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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Am folgenden Vormittage schlich Ange – sie hatte durch Zufall erfahren, wo sie gegen Pfand ein Darlehen erhalten konnte – mit zagendem Herzen ins Versatzamt und verschaffte sich das Geld, dessen sie so dringend benötigt war. Sie hatte unter anderem ihre goldene Uhr – ein kostbares Stück – hingegeben und befand sich durch den dafür erhaltenen hohen Betrag sogar in der Lage, ihrem Nachbar die vorgeschossene Summe zurückzahlen zu können. Sein zögernd gewährter Dienst brannte ihr wie Feuer auf der Seele, und sie fand keine Ruhe, bis sie die Summe in seine Hände zurückgelegt hatte.

»Wer seine Schulden bezahlt, verbessert sein Vermögen,« sagte Putz, ohne eine Befremdung über den früher innegehaltenen Termin an den Tag zu legen, und entließ auch Ange ohne Nachfrage oder Angebot für andere Fälle.

An demselben Nachmittag machte Ange sich auf den Weg, um Einkäufe zu machen, und Ben, der ihr Helfer und Vertrauter in allen Dingen geworden war, mußte sie begleiten. Als sie ziemlich wortkarg neben ihm herschritt, schmiegte er sich zärtlich an sie, und als sie ihm seine Besorgnisse durch eine fröhliche Miene zu nehmen suchte, sah er sie mit seinen tiefen Augen an und drückte ihren Arm fester, den sie gefaßt hatte, als sei er ihr kleiner Kavalier.

Als Ange unterwegs noch einmal alles überrechnete und mit einem: »Du armer Kerl wirst wenig oder nichts erhalten!« bedauernde Worte gegen ihren Liebling fallen ließ, sagte der Knabe:

»Ich will gar nichts, ich brauche nichts, Mama!«

»Du bekommst auch wirklich nichts, mein lieber Junge, sei ohne Furcht!« betätigte sie mitleidig. »Was ich Dir zugedacht habe, ist etwas, das Du dringend nötig hast und was ich Dir gern besser gegönnt hätte!«

Am nächsten, dem letzten Abend vor dem Feste, wollten Ange und Ben den Baum ausputzen. Heute saß sie noch mit fleißiger Hand und arbeitete an einem wollenen Halstuch für Jorinde, der es besser ging, die aber geschont und vor kalter Luft in acht genommen werden mußte.

Anges Gesicht war etwas fröhlicher; ein stiller, sanfter Zug lag in ihren dienen. Was sie erreicht hatte, erfüllte sie wenigstens vorübergehend mit einer glücklichen Befriedigung, und nur eins drängte sich schwermütig in ihre Gedanken: daß das Fest ohne Tibet gefeiert werden müsse. Sie gedachte auch Carlos', ihres Mannes, aber vornehmlich trat Teut in ihre Gedanken. Sie seufzte tief auf. Eine verzehrende Sehnsucht erfaßte sie nach ihm. Sie verlangte nach seiner festen Stimme, nach seinem Blick, nach seiner Teilnahme, nach seiner – Liebe.

Ange sah nach der Uhr. Es schlug gerade zehn. Noch wollte sie aufbleiben, länger als gestern, wo sie zu ihrem Leidwesen dem Schlaf erlegen war.

Und gerade in diesem Augenblick vernahm sie draußen ein Geräusch an der Thür, und im nächsten wurde auch die Klingel gezogen. Überrascht, erschreckt wandte sie den Blick ins Freie. Das Mädchen war schon zur Ruhe gegangen, die Kinder schliefen. Sie begriff nicht, wer noch so spät Einlaß begehren könne.

