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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Kurze Zeit darauf hatte Teut Gelegenheit, noch einmal mit Ange zu sprechen. Ein Vorfall, der nur allzu bezeichnend für sie war, gab dazu Veranlassung. Er trat am Spätnachmittag ins Haus und fand sie bei der Besichtigung eines seidenen Kleides, das sie gerade der Jungfer mit den Worten zurückgab: »Nein, auch das geht nicht. Ich werde mir dann für das Fest ein neues machen lassen und heute noch ausfahren, um den Stoff auszusuchen.«

»Ich störe wohl, Frau Gräfin –« hob Teut, rücksichtsvoll ins Zimmer tretend, an.

Sie schüttelte ihren Kinderkopf, raffte errötend und verlegen allerlei auf den Stühlen umherliegende Garderobengegenstände auf, schob sie der Kammerjungfer über den Arm und hieß sie und Erna, welche eben, die Thür sperrweit offen lassend, ins Zimmer gestürmt kam, gehen.

»Nein, halt! Warten Sie, Charlotte!« unterbrach sie aber doch ihren Befehl. »Der Herr Rittmeister mag entscheiden.«

Die Jungfer that, wie ihr gesagt wurde. Sie legte die Kleider auf einen Stuhl und suchte unter den überreichen Ballroben eine hervor, die sie ihrer ungeduldig wartenden Herrin überreichte.

»Ich verstehe von Kleidern gar nichts,« sagte Teut schroff. Es störte ihn, daß Ange in Gegenwart der Zofe mit ihm dergleichen Dinge besprechen wollte.

Ange sah ihn mißmutig an, wollte etwas erwidern, unterdrückte aber die Entgegnung.

Inzwischen nahm Erna eines der Kleider an sich, fuhr mit den Armen hinein, schob die Schleppe mit den Füßen ungeschickt hin und her, so daß sie diese mit den bestäubten Schuhen berührte, und rief endlich laut: »Mama, Mama, sieh einmal!«

»Aber Erna, Erna!« flehte Ange und eilte erschrocken hinzu. Das Kind aber hob den seidenen Rock empor, lief rasch davon und rief: »Das müssen Jorinde und Ange sehen! Nein, nein, ich gebe es nicht!«

Ange ließ denn auch das Kind gehen und machte der Zofe ein Zeichen, nachzueilen.

Als sie zu Teut emporblickte, begegnete sie seiner mißbilligenden Miene. »Unverbesserlich sind Sie, liebe Gräfin,« sagte er und schüttelte den Kopf.

»Nicht schelten!« bettelte sie und sah ihn mit ihrem bezaubernden Blicke an. »Aber doch ernsthaft raten! Sehen Sie, liebster Teut, das ist mein bestes Kleid, und darin kann ich doch den Ball nicht besuchen, nicht wahr?«

Allerdings: das Kleid war unverantwortlich behandelt. Die Spitzen, mit denen man es besetzt hatte, waren zerrissen; die Schleppe war besudelt, an der Taille fehlten Knöpfe. Im übrigen war der Stoff eine mit anmutigen Blumenbouquets durchwirkte weiße Seide, einer Königin würdig.

»Man könnte die Robe einer geschickten Schneiderin übergeben, sie mit neuen Spitzen garnieren und säubern lassen,« sagte Teut phlegmatisch. Er war selbst erstaunt über den Umfang seiner Kenntnisse und über seine praktischen Ratschläge.

»Nein, nein!« sagte Ange, als ob es sich um ein Puppenkostüm handle. »Hier ist ja sogar ein großes Loch!« und sie zeigte ihm den Rock, in welchem übrigens nur die Naht hinten seitlich eingerissen war.

»Kann genäht werden!« entschied Teut mit seiner stoischen Ruhe.

»Ach, mit Ihnen über Toilette sprechen! Kommen Sie, Teut! Wir haben wundervolle Melonen erhalten. Der Frühstückstisch ist gedeckt.«

»Nein,« sagte er, »erst muß ich Sie sprechen. Heute ist die erste Lektion.«

Sie sah ihn mit ihrem naiven Blick an, dann glitt ein ungeduldiger Ausdruck über ihr Gesicht.

