich in die Angelegenheiten meiner Herrschaft zu mischen?«

»Sie sind kein Diener hier im Hause, sondern ein Freund, zudem ein braver, ehrlicher Mann, Tibet. Versprechen Sie mir, um dieser Freundschaft willen, die Sie für die Familie hegen, mein treuer Verbündeter zu werden!«

Einige Augenblicke stand Tibet unbeweglich; die Puppe war jetzt so tief herabgesunken, daß die kleinen lackledernen Schuhe mit Kreuzbändern den Fußboden berührten. Endlich sagte er aufschauend:

»Herr Baron, ich will es mir überlegen. Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung. Gestatten Sie mir indessen jetzt – Ah, da kommen die Herrschaften bereits!«

Und offenbar erleichtert und mit einer entschuldigenden Bewegung eilte er ans Fenster, guckte rasch hier- und dorthin und entfernte sich endlich, alle Siebensachen unter den Arm raffend, durch die nach dem Ausgang führende Thür.

Teut sah nach der Uhr. Es war Tischzeit geworden und für seine Absichten somit zu spät. Während er noch zauderte, trat Clairefort von der entgegengesetzten Seite in den Salon, blickte überrascht auf, als er Teut in dem Stuhl sitzend fand, schritt förmlich auf ihn zu und sagte gezwungen:

»Ah, ich glaubte Sie erst heut abend erwarten zu dürfen! Aber wenn es Ihnen gefällig ist – Zugleich meinen Dank für Ihre Artigkeit. Ich wäre natürlich zu Ihnen –«

»Bitte, bitte!« erwiderte Teut in seiner kurzen Weise. »Ich bin ja Ihr täglicher Gast! Weshalb wollten Sie sich zu mir bemühen? Ich stehe also ganz zu Ihrer Verfügung.«

Mit diesen Worten machte er einige Schritte, Clairefort zu folgen. Aber zu gleicher Zeit öffnete sich auch die Thür und Ange, in einem reizenden Promenadenkostüm, das goldene Haar rückwärts in zwei nachlässige Knoten geschlungen, die Wangen von der kalten Luft sanft gerötet, das Gesicht ganz umrahmt von einem kleinen, rosaseidenen Hütchen, trat rasch und lebhaft ins Zimmer. Ihr folgte die Schar ihrer Engel, eins schöner; graziöser und vornehmer als das andere. In der That ein entzückender Anblick.

Des Grafen nicht achtend, ganz beschäftigt mit dem Bilde, das sich ihm bot, eilte ihr Teut entgegen, und sie begrüßten sich mit einer Herzlichkeit, als ob sie eine lange Zeit getrennt gewesen wären.

Aber in demselben Augenblick und während die Kinder Teut jubelnd umringten, veränderten sich Anges Züge und erhielten einen furchtsamen Ausdruck.

Da stand der Graf, finster, bleich, und biß sich auf die Lippen. Da stand er, der Herr des Hauses und weder Frau noch Kinder näherten sich ihm. Aber alle umringten ihn – ihn, den Hausfreund, dem auch er sein größtes Vertrauen geschenkt und den er doch in diesem Augenblick mehr haßte als den Tod.

»Wartet mit dem Essen!« sagte Clairefort, seinen Unmut schlecht verbergend, und machte eine Bewegung gegen Teut, ihm zu folgen. Letzterer sah noch Anges erbleichendes Gesicht und warf ihr einen beruhigenden Blick zu. Dann schloß sich hinter beiden Männern die Thür.

Als sie Platz genommen, knöpfte Clairefort den Rock auf und holte tief Atem. Teut aber sagte nachlässig und mit einem Anflug von Ungeduld: »Nun, was steht zu Diensten, Clairefort?«

Durch diesen Ton war jener schon halb entwaffnet; jedenfalls fand er nicht gleich das Wort. Und als er es noch immer nicht fand und, um es zu gewinnen, aufstand und das Fenster öffnete, obgleich von draußen der Spätherbstnachmittag kühl ins Zimmer drang, erhob sich Teut und sagte:

