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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Am nächsten Tage nach diesem Ausflug traten Clairefort und Teut nach Tisch – es waren heute ausnahmsweise nur drei Gedecke, da die Kinder früher speisten – in des ersteren Gemach.

Clairefort schien düsterer als je, es war während der Tafel, bei welcher Tibet mit seinem geräuschlosen Schritt bedient hatte, fast keine Silbe über seine Lippen gekommen, und Ange – noch unter dem Eindruck der jüngsten Unterredung – verhielt sich ebenso einsilbig.

In dem matt erleuchteten, dunkel tapezierten Zimmer kam es Teut heute fast unheimlich vor. Seltsam schaute der Marmorkopf einer Venus aus dem Dunkel hervor, und düster starrten ihm die Arabesken aus dem Teppich entgegen, der den Fußboden bedeckte.

Eine Weile saßen beide Männer rauchend und ohne zu reden, nebeneinander. Jedem lagen Worte auf der Zunge, keiner wollte zuerst sprechen. Endlich sagte Clairefort tonlos:

»Sie haben gestern mit Ange gesprochen, Teut?«

Der Angeredete nickte, ohne etwas zu erwidern.

Clairefort wiederholte nun seine Frage.

»Ja,« sagte Teut, »ich habe mit Ihrer Frau geredet.«

»Was sagte sie, bitte?«

Ohne auf diese Frage unmittelbar zu antworten, entgegnete Teut: »Hat sie Ihnen keine Mitteilung gemacht?«

»Nun – ja und nein! Sie sprach sehr unzusammenhängend. Sie hing sich an meinen Hals, weinte und rief: ›Ich will mich bessern, Carlos!‹ Ich vermutete, daß diese Äußerung aus dem Gespräch mit Ihnen hervorgegangen sei. Gesagt hat mir Ange nichts.«

Teut horchte auf. – Wie rührend! Welch eine liebenswürdige Reue lag in diesen paar Worten!

»Gut! Warten wir also ab, Clairefort!«

»Ja –« sagte dieser gedehnt und offenbar unbefriedigt.

Jetzt sah Teut Clairefort versteckt ins Auge. Ein verdrossener, nervöser Zug lag auf seinem Gesicht. Plötzlich stieg in Teut ein beunruhigender Gedanke auf. War Clairefort eifersüchtig? Was stand ihm und Ange bevor, wenn seine Vermutung sich betätigte? Und zugleich überfiel ihn ein gefährlicher Drang, diesen Verdacht zu lösen und zu bekämpfen. Er wollte Vertrauen, er wollte für Freundschaft und Hingebung nicht Mißtrauen, Verstimmung – vielleicht weit Schlimmeres noch.

»Clairefort – !« hob er durch die peinvolle Stille an. »Clairefort, ich bin Ihr Freund! Sie hatten wohl nie einen aufrichtigeren Freund! Glauben Sie das?«

Clairefort erhob den Blick und sah Teut verlegen an.

»Ja, lieber Teut! Weshalb fragen, weshalb – beteuern Sie?«

Der letzte Satz kam zögernd hervor. Die Worte verfehlten auch ihre Wirkung nicht, denn Teut sagte abweisend:

»Ich beteuerte nichts! Ich wollte Ihnen nur einmal, ein einziges Mal, nachdem Sie mir ein Vertrauen schenkten, das man höchstens etwa seinem Bruder in ähnlichen Verhältnissen zuwendet, sagen, daß Sie – was immer sich ereignen könnte – darauf rechnen dürfen, daß ich Ihr wirklicher Freund bin und stets als ein solcher handeln werde. Verstehen wir uns jetzt?«

»Ja,« nickte Clairefort; er schien aber keineswegs überzeugt.

Teut sprang auf. Er trat auf Clairefort zu und faßte seine Hand. »Armer Clairefort,« sagte er. »Ich bedauere Sie aus tiefster Seele, um so mehr, weil ich verstehen kann, was Sie bedrängt. Aber niemals begegnete ein Mensch einem anderen mit ungerechterem Mißtrauen. Und nun noch einen Rat, bevor wir heute scheiden. Erleichtern Sie Ihrer Frau die Entschlüsse. Handeln Sie, Clairefort, und seien Sie dabei ein Mann und ein wohlwollender Freund zugleich. Verstehen Sie?«

Clairefort antwortete nichts. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Teut wandte sich zur Thür. Als er eben das Zimmer verlassen wollte, erhob sich ersterer rasch, berührte Teuts Schulter und sagte leise:

»Verzeihung, Teut! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!«

Die Erinnerung an diesen Vorfall beschäftigte Teuts Gedanken. Aber doch begriff er eins nicht, und deshalb grübelte er hin und her.