»Wieder eine Waldpredigt! Nein, heute mag ich nicht; weshalb quälen Sie mich! Ach, wie war ich sonst glücklich! Nun stehen Sie neben mir wie ein Schulmeister; ich bin doch kein Kind mehr!«

»Doch, ja,« sagte Teut kurz. Und dann weicher: »Sie sind ein Kind, ein liebes, reizvolles Kind. Aber nun kommen Sie! Lassen Sie uns noch einmal reden!«

Er stand auf und schloß die Thür. Ange graute bei diesen Vorbereitungen.

»Zuerst, liebe Freundin – bitte, setzen Sie sich doch mir gegenüber, dort in den Fauteuil« (sie that es schmollend und zerpflückte eine spät erblühte weiße Rose, deren Blätter sie auf den Teppich fallen ließ) – »ein sehr ernstes Wort! Ich habe mit Clairefort gesprochen; es ist, wie er sagt. Sie besitzen heute nur einen Teil Ihres beiderseitigen Vermögens.«

Er hielt einen Augenblick inne und beobachtete die Wirkung seiner Worte.

»Und wie ist dies zugegangen?« fragte Ange mehr neugierig als erschrocken.

»Ein Banquier, bei dem Clairefort seine Papiere niedergelegt hatte, mußte seine Zahlungen einstellen. Es ging dort alles verloren.«

»Der arme, arme Clairefort! Ist er sehr betrübt?« hob sie besorgt an. Sie forschte ängstlich in Teuts Angesicht; sie dachte nur an ihren Mann, wie er die Sache aufgenommen, in welcher Stimmung er sei. Ob sie gehen solle, um ihn zu trösten, ihm zu sagen, daß sie auch fortan sparsamer sein wolle. Es bliebe dann gewiß noch genug, schloß sie.

»Ja, das ist es. Nun sehen Sie doch ein, daß Sie ganz anders leben müssen, daß Sie den großen, überflüssigen Hausstand einschränken, die Kinder regelmäßig in die Schule schicken und sich sorgsamer um Ihre Wirtschaft bekümmern müssen!« sagte Teut ernst.

Sie nickte wie ein Kind, das gescholten wird, das voll guter Vorsätze ist, zerknirscht anhört, was es verbrochen hat, bis Natur und Freiheit, bis Spiel und Tändelei alles wieder verwischen.

»Das erste wird sein, daß wir auch Tibet ins Vertrauen ziehen. Wir werden überlegen müssen, wer von der Dienerschaft bleiben kann, welche Ausgaben überflüssig sind, wie die Geselligkeit zu beschränken, wie Fuhrwerk und Pferde drunten –«

»Meine himmlischen Pferde auch?« rief Ange »Und gar die Hunde? Müssen wir ein anderes Haus, eine andere Wohnung beziehen? Ach, Teut, sagen Sie, ist's denn so schlimm? Besitzen wir nichts, gar nichts mehr? Sprechen Sie ein Trostwort!«

Mit tränendem Blick sah sie zu ihm empor und erwartete zitternd seine Antwort.

Umfang und Bedeutung der eingetretenen Verhältnisse überschätzte sie nun so sehr, daß sie sich, wie ihre weiteren Fragen ergaben, schon in einem kleinen, beschränkten Häuschen sah und mit Ängsten an ihre Kinder dachte, die dadurch Entbehrungen erleiden würden. Teut erkannte besorgt, welchen Eindruck seine Worte hervorgerufen, welche Schreckbilder er unbeabsichtigt heraufbeschworen hatte.

»Sie sollen nichts entbehren, liebe Freundin!« beruhigte er, hingerissen von Anges Anmut, von ihrem bei alten diesen Erörterungen hervortretenden selbstlosen Wesen, und strich in heftiger Bewegung den Schnurrbart. »Nichts, meine teure Freundin! Ich stehe dafür! Nur Überflüssiges, Thörichtes wollen wir beseitigen. Schon um der Kinder willen werden wir –« Er betonte die Worte und stockte.

Sie schaute ihn an. Was lag alles in diesen guten, klugen Augen, die sich mit solcher Innigkeit auf sie richteten. Und da riß es sie fort; sie schnellte empor und umschlang den tröstenden Freund in stürmischer Freude mit ihren Armen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür; beide flogen auseinander. Clairefort aber, der sich zeigte, sagte mit einem eisigen Blick: »Ach, ich störe wohl?«

»Carlos, Carlos!« rief Ange, ahnend, daß sich etwas Furchtbares ereignen würde, und stürmte dem Fortgegangenen nach. Teut aber schlug heftig mit den Hacken der Reiterstiefel zusammen und seufzte einige Male tief auf.


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