»Nun, Clairefort, dann will ich zuerst sprechen. Sie wünschen abermals über Ihre Frau mit mir zu reden, oder richtiger über Ihre Frau und mich, und Sie wollen mir sagen, daß es besser ist, wenn alles beim alten bleibt, ja noch mehr, daß Sie mich mehr aus der Entfernung schätzen als in Ihrer Nähe und deshalb – nein, ich bitte, lieber Clairefort, wir wollen einmal deutsch sprechen! – und deshalb wünschen, daß ich meine Besuche einstelle. Sie sind in blinder, thörichter Eifersucht befangen und zeigen dadurch, wie wenig Sie den Charakter Ihrer edlen Frau zu schätzen wissen, wie gering Sie auch von mir denken. Aber da ich Ihnen nachfühlen kann, ja heute mich ganz hineinzuversetzen vermag, weshalb es Ihnen schwer wird, zu thun, was Sie als recht befunden, was auszuführen aber eine heilige Pflicht ist gegen Ihre Familie, gegen Ihr künftiges Wohlergehen, deshalb sagte ich als Freund, der Ihre Frau wie eine Schwester liebt und der Ihnen warm und herzlich zugethan ist: ›ich will Dir helfen. Lasse mich handeln, und wenn's gelungen ist, dann heiße mich meinethalben gehen.‹ So wollte ich es, so dachte ich es! Sie, Clairefort, zweifelten schon bei dem ersten Schritt, den ich that, wie mir scheinen will, an meiner Aufrichtigkeit und an der Reinheit meiner Gesinnungen. Als Ihre Frau mir dankte und es in ihrem kindlichen Herzen überströmte, standen Sie da wie ein zorniger Brigant und kämpften nur mühsam Ihre Leidenschaft nieder. Und nun noch eins! Jederzeit bin ich für Ihre Frau auf der Welt – für sie und ihre Kinder! Aber ich bitte Sie auch um derentwillen, unterdrücken Sie so falsche, durch nichts gerechtfertigte Regungen! Habe ich durch meine Rede unangenehme Empfindungen geweckt, habe ich Ihnen gar wehe gethan, Clairefort, so sehen Sie mir dies nach! Vergessen Sie! Es mußte Klarheit zwischen uns sein! So, und jetzt lassen Sie mich gehen. Ich wünsche noch, Ihrer Frau zu sagen, daß wir uns als Männer ausgesprochen haben. Ich wünsche es, weil ich den furchtsamen Blick in ihrem lieben Gesicht beobachtete und sie niemals leiden sehen möchte, wo immer es in meiner Macht steht, dies zu verhindern.«

Clairefort hatte das Fenster wieder geschlossen. Er stand, das Gesicht der Scheibe zugewendet, bewegungslos. Einigemal hatte es in seinem Körper gezuckt, mehreremal ballte er die Faust – aber er hatte kein Wort entgegnet und sprach auch jetzt nicht. Als Teut sich zur Thür wandte, als sich in seinem langsamen Schritt nicht Zwang, wohl aber die Erwartung einer Erwiderung von jener Seite ausdrückte, kehrte sich Clairefort zu ihm.

Es war feucht in seinen Augen, ein unsagbarer Schmerz irrte um seine zuckenden Mundwinkel, und er sah Teut mit einem so hilflosen Blicke an, daß dieser auf ihn zueilte und ihm die Hand drückte. –

War nun endlich alles im alten Geleise? Teut war darüber nicht im klaren. Ange aber schmiegte sich ängstlich und fragend an den Freund, als er ihr Gemach betrat. Sobald er aber auf ihre hastigen Fragen mit jener vertrauenerweckenden Ruhe antwortete, die ihn so anziehend machte, entwichen die ernsten Schatten auf ihrem Gesicht, wiederbelebte Hoffnung verschönte ihre Züge und in ihrem unzerstörbaren Sanguinismus glaubte sie schon wieder das Beste.

»Sie bleiben heute nicht zu Tisch, Teut? Wann kommen Sie? Wann reiten wir aus? Sie sind doch morgen bei dem Diner? Sehen wir uns noch?« So fragte sie und so schien bereits alles wieder verwischt, was sie noch eben so zaghaft berührt hatte.


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