Ange hatte ihm erklärt, die Sorgen ihres Mannes seien sicher ungerechtfertigte. Schon seine Mutter habe unter dem Wahne gelebt, sie könne nicht auskommen und sei doch im Besitz eines ungewöhnlich großen Vermögens gewesen. Dies wäre eine Krankheit aller Claireforts. Es sei ungenau, behauptete sie, daß die Zinsen nicht genügten, um alle Ausgaben zu bestreiten. Sie glaube im Gegenteil zu wissen, daß Tibet vierteljährliche Überschüsse, von denen ganze Familien bequem würden leben können, zum Banquier trage. Auch habe sie selbst ein völlig unberührtes, nach ihrem Tode den Kindern zufallendes Vermögen, das ausreiche, eine Familie mit größeren Ansprüchen zu befriedigen. Trotzdem gebe sie aber zu, daß ihr Aufwand ein großer sei, daß sie vieles verschwende, und daß es verständig sei, alles einschränken.

Sie bat Teut, da ihr Mann Geldverhältnisse, wer weiß aus welchen Gründen, niemals gegen sie berühre, ihn auszuforschen und ihr zu berichten. Sie könne, fügte sie hinzu, auch Tibet fragen, aber dieser sei in solchem Punkte stets verschlossen. Zudem erachte sie es als nicht angemessen, einen Untergebenen zwischen sich und ihren Gemahl zu stellen.

Bei der nächsten Begegnung zwischen Clairefort und Teut nahm sich letzterer vor, diesen Punkt schon deshalb durch eine Frage aufzuklären, weil alle Maßnahmen danach zu treffen waren. Falls Clairefort die Wahrheit gesprochen, mußte Teut, um nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, auf sofortige Einschränkungen dringen, und diese konnten doch, wie die Dinge lagen, nur von Ange ausgehen.

An einem der nächsten Tage, an welchem Clairefort Teut in der alten herzlichen Weise begegnete, knüpfte letzterer an diesen Zwischenfall an und sagte:

»Sie haben mich, Clairefort, in Ihre intimsten Verhältnisse eingeweiht. Ich habe nicht nach den Gründen gefragt. Entweder war es die Folge jenes natürlichen Dranges, der uns in schweren Nöten zur Mitteilung treibt, oder Sie erkannten Ihre Machtlosigkeit und fühlten das Bedürfnis, sich einer Freundeshilfe zu bedienen. Gleichviel! Sie schenkten mir Ihr Vertrauen, und ich gab Ihnen mein Wort, dieses nach bestem Vermögen zu rechtfertigen. Unter solchen Umständen ist nun aber völlige Offenheit eine unbedingte Notwendigkeit.«

In Claireforts Augen blitzte es bei dieser Anrede auf. Eine seltsame Spannung malte sich in seinen Zügen; offenbar mißdeutete oder überschätzte er den Sinn der Worte. Teut verstand nicht, was Clairefort beunruhigte, aber um so mehr beeilte er sich, fortzufahren:

»Eines ist noch der Aufklärung bedürftig,« sagte er in gelassenem Tone, »und ich bitte meine Frage nicht als eine ungerechtfertigte Einmischung zu betrachten. Ange behauptet, daß Sie nur eine übertriebene Sorge beherrsche, daß Ihre und ihre eigenen Renten so groß seien, daß jährlich erhebliche Überschüsse aus den Zinsen zurückgelegt werden könnten.«

»Nun,« rief Clairefort, offenbar erleichtert, aber immerhin erregt, und in dieser Erregung nur den letzten Äußerungen Teuts Gehör schenkend, »ich denke, daß wir keine Kinder sind! Es ist, wie ich Ihnen sagte. Mein Ehrenwort darauf, – das ich indes nur erhärtend hinzufüge, weil die Behauptung meiner Frau der meinigen gegenübersteht. Durch den Sturz eines Bankhauses habe ich große Summen verloren, wodurch mein Vermögen ganz außerordentlich zusammengeschmolzen ist. Das weiß auch Ange, denke ich –«

»Nein! Sie weiß gar nichts! Aber gut,« sagte Teut, »wenn dem so ist, dann werde ich mit Ihrer Erlaubnis handeln!«


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