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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Bevor Teut sich an dem eben geschilderten Abend von Ange trennte, erwirkte er auch Verzeihung für Tibet, der seit seiner Trennung von Ange bei ihm in Eder sich aufgehalten und ihn auch nach Eisenach begleitet hatte.

Ange aber schloß kein Ange in dieser Nacht. So unvorhergesehen, so plötzlich war alles über sie gekommen, so mit einem Schlage waren alle Dinge verändert, daß sie sich wiederholt an die Stirn griff; ob's denn auch Wahrheit und kein Traum sei. Haltende, brennende Ströme jagten durch ihr Inneres. Die stille Liebe zu Teut hatte sich durch das Wiedersehen in einen drängenden, stürmischen Frühling verwandelt. Er war an ihrer Seite und sie sollte ihn vielleicht wieder verlieren?

Als Ange am nächsten Morgen ihren Kindern mitteilte, Onkel Axel und Tibet seien wieder da und würden an dem Weihnachtsfest teilnehmen, erscholl lauter Jubel durchs Haus. Ben drängte sich an seine Mutter, als sie allein war, und forschte in ihren Augen. »O ja, ja, Du bist wieder fröhlich! Ich sehe es!« preßte er heraus und umhalste sie. Sie aber legte die Hand auf sein Haupt und sah ihm forschend ins flammende Auge.

»Wußtest Du gar nichts von Onkel Axels Kommen? Gar nichts?« Ben bewegte stumm den Kopf und preßte die Lippen aufeinander. Und dann schoß plötzlich brennende Röte über sein Gesicht und mit raschem Anlauf drückte er seine Mama noch einmal an sich. »Nicht böse sein!« flüsterte er und verschloß unter Küssen ihren Mund.

Einen rührenden Anblick bot es, als Tibet am Mittag zum erstenmal wieder die Schwelle des Hauses betrat. Ange war in der Küche, als der Jubel zu ihr drang. Als sie sich ihm näherte, machte er eine tiefe, unsichere Verbeugung und wartete, wie seine Herrin ihm begegnen würde.

»Willkommen, Tibet!« sagte Ange, trat auf ihn zu und legte tiefbewegt ihre Hand in die seinige. »Alles ist vergessen. Und« – hier brach es aus ihren Augen so heftig heraus, daß sich die Kinder unwillkürlich zurückzogen – »vergeben Sie – auch mir!«

»O, Frau Gräfin! Frau Gräfin!« stotterte der Mann und neigte das Haupt.

Und der Festabend kam; Ange war aufgeblüht in ihrem Glück. Sanfte Rosen lagen auf ihren Wangen und ihre Augen glänzten, als hätten Diamanttropfen Sonnenstrahlen aufgesogen.

Sie trug dasselbe Kleid – sie hatte es bewahrt und nun hervorgesucht – , das damals ihre Gestalt umschloß, als Teut Abschied nahm und in den Krieg zog.

Auch eine vollblühende Rose hatte sie sich zu verschaffen gewußt, die nun ausgebrochen an ihrer Brust lag wie ein Symbol ihrer reiferen Schönheit.

Teut war wie gebannt, als sie ihm gegenüber trat. Für ihn hatte sie sich geschmückt, und der zarte Duft der Blüte drang berauschend auf ihn ein.

Ihm war's, als ob sie mit ihrer blendenden Erscheinung nicht in diesen Raum gehöre, ihm plötzlich gegenüberträte wie damals in der Villa, und alles sei wie ehedem.

Und nun wirkten auch alle anderen Dinge bestrickend auf ihn. Mit welcher anmutigen Sicherheit waltete sie im Hause, wie gut, aber wie verständig war sie mit ihren Kindern; das Zuviel, das leichte »Ja« waren abgestreift. Das Irrelose, Bewegliche, Hastige in ihrem Wesen war gewichen, ein sanfter Ernst umgab sie, der sie verschönte.

Und mit welcher zarten Rücksicht begegnete sie ihm selbst, mit welchem Takt wußte sie den Ausgleich zu finden zwischen dem Vergangenen und Heute. Alles, was jemals in ihm emporgestiegen war, ward zur brennenden Flamme. Saß er ihr auch ernst und mit besonnenem Ausdruck gegenüber, so schlug doch bebend sein Herz; richtete er auch nur einen stillen Blick auf sie, so hämmerten doch seine Pulse, und einmal ballte er, abgewendet, die starken Hände und riß sich zurück aus der überwältigenden Qual, die ihm die Brust einschnürte.

Und doch konnte, durfte er nicht sprechen, und wenn seine Seele sich auch teilte und wenn sein Verzicht sein Lebensglück vernichtete.

Einmal kamen die Kinder während des Abends ins Nebenzimmer und Tibet folgte ihnen. Da trat Teut an Ange heran.

»Wie schön sind Sie, Frau Ange!« sagte er, ergriff ihre Hand und sah sie mit seinen tiefen, guten Augen an. Ange errötete wie ein furchtsames Mädchen, und ihre Handflächen bebten in den seinen.

»Und wie gut, wie trefflich sind Sie, liebe Freundin!« fuhr er leiser fort und suchte ihren Blick.

Er sprach's, und die Frau neben ihm zitterte. Nun kam Ben; sie wichen von einander. In dem bleichen Angesicht des Knaben blitzte es auf. Er sah überrascht auf seine Mutter und auf Teut. Ahnte ihm etwas? Einen Augenblick stand er wie erschrocken, dann aber glühte es in seinen dunklen Augen, und mit einer unwillkürlichen raschen Bewegung – gab's ihm ein Gott ein, oder wußte er selbst nicht, was er that? – eilte er auf beide zu, ergriff ihre Hände und neigte sein blondes Haupt auf diese herab.

»O, wie ich Euch lieb habe!« drang es aus des Knaben Brust. Und da beugten sich auch unwillkürlich Ange und Teut hernieder und berührten gleichzeitig des Knaben Scheitel.

Aber auch ihre Wangen stahlen sich aneinander, und der Liebesgott ließ zwei Flammen emporsteigen, die zusammenschlugen in feuriger Lohe.

Derselbe Gedanke durchzog ihr Inneres: die Vorsehung war's, die ihre Hände durch den Knaben verband, durch den stolzen, herrlichen Knaben mit seiner heißen Seele. Diese legte ihre Hände in einander für immerdar.

Am Tannenbaum nebenan brannten noch die Lichter. Der feine Duft der Nadeln und des Wachses durchwehten den Raum in ihrer belebenden Mischung. Es war ja Weihnacht – Weihnacht, das Fest der Freude! Drinnen ertönte das fröhliche Lachen der Kinder, dazwischen ertönte Tibets rauhere, aber gütige Stimme.

Und da waren auch die beiden Menschen, die schon so lange füreinander bestimmt waren, nicht mehr mächtig ihrer Gefühle.

Wie ein Sturmwind brauste es durch Teuts Brust, wie ein Kind hob er Ange empor, und sie umschlangen sich mit ihren Armen, um sich zu halten fürs ganze Leben.


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