Statt auf den Flur zu gehen, trat sie ans Fenster und spähte behutsam hinaus. Aber wie von einem Blitz getroffen fuhr sie zurück, denn als sie den Vorhang verschob, sah sie unmittelbar neben der Mauer einen Mann, von dessen Gestalt sie nur die Umrisse zu erkennen vermochte, dessen Züge ihr aber in der Dunkelheit verschleiert blieben. Einen Augenblick! Dann faßte sie sich, drückte, ihre Erregung zu dämpfen, die Hand aufs Herz und fragte kurz mit künstlicher Fassung: »Wer ist da und was wird gewünscht?«

»Liebe Gräfin! Liebe Freundin! Ich bin's, Teut! Erschrecken Sie nicht! Soeben bin ich angekommen. Ich muß Sie durchaus sprechen. Bitte, öffnen Sie. Verzeihen Sie dieses späte Eindringen.«

Teut – so plötzlich – ohne Anzeige – in später Nacht? – Ange verlor den Atem, fast die Besinnung. Es war seine Stimme, dieselbe Stimme, die sie so lange nicht gehört und bei deren Klang ihr Herz zu zerspringen drohte.

Noch einmal schaute sie hinaus, dann überwog ihr ahnendes Gefühl Bedenken und Furcht. Mit einem leisen, zitternden: »Ich komme – ich mache auf!« trat sie hinaus und öffnete.

Ja, es war Teut! Mit einem unterdrückten Schrei, totenblaß – und als er nun auf sie zutrat und ihre Hand ergriff – mit dem brennenden Rot der Erregung übergossen, stand sie da und war keines Wortes mächtig. Aber als sie nun das Zimmer erreicht hatten, als das Licht über seine Züge fiel, als die hohe, kräftige Gestalt vor ihr auftauchte, als dieser ernste und doch so gütige Blick aus seinen Augen sie traf, da folgte sie der unwillkürlichen Bewegung seiner Hände, trat zu ihm heran und lag plötzlich sanft weinend an seiner Brust.

Einige Augenblicke verharrten die beiden Menschen in jener stummen, inneren Bewegung, in der jeder Gedanke hinabtaucht in eine einzige Empfindung und in der Worte zu Thränen werden.

Dann aber faßte er sie und lehnte sie sanft in einen Stuhl, beugte sich über sie und schaute ihr lange in die Augen.

»Das alles konnten Sie thun und ganz vergessen, daß Axel von Teut nur einen Lebenszweck auf dieser Welt hatte: Sie glücklich zu machen? Aber ich komme nicht, zu hadern, sondern Ihnen zu sagen, daß ich meiner Unruhe nicht mehr Herr wurde und meine fiebernden Gedanken sich zusammendrängten in dem einzigen Wunsche: Sie endlich wiederzusehen! Und nun hören Sie mich an und unterbrechen Sie mich nicht. Wollen Sie?«

Leise zustimmend bewegte Ange das Haupt.

»Nehmen, lesen Sie zuvörderst, um Ihnen den Anlaß meines plötzlichen Kommens zu erklären,« fuhr Teut fort und entfaltete einen Brief. »Oder nein! Lassen Sie mich,« unterbrach er sich und begann, Anges Zustimmung durch einen sanften Blick einholend:

»Lieber Onkel Axel!« Ange horchte erschreckt auf bei dieser Einleitung. Eine Ahnung des Zusammenhanges stieg in ihr empor und wurde schon zur halben Gewißheit.

»Sei nicht böse, wenn ich Dir heute schreibe. Nicht einmal genau weiß ich Deine Adresse. Ich habe in der letzten Zeit so viel geweint um meine Mama und kann nicht mehr ansehen, daß sie so traurig ist. Lieber Onkel Axel! Mama hat so viele Sorgen; ganz gewiß. Tibet ist nicht mehr bei uns. Ich weiß weshalb. Wenn Du kommst, erzähle ich Dir alles. Und Du wirst kommen, bald, bald, wenn ich Dich bitte. Nicht wahr, lieber Onkel? Gewiß würde ich Dir dies nicht schreiben, aber ich muß es thun. Schreibe mir, bitte, und adressiere an meinen Schulkameraden, den Tertianer Carl von Trock in Eisenach. Er wird mir den Brief geben. Niemals aber darf Mama von meinem Brief an Dich wissen. Du sagst es ihr nicht? Bitte, lieber Onkel! Und nun grüßt Dich Dein Dich liebender

Benno von Clairefort.

