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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Ange entschloß sich nach schwersten Kämpfen, an einem der nachfolgenden Tage nun doch mit ihrem Nachbar zu sprechen und ihn um etwas Geld anzugehen. Sie wußte keinen Rat mehr, war am Ende mit der geringfügigen Summe, welche ihr geblieben war, und stand vor einer Not, vor welcher alle Bedenken schweigen mußten.

Sie schrieb an Putz zu diesem Zwecke einen kurzen Brief, in welchem sie die Bitte aussprach, sie wegen einer dringenden Angelegenheit bei seinem gewohnten Morgenspaziergang durch einen Besuch erfreuen zu wollen.

»Nun, verehrte Frau Gräfin, da bin ich,« sagte er, stieß den Schnee von den Füßen und trat in das Wohnzimmer.

Ange stand noch in einer weißen Schürze, und ihre Hand hielt ein Wischtuch und einen Staubwedel, mit welchem sie Winkel und Ecken gesäubert hatte. Ben, der nun auch wie Jorinde wegen eingetretener Erkältung das Zimmer hüten mußte, befand sich im Nebengemach. Er trat bei des Nachbars Erscheinen einen Augenblick hervor, verbeugte sich höflich und zog dann leise die Thür an. Nun war Ange mit Putz allein.

»Bitte, nehmen Sie Platz, lieber Herr Nachbar,« sagte sie etwas verlegen, streifte die Schürze ab, strich über die erregte Stirn und holte einen Stuhl herbei, um sich ihm gegenüber zu setzen.

»Wollen Sie nicht im Sofa –«

»Nein, bitte, bitte, ich sitze hier sehr gut. Muß auch gleich wieder fort,« erwiderte er kurz, legte während des Sprechens die Hände auf den Knopf seines Spazierstockes und richtete sein noch von der Kälte umwehtes, aus dem hohen Pelz herausschauendes listiges Gesicht auf Ange. »Sie schrieben mir, daß Sie mich zu sprechen wünschten, Frau Gräfin.«

»Ja, Herr Putz, und ich habe zunächst um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie bemüht habe, statt zu Ihnen zu kommen.«

»Das hat ja nichts auf sich,« erwiderte er ebenso kurz und fuhr mit einem Anflug von Ungeduld fort: »Nun also, Frau Gräfin, bitte –«

»Ich sprach neulich mit Ihnen über eine Geldsache, Herr Putz. Sie hatten die Güte, mir Ihren Rat zu erteilen, und ich fand bei näherer Überlegung, daß Sie recht hatten,« begann Ange rücksichtsvoll. »Heute handelt es sich um Ähnliches, aber um etwas –« Ange hielt mitten im Sprechen inne, erhob sich, ging an ihren Schreibtisch und nahm ein Geldbriefkouvert heraus. »Sehen Sie, Herr Putz, das ist die letzte Geldsendung, welche ich am ersten Oktober empfing. Es sind Zinsen, die ich vierteljährlich erhalte. Ich komme bis Neujahr nicht aus – ich hatte viele unerwartete Ausgaben gerade in den letzten Tagen. Da wollte ich Sie nun freundlich bitten, Herr Putz, daß Sie die große Güte haben möchten, mir bis Januar mit einer Summe auszuhelfen.«

Ange hielt zaghaft inne und blickte den Mann an, der wie eine Brunnenfigur vor ihr saß und keine Miene verzog.

Er schielte auf das Kouvert, das Ange auf den Tisch gelegt hatte, sah nur zu genau, that aber, als ob er gleichgültig hinüberblinzele, und sagte dann kalt:

»Ja, ja, kann's mir wohl denken – würde auch wohl gefällig sein, Frau Gräfin. Ich will aber gleich bemerken, daß ich vor Neujahr auch sehr, sehr knapp bin. Ich erhalte Anfang Januar – gerade wie Sie – mein Geld, und jetzt, gegen Ende des Monats und um das Fest herum, ist's fast unmöglich! Wieviel brauchen Sie denn?«

Ange nannte eine beträchtlich geringere Summe, als sie vor diesen in einem so wenig ermunternden Tone gesprochenen Worten hatte erbitten wollen.

Putz schien nach einem festen Grundsatz zu handeln, denn er sagte ohne Besinnen einfallend:

»Ich bedauere, Ihnen nur die Hälfte vorschießen zu können, Frau Gräfin. Schon das macht mir sogar Ungelegenheiten. Wie gesagt –«

»Ah!« machte Ange nur allzu enttäuscht. Was er ihr bot, war neben der Bestreitung dringendster Ausgaben kaum ausreichend für die nächsten acht Tage, und bis Weihnachten waren noch fast drei Wochen.

»Und wann gebrauchen Sie das Geld? Heute schon?« nahm Putz das Wort und erhob sich, ohne Anges sichtliche Unruhe zu beachten.

Und wie immer der Ertrinkende nach dem Strohhalm greift, so griff auch Ange nach dem Geringen, das sich ihr bot, nahm dankend an, versprach die prompte Rückgabe im Januar und unterschrieb einen Schuldschein, den Putz sogleich ausfertigte.

Auch den Betrag erhielt sie sofort aus einer Brieftasche, die Putz in der Seitentasche seines Rockes bei sich führte. Er schien sich auf die Sache vorbereitet zu haben. Weshalb hatte sie ihn sprechen wollen? Doch sicherlich um Geld! Natürlich! Was er, ohne ihre Wünsche zu kennen, geben wollte, war schon vorher von ihm überlegt worden.

Während Ange und Putz noch einige Worte austauschten, erschien in der verbindenden Thür die schlanke Gestalt von Ben, der altes gehört hatte. Ein Ausdruck zorniger Erregung malte sich in seinen Zügen, aber auch Schmerz, Scham und Mitleid spiegelten sich auf dem Angesicht des stolz erhobenen Kopfes. Nun wandte sich Ange zurück, und der Knabe verschwand rasch, bevor sie seiner gewahr wurde.

Nach kaum acht Tagen hatte Ange freilich noch Feuerung im Hause, aber sonst lagen die Dinge ebenso, fast schlimmer als vordem. Von dem Drange getrieben, achselzuckenden Mienen vorzubeugen, machte sie der Nachbarschaft größere Abzahlungen, als sie ursprünglich vorgesehen hatte, und erfuhr dabei, was jeder täglich beobachten kann, daß Geld der fahnenflüchtigste Geselle ist, der je einem Kriegsherrn diente.

Aber nun kam das Weihnachtsfest immer näher, an dem sogar jeder Tagelöhner seinen Kindern eine Freude zu bereiten suchte. Ange hatte für die Kinder nichts eingekauft, aber diese arbeiteten eifrig und versteckt an Geschenken für sie und erinnerten sie dadurch immer von neuem, daß sie auch Überraschungen von ihr erwarteten.

Selbst Fred war fleißig mit Gummi und Radiermesser bei einer Zeichnung beschäftigt, geschickter allerdings mit diesen, als mit Bleifeder und Kreide. Er war einmal ein flüchtiger kleiner Geselle.


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