Begreifen Sie jetzt, liebe Freundin? Gewiß, Sie verstehen, und ich habe nun endlich erreicht, wonach ich verlangt habe seit Carlos' Tode, was mein Recht war, aus einer Zusammengehörigkeit zwischen uns, wie menschliche Beziehungen sie kaum wieder aufzuweisen haben. Lassen Sie mich von vorn beginnen, damit ich Ihnen erkläre, wie alles sich so gestalten mußte. Lassen Sie mich auch deshalb zurückgreifen, um Ihnen zu beweisen, daß es nichts gegeben hat, was ich in Ihrer Handlungsweise nicht verstand, nicht ehrte.« Und mit bewegter Stimme rief er das Geschehene in ihr Gedächtnis zurück.

»O, wehren Sie mir nicht!« sagte er, als er ihre Erschütterung sah. »Weinen Sie nicht! Sind es noch Thränen des Zorns oder Thränen der Versöhnung? Ist's gar – darf ich es hoffen? – ein Beweis, daß ich Ihnen in diesem Augenblick die Genugthuung gab, nach der Sie verlangten? Ja, Frau Ange? – Ich danke Ihnen. – Und nun hören Sie weiter!«

Teut machte eine kurze Pause, und dann sagte er, behutsam seine Worte abwägend und mit einer Zartheit, wie sie nur ihm eigen:

»Ich habe mir folgendes gedacht, liebe Frau Ange: Sie überlegen, ob wir nicht an einem Orte gemeinsam wohnen können und uns – als alte Freunde – täglich sehen; ja, durch unseren Verkehr uns das Glück verschaffen, was uns neben dem Wohlergehen Ihrer Kinder noch auf Erden beschieden sein kann. Wenn ich sage ›uns‹, so verzeihen Sie dieses Wort; ich hätte nur von mir sprechen sollen. Ich habe keinen anderen Wunsch, als in Ihrer Nähe zu leben und Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihnen zugethan bin. Fürchten Sie keine aufdringliche Freundschaft, Ange, ich verspreche Ihnen, daß ich Ihre Ansichten und Absichten ehren werde wie ein Gottesgebot. Stimmen Sie zu! Ist es nicht thöricht, daß wir, die wir schon zueinander gehörten, als wir uns zum erstenmal begegneten, uns voneinander abschließen wie Feinde? Sind wir nicht Freunde? Gingen Sie, wenn auch begreiflicherweise bei den furchtbaren Gegensätzen Ihres Lebens – nicht zu – weit, nicht zu sehr ins Extrem? Ist es nicht auch eine Größe, nehmen zu können? Mißverstehen Sie mich nicht! Wenn ich sprach, wünschte ich nur von den natürlichen Rechten der Freundschaft ein Wort fallen zu lassen; nicht einen Vorwurf wollte ich Ihnen machen, liebe Freundin. Mich zu entschuldigen wünschte ich. Ich ließ mich hinreißen von dem unbeschreiblichen Glück, das den Geber durchdringt – ich fehlte; aber Sie gaben nicht einen Finger, um mir dieses Glück zu gönnen. – Ich habe nichts mehr zu sagen. – Nun, liebe Frau Ange, was meinen Sie?«

Er stand auf und faßte ihre beiden Hände, er suchte ihre verschleierten Augen und drängte sich mit seiner Seele zu der ihrigen. Und als dann plötzlich so viele Tropfen unter ihren Wimpern zuckten, da wußte er, daß sie vergeben hatte, daß alles zwischen ihnen war wie ehedem.


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